„Wir sind seit tausend Jahren hier und auch in tausend Jahren werden wir hier sein“

Die ungarische Staatspräsidentin, Katalin Novák hat zum Tag der Einheit von evangelisch-reformierten Kirche in Siebenbürgen – am 21. Mai 2022 – eine Festrede bei der Enthüllung der Statue Gábor Bethlens in Gyulafehérvár, sowie an der Anweihung der von außen wie innen erneuerten evangelisch-reformierten Kirche in Magyarlapád im Komitat Fehér gehalten.

Verehrte Feiernde!

Wir sind hier, weil Gábor Bethlen uns nicht loslässt. Wir lassen Gábor Bethlen ebenfalls nicht los. Den Mann, der hier in Siebenbürgen zu seiner Zeit etwas Unvergängliches geschaffen hat, als andere verwüsteten, Kriege führten und wegnahmen, was anderen gehörte.

Seither sind vierhundert Jahre vergangen, aber dieser evangelisch-reformierte Fürst überwältigt uns und er nimmt uns auch heute noch in die Pflicht. Er nimmt uns in die Pflicht, dass auch wir weiter bauen sollen. Wir sollen Gebäuden errichten aus Ziegelsteinen und Mörtel, und wir sollen aus dem Wort und Glauben geistige Bastionen erbauen. Diese beiden zusammen: die Materie und der Geist, der Körper und die Seele – das ist Kirche.

Gestern begingen wir hier in Süd-Siebenbürgen in zehn Kirchen ein Freudenfest. Wir freuten uns übereinander, wir freuten uns darüber, dass wir auf ein solches Jahrzehnt zurückblicken konnten, in dem die Zusammenarbeit des Mutterlandes und der hier lebenden ungarischen Gemeinden, der evangelisch-reformierten, katholischen, evangelisch-lutherischen und unitarischen Christen, ein Zeitalter von einer schon lange nicht mehr erlebten Bauphase hervorbrachte.  

Ein Dank an diejenigen, die bei diesem Bauen mithelfen. Ein Dank an diejenigen, die verstehen und verinnerlichen, dass

das Verbleiben der ungarischen Gemeinden in Siebenbürgen, in ihrer Heimat, das Gedeihen der außerhalb unserer Grenzen verwurzelten ungarischen Gemeinden so ein gemeinsamer Wert und so ein gemeinsames Interesse ist, der bzw. das nie gegen andere gerichtet ist.

Gábor Bethlen nimmt uns in die Pflicht, dass wir aus dem Glauben, mit dem Glauben und wegen der Erhaltung unseres Glaubens bauen sollen. Ohne das Vertrauen in die göttliche Vorsehung wäre das Lebenswerk von Bethlen unerklärbar und nicht zu begreifen. Wie später die Sänger der Kurucenzeit besungen haben: tat er all das „zwischen zwei Heiden für ein Vaterland“.   

Wie kann man bauen dann, wenn auf der einen Seite die Türken und Tataren zerstören, auf der anderen Seite die Österreicher und die Deutschen einen bedrängen und dazwischen auch noch eine innere Zerrissenheit das Land bedroht?

Nur mit Hilfe des Glaubens. Dieser Glaube ist der Trotz-Glaube. Nach menschlichen Maßstäben gab es keine Hoffnung, die Zukunft schien aussichtslos, das Beste wäre gewesen, die Flucht zu ergreifen, aber dieser Trotz-Glaube gab Kraft denjenigen, die im Gebiet von Siebenbürgen nicht nur verblieben, sondern hier auch Kinder zur Welt brachten, Schulen gründeten, lehrten, predigten, die Felder bestellten und wenn es nötig war, zur Waffe griffen.

Auf diesem Flecken Erde ist die gemeinsame Leistung der Gemeinden, der namenlosen, tätigen Menschen und der großen Persönlichkeiten die Bewahrung der Existenz und ihr Wachstum. Der Glaube der Menschen in Siebenbürgen ist ebenfalls der Trotz-Glaube.

Die Ungarn in Siebenbürgen sind nicht nur Ungarn, sondern trotz all dem Ungarn. Im Inneren ihres Herzens wissen sie, dass sie das Wachstum des Mutterlandes und ihrer Heimat nur dann wirklich voranbringen, wenn sie ihre geliebte Muttersprache behüten, ihre von unseren Ahnen ererbten Sitten, Trachten und Stolz bewahren und weitergeben.

Nur dann können sie bei der Bereicherung des Ungartums und des Staates Rumäniens eine Rolle spielen, wenn sie ihre eigene Identität beschützen.

