Impfen wie in der Champions League

Képforrás: HVG.hu

4. März, .2021 Die Weltwoche, von KURT W. ZIMMERMANN

Orbán kündigte dennoch schon an, mit welchem Stoff er sich impfen lässt. Er will das chinesische Vakzin Vero des Pharmakonzerns Sinopharm. «Die Chinesen haben die längste Erfahrung mit Corona», sagt Orbán, «darum traue ich denen am meisten.»

Letzte Woche liess die ungarische Gesundheitsbehörde den chinesischen Vero- Impfstoff von Sinopharm zu, als bisher einziges europäisches Land. Die ersten 550 000 Dosen aus Peking trafen umgehend auf dem Flughafen Budapest ein. Weitere 4,5 Millionen Ampullen werden demnächst folgen.

Es war nicht die erste Premiere aus Budapest. Als einzige EU-Nation setzt Ungarn auch bereits die russische Corona-Impfung Sputnik V grossflächig ein.

Bis Ostern will Ungarn alle Bürger geimpft haben,

die sich dafür angemeldet haben. Der ungarische Weg ist dadurch das Gegenteil der EU-Corona-Strategie, die sich mangels Impfstoffs bei der Immunisierung alle Zeit der Welt zugesteht.

Als die Europäische Union im letzten Juni beschloss, den Impfstoff durch die EU-Kommission zentral zu beschaffen, zog Ungarn mit. Der chronische EU-Bösewicht Orbán wollte für einmal ein solidarisches Mitglied der Gemeinschaft sein. Im Spätherbst realisierte er dann aber, dass die EU-Zentrale in Brüssel die Bestellung der Impfdosen dilettantisch verschlief und aus politischem Dünkel nur auf Produkte westlicher Pharmaunternehmen setzte, die dann, wie erwartet, zur Mangelware wurden.

Eilends schickte Orbán darum Delegationen nach Moskau und Peking, um Ersatz zu besorgen. Er tat es sehr zum Ärger der EU-Kommission, deren Versagen dadurch zusätzlich exponiert wurde. Orbáns Vorgehen sei eine «Provokation», tönte die EU.

«Wir brauchen keine Erklärungen, wir brauchen Impfdosen»

schnappte Orbán nach Brüssel zurück.

Beim Impfstreit zwischen Ungarn und Brüssel geht es natürlich nicht nur um Gesundheitsvorsorge. Es ist in hohem Masse Symbolpolitik, die nur historisch zu erklären ist. Die Ungarn fühlen sich wieder einmal in ihrem alten Trauma bestätigt: Wann immer sie als Mitteleuropäer auf Westeuropa vertrauen, werden sie enttäuscht.

Die jüngere Geschichte Ungarns ist voll von Enttäuschungen aus dem Westen. Es begann 1920 mit dem Vertrag von Trianon. Die westlichen Alliierten rächten sich dafür, dass Ungarn im Krieg an der Seite von Deutschland stand. Das Königreich Ungarn schrumpfte durch das Diktat von 325 000 auf 93 000 Quadratkilometer und wurde zerstückelt aufgeteilt auf die heutigen Länder Slowakei, Tschechien, Österreich, Italien, Slowenien, Kroatien, Serbien, Bosnien-Herzegowina, Ukraine, Polen, Montenegro und Rumänien.

Die Rache der Alliierten am anderen Kriegsverlierer Deutschland fiel ungleich freundlicher aus. Im Vergleich zum Vertrag von Trianon war der Vertrag von Versailles ein Kaffeekränzchen. Die Deutschen verloren nicht über zwei Drittel ihres Territoriums wie die Ungarn, sondern gerade mal 13 Prozent.

Das Trauma von Trianon wiederholte sich 1956 beim ungarischen Aufstand gegen das kommunistische Regime. Radio Freies Europa, die Stimme Amerikas und Deutschlands, suggerierte den Ungarn unablässig, der Westen werde sie in ihrem Kampf nicht alleine lassen. Die Ungarn glaubten glühend daran, dass ihnen die Nato-Truppen im Notfall zur Hilfe eilen würden. Als dann die russischen Panzer in ihr Land einrollten, machte der Westen keinen Finger krumm.

Seitdem wissen die Ungarn: Wenn du in Europa etwas für dein Land erreichen willst, dann musst du das selber besorgen.

Auf Berlin, Paris, Rom und Brüssel ist niemals Verlass.

