25. September 2026 Vasárnap von Zsolt Ungváry
„Sie begannen sich so zu benehmen, als ob sie hier zu Hause wären. Statt der Wärme des reinen Friedens erfasste Hass die Seelen der Eingewanderten, ätzender und bitterer Hass gegen das fremde Volk, das sie aufnahm, gegen die fremden Herren, die ihnen Arbeit gaben, die Traurigkeit der Erinnerung an die weit entfernte Heimat vermischte sich mit diesem Hass. … Es erschien auf einmal so, als ob sie hier die wahren Ureinwohner gewesen wären
Nachdem mir durch die Schriften von Krasznahorkai das Messer in der Tasche endgültig aufging, begann ich die beiden, aufeinander aufgebauten Romane von Albert Wass: „Bis die Bäume gewachsen sind“ (Mire a fák megnőnek) und „Im Schatten des Schlosses“ (A kastély árnyékában) erneut zu lesen.
Die Geschichte ereignet sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Siebenbürgen, in dem Landstrich Mezőség (rumänisch: Campia Transsilvaniei) und wiedergibt einen sich vor unseren Augen abspielenden Vorgang, der während drei Generationen in einer Familie stattfindet, nämlich wie das ungarische Ethnikum dieses Gebiet an die eher opportunistischen, besser zur Anpassung fähigen, mehr Zusammenhalt zeigenden, rumänischen Bevölkerungsteile verlor. Während die „ungarische Welt” verkörpernden, zahlreichen, uninteressierten, aus fremden Landesteilen stammenden Beamten sich mit großen Worten herumwerfend die von den Karpaten bis zur Adria reichende, ruhmreiche Heimat scheinbar aufbauen,
kommt fast unsichtbar das Land, das Haus, die Kirche, die Positionen in die Hände des früher in der Minderheit lebenden, jetzt aber zur Mehrheit werdenden Bevölkerungsteils.
Obwohl wir das aus Abhandlungen, Erfahrungen wissen, und in unserem tiefsten Inneren dieses Gefühl, dieser Gedanke, dieser Verdacht und diese Furcht vorhanden ist, dass man die Heimat verlieren kann, trotzdem ist es traurig und gleichzeitig uns auch ärgerlich stimmend, all das durch die plastische Darstellung in der Literatur zu erleben.
„Sie begannen sich so zu benehmen, als ob sie hier zu Hause wären (…) Statt der Wärme des reinen Friedens erfasste Hass die Seelen der Eingewanderten, ätzender und bitterer Hass gegen das fremde Volk, das sie aufnahm, gegen die fremden Herren, die ihnen Arbeit gaben, die Traurigkeit der Erinnerung an die weit entfernte Heimat vermischte sich mit diesem Hass. Sie vermischten sich und dadurch wurden die Begriffe langsam und unbemerkt verändert, die Erinnerungen und Vorstellungen verwirrten diese Menschen und auf einmal schien es so, als ob diese Erde die alte Heimat, das Ursprungsland gewesen wäre. Im Spiegel der schiefen Fenster von den kleinen Notunterkunftshäusern erschien es auf einmal so, als ob sie hier die wahren Ureinwohner gewesen wären und die in den alten, großen Häusern wohnenden Fremden diejenigen waren, die hierhergezogen sind, die sich über sie breit gemacht hätten, die sie unterdrückten.” (Bis die Bäume gewachsen sind)
Es ist nicht schwer die Parallele zwischen dem im Königreich Ungarn stattgefundenen und im heutigen Westeuropa ablaufenden Vorgängen herzustellen. Die einziehenden, einwandernden, einsickernden Migranten, Wanderer schauen sich zunächst unsicher, stolpernd um und wissen selbst, dass sie fremdes Terrain betreten haben.
Aber sehr bald wenden sie sich gegen die sie aufnehmende Bevölkerung. Sie fangen an, statt Dankbarkeit Hass zu spüren.
