Wohin führt die Stigmatisierung?

8. Mai 2022 Magyar Hírlap von IRÉN RAB

Bad Harzburg ist ein malerisch-schöner Kurort am Nordrand vom Harz. Der ehemalige Salzbergbau förderte heilendes Natursalzwasser zu Tage, und am Ende des 19. Jahrhunderts wurde, der damaligen Mode entsprechend, ein Kurort errichtet. Badehäuser, elegante Hotels, Kasinos, alles, was sich ein heilender, sich erholender Kurgast nur wünschen kann. Bad Harzburg erlangte im 19. Jahrhundert den Status eines Weltbades, einen Titel, der Weltoffenheit signalisierte. Im Gegensatz zu den anderen antisemitischen Kurbädern waren hier nämlich wohlhabende jüdische Gäste sehr willkommen, zumindest bis zum Anfang der 1930er Jahre.

Der Name Bad Harzburg ist auch aus der Geschichte bekannt. Hier schlossen 1931 deutsche Rechtsparteien, darunter die Deutschnationale Volkspartei (DNVP), die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) mit Hitler an der Spitze, Stahlhelm und andere „patriotische“ rechte Organisationen, ein Wahlbündnis, um die demokratischen Verhältnisse der Weimarer Republik zu eliminieren. Die als „Harzburger Front“ bekannte Gruppierung wurde von prominenten Industrie- und Bankiersgrößen unterstützt.

In Bad Harzburg sind diese rechte, nationale Identität und der gediegene Wohlstand noch heute erkennbar. Die gut situierten Badegäste, die sich in den Salzbädern erfrischen, stammen aus der älteren, wohlhabenden (west-)deutschen Mittelschicht. Am Nachmittag, nach den Kuranwendungen, schlendern sie über die Promenade, grüßen sich gegenseitig und lächeln höflich.

Ich war oft hier, weil die Harzer Wanderwege grösstenteils von hier aus starten. Einmal, noch vor der großen Migrationswelle im Jahr 2015, hörte ich durch die Stadt spazierend den Klang eines russischen Akkordeons. Auf einer Bank an der Promenade saß ein hochdekorierter sowjetischer Kriegsveteran, dessen Militärjacke unter seinen Kriegsmedaillen kaum zu erkennen war. Er spielte auf seinem Akkordeon und sang sowjetisch-russische Soldatenlieder aus dem Zweiten Weltkrieg. Das vornehme Publikum lächelte höflich und stand um ihn herum. Sie hörten gebannt zu und warfen am Ende der Aufführung einige Münzen in die Usanka auf dem Boden.

Hier spielte ein Soldat der siegreichen Armee Musik für die Besiegten.

Ich habe versucht, mir diese surreale Szene an der Donaupromenade in Budapest vorzustellen, mit einem ehemaligen Sowjetsoldaten, der Akkordeon spielt, um die flanierenden Ungarn zu unterhalten, aber es wäre einfach unvorstellbar.

Bei den Deutschen war das anders. Sie hören ihm zu, weil sie ihre Kriegsvergangenheit aus ihrem Gedächtnis tilgen wollen. Deshalb wurden sie im Glauben erzogen, dass

Toleranz, Menschlichkeit und Solidarität die höchsten Werte sind. Das Ziel dieser Erziehung war, dass die von ihren Vorgängern begangenen Verbrechen nie wieder begangen werden sollten. Niemals dürfen sie Gemeinschaften, Völker oder ethnische Gruppen stigmatisieren oder ausgrenzen.

Sie wollten sogar die Begriffe selbst vergessen, Diskriminierung und Kollektivschuld sollten aus dem kollektiven Bewusstsein endgültig verschwinden. Deshalb wurden die Migranten ohne jegliche Begrenzung aufgenommen, deshalb konnte der russische Soldat nach Belieben singen, mit dem Bewusstsein eines Siegers.

