Wachfeuer für die Autonomie des Szeklerlandes

2. November 2022

An jedem letzten Oktobersonntag versammeln sich die Menschen in den frühen Abendstunden in mehr als 100 Siedlungen des Szeklerlandes, um ihre Forderung nach Autonomie zu bekräftigen. Auf Anhöhen in der Nähe jeder Siedlungen werden Wachfeuer entzündet.  Es wird überall die Proklamation der Szekler Nationalrat (Székely Nemzeti Tanács) vorgelesen, aber die Veranstaltungen haben auch lokalen Charakter. In einigen Fällen wurden Redner aus der Region eingeladen, in anderen Fällen wurde das Anzünden der Feuer mit einem Gottesdienst oder einem Kulturprogramm verbunden. Es gibt einige, bei denen Husaren in Uniform zu Pferd um das Lagerfeuer marschieren, und andere, bei denen die Teilnehmer mit einem Grillfest verwöhnt werden. An den meisten Orten wird um das Feuer herum gesungen. Das Wachfeuer der Szekler ist ein echtes Gemeinschaftserlebnis.

Die Proklamation fordert eine Autonomie für das Széklerland in Rumänien. „Wir bekräftigen: Die territoriale Autonomie des Szeklerlandes ist (…) ein rechtlicher Rahmen, der die volle und effektive Gleichberechtigung der Bürger des Szeklerlandes garantiert. Unser Wille und unsere Forderungen haben sich seit zwei Jahrzehnten nicht geändert. Wir haben bewiesen, dass wir trotz der Behinderung durch die Behörden in der Lage waren, auf europäischer Ebene im Interesse des Szeklerlandes zu handeln und eine internationale Arena zu eröffnen.“

Die Initiative wurde vom rumänischen Parlament immer wieder abgelehnt. Sie widerspreche der Verfassung, hieß es zur Begründung. Dort stünde schließlich im Artikel 1, dass Rumänien ein „einheitlicher und unteilbarer Nationalstaat“ ist. Ein solcher Passus verbietet jegliche Autonomiebestrebungen. Eine europäische Bürgerinitivie für das Recht der nationalen Minderheiten wurde von der Europäischen Kommission auch zurückgewiesen mit dem Argument, daß die Minderheitsfragen unter die Zuständigkeit der Nationalstaaten fallen.

Trotzdem geben die Székler ihre Autonomie-Bestrebungen nicht auf.

Wer sind aber die Szekler überhaupt? Ihre Geschichte reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück, als erstmals ihr Name in historischen Quellen über Siebenbürgen auftauchte. Das damalige ungarische Königreich setzte sie in den Karpaten als Grenzwächter gegen Eindringlinge ein. Wegen ihrer Geschichte sagt man ihnen bis heute nach, dass sie stur, schweigsam und schlagkräftig seien – wie Grenzposten nun mal sein mussten. Die Szekler bekamen dafür im Gegenzug jahrhundertelang vom ungarischen Königreich eine Verwaltungsautonomie und Privilegien garantiert, wie beispielsweise Steuervergünstigungen.

Nach dem Ersten Weltkrieg fiel Siebenbürgen und damit auch das Szeklerland an Rumänien.

Schon in den 1920er-Jahren bekamen die autonomieverwöhnten Szekler von den neuen rumänischen Machthabern eine Selbstverwaltung versprochen, erfüllt hat sich das bis heute nicht.
Als Mitte der 1960er-Jahre Nicolae Ceausescu die Staatsspitze übernahm, wollte er durch eine nationalistische Siedlungspolitik die ethnische Zusammensetzung in der Region verschieben – zugunsten der Rumänen. Das zerstörte das Verhältnis zwischen beiden Ethnien nachhaltig. Als vor fünfzehn Jahren im Zuge einer Regionalreform die historischen Szekler-Kreise getrennt werden sollten, fühlten sich viele an die Ceausescu-Zeit erinnert und witterten eine Rumänisierung.

Zehntausende Szekler gingen daraufhin auf die Straße und forderten lautstark Autonomie.

Es war einer der größten Proteste in der Region. Die Regionalreform verschwand in der Versenkung.

Doch der Protest war nicht der einzige in den vergangenen Jahren. Bereits Anfang der 1990er-Jahre hatte die Region vehement eine Autonomie gefordert. Ende 2006 organisierten die Szeklerkreise ein Referendum, das vom Verfassungsgericht gestoppt worden war. 99,5 Prozent der zur Abstimmungen gegangenen Szekler sprachen sich für eine Autonomie aus. Die Region ist bis heute jene mit dem größten Ungarnanteil im südosteuropäischen Land: rund 600.000 Szekler leben dort.

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