Die Ostslawen

29. Juli 2022 Magyar Hírlap von IRÉN RAB

Die Statue des ukrainischen Dichters Taras Schewtschenko (1814-1861) befindet sich in der Budapester Stadtteil Wasserstadt, hinter dem Königsbad (Király-fürdő), auf dem nach ihm benannten Platz. Die Statue wurde als Symbol der gutnachbarschaftlichen Beziehungen und Freundschaft zwischen der Ukraine und Ungarn 2007 errichtet, und von den beiden damaligen Staatspräsidenten László Sólyom und Viktor Juschtschenko eingeweiht.

Schewtschenko wurde auf dem Gebiet des Gouvernements Kiew in Russland geboren, denn die Ukraine existierte zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Aus der Leibeigenschaft befreit avancierte er zu einem – entsprechend dem Geist der Epoche – aufwieglerischen Dichter, zu der geistigen Führungsfigur der ukrainischen Intellektuellen, zum Symbol der Sehnsucht nach Freiheit und Demokratie des ukrainischen Volkes.

Die Statue wird ab und zu mit einem Kranz versehen, es werden Blumen am Sockel niedergelegt, wie zuletzt vielleicht als eine Abschiedsbekundung durch die abberufene Botschafterin, durch Frau Ljubov Nepop, und bis jetzt hat sie niemand beschädigt, niemand hat sie bemalt oder ihr Schaden zugefügt. Der Dichter stützt sein Kinn auf die linke Hand und sinniert womöglich darüber, was er hier, in diesem kleinen, schattigen, Budaer Park sucht?    

Ich verwahre zu Hause einen Band von Schewtschenko, er ist ein Geschenk – vielleicht aus dem Jahr 1996 – des ukrainischen Kultusministeriums. Ich erhielt ihn während einer internationalen Konferenz in Ismail, die das Thema der internationalen Verpflichtung der Ukraine für die Sicherung des Unterrichtes in den Minderheitensprachen behandelte.

Meine westeuropäischen Kollegen waren von dem Gesehenen begeistert, sie verstanden mein Kopfschütteln und Ungläubigkeit nicht.

Die Sprache der Konferenz war Englisch, und als sich unter den örtlichen Offiziellen eine heftige Debatte entwickelte – d.h. der russisch-ukrainische Konflikt -übersetzte der Dolmetscher nicht weiter. Es sei eine innere Angelegenheit, sagten sie uns. Ansonsten konnten wir nicht so richtig erkennen, ob sie russisch oder ukrainisch sprachen, sie haben sich jedenfalls genau verstanden. Es war eine surrealistische, verschiedenartige Welt, in den Städten gab es überall sowjetische Heldendenkmale, Leninstatuen. Auf der Promenade von Odessa gingen die ukrainischen und russischen Veteranen stolz spazieren, an ihren angestaubten Uniformen klimperten-klapperten die in dem zweiten Weltkrieg erhaltenen Auszeichnungen der Roten Armee. Mir erschien das alles noch sehr sowjetisch.

Es ist schwierig, weltweit einen echten Ukrainer zu begegnen. Die Entwicklung der ukrainischen Literatur wurde durch das Fehlen des ukrainischen Staates verhindert, der Entwirrung der ukrainischen Geschichte wird einfach durch die fehlende Ukraine ein Riegel vorgeschoben. Als Gebietsbezeichnung kann man sie schon seit dem 13. Jahrhundert nachweisen, und zwar in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes „Ukraine“ als „Grenzgebiet“. Den Status des Grenzgebietes verstand man von Zeit zu Zeit für andere Territorien und er war überhaupt nicht mit einem geographisch stabil definierten Bereich verbunden. Wer im jeweiligen Grenzgebiet lebte, war ein Ukrainer.

Der Volksname „Ukrainer“ ist nicht sehr alt, weil man bis zum 19. Jahrhundert dieses zu der großen Familie der Ostslawen gehörende Volk als „Kleinrussen“ bezeichnete.

Nach dem ungarischen Dichter, Sándor Csoóri könnte ich frei behaupten, dass derjenige ein Ukrainer ist, der sich dafür hält. Zum Beispiel ist der ukrainische Präsident, der in eine russisch sprechende jüdische Familie geborene Wladimir/Wolodymyr Selenskyj ein Ukrainer. (so steht es in Wikipedia). Deswegen ist für ihn vielleicht keine Frage des Gewissens das ukrainische Volk ins Elend zu stürzen, die Ukraine zu zerstören und der Versuch andere Identitäten zu vernichten. Obwohl der Präsident sich – wie es im Namen seiner Partei steht – für den „Diener des Volkes“ hält.

„Je suis Ukraine“. In Folge des Krieges wurden viele in der Welt plötzlich Freunde der Ukraine, viele solidarisieren sich mit dem für seine Freiheit kämpfenden Volk im Zeichen des blauen Himmels und der in die Unendlichkeit wiegenden Weizenfelder. Obwohl sie kein Bisschen von der Ukraine wissen, von ihrer Sprache, ihrer Geschichte oder Kultur. Von dem ukrainischen Volk, oder von dem Zusammenleben der Russen und Ukrainer, von den Ostslawen. Ich wäre neugierig, welche repräsentativen Ergebnisse ein Multiple-Choice-Test zu diesem Thema östlich oder auch westlich der Elbe ergeben würde.