1956 hat den ohnehin eigensinnigen ungarischen Volkscharakter, wonach jeder sich selber der Nächste ist, weiter geschärft. Schon im Mittelalter waren die Magyaren weitherum berühmt für die umwerfende Schönheit ihrer Frauen, die halsbrecherische Kühnheit ihrer Soldaten und den nationalistischen Starrsinn ihrer Politiker, egal, ob es jeweils gegen die Türken, die Habsburger oder die Russen ging.

Unterstützt wird dieser Hang zur selbstbezogenen Hartköpfigkeit durch die isolationistische ungarische Sprache, die mit keinem anderen Idiom vergleichbar ist und die irgendwo hinter dem Ural entstanden ist. Ungarisch ist für Nichtungarn völlig unverständlich, denn es hat nicht das Geringste mit dem indogermanischen Wortschatz anderer Sprachen zu tun. Was sonst weltweit Polizei, police oder polizia heisst, heisst auf Ungarisch rendörség. Was man weltweit ein Restaurant, ristorante oder restoran nennt, ist auf Ungarisch ein étterem.

2015 wiederholte sich die Geschichte der Missachtung von aussen. Als die Flüchtlingswelle den Kontinent überrollte, wollte Viktor Orbán «Europa retten», und das meinte er wirklich so. Er zog darum seinen Zaun an der Balkanroute hoch und rettete tatsächlich Angela Merkel und die EU vor der ungebremsten Einwanderung, die sie mit ihrer Willkommenskultur erst angeheizt hatten und danach wieder verzweifelt zu stoppen versuchten.

Für sein erfolgreiches Bremsmanöver durfte sich Orbán in Brüssel als «Schande Europas» bezeichnen lassen.

Seitdem hält Orbán Westeuropa für ein moralisch morsches Konstrukt, das seine abendländische Tradition aufgegeben hat. Sein Gegenentwurf ist das Modell der «illiberalen Demokratie». Er meint damit, dass die individuelle Freiheit des Einzelnen, dieses höchste Gut des Liberalismus, durch übergeordnete Werte zu relativieren ist.

Solch übergeordnete Werte sind für Orbán die Bewahrung von Christentum, Familie und nationaler Identität.

Ihr Schutz erlaubt Eingriffe des Staates in die Freiheitsrechte, vom Adoptionsverbot für homosexuelle Paare bis zum Zuwanderungsverbot für muslimische Migranten.

In der Corona-Politik sind die alten Animositäten zwischen Brüssel und Budapest wieder blühend aufgebrochen. Impfen, das weiss Fussballfan Orbán genau, ist inzwischen zur Champions League des politischen Wettbewerbs geworden. Hier muss heute eine Regierung zeigen, ob sie wirklich Klasse aufs Spielfeld bringt.

Kein EU-Land gehört dabei zur Spitze. Grossbritannien führt in Europas Impfstatistik mit grossem Vorsprung, meilenweit vor Deutschland und Frankreich. Das macht Berlin und Paris fast verrückt, weil sie den Briten wegen deren Brexit ja stets den Zusammenbruch ihrer Infrastruktur prophezeiten.

Orbán will ein Winner wie die Briten werden. Er kaufte an Vakzinen darum zusammen, was immer er bekommen konnte, von China bis in die USA. Bisher hat Ungarn 27 Millionen Impfdosen für seine knapp zehn Millionen Einwohner eingebucht. Ein Drittel davon stammt aus China und Russland, doch nur dieser Drittel wird auch pünktlich geliefert.

«Orbáns Impfpluralismus könnte Schule machen»,

titelte die Neue Zürcher Zeitung zum ungarischen Sonderweg. Sie vermutete, dass auch das abgehängte Deutschland bald einmal der Not gehorchen und seine Impfstoff-Skepsis gegenüber China und Russland aufgeben könnte.

Ungarn wäre, wie in der Migrationsfrage, wieder der Trendsetter.

Selbst die linke Népszava, Ungarns grösste klassische Tageszeitung, druckte den Kommentar der NZZ beeindruckt nach. Das war ungewöhnlich. So wie die Népszava sind in Ungarn die meisten der im Markt führenden Blätter, TV-Sender und Online-Portale auf regierungskritischem Kurs. Weil Orbán so viele der grossen Medien gegen sich hat, verlor er mit seiner Fidesz-Partei zuletzt auch die Wahlen in der Hauptstadt Budapest, wo nun erstmals Links-Grün regiert.

Viktor Orbáns Sendungsbewusstsein hat das keinen Schaden zugefügt. Innenpolitik interessiert ihn ohnehin immer weniger. Seit seinem Triumph in der Flüchtlingskrise sieht er sich zunehmend als aussenpolitische Grösse, getrieben von der Ambition, die zunehmend zentralistische EU aus seinem Mitteleuropa heraus zu reformieren.

