Graf János Esterházy – der Märtyrer vom ehemaligen Oberungarn, Teil 1.

29. November, 2021 Gastbeitrag von ISTVÁN HEINRICH

Eine kurze Familienchronik

Wenn der Name Esterházy fällt, so denkt man gewöhnlich an die Fürsten Esterházy.  Als sagenumwobene Gestalt der Familie gilt Miklós I. (1714-1790), der „Prachtliebende“, der Erbauer von Esterháza. So nennt man das prachtvolle Schloss in Esterháza/Fertőd deutsch, auch als „ungarisches Versailles“ bezeichnet, um es von dem Schloss in Eisenstadt/Kismarton zu unterscheiden. Der Hauptteil der Bauarbeiten erfolgte in den Jahren zwischen 1763 und 1766. Bekannterweise gelangte die Zauberwelt von Esterháza zu ihren Höhepunkten in den Jahren 1770-1790. Unter den zahlreichen vornehmen Gästen besuchte 1773 auch die Kaiserin von Österreich und Königin von Ungarn Maria Theresia (1714-1780) das Schloss. In dieser Zeit wurden zahlreiche Festveranstaltungen mit der Musik von Joseph Haydn (1732-1809) aufgeführt. Haydn komponierte einen Großteil seiner Werke als Kapellmeister seines fürstlichen Arbeitgebers. Außer dem Schloss in Eisenstadt sind die Burgen Forchtenstein/Fraknó und Lockenhaus/Léka einige der Besitzungen der Fürsten Esterházy in Burgenland. Sie haben die Kultur und Kunst nicht nur in der Vergangenheit  gestaltet, sie  gehören auch heute zu den wichtigen Förderern des kulturellen und wirtschaftlichen Lebens des Landes. Ohne Esterházys scheint im Burgenland/Őrvidék  gar nichts zu gehen.

Nun ist es aber wichtig festzuhalten, dass neben der fürstlichen Linie der Familie auch zwei weitere existieren. Die Familie Esterhazy ist ein sehr altes Adelsgeschlecht. Die Vorfahren lassen sich bis zum Jahr 1000 zurückverfolgen. Das Geschlecht der Esterházy entstammt aus der Familie der ehrwürdigen Sippe Salamon, die schon zur Zeit des ersten Königs von Ungarn, des Heiligen Stefan, auf der Großen Schüttinsel in der Donau (Csallóköz) in der Nähe von Pressburg/Pozsony (heute Bratislava) sesshaft waren. 

Im Jahre 1590 gründeten drei Brüder die bis heute bestehenden drei Hauptlinien der Familie.  Von Miklós, dem Palatin stammen die „Forchtensteiner” (Fraknói) fürstlichen und gräflichen Linien, von Baron Daniel die  gräfliche „Cseszneker” und von Baron Daniel die gräfliche „Altsohler” Linie ab. Der „Cseszneker” Linie  der Familie Esterházy – den Erbherren der Burg Csesznek – entstammt auch  Graf János Esterházy (1901-1957).

Zweifellos spielt die Familie bei der Entwicklung des menschlichen Charakters und der persönlichen Lebensanschauung eine wichtige Rolle.  Diese wird noch bedeutungsvoller, wenn auch noch eine Reihe von Ahnen bespielgebend wirken können. Der wahre Rang dieser Familie wird aber nicht von glitzernden Orden und Kronen bestätigt, sondern eher durch Leistungen auf den Schlachtfeldern, bei den Konferenztischen der großen Politik und nicht zuletzt durch ihre Förderung der Kunst und Kultur.

Das ehemalige Oberungarn, die heutige Slowakei, spielte in der 800 Jahre alten Geschichte der Familie Esterházy stets eine bedeutende Rolle. Sie betrachtete es immer als ihre, im engsten Sinne genommene Heimat. Ihre Ahnen haben die Völker dieser Region verteidigt, ob slowakischer oder ungarischer Abstammung. Sie waren Waffenbrüder im jahrhundertelangen Kampf gegen die Türken. – Wo auch immer sich János Esterházy in der jetzigen Slowakei aufhielt, folgte er den Spuren seiner Ahnen.  Dabei ist es verständlich, dass er nach Gott und Familie an diesem ehemaligen Oberungarn hing, dessen Völker er liebte und denen er diente, auch dann noch, als es letzten Endes um sein Leben ging.

Frühe Jahre

Ein vierjähriger Junge wird zum Sterbebett des Vaters geführt. Er schaut den Vater an, der mit letzter Anstrengung sagt: „Vergiss es nicht mein Sohn. Sei immer ein guter Christ und ein braver Ungar!“ Diese Szene und die Worte des Vaters hat János Esterházy bis zu seinem Tod in seinem Herzen aufbewahrt.

