25. Mai 2026 European Conservative von Rafael Pinto Borges
Wie gewinnt man Wahlen, wenn man kulturell verloren hat? Für Brüssel war das im Falle Ungarns die Herausforderung. Jahrelang erwies sich der mittlerweile ehemalige ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán als ziemlicher Einzelgänger – an der Spitze eines winzigen, Binnenstaates mit nur 10 Millionen Einwohnern
war es ihm gelungen, sich nicht nur innenpolitisch zu behaupten, Wahl um Wahl zu gewinnen, eine „illiberale“ (oder besser gesagt: postliberale) Verfassung zu verabschieden und die Grenzen seines Landes vor dem von Brüssel gebilligten Migrationsansturm zu schützen.
Noch ungeheuerlicher und unerträglicher war, dass Orbán Ungarn zu einem gegenkulturellen Bollwerk konservativer Ideen und außenpolitischer Zurückhaltung machte und Nationalisten und Antiglobalisten anderswo im Westen eine bewährte Richtlinie für die Regierungsführung lieferte – nämlich wie man sich wirksam gegen die globalistisch-progressive Maschinerie wehrt, die in Europa unter dem EU-Label operiert.
Für die Brüsseler gab es nur ein Problem: Egal, zu welchen unfairen Mitteln sie auch immer bereit waren – von massiven Einflussnahmen über das riesige Netzwerk loyaler NGOs, die die Kommission in Budapest finanzierte, bis hin zum Einfrieren von Dutzenden Milliarden an Mitteln, die dem Staatshaushalt rechtmäßig zustanden –,
die Ungarn ließen sich einfach nicht davon überzeugen, für die Linke zu stimmen.
Lange Zeit lautete die Propagandanarrative in Europa, Orbán sei als politisches Projekt eine Anomalie: dass der konservative Nationalismus und der außenpolitische Realismus des Ministerpräsidenten allein Orbáns Sache seien; dass sein illiberaler Kurs im eigenen Land unpopulär, wenn nicht gar verpönt sei; und dass Budapests entschiedener Widerstand gegen den von der EU verordneten Migrationswahnsinn, den kriegerischen Abenteuergeist gegenüber Russland, die Ablehnung der ukrainischen EU-Mitgliedschaft und die Selbstsabotage in der Energiepolitik nicht wegen der Ungarn, sondern trotz ihnen stattfand.
Diese öffentliche Erzählung war für die Unaufmerksamsten gedacht und wurde von den Dummsten geglaubt, innerhalb und außerhalb des bürokratischen Apparats der EU. Doch zumindest die klügsten und versiertesten dieser Mandarine verstanden sehr wohl, dass diese Geschichten wenig bis gar nichts mit der Realität zu tun hatten. Was auch immer Orbáns Laster sein mochten, Realitätsferne gehörte nicht dazu; zumindest
in diesem Sinne war er ein echter „Populist“, da er in strikter Übereinstimmung mit dem Volkswillen regierte.
Zwar kämpfte Orbán mit allen Mitteln, um Ungarn vor der lächerlichen Politik der offenen Türen zu schützen, die Europa in den letzten 15 Jahren heimgesucht hat, und nahm dabei sogar die enorme finanzielle Belastung einer täglichen Geldstrafe von einer Million Euro in Kauf, die an die Kommission gezahlt wurde, um die illegalen Eindringlinge fernzuhalten. Dabei genoss er jedoch die überwältigende Unterstützung des ungarischen Volkes: 77 % der Wähler lehnten laut einer Umfrage aus dem Jahr 2023 die Migrantenquotenpläne der EU ab. Ebenso zeigten Umfragen aus dem Jahr 2019, dass 87,5 % der Ungarn gegen die Einwanderung von Nicht-Europäern waren. Dasselbe gilt für Orbáns Kriegspolitik: Im Jahr 2022 sprachen sich 80 % gegen Waffenlieferungen an Kiew aus. Selbst nach dem Sieg von Péter Magyar würden nur 27 % eine Aufhebung der Blockade der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine durch Budapest unterstützen, während 54 % entschieden dagegen sind. Mehr als die Hälfte der Ungarn (52 %) lehnt es zudem ab, auf russische Energieexporte zu verzichten.
Die Eurokraten wussten, dass sie Ungarn nicht zurückerobern konnten, indem sie dem Volk einen fröhlich-beschwingten SJW-Progressiven wie Spaniens Pedro Sánchez oder Kanadas ehemaligen Premierminister Pierre Trudeau oder einen abgestandenen Technokraten wie Deutschlands Friedrich Merz anboten. Keiner von denen würde es geben.
Was sie vielmehr brauchten, war jemand, der wie Orbán klang und wie Orbán auftrat – aber nichts mit Orbán zu tun hatte. Da sie die Argumente verloren hatten, war ihre einzige Hoffnung ein Orbán-Imitator.
Diese Person war Péter Magyar, ein Fidesz-Veteran, der keine Mühen scheute, sein Volk davon zu überzeugen, er sei Orbán 2.0 oder ein Orbán ohne all das, was die Menschen am Original satt hatten. Magyar positionierte sich daher in Fragen wie Einwanderung und russischem Öl klar zur Rechten. In Bezug auf die Ukraine sprach er sich gegen eine beschleunigte Aufnahme Kiews in die Union aus und hat Budapests Haltung in dieser Frage sogar an ein Volksreferendum geknüpft.