Es soll ein Europa selbstbewusster Nationalstaaten werden.

Deutlich wurde dies vergangene Woche, als die Visegrád-Gruppe ihren 30. Geburtstag feierte. Die EU-Länder Slowakei, Tschechien, Polen und Ungarn haben sich hier zu einer Viererbande zusammengeschlossen, um ein Gegengewicht zur deutsch-französischen Dominanz in Brüssel zu bilden.

Die Visegrád-Gruppe ist heute ein Machtfaktor in der EU.

Sie sieht sichBewahrer der patriotischen Tradition ihres Kontinents, als dort das Wort Vaterland noch kein Unwort war.

Die Dissidenten aus Mitteleuropa verhinderten darum die geplante Umverteilung von Flüchtlingen und wehrten sich ebenso erfolgreich gegen Beschneidungen nationaler Souveränität, wonach Brüssel die Gesetzgebung seiner Mitgliedstaaten zu sanktionieren habe. Zuletzt blockierten Orbán und Co. das Billionen-Budget der EU zu Corona, weil es die Zahlungen mit rechtsstaatlichen Konditionen verknüpfen wollte. Erneut setzten sich die Mitteleuropäer durch.

Orbán, der informelle Leader der vier, gab in seiner Festschrift zum Visegrád-Jubiläum dennauch ziemlich Gas. «Wir Visegrád-Länder», sagte er,

«wir haben die Verantwortung, die Zukunft Europas zu gestalten.»

Mit diesem Anspruch ist auch die Corona-Impfung zu einem Politikum geworden. In den ungarischen Impfzentren kommt es inzwischen zu einer speziellen Form von Multiple Choice. Am Eingang fragt die Krankenschwester, ob man einen russischen oder einen chinesischen
Impfstoff möchte oder doch lieber ein West-Produkt von Pfizer, Moderna oder Astra Zeneca. Wer die russische oder die chinesische Injektion wählt, der wird zehn Minuten später geimpft. Wer lieber eine westliche Spritze will, der braucht Glück. Meist wird er nach Hause geschickt und gebeten, in zwei Monaten wiederzukommen.

Sorry, sagt die Krankenschwester, vom Impfstoff aus dem Westen haben wir leider nicht genug, das hat die EU verbockt.

https://www.weltwoche.ch/ausgaben/2021-8/diese-woche/impfen-wie-in-der-champions-league-die-weltwoche-ausgabe-8-2021.html

2 thoughts on “Impfen wie in der Champions League”

  1. An diesem im übrigen hervorragenden Artikel stört mich allein eine Kleinigkeit:

    Das Diktat von Versailles war für das Deutsche Reich absolut kein Kaffeekränzchen. Herr Zimmermann hat offenbar nur auf die territorialen Verluste geschaut. Die waren in der Tat gegenüber denen, die Ungarn diktiert wurden, fast zu vernachlässigen.

    Entfallen ist seinem Geschichtsgedächtnis aber offenbar, daß nicht nur die demokratisch von beiden Seiten gewollte Vereinigung des Reichs mit Deutsch-Österreich verwehrt wurde, sondern Deutschland Reparatioszahlungen auferlegt wurden, deren Raten bei gleichzeitigem Verlust aller seiner Kohle- und Stahlreviere (das schlesische wurde polnisch, das Saarland kam faktisch bis 1936 zu Frankreich, und das Ruhrgebiet wurde besetzt) nur um den Preis von Hungersnot zu begleichen waren, die noch durch die anfangs weiterbestehende Seeblockade verstärkt worden war. Dazu kam, daß das fast völlig entwaffnete Reich sich mit weiteren territorialen Begehrlichkeiten seitens Frankreichs und vor allem Polens konfrontiert sah und die hochgerühmten 10 Punkte Wilsons für Deutschland ebenso wie für Ungarn und Österreich fast nicht zu gelten schienen.

    Die alles schmälert jedoch nicht die Kernaussage des Artikels, daß Ungarn von 1920 an seitens aller Nachbarn und, Gott sei es geklagt, seit 2015 vor allem seitens Deutschlands schreiendes Unrecht angetan wird. Dies auszusprechen und in groben Zügen zu begründen ist höchst verdienstvoll.

  2. Super Artikeln, Danke schön.
    Einzige Bemerkung: im Jahr 1920 wurde in Trianon NICHT eine Vertrag, sondern ein DIKTAT auf Ungarn gezwungen.
    Ein Vertrag kommt zwei oder mehrere Vertragspartner gemeinsame Wille zu Stande!

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