Ungarn und Serben schreiben eine neue Seite ihrer gemeinsamen Zukunft

Die im Stil der ungarischen Sezession errichtete Synagoge in Szabadka [serb. Subotica, AdÜ.], renoviert mit Mitteln der ungarischen öffentlichen Hand

12. September 2021 Magyar Nemzet von BALÁZS ORBÁN

Auch wenn es nur wenige wissen, befindet sich eines der ältesten architektonischen Denkmäler der serbisch-magyarischen Beziehungen auf der heute unter dem Namen Csepel (serb. Острво Чепел, AdÜ) bekannten Donauinsel. Die Kirche des Klosters Ráckeve (serb. Ковин, AdÜ) ist eines unserer gut erhaltenen gotischen Bauwerke, das seit 1440 von der serbisch-orthodoxen Kirche genutzt wird. Sie wurde von Wladislaus I. von Ungarn (1434-1444) an die serbischen Gemeinden verschenkt, die sich auf der Flucht vor den türkischen Armeen, die die Regionen entlang der unteren Donau verwüsteten, in dieser Gegend niederließen.

Die Tatsache, dass hier, im Herzen Ungarns, während der sechs Jahrhunderte, die seither vergangen sind, trotz aller historischen Rückschläge und aller Schwierigkeiten, die dieses Land durchgemacht hat, eine serbisch-orthodoxe Pfarrgemeinde ohne Unterbrechung weiter funktioniert hat, enthält für uns mehrere Botschaften von großer Bedeutung.

Erstens lehrt es uns, dass Ungarn keine Dozenten von Außen braucht, um ein friedliches Zusammenleben zwischen den Volksgruppen und Religionen auf Dauer zu gewährleisten – obwohl niemand in den vergangenen Jahrhunderten das Bedürfnis hatte, dieses friedliche Zusammenleben mit „Multikulturalismus“ zu bezeichnen.

Eine weitere wichtige Lektion ist, dass die Geschichte der serbisch-magyarischen Beziehungen reich an einer langen Tradition der gegenseitigen Unterstützung angesichts existenzieller Gefahren wie der osmanischen Eroberung Südosteuropas ist. Diese Botschaft ist heute hochaktuell, da unsere Länder von so ernsten Herausforderungen wie der Coronavirus-Epidemie und der Gefahr der Masseneinwanderung bedroht sind. Letzteres ist natürlich anders geartet als das, mit dem Ungarn und Serben vor sechshundert Jahren konfrontiert waren, aber es stellt ebenfalls ein ernstes Sicherheitsrisiko dar und kommt – wie damals – aus dem Südosten zu uns.

Wenn es so wichtig ist, auf diese Episoden der gegenseitigen Hilfe zurückzukommen, dann auch deshalb, weil die gemeinsame Geschichte unserer beiden Völker nicht immer frei von Konflikten, ja sogar von schweren Konflikten war. Leider enthält diese Geschichte der serbisch-magyarischen Koexistenz auch einige blutige Kapitel. Zwischen dem 16. und dem 20. Jahrhundert erinnern wir uns an mehrere schwere ethnische Konflikte, die unsere Beziehungen nachhaltig beeinflusst haben. Die Massaker in den ungarischen Siedlungen der Woiwodina während des Nationalen Befreiungskriegs 1848/49 haben sich ebenso unauslöschlich in das nationale Gedächtnis eingeprägt wie die Gräueltaten der Ungarn in der Woiwodina während des Zweiten Weltkriegs und die Kollektivstrafen in den ungarischen Dörfern am Ende jenes Krieges.

Es wäre aber auch falsch zu vergessen, dass

diese Konflikte in den meisten Fällen das Ergebnis der Bemühungen der einen oder anderen Großmacht waren, unsere Region unter ihren Einfluss zu bringen –

ob es nun die Habsburger waren, die ihre dynastischen Interessen durch das Schüren ethnischer Konflikte durchzusetzen suchten, oder die Großmächte, die den Krieg in der Region sponserten, oder die Großmächte, die die Kleine Entente als Gegenbündnis gegen Deutschland förderten, auch wenn dies bedeutete, die ethnischen Widersprüche der Region skrupellos zu entfachen, und zu keinem anderen Zweck als der Verfolgung dessen, was sie damals als ihre strategischen Interessen betrachteten. Dieser künstlich geschürte Hass wurde später vom nationalsozialistischen Deutschland ausgenutzt, als es die Völker der Region gegeneinander aufhetzte, um dessen Eroberungsvorhaben voranzutreiben. Die tragische Tat des ungarischen Ministerpräsidenten Pál Teleki (1879-1941) im Frühjahr 1941, der aus Protest gegen den Einmarsch in unser südliches Nachbarland Selbstmord beging, war eine Reaktion auf dieses Vorhaben.