Graf János Esterházy wurde am 14. März 1901 in Nyitraújlak (slowakisch Velké Záluzie) Königreich Ungarn, heute Slowakei geboren als Sohn der polnischen Gräfin Elisabeth Tarnowska (1875-1955) und des Grafen János Mihály Esterházy (1864-1905). Infolge des frühen Todes ihres Mannes erzog die Mutter ihre drei Kinder Lujza, János und Mária ohne Vater. Sie war als Tochter des Grafen Stanislaws Kostka Tarnowski (1837-1917), des Präsidenten der Krakauer Akademie der Wissenschaften, eine liebevolle Mutter und hervorragende Erzieherin. Ihr tiefer Gottesglaube und ihre Heimatliebe war eine feste Grundlage dafür, dass sie János und seine zwei Schwestern im Geiste des verstorbenen Vaters großziehen konnte.

János Esterházy verbrachte die Gymnasialjahre und das Studium an der Wirtschaftsakademie in Budapest, danach begann er, das Gut der Familie zu bewirtschaften. 1924 heiratete er Gräfin Lívia Serényi (1903-1961). Dieser Ehe entstammen der Sohn János und die Tochter Alice.

Es war ein erschütterndes Erlebnis für ihn und die ganze Familie, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs an einem Tag als Bürger eines neu entstandenen Staates, der Tschechoslowakei zu erwachen.

Damit begann sein Ringen, dem entrechteten Menschen, ob Ungarn, Slowaken, Tschechen, Polen oder Juden Beistand zu gewähren.

Bereits in jungem Alter mit 30 Jahren wurde Esterházy 1931 zum Leiter der Liga der ungarischen Volksgemeinschaften in der Tschechoslowakei. Ein Jahr später, am 11. Dezember 1932 wurde er zum Vorsitzenden der Christsozialen Partei gewählt. Anlässlich der Wahlen 1935 wurde er als Abgeordneter für den Wahlbezirk Kaschau  (Kassa/Kosice) in die Nationalversammlung gewählt. Er forderte die tschechoslowakische Regierung auf, die sprachlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Rechte der ungarischen Minderheit zu respektieren,

da die Ungarn unfreiwillig an den Staat Tschechoslowakei angegliedert worden seien.

Nach der Fusion der ungarischen Parteien im Jahr 1936 wurde Esterházy zu geschäftsführenden Vorsitzenden der Vereinigten Ungarischen Partei. Es ist ein deutliches Zeichen seines Ansehens in der Politik, dass selbst Präsident Edvard Benes (1884-1948) ihm anbot, für seine ungarische Partei eine Beteiligung in der Regierung, und für ihn selbst ein Ministerium zu übernehmen. Esterházy schlug dieses Angebot aus. Er erklärte, die Regierung sollte zunächst deutliche Änderungen in ihrer Minderheitenpolitik vornehmen. Solange es nicht erfolgt, wünsche er nicht seinen Namen zu einer ungarn- und minderheitenfeindlichen Politik beizutragen. Während seiner Laufbahn blieb es für ihn ein wichtiges Ziel,

für eine Revision der vom Trianon-Diktat im Jahre 1920 festgelegten Grenzen Ungarns einzutreten.

Zugleich unternahm er große Anstrengungen, das slowakisch-ungarische Verhältnis zu verbessern.

In der Ersten Slowakischen Republik

Nach dem ersten Wiener Schiedsspruch 1938, der Teile der Südslowakei mit deutlicher ungarischer Bevölkerungsmehrheit von 80-90 Prozent nun Ungarn zusprach, entschied sich Esterházy zum ungläubigen Staunen von vielen Zeitgenossen, jenseits der ungarischen Grenze in die  kleinere Slowakei anzusiedeln, um dort seinen ungarischen Landsleuten im Minderheitenstatus beizustehen.

In der nach einem nationalsozialistischen Muster organisierte und von Josef Tiso (1887-1947) geführte Slowakei, die sich 1939 von Tschechien trennte, um unabhängig zu werden, hatte Esterházy einen schweren Stand, um das ungarisch-slowakische Verhältnis zu bereinigen. Als einziger Abgeordneter der Ungarischer Partei forderte er im slowakischen Parlament die Rechte der etwa 70.000 in der Slowakei verbliebenen Ungarn ein. Zugleich trat er bei der ungarischen Regierung ein für die entsprechenden Rechte der dortigen slowakischen Minderheit.

