Was jetzt aus Orbáns Fidesz-Partei wird

4. Juli 2026 Junge Freiheit von Mike Siemens

Der ehemalige Ministerpräsident Viktor Orbán machte Ungarn als konservatives Land weltbekannt, doch er und seine Fidesz-Partei sind dem Untergang geweiht. Der Leiter des Deutsch-Ungarischen Instituts für Europäische Zusammenarbeit, Bence Bauer erklärt, was Fidesz in den vergangenen 16 Jahren tat, warum sie die Wahl verlor und was Magyars erste Amtshandlungen über ihn aussagen.

16 Jahre lang hat Viktor Orbán Ungarn regiert, seine rechte Politik machte ihn zum Feindbild der Linken. Niemals ging er davon aus, dass eine andere Partei die Zweidrittelmehrheit im Parlament erhält. Doch am 12. April hat es sein Herausforderer geschafft. Die Tisza-Partei mit Péter Magyar an der Spitze ist zum ersten Mal angetreten und hat aus dem Stand 141 der 199 Sitze im ungarischen Parlament gewonnen – sogar mehr als zwei Drittel.

Doch was geschieht nun mit Orbán? Was passiert mit Fidesz? Wird sich die Partei erholen und in vier Jahren wieder die Regierung übernehmen? Wird Orbán bald wieder Ministerpräsident? Die Konservativen blickten skeptisch auf die Wahl und hofften, dass es sich nur um einen Ausrutscher gehandelt habe und in vier Jahren wieder alles beim Alten sein werde.

Aber nein, weder Orbán noch Fidesz werden sich von dieser Wahlniederlage erholen können, sagt der Leiter des Deutsch-Ungarischen Instituts für Europäische Zusammenarbeit, Bence Bauer. Sie hätten nicht nur im Wahlkampf auf das falsche Pferd gesetzt, sondern sind von tiefsitzenden strukturellen Problemen betroffen, die ihnen ein Wiederaufleben unmöglich machen würden.

„Es gibt die Fidesz eigentlich nicht mehr, es gibt noch 52 Abgeordnete. Die hält nichts mehr zusammen.“

resümiert der Direktor am Mittwoch in der Bibliothek des Konservatismus.

Brücke zwischen Deutschland und Ungarn bauen

Bauer wurde zwar in Budapest geboren, ist jedoch in Baden-Württemberg aufgewachsen. Er promovierte in Chemnitz im Fach Europäische Geschichte und arbeitete elf Jahre lang für die Konrad-Adenauer-Stiftung in Ungarn, ehe er 2020 sein eigenes Institut am Mathias Corvinus Collegium (MCC) gründete. Damit habe er eine Brücke zwischen Deutschland und Ungarn bauen wollen, sagt Bauer. In der Bibliothek analysierte er, was Fidesz in den vergangenen 16 Jahren tat, warum sie die Wahl verlor und was Magyars erste Amtshandlungen über ihn aussagen.

Doch wie konnte es überhaupt zum Fall von Orbán kommen? Orbán saß seit 1990 im Parlament und regierte 16 Jahre am Stück als Ministerpräsident, wodurch er viel Erfahrung in den Wahlkampf mitgebracht habe. Doch nach solch einer langen Zeit hätte die Partei nicht mehr mit dem Wahlkampfslogan „Fidesz, die sichere Wahl“ ins Rennen gehen sollen.

Magyar überzeugte die Jungen und Unpolitischen

Anhand einer Wahlunterschung zeigt der Institutsleiter, woher die Partei von Magyar ihre Stimmen erhielt.

„1,5 Millionen Tisza-Wähler haben noch nie gewählt. Die waren noch nie bei einer Wahl.“ Es handele sich dabei um eigentlich unpolitische Erst- und Jungwähler. „Die haben ein verbindendes Element gehabt, Viktor Orbán muss gehen.“

Die restlichen „1,6 Millionen kamen von den ehemaligen linken Parteien und auch 300.000 kamen von der Fidesz und noch mal 300.000 von anderen Parteien.“

Gleichzeitig seien seit der vorherigen Wahl 500.000 Wahlberechtigte gestorben, „und da waren nochmal 300.000 Fidesz-Wähler drin“. Bis zur nächsten Wahl in vier Jahren würden eine weitere halbe Million Wähler wegfallen, „die im Wesentlichen noch die Konservativen gewählt haben“. Gleichzeitig „kommen wieder neue dazu, die mit den Konservativen gar nichts anfangen können“, unterstreicht Bauer. Die Tisza-Partei konnte bei den jungen Menschen landen. Erst bei der Wählerschaft ab 58 Jahren habe Fidesz eine Mehrheit gewinnen können.

