Die Begeisterung füreinander scheint zu schwinden

17. Januar 2022, Budapester Zeitung von RAINER ACKERMANN

Ist das Ungarn-Bild in Deutschland wirklich so schlecht, wie es in tonangebenden deutschen Medien gerne dargestellt wird? Das Deutsch-Ungarische Barometer 2021 gibt Antworten.

Am besten über etwas urteilen kann man allgemein dann, wenn man seine über die verschiedensten Kanäle gesammelten Erkenntnisse mit persönlichen Eindrücken bereichert oder notfalls abgleicht. Denn leider gilt für immer mehr Medien, was einst kluge Leute als Effekt des kommerzialisierten Fernsehens voraussahen:

Wenn Du Deine Informationen einzig aus dem Fernsehen gewinnst, kannst Du genauso gut aus der Mülltonne essen.

Bevor die Forscher der hier behandelten Erhebung also wissen wollten, was die Befragten von dem jeweils anderen Land halten, erkundigten sie sich nach deren einschlägigen Erfahrungsschatz. Die Konrad-Adenauer-Stiftung und das Nézőpont-Institut befragten repräsentativ jeweils eintausend Bürger Deutschlands und Ungarns zu ihrem Verhältnis bezüglich Ungarns beziehungsweise Deutschlands.

Dabei stellte sich heraus, dass ein gutes Drittel der Ungarn und immerhin ein solides Viertel der Deutschen das andere Land nach 1990 wenigstens einmal besucht hat. Von deutscher Seite war das Interesse am Besuch Ungarns unter Personen mit Grundschulabschluss am wenigsten ausgeprägt, legte aber bei jungen Leuten und solchen mit höherem Schulabschluss auf mehr als ein Drittel zu. Auf ungarischer Seite fielen die Reisewerte neben den weniger schulgebildeten Personen auch bei älteren Menschen und Frauen zurück, stiegen aber bei jungen Menschen und im Kreis der befragten Männer beinahe auf die Hälfte, bei Akademikern sogar in die Nähe von zwei Dritteln.

Verblendete Sichtweise

Die Umfrage ergab, dass die Akzeptanz für Angehörige der anderen Nation auf beiden Seiten sehr hoch ist, wenn es sich konkret um die Einwohner des Landes oder die Rolle als Nachbar, Mitarbeiter, Freund oder Chef der Firma handelt. Etwas befremdlich wirkt in diesem Kontext, dass

die Deutschen die Ungarn in „jeder beliebigen Rolle“ nur mehr zu 51 Prozent akzeptieren, im Vergleich zu 63 Prozent bei der gleichen Umfrage im Sommer 2020.

Der Anteil von Befragten mit einer positiven Meinung über Ungarn ist dementsprechend auf 54 Prozent gefallen (während noch immer 68 Prozent der Ungarn gut auf Deutschland zu sprechen sind).

Sobald es konkreter wird, stimmt der Informationsstand der Deutschen zunehmend bedenklicher. Zwar sehen in beiden Ländern knapp zwei Drittel das andere Land als attraktiv für Touristen, aber eine gleichwertige Zustimmung erhält nur noch die „Korruption als schwerwiegendes Gesellschaftsproblem“ – im Bild der Deutschen über Ungarn. (Auf ungarischer Seite sehen nur 40 Prozent ein Korruptionsproblem für Deutschland.)

Während eine stabile Mehrheit der Ungarn überzeugt ist, dass deutsche Medien ihre Regierung kritisieren dürfen, die Rechte der Bürger sowie speziell die Rechte der nationalen und ethnischen Minderheiten in Deutschland gewährleistet werden, glauben nur noch 31 Prozent der Deutschen an freie Medien in Ungarn

(2020 waren es noch 36 Prozent). Besonders krass schlägt sich die Verblendung der Deutschen nieder, wenn weniger als ein Viertel glaubt, die Ungarn seien im Besitz ihrer Bürgerrechte, und gerade mal jeder Fünfte die Minderheiten in Ungarn in Sicherheit wähnt.

Die Migrationskrise gemeinsam lösen?