Wenn es eine Lehre gibt, die wir aus all dem für die Zukunft gezogen haben, dann die,

dass wir nicht zulassen dürfen, dass fremde Mächte die Angelegenheiten unserer Region regeln.

Jedes Mal, wenn dies geschah, waren es die Menschen, die hier leben – wir Ungarn, die Serben und andere –, die unter den Folgen zu leiden hatten.

Das Gleiche gilt für eines der wichtigsten Themen der aktuellen mitteleuropäischen Politik: die EU-Erweiterung um die westlichen Balkanstaaten. Obwohl die Integration Serbiens für alle Mitgliedstaaten – nicht nur für Ungarn bzw. für Ungarn und Slowenien – eine zentrale Sicherheitsfrage darstellt, scheinen die westlichen Großmächte nicht bereit zu sein, die strategische Bedeutung dieses Beitritts anzuerkennen.

Wie der serbische Präsident Aleksandar Vučić auf dem Europäischen Strategischen Forum in Bled sagte: Auch wenn die EU nach dem Brexit expandieren muss, neigt sie dazu, sich zu isolieren und den globalen Kontext, in den sie eingebettet ist, nicht zu verstehen. Doch auch die akute Migrationskrise, die nach den jüngsten Ereignissen in Afghanistan zu erwarten ist, sollte die EU dringend dazu veranlassen, ihre strategische Zusammenarbeit mit den Ländern des westlichen Balkans und insbesondere mit dem Schlüsselland der Region, Serbien, zu vertiefen, da es an der Außengrenze des Schengen-Raums liegt.

Wie Ministerpräsident Viktor Orbán auf dem Regierungsgipfel in Budapest sagte, wäre es gerade unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit Deutschlands und der anderen westeuropäischen Staaten am wichtigsten, mit Serbien bei der Verteidigung der Außengrenzen zusammenzuarbeiten.

Für die große Mehrheit der Migranten sind diese Länder die Zielländer, nicht Ungarn oder Serbien. Und doch scheint es, dass die Verteidigung der europäischen Grenzen wieder einmal den Ungarn und Serben zufallen wird.

Wie in der Vergangenheit wollen wir auch diesmal unsere Pflicht erfüllen. Und das, obwohl wir – wie der ungarische Regierungschef betonte – auf uns allein gestellt sind und uns nur auf uns selbst verlassen können.

Die ungarische Regierung hat ihr Engagement für den Beitritt unseres südlichen Nachbarn und für den Wiederaufbau unserer bilateralen Beziehungen immer wieder und bei vielen Gelegenheiten betont. Unter diesem Gesichtspunkt hat Ungarn 2011 einen ersten Schritt unternommen, indem es die Erweiterung um die westlichen Balkanstaaten als eine der Prioritäten des ungarischen EU-Ratsvorsitzes behandelt hat. Wie es der Zufall wollte, hatte Serbien zu diesem Zeitpunkt bereits das Hindernis beseitigt, das die aus unserer Sicht diskriminierenden Elemente des serbischen Gesetzes über die Rückgabe konfiszierten Eigentums für die ungarischsprachige Minderheit darstellten.

Was diese Wende in den serbisch-magyarischen Beziehungen betrifft, so sprechen die Ergebnisse der letzten Jahre für sich. Der derzeitige Regierungsgipfel ist bereits ein gut funktionierendes Forum für diese Zusammenarbeit, die ohne Übertreibung als Erfolg bezeichnet werden kann.

Die Welt hat sich verändert seit dem Tag im Sommer 2013, als die Präsidenten der ungarischen und der serbischen Republik gemeinsam das Denkmal für die ungarischen und serbischen zivilen Opfer des Zweiten Weltkriegs im Dorf Csúrog (serb. Čurug, AdÜ) in der Woiwodina schmückten.