Das war kluge Politik – und sie verschaffte Magyar die von ihm ersehnte Supermehrheit. Seit den Wahlen in Ungarn am 12. April hat der neue Ministerpräsident jedoch bewiesen, dass seine Kritiker Recht hatten, indem er sich als Trojanischer-Pferd-Kandidat entpuppte. Immer wieder hatte er deutlich gemacht, dass für Ungarn eine Wiederholung des polnischen Szenarios bevorstehe, bei dem Donald Tusk – obwohl er die Parlamentswahlen 2023 verloren hatte – einen parlamentarischen Staatsstreich inszenierte, um sich selbst an die Macht zu bringen.
Anschließend ging Tusk mit zügellosem Autoritarismus daran, die Regierung und die Medien von konservativen Elementen zu säubern, und schickte sogar die Polizei hinter Journalisten her, mit denen er unzufrieden war.
Es ist nun klar, dass Magyar demselben Modell folgen wird, um in Ungarn ein autoritäres, EU-orientiertes und progressives Regime durchzusetzen. Wie Tusk in Polen hat er nun seine Entschlossenheit bekundet, das ungarische Staatsfernsehen zu schließen, und wirft diesem vor, Orbán nahestehend zu sein. In seiner ersten Rede als Ministerpräsident hat er deutlich gemacht, dass er „die Verbrechen der scheidenden Regierung bestrafen will„– eine Formulierung, die allgemein verurteilt würde, hätte ein neu antretender Rechtspolitiker sie in Bezug auf eine vorherige progressive Exekutive verwendet. Er beharrt auf seiner Forderung, dass der ungarische Präsident Tamás Sulyok, der während Orbáns Amtszeit rechtmäßig gewählt wurde und ein Verbündeter des ehemaligen Ministerpräsidenten ist, sein Amt niederlegt – ohne ersichtlichen Grund außer Magyars Streben nach totaler Kontrolle. Er ist entschlossen, jede Form von Opposition gegen seine Herrschaft zu zerschlagen, sei sie politischer oder kultureller Natur ; er will das Vermögen wichtiger konservativ ausgerichteter Thinktanks wie de Mathias CVorvinus Collegium enteignen.
Auch wenn kein Gericht in einem freien Land seinen autoritären Vorhaben zustimmen würde, ermöglicht Magyars Zweidrittelmehrheit im Parlament es ihm, den Nationalen Justizrat des Landes unter seine Kontrolle zu bringen und ihm so enormen Einfluss auf die Gerichte zu verschaffen.
Er wollte sogar seinen eigenen Schwager, Márton Melléthei-Barna, zum Justizminister ernennen lassen. Der einzige Grund, warum dies nicht geschah, war der öffentliche Aufschrei, den dies ausgelöst hatte.
Auch scheint er es leid zu sein, sich als Mitte-Rechts-Politiker auszugeben. Er nominierte eine linksradikale LGBT-Aktivistin, Judit Lannert, als Bildungsministerin. Unterdessen ist seine neue Außenministerin, Anita Orbán, eine fanatische Globalistin, die sich voll und ganz der Aushöhlung der ungarischen Unabhängigkeit und der Übernahme der Standpunkte der Europäischen Kommission verschrieben hat. Die Versprechen seiner Regierung hinsichtlich einer strengen Grenzkontrolle bröckeln ziemlich schnell – Anita Orbán spricht ich nun öffentlich dafür aus, dass sich Ungarn dem EU-Migrationspakt unterwirft, was eine vollständige Kapitulation in der Migrationsfrage signalisiert. Da Ursula von der Leyens Intrigen, dem ungarischen Volk ihren Willen aufzuzwingen, erfolgreich waren, überrascht es kaum, dass die EU-Flagge nun zum ersten Mal seit Jahren im wunderschönen ungarischen Parlamentsgebäude gehisst wurde und die EU-Hymne während Magyars Amtseinführung gesungen wurde.
Diese ungerechtfertigte Beleidigung Ungarns hatte den Beigeschmack von 1956.
Damals wie heute wurde ein patriotischer Aufstand der Ungarn durch die Machenschaften eines ausländischen Imperiums niedergeschlagen; damals wie heute schien die rohe Gewalt zu triumphieren.
Doch das war nicht der Fall. So unverhohlen autoritär und EU-orientiert – also unungarisch – das neue Regime auch erscheinen mag, der Betrug, auf den sich Magyar stützte, um die Wahl zu gewinnen, bröckelt rasch.
Viele, die auf die Lüge hereingefallen sind, öffnen nun die Augen, und eine Neuordnung der ungarischen konservativen Bewegung ist im Gange.
Der ungarischen Rechten mangelt es nicht an talentierten Führern, die bereit sind, zurückzuschlagen. Schreiben Sie Ungarn noch nicht ab.
Rafael Pinto Borges ist Gründer und Vorsitzender von Nova Portugalidade, einem in Lissabon ansässigen, konservativen und patriotisch gesinnten Think Tank. Als Politikwissenschaftler und Historiker hat er in zahlreichen nationalen und internationalen Publikationen veröffentlicht. Sie finden ihn auf X unter @rpintoborges.
Originalerscheinung: https://europeanconservative.com/articles/commentary/trojan-horse-the-shape-shifting-politics-of-peter-magyar/
Bildquelle: Magyar Nemzet