Sehr ausgeglichen beurteilten derweil Befragte beider Länder sogenannte Spannungsfelder, wie unterschiedliche Auffassungen über die Zukunft der Europäischen Union oder den Rechtsstaatskonflikt in Ungarn. Allerdings sind die Ungarn emotional stärker aufgeladen, wenn es darum geht, wie die Migrationskrise gelöst werden sollte oder wie die richtige sexuelle Erziehung von Kindern auszusehen hat.

Die bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Ungarn bewertet nur noch jeder dritte Deutsche positiv. In Ungarn hält sich eine Mehrheit, die mit 52 Prozent freilich auf den niedrigsten Wert der letzten fünf Jahre geschrumpft ist.

Für eine Vertiefung der bilateralen Beziehungen sind noch immer große Mehrheiten in beiden Ländern zu haben, die Begeisterung der Deutschen scheint jedoch zu schwinden. Konkrete Felder für Kooperationen würden aber die wenigsten gemeinsam bearbeiten wollen. Einzig bei der Migrations- und Flüchtlingspolitik wünscht jeder zweite Deutsche eine engere Zusammenarbeit mit Ungarn. In Ungarn ist dieser Anteil indes binnen eines einzigen Jahres von 50 auf 30 Prozent abgestürzt. Wohlgemerkt, die Erhebung wurde noch vor den Bundestagswahlen durchgeführt.

Der Artikel schien zuerst in der Budapester Zeitung

2 thoughts on “Die Begeisterung füreinander scheint zu schwinden”

  1. Wie die europäischen Völker seit zwei Jahren voneinender entfremdet wurden und werden, stimmt mich sehr traurig. Die Reisebeschränkungen behindern die Möglichkeit, sich von Mensch zu Mensch zu informieren erheblich. Dass sie wirklich dem Gesundheitsschutz dienen sollen, kann ich längst nicht mehr glauben, zumal kritische Stimmen auch innerhalb Deutschlands gezielt unterdrückt werden. Gerade die Bedrohung durch ein Virus hätte aus meiner Sicht eher Anlass sein müssen, zu einem grenzübergreifenden Miteinander mit dem Motto „Wir schaffen das gemeinsam.“ aufzurufen. Ich freue mich sehr, dass Ungarn auch da mit Gelassenheit einen eigenen Weg geht und die Menschen aus der Europäischen Union wirklich wie eine Gemeinschaft behandelt. Das Vorgehen der EU-Führung und der meisten Mitgliedsstaaten, bereitet mir große Sorgen. Ich kann nur jedem empfehlen, sich anhand von Primärquellen zu informieren. Wer sich auf den „Volksempfänger“ (Radio und Fernseher) oder die Blätter der Verlagskonzerne verlässt, wird zunehmend indoktriniert und bekommt ein völlig verzerrtes Bild von weniger linientreuen Nachbarn vermittelt. Ungarn, bleib standhaft!

  2. Die zunehmend negative Einschätzung der gesellschaftlichen Situation in Ungarn durch allzuviele Deutsche beschämt mich als Deutschen sehr. Die gezielte verleumderische Desinformation durch unsere Mainstreammedien darf nicht als Entschuldigung gelten, denn noch gibt es frei zugängliche, z.T. sehr qualitätvolle alternative Medien, die das verzerrte Bild zurechtrücken (speziell bezogen auf Ungarn z.B. diesen Blog hier, aber auch Unser Mitteleuropa und die Budapester Zeitung). Leider korrespondiert mit dieser falsch negativen Einschätzung der ungarischen Verhältnisse durch Deutsche eine falsch positive Einschätzung deutscher Verhältnisse durch Ungarn: Vertreter von Mainstreammedien, die es wagen, die deutsche Regierungslinie zu kritisieren, werden unter Druck gesetzt oder gleich mit fadenscheinigen Gründen aus dem Betrieb ausgesondert (wie der jüngere prominente Fall um den geschaßten BILD-Chefredakteur neben anderen weniger bekannten Beispielen zeigt). Und wie sich an der „Corona“-Agenda an vielen Beispielen aufzeigen läßt (Stichworte: existenzvernichtende Lockdowns, Umgang mit Demonstranten, Impfpflicht) sind die Rechte der deutschen Bürger weiß Gott nicht mehr sicher gewährleistet.

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