5. Juni 2026
Über acht Jahrhunderte haben Generationen von Prämonstratensern die Propstei aufgebaut, bewahrt und an ihre Nachfolger weitergegeben. Dann kam Trianon. Und seit mehr als hundert Jahren wird Stück für Stück zerstört, was in Jahrhunderten gewachsen ist. Tag für Tag werden wir aus unseren eigenen Räumen verdrängt. Langsam, beharrlich und nahezu geräuschlos.
Abt Rudolf Anzelm Fejes, Propst-Prälat von Großwardein-Vorgebirge (Váradhegyfok), wurde aus den Räumlichkeiten des Großwardeiner (Nagyvárad/Oradea) Prämonstratenser-Klosters, zwangsgeräumt. Über die Zwangsräumung entschied das Gericht in Großwardein (Nagyvárad, h. Oradea, Ruimanien) am 29. Januar 2026 auf Antrag der Stadtverwaltung. Diese hatte dem Abt im Mai 2025 einen Räumungsbefehl zugestellt, in dem sie ihn aufforderte, das Prämonstratenser-Kloster zu verlassen, da dieses als Eigentum der Stadt betrachtet wird und zusammen mit dem Gebäude des ehemaligen (ungarischen) Prämonstratenser-Gymnasiums, dem heutigen (rumänischen) Mihai-Eminescu-Gymnasium, renoviert werden soll. Da der Abt der Aufforderung nicht nachkam, wandte sich die Stadtverwaltung an das Gericht, und das Gericht in Großwardein entschied auf Zwangsräumung.
Der Abt feierte am 4. April 2026 morgens die Heilige Messe in der Prämonstratenser-Kirche, als der Vollstreckungsbeamte um 9 Uhr in Begleitung von fast hundert bewaffneten Gendarmen eintraf. Sie haben die Seiteneingangstür aufgebrochen und auch in den unter Klausur stehenden, von der Außenwelt abgeschirmten Teil des Klosters vorgedrungen sind. Der Widerstand der Gläubigen verhinderte, dass der Abt gewaltsam entfernt werden konnte.
Am 28. Mai 2026 um halb fünf Uhr morgens ist der Abt durch Hundebellen und Lärm geweckt worden, und als er in den Speisesaal des Ordenshauses gegangen ist, hat bereits ein großes Loch in der Wand gestanden. Die Mitarbeiter der Gemeinde – unter der Leitung von Cristian Popescu, dem stellvertretenden Leiter der Immobilienabteilung des Bürgermeisteramtes – durchbohrten die Wand mit einer Bohrmaschine und schlugen eine Öffnung hinein, die groß genug ist, dass eine Person hindurchgehen kann. Der Abt und seine zum Ort des Geschehens eilenden Anhänger
wurden aufgefordert, die Räumlichkeiten zu verlassen, woraufhin diese beschlagnahmt und die gemeinsame Tür zu den Räumlichkeiten der Prämonstratenser-Kirche, die im Besitz des Ordens verblieben sind, verschlossen wurde.
Video darüber: https://www.facebook.com/watch/?v=2218589175342601
Am 4. Juni wurde vor der rumänischen Botschaft in Budapest gegen die rechtswidrigen und gewaltsamen Vorgehensweisen in Nagyvárad demonstriert. Hier ist der Brief von Rudolf Anzelm Fejes O.Praem., Propst-Prälat – Prämonstratenser-Propsttum Váradhegyfok zu lesen:
Brief an meine Mitbürger, die vor der rumänischen Botschaft demonstrieren
Heute bin ich Naboth. ((1. Kön 21,1–19; 2. Kön 9,21–26)
Mein Weinberg ist die Prämonstratenserpropstei von Váradhegyfok bei Großwardein. Seit 1130 gehört sie uns. Über nahezu acht Jahrhunderte haben Generationen von Prämonstratensern sie aufgebaut, bewahrt und an ihre Nachfolger weitergegeben.
Dann kam Trianon. Und seit mehr als hundert Jahren wird Stück für Stück zerstört, was in Jahrhunderten gewachsen ist.
1936 schrieb der rumänische Staat unseren Namen im Grundbuch kurzerhand auf seinen eigenen um. Unsere Schule, unsere Kirche, unser Kloster, den Kurort Bad Felix, den wir gegründet und aufgebaut haben, tausend Hektar Wald, dreihundert Hektar Ackerland – alles wurde enteignet. Es folgten fünf Gerichtsverfahren. Das war vor neunzig Jahren. Bis heute ist keines davon endgültig abgeschlossen.
2011 stellte das Oberste Gericht Rumäniens rechtskräftig fest, dass ein Teil von Bad Felix unserem Orden gehört. Doch wenn ein Teil rechtmäßig unser Eigentum ist, dann stellt sich zwangsläufig die Frage nach dem gesamten Besitzkomplex. Die rumänischen Behörden wissen das. Dennoch verweigern sie die Rückgabe.