Fidesz hat den Wahlkampf verhauen

Aber nicht nur das Alter verursachte die klare Niederlage.

Orbán habe in seinem Wahlkampf die falschen Themen mit dem falschen Ton angesprochen.

Laut Bauer mögen die Ungarn weder Russland noch die Ukraine. Es sei gesellschaftlicher Konsens, „dass man sagt, wir müssen weiterhin belastbare Beziehungen zu Russland haben“, um günstige Energie zu erhalten.

Orbán habe zwar erkannt, dass es sich um ein wichtiges Thema handele. Doch den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj auf Wahlplakaten als Kriegstreiber darzustellen, sei „nicht unbedingt die feine englische Art“. Das Gleiche sei bei der EU-Kritik passiert. „Wenn Frau von der Leyen dargestellt wird mit Herrn Selenskyj zusammen, dann ist das immer schwierig.“

Dass der US-Vizepräsident JD Vance kurz vor der Wahl eingeladen worden sei, sei ebenfalls kontraproduktiv gewesen. „Man hat gedacht, es macht einen großen Eindruck, wenn der Vizepräsident jetzt kommt und Donald Trump Viktor Orbán als besten Freund bezeichnet. Na, vielleicht ist es ein Danaergeschenk gewesen.“

Magyar griff Orbáns Politik direkt an

Dagegen sei Magyar auf die Alltagsprobleme der Bürger eingegangen und habe diese geschickt mit Korruptionsvorwürfen verbunden. Dafür habe die Tisza-Partei „keine geopolitischen Ambitionen, nur außenpolitische Ideen und keine Strategie oder sonst etwas“ gehabt.

Magyar habe den Fokus darauf gelegt,

„dass im Krankenhaus auch Toiletten und Klopapier da sind, in der Schule die Klimaanlage geht und kein Schulausfall ist und dass die Züge pünktlich fahren“. Und der Bahnverkehr sei deshalb so schlecht,„weil der Orbán sich das in die Tasche gesteckt hat“.

Auch der Internetwahlkampf ging klar an die Tisza-Partei. Magyar „hat eine Facebook-Seite angelegt, 1,7 Millionen Follower, mehr als Viktor Orbán und macht ständig auf Facebook Live-Videos und sehr, sehr offensiv“.

Der Tisza-Partei stehen alle Türen offen

Mit der Zweidrittelmehrheit kann die Tisza nun allein und ohne Zustimmung der anderen Parteien im Parlament sogenannte Kardinalgesetze ändern. „Das sind die wichtigsten Gesetze, die die Grundaufgaben des Staates regeln.“ Darunter falle etwa das Wahlgesetz, das Staatsangehörigkeitsgesetz oder das Kommunalwahlgesetz.

Durch diesen Vorteil habe die Tisza-Partei nun zwei Verfassungsänderungen verabschiedet, die Fidesz komplett den Boden unter den Füßen wegziehen sollen.

Wer seit 1990 bereits zwölf Jahre Ministerpräsident war, darf dieses Amt nicht erneut übernehmen. „Das bezieht sich eindeutig auf Viktor Orbán“, ordnet Bauer den Vorgang ein. Zudem muss der Staatspräsident, Tamás Sulyok, sein Amt niederlegen. Weiter werde das Kapital mehrerer Institutionen, etwa des MCC, liquidiert (JF berichtete).