Seit dem Ausbruch des russisch-ukrainischen Krieges kommt mir diese Geschichte immer öfter in den Sinn. Werte werden heuer neu definiert, verdrängte Wut steigt aus dem Unterbewusstsein auf, und die Deutschen diskriminieren wieder. Die Vergangenheit und Gegenwart des Aggressors Russland, seine Hochkultur, russische Symbole oder Ereignisse wurden allesamt auf die Verbotsliste gesetzt. Der mildernde Umstand für das Verhalten der Deutschen ist, dass nicht nur sie, sondern auch die Europäische Union, Nordamerika, mit anderen Worten

die gesamte demokratische westliche Welt, die Rechte russischer Menschen einschränkt und sie aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinschaft, nämlich dem russischen Volk, entsprechend diskriminierend behandelt werden.

Institutionen und Einzelpersonen fühlen sich verpflichtet, ihre Solidarität mit gelben und blauen Fahnen als „Je suis Ukraine“ zu demonstrieren. Die verbotenen Nazi-Symbole, die vom Asow-Regime verwendet werden, sind heutzutage pro-ukrainische Protestsymbole geworden und können in deutschen Geschäften als ukrainische Folklore erworben werden.

Gleichzeitig werden die aggressiven Russen sanktioniert, ein ganzes Volk wird kollektiv diskriminiert.

Russische Sportler wurden von internationalen Sportveranstaltungen ausgeschlossen, was ihre berufliche und sportliche Karriere ruiniert. Westliche Theater haben russische Künstler freigestellt, russische Komponisten und Dramatiker wurden aus dem Repertoire gestrichen, russische Autoren aus den Universitätskursen verbannt, der prestigeträchtigste internationale Musikwettbewerb, der Tschaikowsky-Wettbewerb, wird deswegen abgeschafft, weil ihn die russische Regierung unterstützt. Auch russische Katzen sind ins Visier geraten und dürfen auf Beschluss des Internationalen Katzenverbands nicht mehr an Katzenschönheitswettbewerben teilnehmen.

Jeder, der Russe ist, ist kollektiv schuldig, alle Russen sind auch einzeln für Putins Handeln verantwortlich.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie im Stadion von Bayern München, in der Allianz Arena für Gazprom geworben wurde, denn die russische Gazprom war einer der Hauptsponsoren des beliebtesten deutschen Vereins. Heute ist davon nichts mehr zu sehen, der Name des Unternehmens wurde aus der Sponsorenliste gestrichen. Die andere von den Russen unterstützte Mannschaft, die Schalke, hat ihren Vertrag ebenfalls gekündigt und einige Tage nach Ausbruch des Krieges einfach das Gazprom-Logo auf dem Trikot abgeklebt, weil sie beim Zeugwart so schnell keine anderen Trikots finden konnten. Der Besitzer des FC Chelsea, Abramowitsch, wurde von der Presse als Feigling bezeichnet, weil er den Klub lieber an eine Wohltätigkeitsorganisation übergeben hat, statt seine Heimat Russland zu verurteilen.

Die ukrainische Botschafterin in Budapest wollte zwar auch erreichen, dass der russische Fußballtrainer von Ferencváros abgesetzt wird, aber so etwas ist bei uns schwierig, mit solch billiger Polemik kommt man nicht durch. Ferencváros (FTC) hatte auch einen ukrainischen Cheftrainer, Rebrov, und die Fans liebten ihn, vor allem dann, wenn die Mannschaft ihre Spiele gewann.

Die Liste der diskriminierenden Sanktionen ließe sich beliebig fortsetzen. Mir hat zum Beispiel die wahre Geschichte eines meiner deutschen Freunde am besten gefallen. Die Angestellte eines alteingesessenen türkischen Ladenbesitzers war eine freundliche, zuvorkommende Lettin. Sie sprach einigermaßen gebrochen Deutsch, ihr Akzent war russisch, aber die Kunden liebten sie.

In der zweiten Woche des Krieges blieben die Kunden langsam aus, weil sie nicht von einer „Russin“ bedient werden wollten.

Abgesehen von der moralischen Seite der Angelegenheit, ist das der glasklare Beweis, dass man im Westen zwischen einem Letten und einem Russen nicht unterscheiden kann. Ich möchte leise nachfragen, auf welcher Grundlage sie im Westen die Ukrainer von den Russen unterschieden haben wollen? Ich habe einen Abschluss in Russisch, aber als ich in der Ukraine war, wusste ich nie, ob ich mit einem Ukrainer oder einem Russen sprach.