Esterházy bekräftigte in seinen Schriften und Reden die Schicksalsgemeinschaft der Slowaken und Ungarn.

Er erklärte: „Wir haben die Slowaken als Brüder angesehen, und werden dies auch in Zukunft tun. Die tausend Jahre, in denen wir eine gemeinsame Geschichte hatten, ist das Werk Gottes und unsere Schicksalsbruderschaft darf kein menschliches Bestreben vergiften.“

Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hatte er eine bedeutende Rolle bei der Aufnahme der polnischen Flüchtlinge durch Ungarn innegehabt. Er war ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus. „Unser Symbol ist das Kreuz und nicht das Hakenkreuz“. Als einziger Abgeordneter in dem Pressburger Parlament (Pozsony/Bratislava) stimmte er am 15. Mai 1942 gegen das Gesetz über die Deportation der slowakischen Juden, und nannte es „eine Schande, dass eine Regierung, deren Präsident und Ministerpräsident sich als  gute Katholiken bekennen, die jüdische Bevölkerung in die Konzentrationslager Hitlers deportieren lässt.“

Esterházy hat 1944 mehrere hundert Tschechen, Slowaken und Juden geholfen, die aus der Slowakei über Ungarn flüchteten.

In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs musste er sich infolge eines von der Gestapo erlassenen Haftbefehls verstecken.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs brachte grauenvolle Zeiten für die ethnischen Minderheiten in der neu konstituierten Tschechoslowakei. Staatspräsident Edvard Benes, der im Oktober 1938 zurücktrat, lebte zunächst im Exil in London, ab 1943 aber in Moskau. Am 12. Dezember 1943 unterzeichnete er einen Beistandsvertrag der „Ewigen Tschechisch-Sowjetischer Freundschaft“, der auch eine enge Zusammenarbeit in der Nachkriegszeit festlegte. Im Sinne des von Molotov und Stalin bevorzugten Panslawismus stimmte Stalin den Plänen Benes´ zur Vertreibung der Sudeten- und Karpatendeutschen und der Vertreibung und Enteignung der 720.000 Ungarn in der Südslowakei zu.

Nachfolgend wurde Benes zu einem der deutlichsten Befürworter von Stalins Absichten einer Expansion der Sowjetunion nach Westen. Er begrüßte die polnische Westverschiebung und sicherte Stalin das ehemalig zu Ungarngehörige Transcarpathia (Kárpátalja), das heutige Karpatenukraine, zu. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs kehrte Benes zunächst nach Kaschau/Kassa, Kosice zurück. Hier verkündete er am 5. April 1945 das „Programm von Kaschau”, das noch in Moskau erarbeitet wurde.

Dieses Programm erklärte die Kollektivschuld von den Deutschen und Ungarn.

Daraufhin folgten zahlreiche anti-ungarische Kundgebungen, Entlassungen, Internierungen und Greueltaten auf der Straße in der Slolwakei.

Im Mai wurde Benes wieder zum Staatspräsident der  Zweiten Tschechoslowakischen Republik, die sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs neu konstituierte, ausgerufen. Er wurde allerdings formal erst im Juni 1946 wiedergewählt. Ab Mai 1945 erließ Benes eine Reihe von Präsidialdekreten. 33 dieser sogenannten Benes-Dekrete entrechteten die deutschen und ungarischen Minderheiten vollständig. (Siehe mehr dazu: https://ungarnreal.de/entrechtung-der-ungarn-und-deutschen-ueber-die-benes-dekreten/ )

Die Dekrete wurden rückwirkend in Kraft gesetzt, und die meisten sind immer noch in Kraft. Den Höhepunkt bildete das Dekret vom 2. August 1945, mit dem  Ungarn und Deutschen mit Wirkung vom 10. August die Staatsbürgerschaft entzogen wurde. Deutsche und Ungarn, die staatenlos  geworden sind, wurden vepflichtet, öffentliche Arbeiten zu verrichten, ihre Betriebe konnten entschädigungslos enteignet werden, und ein neues Dekret erlaubte auch die Inhaftierung von Personen, die von den Behörden als unzuverlässig eingestuft wurden.

Teil 2: https://ungarnreal.de/graf-janos-esterhazy-der-maertyrer-vom-ehemaligen-oberungarn-teil-2/

Autor, Prof. Dr. István Heinrich ist Agrarökonom

MAGYARUL: A felvidéki magyarság mártírja, Esterházy János (2021. február 24.)

https://www.youtube.com/watch?v=w16tnN42eXo

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