Und diese Zusammenarbeit beschränkt sich bei weitem nicht nur auf die Realisierung gemeinsamer Infrastrukturprojekte wie die Eisenbahnlinie Budapest-Belgrad oder die Gaspipeline, die über Serbien nach Ungarn führt.

Das Handelsvolumen zwischen unseren beiden Ländern ist von 2014 bis 2019 um 50 % gestiegen – ein Wachstum, das nicht einmal durch die Epidemie gestoppt werden konnte. Ungarn ist derzeit der drittgrößte ausländische Investor in Serbien, nach den Niederlanden und Russland. Und 2016 startete die ungarische Regierung ihr Wirtschaftsentwicklungsprogramm für die Woiwodina, das darauf abzielt, durch die Entwicklung von Unternehmen in der Woiwodina Arbeitsplätze und Lieferketten zu schaffen und damit – indirekt – den Trend zur Abwanderung der lokalen ungarischen Minderheit zu bremsen.

Im Bereich der symbolischen Gesten war es wohl die Renovierung der im Stil der ungarischen Sezession errichteten Synagoge in Szabadka [serb. Subotica, AdÜ.] mit Mitteln der ungarischen öffentlichen Hand, die am eindrucksvollsten gezeigt hat, dass unsere beiden Länder zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit im Interesse der Bewahrung unseres gemeinsamen kulturellen Erbes fähig sind. Wie der ungarische Ministerpräsident bei der Eröffnungszeremonie zusammen mit dem serbischen Präsidenten Vučić sagte:

Die Tür, die die Vergangenheit für uns öffnet, öffnet sich für eine gemeinsame Zukunft“, die „Ungarn und Serben mit vier Händen schreiben werden“.

Neben der Dynamik in der Privatwirtschaft macht auch die Stimmung in der Bevölkerung deutlich, dass diese radikale Verbesserung unserer Beziehungen mehr ist als nur ein Schlagwort in Regierungskreisen. Man kann sagen, dass die Ungarn in Serbien in der Vergangenheit noch nie so friedlich mit der ethnischen Mehrheit im Land zusammengelebt haben, und dass dies auch für die Serben in Ungarn gilt. Schließlich zeigt eine kürzlich veröffentlichte Umfrage des CEPER-Instituts, dass die Meinung der Serben über Ungarn derzeit als sehr positiv angesehen werden kann – obwohl es offensichtlich ist, dass die derzeitige Harmonie zwischen den Regierenden der beiden Länder eine Rolle bei dieser positiven Entwicklung spielen muss.

Es ist vielleicht nicht übertrieben zu sagen, dass der ungarische und der serbische Staat nach einer jahrhundertelangen, oft alles andere als heiteren Geschichte nun eine noch nie dagewesene historische Chance haben, ihre Geschichte – sowohl getrennt als auch gemeinsam – erfolgreich zu gestalten. Wir tun unsererseits unser Möglichstes, um diese Chance zu nutzen.

Autor, Dr. Balázs Orbán ist Politischer Leiter im ungarischen Ministerpräsidentamt

Der Beitrag erschien zuerst in Magyar Nemzet: https://magyarnemzet.hu/german/2021/09/fortsetzung-einer-erfolgsgeschichte

1 thought on “Ungarn und Serben schreiben eine neue Seite ihrer gemeinsamen Zukunft”

  1. Es wird höchste Zeit, daß sich die Granden der EU an Ungarn ein Beispiel nehmen und Serbien nicht länger als den Hort des Bösen in Europa diffamieren, sondern endlich die Einrichtung ersprießlicher Beziehungen ermöglichen. Mir ist noch immer in sehr unguter Erinnerung, welch ressentimentgeladenen Wirbel unsere deutschen Medien als Sprachrohr der dem linksgrünen Mainstream ergebenst dienenden “Kulturschaffenden” um die Verleihung des Literaturnobelpreises an Herrn Handke machten, der sich öffentlich weigert, Serben als die Parias der westlichen Welt zu behandeln. Dem muß endlich gegengesteuert werden. Gut, daß Ungarn da vorangeht!

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