Wir verbitten uns das Stigma der Putinfreundlichkeit!

8. Mai 2022 Mandiner von MÁTYÁS KOHÁN

Es ist entweder halb Europa ein Verbündeter Putins oder es wird wieder himmelschreiend über Ungarn gelogen. Unsere Heimat hat in diesem Krieg überhaupt keine Interessen. Europa bereitet sich auf einen entscheidenden Schlagabtausch in seinem Kampf gegen sich selbst vor. Wenn unsere Enkeln einmal ihre Abschlussarbeiten über die Europäische Union schreiben werden, wird die Definition auf die bis dahin schon längst verschwundenen Pixelgrenzen wie ein Automatismus niederprasseln: „EU-Ölembargo“ schimpft es sich, in dem 26 Mitgliedstaaten vorgeben, dass sie ein Embargo gegen russisches Öl wollen, es aber leider Gottes wegen des ungarischen Vetos nicht tun können. Schade.

Diese scheinheilige Lüge – und noch viele weitere – sind die Grundlage des Hirngespinsts der ehemaligen Welt-, dann Mittel- und heuer zunehmend Ohnmächte Europas, die besagt, dass Ungarn in diesem Konflikt irgendwie „russlandfreundlich“ wäre.

12 Jahre hat die EU Orbán gewähren lassen, als er Demokratie und Rechtsstaat in seinem Land zerstörte. Jetzt bekommt sie die Quittung. Orbán stellt sich auf Putins Seite“, twitterte die deutsche sozialdemokratische EP-Vize Katarina Barley kürzlich in Anlehnung darauf, dass Ungarn „Putins Bezahlungsmuster annimmt“. Hier schießt sich das Narrativ einer angeblichen ungarischen „Russlandfreundlichkeit“ selbst in die Knie: Frau Barley ist nämlich eine Abgeordnete der regierendendeutschen Sozialdemokraten, unter denen Deutschland für sein Gas genauso bezahlt wie wir: Sie überweisen den vertraglich ausgemachten Eurobetrag an die Gazprombank, der sich dort auf wundersame Weise in Rubel verwandelt, ihre wohltätige Wirkung auf den Rubelkurs entfaltet und seinen Weg zum Gazprom-Export fortsetzt.

Genau dieser Vorgang wird – selbstverständlich – von sämtlichen anderen europäischen Ländern umgesetzt, die heute von Gazprom Gas kaufen.

Es ist also entweder halb Europa ein Verbündeter Putins oder es wird wieder himmelschreiend über Ungarn gelogen. Und zwar ausgerechnet von denen, die genau dasselbe tun wie wir.

Die Bezichtigung Orbáns einer angeblichen Russlandfreundlichkeit beruht eben auf Lügen dieser Art, während der ungarischen Mitte-Rechts Regierung niemand auch nur ein einziges Mal vorgeworfen hat, auf irgendeiner konkreten Weise EU- und NATO-Interessen durch die ungarisch-russische wirtschaftliche Zusammenarbeit zu schädigen. So etwas hat es nämlich niemals gegeben.

Ungarn hat während ihrer Ostöffnung akribisch auf das Revier der westlichen Bündnisse geachtet. Genau deswegen ist es so unverständlich, warum Leute, die wissen, dass sie lügen, dass sie „tagsüber, nachts und abends lügen“. Und da seien die Kollegen in den Medien, deren Berichterstattung über Ungarn und Russland sowieso von Faulheit bzw. mangelnder Kompetenz geprägt ist, noch gar nicht erwähnt.

Es ist gelinde gesagt unverständlich, wie es überhaupt möglich ist, ein Land, das unter keiner Lupe auch nur irgendeinen Nutzen für sich im Ukraine-Krieg Russlands entdecken kann, als „russlandfreundlich“abzustempeln. Uns nützt das Ganze nämlich gar nichts.

Die Spinnerei darüber, dass Putin womöglich Transkarpatien – das er mit seinen Soldaten nicht einmal erreichen kann – an Ungarn „zurückgeben“ könnte, verdient keine weitere Aufmerksamkeit. Die zweihundert Leute im Land, die an diesem Blödsinn glauben, waren allesamt bei der Pro-Russland-Demo letzte Woche präsent. So viele wahre Freunde hat Putin in Ungarn – ihnen noch eine schöne Zeit im Wolkenkuckucksheim! Mehr gibt es da aber auch nicht.