Der ukrainische Präsident selbst wurde in einer jüdisch-russischen Familie geboren und hat erst 2017 begonnen, für eine Filmrolle ukrainisch zu lernen. Die Legende besagt, dass er 2019 den Eid des Präsidenten auf Russisch abgelegt hat.

Er ist jetzt der größte Ukrainer, der sein Volk gegen den russischen Aggressor in die Schlacht führt. Es ist, als ob ein Rumäne in Siebenbürgen plötzlich zum Ungarn würde. Er hätte dort jedenfalls keine politische Glaubwürdigkeit.

Und der Westen, der angeblich die Rechtsstaatlichkeit hochhält, stört sich nicht daran, dass die Unterdrückung der Nachrichten aus Russland gegen die Kommunikationsfreiheit verstößt, dass

der neugierige europäische Bürger nur einseitig pro-ukrainische Informationen erhält.

In der Tat hat die EU in letzter Zeit westliche Medien, die in der Ukraine arbeiten, mit Millionen von Euro subventioniert und russische Sender gesperrt. Der Westen, der Wert auf Rechtsstaatlichkeit legt, stört sich auch nicht daran, dass im Namen der Demokratie Bankkonten eingefroren werden, darunter auch die westlichen Investitionen Russlands. Die USA und die Europäische Union haben bisher von russischen Oligarchen, die Präsident Putin nahestehen sollen, Vermögenswerte in Höhe von 30 Milliarden US-Dollar eingefroren, darunter Luxusjachten, Hubschrauber, Immobilien und Kunstschätze.

Das ist eine gefährliche Sache. Das haben die Deutschen einst mit dem Vermögen der Juden gemacht, indem sie die Nazi-Ideologie nutzten, um Menschen, die sie nicht mochten, zu diskriminieren. Dasselbe taten die Bolschewiki mit ihren Klassenfeinden in der Sowjetunion, aber auch in Ungarn, wobei sie sich der bolschewistischen Ideologie bedienten.

Wir wissen, wohin das geführt hat. Aus diesem Grund wurden nach dem Krieg bei der UNO 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und im Europarat 1950 die Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten verabschiedet.Beide Übereinkommen verbieten jede Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der Rasse, der Hautfarbe, der Sprache, der Religion, der politischen oder sonstigen Anschauung, der nationalen oder sozialen Herkunft, der Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit, des Vermögens, der Geburt oder des sonstigen Status.

Frischen wir unsere Erinnerungen ein wenig auf, um zu sehen, was in der Welt in Bezug auf den Krieg in der Ukraine passiert!

Versuchen wir uns daran zu erinnern, wie viel Schaden Kriege der Menschheit zugefügt haben, wie wertlos Strafsanktionen und die Stigmatisierung durch Kollektivschuld sind.

Wir treiben uns damit immer nur tiefer in die Verzweiflung und stacheln uns immer mehr auf. Die einzige Alternative zum Krieg ist der Frieden, und der kann am Verhandlungstisch durchgesetzt werden, nicht durch Waffenlieferungen und Sanktionen.

Autorin, Dr. phil Irén Rab ist Kulturhistorikerin

Übersetzung von Dr. Andrea Martin

MAGYARUL: https://www.magyarhirlap.hu/velemeny/20220510-hova-vezet-a-kollektiv-kirekesztes

1 thought on “Wohin führt die Stigmatisierung?”

  1. Herzlichen Dank für diesen hervorragenden und bitter notwendigen Artikel! Sigmund Freud beschrieb das hier geschilderte Phänomen des krassen Umschwungs der öffentlichen Haltung gegenüber allem, was als Russisch identifiziert wird, in der Psyche des einzelnen Menschen als die Wiederkehr des Verdrängten. Es war nur eine Frage der Zeit und des passenden Anlasses, daß die durch die Reeducation weggesperrten Höllenhunde des Ressentiments wieder ins Freie gelangen würden. Sie sind so destruktiv wie zuvor.

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