Gábor Bethlen lässt uns deshalb nicht los und wir können ihn deshalb nicht loslassen, weil wir in ihm den Ungarn verehren, den nicht sein Reichtum, seine großformatige Überlegenheit, seine geschichtlichen Vorrechte dafür tauglich gemacht haben, dass er über seinem Volk regiert und es leitet, sondern weil er von oben die Weisheit und jene Unnachgiebigkeit erhielt, dass er um die Erhaltung von Siebenbürgen mit jedem verhandelte, wenn es nötig war, sich jedem widersetzte, wenn es jedoch angebracht erschien, sich mit jedem verständigte.

Und das diente jederzeit der Bewahrung, der Sicherheit und der Erhöhung der Seinigen. Das war die Politik Bethlens, im positiven Sinn des Wortes. Der Dienst am Gemeinwohl, am Wohl des Ungartums.

Deshalb lassen wir ihn nicht los. Denn das ist auch unsere Angelegenheit. Verhandeln, versuchen Verbündete zu finden, Türen zu öffnen, damit die Ungarn ein besseres und schöneres Leben haben können. Und auch diejenigen, die bereit sind, mit uns zusammenzuarbeiten und mit uns Bündnisse zu schließen, sollen davon profitieren.

Darin liegt die Zukunft Mitteleuropas.

Wir suchen Bündnispartner, damit wir einen mit Waffen ausgefochten Krieg vermeiden können, und auch gegen die ideologisch geführte Kriegsführung, die die gottgewollte Ordnung auf den Kopf stellen möchte, dass wir die Familie als Familie bewahren können, den Mann als Mann und die Frau als Frau und dass die Nation der natürliche Lebensraum für unser Zusammenleben bleibt.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Der heutige Tag ist ein Freudenfest, weil wir für all das, was auf diesem Flecken Erde erbaut wurde, erhalten blieb und erneuert werden konnte, dankbar sein können. Wir können Dank sagen für einander, für unseren Zusammenhalt, für unsere mit uns feiernden Kinder und Enkelkinder. Ich bin auch eine stolze Mutter des gerade sein Abitur abgelegten 18-jährigen jungen Mannes, der heute bei uns ist, und ich vertraue darauf, dass er sich einreiht bei denen, die von der Kultur und Geschichte Siebenbürgens, von dem Glauben, Lebenswillen und von der Gastfreundschaft der hier lebenden ergriffen werden. Er wird auch die Nabelschnur stärken, die uns nicht nur miteinander, sondern auch mit unserer gemeinsamen Zukunft verbindet.

Die Nabelschnur, die zwischen dem Mutterland und den von ihm getrennten Ungarn nie zerschnitten wird, und wir werden auch nie zulassen, diese zu zerschneiden!

Nicht nur das goldene Zeitalter Gábor Bethlens lässt uns nicht los, sondern auch wir lassen einander nicht los. Wir laden einander ein, wir besuchen einander, wir teilen unser Leid und Freud miteinander. Ich bin glücklich, heute hier zu sein und dass ich ein Teil dieser Volksgemeinschaft sein darf.

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In dem Siebenbürger Kirchenbezirk wurden in Vorbereitung zum Tag der ungarischen evangelisch-reformierten Einheit gleichzeitig zehn renovierte Kirchen am Freitag geweiht: in Csombord (Ciumbrud), Magyarlapád (Lopadea Noua), Székelykocsárd (Lunca Muresului), Gyulafehérvár (Alba Julia), Alvinc (Vintu de Jos), Marosszentimre (Santimbru), Szászváros (Orastie), Kéménd (Chimindia), Algyógy (Geoagiu), Magyarigen (Ighiu) und Boroskrakkó (Cricau).

Zusammenfassung über den Besuch der Staatspräsidentin in Siebenbürgen

Magyarlapád (Lopadea Noua) ist eine historische Gemeinde, die vor fast tausend Jahren das erste Mal schriftlich erwähnt wurde und als Besitz der Königin Gisella, der Frau unseres ersten heiligen Königs, vom Heiligen Stephan aufgeführt war. Die festliche Weihe dieser über die Grenzen hinaus bedeutenden evangelisch-reformierten Denkmalkirche sendet uns die Hauptbotschaft und beabsichtigt zu verkünden,

dass sich die ungarischen Gemeinden im ganzen Karpatenbecken und auch hier in Siebenbürgen weiterentwickeln bzw. aufeinander Acht geben.

Der feierliche Gottesdienst vermittelt jenen echten Wert, dass wir erfahren können: niemand von uns bleibt allein.

Während der kirchlichen Feierlichkeiten erhielt auch Katalin Novák, die Staatspräsidentin Ungarns das Wort.

