27. Mai 2026 Ungarn Heute
Der neue Regierungschef wird sich daran gewöhnen müssen, dass Regieren auch bedeutet, anderen Meinungen Gehör zu schenken – und zwar von Angesicht zu Angesicht und nicht, wie bisher, über Beiträge auf sozialen Medien wie Facebook.
Ministerpräsident Péter Magyar hat während der Sitzung der Nationalversammlung am Dienstag völlig die Beherrschung verloren. Nach seiner Rede vor der Tagesordnung versuchte der Regierungschef mehrfach, seine Abgeordnetenkollegen mit Zwischenrufen und Kommentaren aus der Fassung zu bringen.
„Péter Magyar ist völlig aus der Fassung geraten und konnte sich im Parlament nicht mehr beherrschen“, schrieb Péter Takács, ehemaliger Staatssekretär für Gesundheit im Innenministerium, in einem Beitrag auf Facebook.
Der Ministerpräsident die Rede der KDNP-Abgeordneten Zsuzsa Máthé wiederholt durch Zwischenrufe unterbricht. Das veröffentlichte Video zeigt Péter Magyar, wie er schimpft, wild gestikuliert und auf die Äußerungen seiner Kollegen mit spöttischen Kommentaren reagiert, die an die Atmosphäre in einem Fußballstadion erinnern.
Péter Magyar hat mehrmals versucht, auch den Vizepräsidenten und Fraktionsvorsitzenden der KDNP, Bence Rétvári, während dessen Rede durch Zwischenrufe aus der Fassung zu bringen.
Als der ehemalige Kanzleiminister Gergely Gulyás (Fidesz) fragte, warum Péter Magyar Gábor Tóth – stellvertretender Polizeichef von Budapest und einer der Verantwortlichen für die Polizeigewalt unter Ferenc Gyurcsány im Jahr 2006 – zum Staatssekretär für öffentliche Sicherheit ernannt hat, konnte sich der Ministerpräsident nicht länger zurückhalten. Er stellte sich im Gang vor Gergely Gulyás auf und diskutierte mit ihm. Der Inhalt des Streits war nicht zu hören, doch sogar die Parlamentspräsidentin Ágnes Forsthoffer, stellvertretende Vorsitzende der TISZA-Partei forderte den Regierungschef (ohne ihn namentlich zu nennen) auf, damit aufzuhören.
Videos und Photos zeigen, dass offenbar sogar Abgeordnete der TISZA-Partei den Stil ihres Vorsitzenden nur schwer zu ertragen scheinen.
Eine Atmosphäre, die Reality-Shows in den Schatten stellt“
so bewertete László Dornfeld, Analyst beim Zentrum für Grundrechte, den gestrigen Auftritt von Péter Magyar. „Das ist eine seltsame Verwechslung der Rollen, denn solche provokativen Dinge wurden in den letzten 16 Jahren typischerweise von der Opposition ins Parlament gebracht, nicht von der Regierungspartei – und schon gar nicht vom Regierungschef“, so der Analyst in einem Beitrag auf Facebook. Er fügte hinzu, dass die Rolle der unmittelbaren Fragen während der Nationalratssitzung darin bestehe, dass die Regierung dem Volk Rechenschaft über ihr Handeln ablegen muss. „Es ist verständlich, dass ohne diese Taten nur das Geschrei und die Drohungen übrig bleiben. Ich verstehe auch, dass man damit die Opposition wieder hervorragend als Ursache allen Übels in diesem Land darstellen kann. Aber wird das zu irgendetwas Gutem führen?“, so László Dornfeld.
Das Verhalten des Ministerpräsidenten wurde auch von der Linken kritisiert. In seinem Beitrag forderte der Politologe Attila Tibor Nagy: „Mehr Gelassenheit!“ Seiner Meinung nach sei es ungewöhnlich, dass ein Ministerpräsident während einer Parlamentssitzung so oft in die Reden anderer Abgeordneter hineinruft, ja sogar mit den Händen gestikuliert und sogar auf den Fidesz-Fraktionsvorsitzenden Gergely Gulyás zugeht und gereizt mit ihm spricht.
Péter Magyar hat sich seiner Würde als Ministerpräsident nicht gewachsen gezeigt, und das, obwohl er erst seit fünfzehn Tagen im Amt ist“,
merkte er an.
Der neue Regierungschef wird sich daran gewöhnen müssen, dass Regieren auch bedeutet, anderen Meinungen Gehör zu schenken – und zwar von Angesicht zu Angesicht und nicht, wie bisher, über Beiträge auf sozialen Medien wie Facebook. Schließlich macht es einen großen Unterschied, ob man jemandem persönlich gegenübersteht oder sich hinter einem Bildschirm versteckt, um anderen Vorträge zu halten.