Doch der Regierungswechsel sei nicht der Untergang des Abendlandes. In Ungarn sei die Politik schon immer sehr dynamisch gewesen und derzeit finde ein Austausch statt, den jede neue Regierung durchführe. In der Migrationspolitik bleibe Magyar weiter hart, von Selenskyj fordere er eine mindestens vierstündige Autofahrt, um sich mit ihm zu treffen. „In Ungarn passiert viel, in zwei Monaten kann es wieder ganz anders sein.“

Die große Gefahr für Magyar

Als Nächstes müsse der neue Ministerpräsident „eigentlich eine asymmetrische Demobilisierung hinbekommen“. Er müsse versuchen, seine durchmischte Wählerschaft bürgerlich auszurichten und die Konservativen für sich zu gewinnen und zu festigen. „Weil mit diesem heterogenen, teilweise linken, teilweise unpolitischen Elektorat wird er auf Dauer nichts anfangen können.“

Nicht nur die Tisza-Wähler seien durchmischt, auch die Abgeordneten ordnen sich unterschiedlichen Strömungen zu. Auf dieser Ebene könne er sich jedoch aufgrund seines Wahlerfolges durchsetzen, sagt Bauer.

Orbán machte Ungarn weltberühmt

Und was bleibt von Orbán? Der ehemalige Ministerpräsident habe den Ungarn durch Verhandlungen mit Russland gute Energie zu guten Preisen ermöglicht. „Ich zahle für Strom und Heizung in meiner 100-Quadratmeter-Wohnung keine 40 Euro im Monat“, erzählte Bauer als beispielhafte Anekdote. Außerdem gebe es in Ungarn Atomkraftwerke und sehr viele Photovoltaik-Anlagen. Generell habe sich die Infrastruktur verbessert, sodass man jede Großstadt über eine Schnellstraße erreichen könne.

Insgesamt habe Orbán in seinen 16 Jahren 1,2 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen, indem er Sozialhilfe nur dann habe auszahlen lassen, wenn die Antragsteller arbeiten würden. Weiter liege die Steuerlast in Ungarn nur bei 15 Prozent, die Steuererklärung sei in drei Minuten erledigt. Orbán konnte dem Institutsleiter zufolge Ungarn durch Krisen manövrieren und mit internationalen Partnern in einer Liga spielen.

Er habe Außengrenzschutz betrieben und niemanden ins Land gelassen, sei dabei konsequent und rigide gewesen. Und die Steuernachlässe für arbeitende Mütter und die kostenfreien Kindergartenplätze hätten für eine hohe Frauenerwerbsquote und Geburtenrate gesorgt. Mit dieser Politik seien Orbán und Ungarn bekanntgeworden. „Er hat das Land auf die Weltkarte gesetzt.“

Was kann Deutschland von Ungarn lernen?

Aus dem ungarischen Regierungswechsel könne Deutschland viel lernen, meint Bauer.. Einerseits sei es für die Opposition wichtig, wie Magyar Alltagsprobleme anzusprechen. Sie dürfe aber nicht denselben Fehler begehen, enge Freundschaften mit anderen Regierungschefs in den Fokus zu rücken. „Mittlerweile ist es ja so: Jede europäische Regierung, die sich dann sehr gut mit Donald Trump stellt, die hat dann irgendwann mal ein Problem.“

Andererseits sei das auch für die aktuelle Regierung wichtig. Es interessiere fast niemanden, wenn Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) durch die Welt reise und sich mit anderen treffe. Generell müsse die CDU „studieren, welche Fehler zu vermeiden wären“. Es seien klare Parallelen zu erkennen. „Und ich denke, nicht was politische Inhalte betrifft, aber was Strukturen, Verfahren, Prozesse und Kommunikation betrifft, ist die CDU hier eigentlich in der Lage von Fidesz.“

Originalerscheinung: https://jungefreiheit.de/politik/ausland/2026/insider-erklaert-was-jetzt-aus-orbans-fidesz-partei-wird/

Ein Kommentar

  1. Felemás értékelés. Legalább olvashatunk olyan elemzést amely + és- -T is tartalmaz. Lehet, hogy Bauer Bence Igazgató Úr nem tudja, hogy F. Merz nem fináncminiszter? Kár, hogy M.P-ből nem csinált Kórházi WC-papír-minisztert! Bizakodással L. Ferenc

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