Bereits 1939 beantragte der rumänische Staat selbst die Aussetzung unseres Verfahrens mit der Begründung, man wolle mit dem Heiligen Stuhl verhandeln. Diese Verhandlungen dauern bis heute an. Seit 88 Jahren. Solange verhandelt wird, muss nichts zurückgegeben werden.
Tag für Tag werden wir aus unseren eigenen Räumen verdrängt. Langsam, beharrlich und nahezu geräuschlos.
Solange ich in Großwardein lebe, besteht noch Hoffnung, dass unser Orden zurückerhält, was ihm gehört. Solange gibt es jemanden, der die Prozesse führt, die Dokumente unterzeichnet und die Interessen einer Gemeinschaft vertritt, die seit 896 Jahren ununterbrochen an diesem Ort besteht.
Deshalb wurde ich am 27. Mai aus meinem Kloster vertrieben.
Das Gebäude, aus dem man mich entfernte, ist der Sitz der Prämonstratenserpropstei. Der Heilige Stuhl erkennt dies seit 1947 an. Auch der rumänische Staat führt es in seinen eigenen Registern als Sitz der Propstei. Dennoch wurde ich daraus entfernt.
Heute lebe ich ohne fließendes Wasser und ohne sanitäre Einrichtungen in der letzten verbliebenen Kapelle unseres Ordens.
Und damit das Bild vollständig wird:
Am 5. Juni muss ich mich vor dem Kreisgericht Bihar in einem Verwaltungsverfahren verantworten. Die Stadt Großwardein fordert von mir 13 Millionen Euro Schadenersatz. Nicht weil ich jemandem Schaden zugefügt hätte, sondern weil ich von meinem Recht Gebrauch gemacht habe, ein Verwaltungsgericht anzurufen und die Rechtmäßigkeit einer Baugenehmigung überprüfen zu lassen, durch die kirchliche Räume unserem Orden entzogen wurden.
Auch Isebel erhob Anklage gegen Naboth. Es genügte nicht, ihm den Weinberg zu nehmen. Er musste auch zum Schuldigen erklärt werden.
Seit 28 Jahren bin ich Propstprälat. Meine Mitbrüder haben mich in dieses Amt gewählt, damit ich das zurückgewinne, was dem Orden niemals rechtmäßig entzogen wurde. Der rumänische Staat hat dieses Eigentum nicht auf gesetzlichem Wege erworben. Er hat es sich lediglich selbst zugeschrieben. Nun soll dieser Zustand dauerhaft und unumkehrbar werden.
Ich habe mein Leben dieser Aufgabe gewidmet. Nicht wegen des Vermögens. Wir Ordensleute besitzen persönlich nichts. Auch ich besitze nichts.
Ich kämpfe für die Zukunft unserer Gemeinschaft. Für die Zukunft jener Prämonstratensergemeinschaft von Waradhegyfok, die der heilige Norbert gegründet hat und die seit 896 Jahren ohne Unterbrechung auf diesem Boden lebt.
Rumänien hat internationale Verpflichtungen übernommen. Es hat Konventionen unterzeichnet und Rechtsstaatlichkeit versprochen. Doch zu Hause werden diese Verpflichtungen allzu oft nicht eingehalten.
Der Europarat weist seit Jahren darauf hin, dass Rumänien selbst rechtskräftige Gerichtsentscheidungen nicht konsequent umsetzt. Dennoch bleibt dies weitgehend ohne Konsequenzen.
Was mir widerfährt, dürfte in keinem Rechtsstaat einem Staatsbürger widerfahren.
Man hat mich aus meinem rechtmäßigen Wohnsitz entfernt. Aus Räumen, die niemals Schulräume waren, sondern seit nahezu drei Jahrhunderten integraler Bestandteil unserer Kirche und unseres Klosters sind. Man hat uns sogar das genommen, was die kommunistische Diktatur unangetastet ließ.
Und schließlich geschah in den frühen Morgenstunden des 27. Mai etwas, das für sich selbst spricht. Während unser Verfahren bereits vor Gericht anhängig war. Während ich die Aussetzung der Baugenehmigung beantragt hatte. Während man von mir Millionen fordert, weil ich den Rechtsweg beschritten habe.
Um halb fünf Uhr morgens erschienen Arbeiter und schlugen mit Spitzhacken ein Loch in die Mauer unserer Kirche. Ohne Abrissgenehmigung. In die Mauer eines nationalen Kulturdenkmals der höchsten Schutzkategorie.
In eine Mauer, die in den eigenen Planunterlagen der Behörden als kirchliches Eigentum ausgewiesen wird. Sie kamen in der Dunkelheit. Denn wer überzeugt ist, rechtmäßig zu handeln, braucht die Nacht nicht.
Ich schreibe diese Zeilen nicht nur für mich. Ich schreibe sie für eine Gemeinschaft, die seit fast neun Jahrhunderten besteht.
Ich schreibe sie für das Recht, für die Wahrheit und für die Verpflichtung, das weiterzugeben, was uns anvertraut wurde.
Und ich schreibe sie in der Hoffnung, dass Europa nicht länger wegschaut.
ANZELM apát levele MAGYARUL