Paradoxerweise beginnen sie, ihre eigenen Gebräuche, Kultur, Religion den als Feind empfundenen Ureinwohnern aufzuzwingen. Sie missbrauchen die örtlichen, nachgiebigen Gesetze, sie schaffen sich Grundlagen, worauf sie sich berufen können wie Minderheitenschutz, Verbot der Hassrede und andere problematische Fragen – während sie diese für sich als nicht bindend betrachten.
Wenn sie die Mehrheit erlangen oder in führende Positionen kommen, schaffen sie diese Regeln ab, die ihnen ermöglichten, dass sie als Einwanderer, als Minderheit, rechtlich gleichgestellt wurden und sich später zur Herrschaft aufschwingen konnten.
Wir Ungarn haben schon diese Vorgehensweise mit ihren Folgen kennengelernt, der Westen aber noch nicht. Statt uns anzuhören, von uns lernen zu wollen oder wenigstens Empathie gegenüber diesem erlittenen Trauma des Ungarntums zu zeigen, gefallen sie sich in der Rolle des Lehrmeisters.
Die Ergebnisse dieser Politik zeugen aber schon längst davon, dass sie sich nicht mehr in der Lage befinden, andere zu belehren.
Wir haben an der eigenen Haut erfahren, dass die Akzeptanz, die Höflichkeit, die Nachgiebigkeit langsam in eine Selbstaufgabe übergangen ist. Im Westen beginnen sie das erst jetzt so richtig zu spüren. London und New York haben bereits muslimische Bürgermeister, obwohl in keiner dieser Städte eine muslimische Mehrheit existiert, diese Kandidaten konnten also nur mit christlichen, gleichgültigen, atheistischen Stimmen siegen.
Wenn wir die oben genannten Romane lesen, ballen unsere Fäuste und wir fragen uns: warum waren wir so bedeppert?
Denn die Assimilierung der Ungarn, das Nachlassen der Fähigkeit, die Gefahr zu erkennen, war auch für die Besitznahme der Heimat durch das neue Volk eine Voraussetzung.
Das darf man nicht noch einmal durchgehen lassen. Hier ist der Einsatz viel zu hoch, dass wir die Rolle des höflichen, toleranten, verständnisvollen Europäers mit etwas Schulterklopfen erledigen, während wir vielleicht untergehen.
Wass selbst erlebte das am eigenen Leib, an seinem persönlichen Schicksal: er nahm sich in der amerikanischen Emigration das Leben. Sein Sohn, Huba, starb als amerikanischer General und nicht als ungarischer Grundbesitzer.
Wir mögen anhand der schönen, traurig stimmenden, literarischen Werke über unser Missgeschick sinnieren – und diese Werke würden wirklich fehlen: von dem Gedicht „Die Barden von Wales” (Arany János) bis zu den Romanen von Wass – aber statt büßend für Vergangenheit und Zukunft (wie es im Text der ungarischen Hymne heißt) zu verharren, wäre es endlich besser, nicht an die Niederlagen und Selbstaufgabe, sondern an unser Bestehen zu denken, dafür zu arbeiten und unsere literarische Begabung lieber mit Hilfe von Liebesgedichten auszuleben.
MAGYARUL: https://vasarnap.hu/2026/01/11/ungvary-zsolt-mi-mar-tudjuk-milyen-az-orszagot-elvesziteni/
Deutsche Übersetzung von Dr. Gábor Bayor
Graf Albert Wass von Czege (1908-1998) war ein ungarischer Schriftsteller und Dichter aus Siebenbürgen, der nach dem Zweiten Weltkrieg im Exil lebte und schließlich in den Vereinigten Staaten ansiedelte. In seinen Werken schrieb er häufig über das Schicksal Siebenbürgens und der ungarischen Bevölkerung in Siebenbürgen. Die Einschätzung seiner Person ist bis heute umstritten, was zum Teil auf sein politisches Engagement für die Ungarn in Siebenbürgen und das in Rumänien gegen ihn ergangene Urteil wegen Kriegsverbrechen zurückzuführen ist.
Bild: Sein Grabmal in Marosvécs (heute: Brâncoveneşti), im Schlossgarten der Familie Kemény.