Alle anderen – ob Bürger oder Politiker – wissen genau, dass der russischukrainische Krieg ein schreckliches Ereignis ist, das Mitteleuropa in unmittelbare Kriegsgefahr brachte. Das setzt auch den Lebensmittelmarkt unter enormem Druck, der unsere Währungen schwächt, der auch bei bester europäischer Politik zur Explosion der Öl- und Gaspreise führen würde, und der das ungarisch-polnische Bündnis auf jeden Fall spaltet. Je länger diese Tragödie dauert, desto schlimmer ist es – und

egal, wer und wie am Ende „siegen“ mag, alle werden uns hassen: die Russen, weil wir bei den Sanktionen mitgegangen sind, und die Ukrainer, weil wir uns auf ihr Geheiß nicht in irrationale Entscheidungen treiben ließen.

In diesem Krieg hat unsere Heimat genau nichts zu gewinnen. Was Ungarn tut, ist daher nur, dass es sich aus Fragen, die weit über seinem Einflussbereich entschieden werden, heraushält – und weiter nichts. Wir betreiben zwischendurch auch Schadensbekämpfung, um Bereiche des Sanktionswahns abzuschwächen, deren Sanktionierung uns in den wirtschaftlichen Ruin treiben würde. Denn: nein, am Ende des Tages gibt es für die Ex-Ostblock-Binnenländer Mitteleuropas kein Leben ohne russischem Gas und Öl. Und wenn sich Osteuropa selbst ruiniert, wird sich ja auch die Ukraine nirgendwo anschließen können…

Wie kann es also jemand wagen, während eines Krieges – der außer einer engen russischen, ukrainischen und womöglich amerikanischen militärischen Führungsschicht niemandem etwas Gutes bringt, nur sinnlosen Tod und eine Wirtschaftskrise –

ein Land, das die Sanktionen unterstützt, enorme humanitäre Lasten trägt und als loyaler NATO- Verbündeter agiert, der Russlandfreundlichkeit zu bezichtigen?

Das ist doch Barbarei, Wahnsinn und Nihilismus. Wer sein Land dieser russisch-amerikanischen Auseinandersetzung in der Ukraine, die durch die Aggression Russlands zustande kam, auch nur um einen Zentimeter näher bringt, wer da irgendwas komplett sinnfrei opfert, wer ohne Interesse eskaliert, der verkörpert nicht die hohe Moral, sondern den geopolitischen Analphabetismus. Der weiß über nationale Interessen genau nichts und sollte eigentlich gar nicht regieren.

Ich verbitte mir im Namen vieler anderen den Vorwurf der Russlandfreundlichkeit. Wer sich als Friedensfreund in keinen Krieg hineintreiben lässt, ist nicht des Aggressors Komplize, sondern der seiner eigenen Landsleute.

Wenn wir China, Brasilien, Pakistan oder Indien wären, und heimlich irgendeinen Nutzen aus diesem sinnlosen Krieg ziehen würden, würden wir diese Bezeichnung verdienen. Aber wenn wir in den endlos tiefen Abgrund blicken, Schaden ohne Ende verbuchen, wirtschaftlichen, politischen und humanitären Druck erleiden, können wir laut sagen: Sucht euch doch sonst jemanden für eure Schuldzuweisungen aus! Xi Jinping kann man zum Beispiel ganz laut einen Komplizen nennen, mit voller Wucht Indien anfahren, Saudi-Arabien und Brasilien zur Rechenschaft ziehen. Wenn ihr es wagt.

Aber die Schuld für die Nutzlosigkeit der Sanktionen einem Land von zehn Millionen Einwohnern zuzuschieben, ist einfach eine schamlose Anmaßung. Nichts anderes! Lasst die Russlandkeule liegen. Und nehmt endlich zur Kenntnis, dass Ungarn jetzt nur ein Ziel haben kann: den Teil der Welt, an dem Frieden herrscht, um 93 000 Quadratkilometer zu erweitern. Wenn Russland zum Friedensfreund wird, werden wir vielleicht auch Russlandfreunde sein können. Aber auch dann nur so weit, wie wir es vorhin waren – und wie der Rest Europas eigentlich auch hätte sein sollen.

Autor, Mátyás Kohán ist Redakteur Außenpolitik bei Mandiner.

MAGYARUL: https://mandiner.hu/cikk/20220503_putyin_pincsisegrol_es_oroszpartisagrol

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