Weiß man, wo die Ukraine liegt, kennt man ihre Nachbarn, die Zusammensetzung ihrer Bevölkerung, oder gar Schewtschenkos Namen und wie er als Ukrainer zu dem russischen Zaren stand? Weiß man, wie die selbständige und unabhängige Ukraine 1991 entstand, wie man die nie vorhandenen Grenzen gezogen hat?   

Der mit dem Nobelpreis ausgezeichnete russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn kehrte nach dreißig Jahren amerikanischem Exil nach Russland zurück. Er bedauert den Zerfall der Sowjetunion nicht, im Gegensatz dazu aber die Tatsache, dass die von Lenin willkürlich gezogenen Grenzen der verschiedenen Sowjetrepubliken ohne Vernunft und Überlegung als neue Staatsgrenzen übernommen wurden.

Achtzehn Prozent der russischen Bevölkerung, fünfundzwanzig Millionen Russen, kamen somit außerhalb der Grenzen von Russland.

Ich könnte sagen, es handelte sich um ein freiwilliges russisches Trianon, denn die neuen unabhängige Staaten verfahren wirklich nicht zimperlich mit diesen Russen außerhalb des russischen Staates. Nicht nur die Ukrainer.

1994 sagte Solschenizyn im Zusammenhang mit der Ukraine, dass man einen Weg finden müsse, jeden offiziell als Ukrainer geltenden Menschen statt des Russischen zum ukrainischen Muttersprachler zu machen. Während dessen sollte man die Sprache fördern, damit sie den Nachholbedarf auf dem Gebiet der Wissenschaft, der Technik und der Kultur einholen könne, denn nach Meinung des Schriftstellers erreichte die ukrainische Sprache in ihrer Entwicklung noch nicht das entsprechende Niveau.

„Die Russen wollen die Identität der Ukraine zerstören, sie behaupten, dass die Ukrainer keine eigene Sprache, keine eigene Kultur, gar nichts haben.“

Das sagte eine aus Lviv (Lvov/Lemberg) nach München geflüchtete ukrainische Kulturwissenschaftlerin, Olena Striltsiv in die Kameras. Olena bekam sofort eine Stelle in der Bayerischen Staatsbibliothek. Sie wurde Mitarbeiterin des weltweiten, unter dem Namen SUCHO (Saving Ukraine Culture Heritage Online) dreizehnhundert Menschen beschäftigenden Projektes, der zur Rettung des in Gefahr befindenden, ukrainischen Kulturerbes ins Leben gerufen wurde. Eigentlich archivieren sie die ukrainischen Online-Portale, damit sie den kulturellen Reichtum, die touristischen Sehenswürdigkeiten der Ukraine vor russischen Hackerangriffen schützen.

Die Mitarbeiter retten vieles, zum Beispiel auch wahre Geschichten über ukrainische Soldaten. Oder Bilder über die tausendjährige Vergangenheit der ukrainischen Hauptstadt Kiew, gegenübergestellt zu Moskau, dessen Gebiet vor tausend Jahren noch von einem dichten Wald bedeckt war.

Da erkennt man, wie lügenhaft die russische Behauptung ist, dass sie früher hier gewesen wären und sie uns geründet hätten. Das ist einfach nicht wahr.“

– sagt die ukrainische Wissenschaftlerin.

(Dieser Punkt hat mich auch unsicher gemacht. Ich kann nicht entscheiden, ob Anastasia, die Tochter des Großfürsten von Kiew, die unseren König Andreas I. 1038 dazu brachte, das orthodoxe Christentum anzunehmen, um sie zu heiraten, ob sie nun Russin oder Ukrainerin war?)

Während die Welt das ukrainische Kulturerbe rettet, sortiert die Ukraine gerade aus ihren Bibliotheken die russischen Klassiker aus, angefangen von Lermontov, Tolstoi bis zu Tschechow jeden, sie verbannt die Statuen der russischen Berühmtheiten von ihren öffentlichen Plätzen, sie verändert die russisch klingenden Straßennamen.

Die „cancel culture“, die Kultur der Auslöschung erreichte auch Osteuropa. Die Welt assistiert dazu, sie verbietet den Start für russische Sportler bei Wettbewerben, sie blockiert russische Nachrichtenportale, und wir werden nie wahre Berichte über russische Soldaten erfahren. Europa unterstützt die Ukraine in ihrer Rolle als das wahre Opfer, während es den russischen Aggressor mit selbstzerstörerischen Sanktionen straft.

Eine eigentümliche innerslawische „woke“, gespickt mit globalistischer Russophobie und Unwissenheit.

Taras Schewtschenko, der ukrainische Dichter, kann während dessen ruhig in dem nach ihm benannten Budapester Park über die Vergangenheit und Zukunft sinnieren. Zum Beispiel darüber, warum die ostslawischen Völker nicht in der Lage sind, ihre nationalen, wirtschaftlichen und kulturellen Probleme gemeinsam, miteinander verbunden zu lösen. Wie sein russischer Schriftstellerkollege Solschenizyn vorschlug.

Autorin, Dr. phil. Irén Rab ist Kulturhistorikerin

Deutsche Übersetzung: Dr. Gábor Bayor

MAGYARUL: https://www.magyarhirlap.hu/velemeny/20220727-keleti-szlavok

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