„Es fühlt sich gut an, hier und heute als Ungar, als evangelisch-reformierter Christ anwesend zu sein. Dass wir uns hier in Magyarlapád einander als Schwester und Bruder nennen können, ist gar nicht so selbstverständlich. Dass wir das in der ungarischen Sprache tun können, erscheint nur vielleicht uns als selbstverständlich. Wenn wir sagen der vom Gott gegebene Friede, dann sollten wir daran denken, dass es nicht überall der Friede herrscht, es herrscht Krieg in unserer Nachbarschaft, und dieser Friede ist nicht nur ein Bestandteil unseres alltäglichen Lebens, an dem wir uns gewöhnt haben, sondern dieser Friede könnte auch das Ende des Krieges herbeiführen.“

„Dass wir an zehn verschiedenen Orten Kirchen weihen können, ist ebenfalls nicht selbstverständlich. Es ist kein Zufall, dass man in einem Krieg zuerst mit der Zerstörung der Kirchen beginnt, diese werden zuerst vernichtet, gerade deshalb, weil man weiß, dass die Gemeindebildung in den Kirchen anfängt.

Wir, die Kirchen überall im ganzen Karpatenbecken erbauen und erneuern, machen das deswegen, weil mit dem Bau der Kirchen die Bestärkung der Gemeinden beginnt.“

– sagte die Staatspräsidentin.

Katalin Novák beleuchtete, dass man zwar weiß, aber nicht richtig fühlen kann, „wie schwer das Leben hier ist“, wie schwer es ist, hier ein Ungar zu sein, aber damit, dass man die Kirche hier in Magyarlapád und an den anderen neun Standorten weiht,

will man die Botschaft senden, dass wir seit tausend Jahren hier sind und auch in tausend Jahren hier sein werden.“

Die Staatspräsidentin stiftete der Kirche ein die evangelisch-reformierte Einheit symbolisierendes, durch einen Tischler in Budapest gefertigtes Calvin-Kreuz und bat die Teilnehmenden, dass sie die Verantwortung dieses Tages verspüren und die Kirche mit Leben füllen sollen. Wie sie sagte, die Kirchen sind nicht deshalb erneuert worden, dass wir sie bewundern, sondern damit wir diese Plätze mit Leben füllen.

Die vollständige Erneuerung der Kirche in Magyarlapád wurde von der Regierung Ungarns mit 4,28 Lei (ca. 900 000 €) finanziert.     

Deutsche Übersetzung von Dr. Gábor Bayor

A gyulafehérvári beszéd MAGYARUL: https://www.sandorpalota.hu/hu/unnepi-beszed-bethlen-gabor-szobranak-leleplezese-alkalmabol

1 thought on “„Wir sind seit tausend Jahren hier und auch in tausend Jahren werden wir hier sein“”

  1. Was für eine kluge und begeisternde Rede! Und was für ein Mensch ist diese junge Frau, unser Staatspräsident! Ein Politiker im ursprünglichen, wahren Sinne des Wortes, wie es Graf Gábor Bethlen war, über den sie redet. Ein Mensch für das Gemeinwohl und für das Beste der von ihm betreuten Leute. Und gleichermaßen so ist bereits auch diese großartige junge Staatspräsidentin, mit Klugheit, von Natur gegebener Würde und einer Herzenswärme, die sie unvergesslich macht. Nehmen Sie sich einmal die Zeit und verfolgen Sie wie Katalin Novák das schöne Gedicht von László Mécs, „Die drei Kummer des Kronprinzen“ vorträgt. Dieses Talent ist natürlich kein Zufall. Sie hat doch ihren Vater, von dem sie das Rezitieren lernte. Denn Katalin Novak kommt aus einer hervorragenden Familie, die man sich nur wünschen kann. Kein Wunder, dass sie und ihr Mann ebenfalls drei prächtige Kinder erziehen.

    Ich bin gerührt und ergriffen davon, wie sie ist. Und überzeugt, dass sie ihren gewinnenden Charakter auch in ihrer hohen Stellung beibehalten wird. – Übrigens ist sie damit nicht allein. Wenn wir die Riege unserer leitenden Leute anschauen und den Einklang zwischen dem, was sie sagen und was sie tun wahrnehmen, so können wir zuversichtlich sein. Dieser verfluchte Orbán macht doch einiges recht gut, wenn er solche fähigen Leute für sich gewinnen kann. Sie können jung oder alt sein, Frauen oder Männer, Christen oder Andersgläubige: Sie sind einig in der Vaterlandsliebe und der Bestrebung, für uns, ihre Landsleute das Beste zu tun.

    Nun gut. Der mich schon lange kennt, weiß ja, dass ich auf meine Heimat und Nation stolz bin. Und nach einem fünfunddreißigjährigen Aufenthalt in Deutschland sage ich immer wieder, dass ich mich glücklich schätze, ein Ungar zu sein.

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