Prinz Charles in Siebenbürgen

20. Juni 2022, Tichys Einblick von BORIS KÁLNOKY

Erstmals seit der Covid-Pandemie reiste Prinz Charles wieder nach Siebenbürgen, ein Ort der ihm besonders am Herzen liegt. „Ich fühle hier eine Kontinuität“, sagt er, „einen Jahrhunderte alten Kreislauf in dem Mensch und Natur im Gleichgewicht sind.“

Es ist ein perfekter Tag im kleinen siebenbürgischen Dorf Miclosoara, oder, wie die ungarischen Einheimischen es kennen, Miklósvár. Ein leichter Wind weht, ein wenig Regen ist gefallen, aber jetzt ist die Sonne da. „Schaut!“, ruft jemand und zeigt mit dem Finger in die Luft. Ein seltener Anblick: Über den moosbewachsenen Dächern jagt ein wütender Eichelhäher einen Storch davon. Die Störche sind schon seit Wochen zurück aus ihrem afrikanischen Winterquartier. Manche bauen noch an ihren Nestern, aber die meisten haben schon Junge, die gefüttert werden müssen.

Prince Charles sieht hin, und schaut sich dann um. Der Vogel verteidigt vielleicht sein eigenes Küken, meint er. Und tatsächlich, ein paar Meter weiter auf dem staubigen Pfad sucht ein Eichelhäher-Küken unbeholfen nach Schutz. Der Prinz beugt sich nieder und stubst es sanft in die relative Sicherheit wuchernder Blumen am Straßenrand. Jetzt richtet er den Blick in die Höhe. „Das Nest muss hier irgendwo sein“, sagt er. Bald ist es gefunden, direkt darüber, unter einem Dach.

Drei Jahre sind vergangen, seit Charles zuletzt Siebenbürgen besuchte, ein Ort der ihm besonders am Herzen liegt. Meistens kommt er im Mai, Jahr für Jahr. Die Covid-Pandemie verhinderte das vorübergehend. Aber jetzt ist er endlich wieder da, wie üblich mit einer kleinen Gruppe von Freunden (und wachsamen britischen und rumänischen Sicherheitsbeamten, die hinter den Rändern ihrer Sonnenbrillen Ausschau halten nach potenziellen Störern und Gefahren).

Was ist es nur, das er hier so schätzt? Er ist zitiert worden mit der Bemerkung, seine Liebe zu Siebenbürgen liege „in meinem Blut“.

Die Ur-Urgroßmutter von Königin Elisabeth war Gräfin Klaudia Rhédey, eine ungarische Siebenbürgerin. Aber wenn man ihn fragt, sind es die Menschen und die Natur, die es ihm angetan haben. „Es gibt hier ein Gefühl Jahrhunderte alter Kontinuität“, sagt er. „Ein Kreislauf der Tugend, wo Mensch und Natur im Einklang sind.“

Der Prinz besitzt ein Häuschen im winzigen Weiler Zalánpatak, am Fuße der Karpaten. Da wohnt er, wenn er im Land ist. „Es muss ein Bär in der Nähe gewesen sein gestern Nacht“, sagt er. „Die Hunde wollten einfach nicht aufhören zu bellen.“ „Es ist gut, wieder da zu sein“, sagt er – nach den langen Covid-Jahren, in denen er nicht reisen konnte. „Jetzt kann ich sehen, wie schön die Apfelbäume gewachsen sind, die ich letztes Mal gepflanzt habe.“

Der Transparenz halber: Wenn Prinz Charles in Siebenbürgen (Erdély) weilt (eine Region in Rumänien) besucht er meistens Graf Tibor Kálnoky, meinen Bruder. Auch an diesem friedlichen Sonntag ist es Tibor, mit dem Charles durch Miklósvár spaziert. Manches hat sich geändert seit seinem letzten Besuch, und er will gerne sehen, was es Neues gibt.

Er beobachtet Handwerksmeister bei der Arbeit – ein Tischler schnitzt an einem kopjafa. Das Wort übersetzt man vielleicht am besten mit „Totempfahl“. Solche Pfähle pflanzen die Menschen hier oft auf die Gräber ihrer Angehörigen, statt Kreuze oder Grabsteine. Die Tradition geht auf vorchristliche Zeiten zurück. Ein kopjafa ist ein hölzerner Balken mit sorgfältig geschnitzten Symbolen, die das Leben des Verstorbenen erzählen.

Die Menschen, die hier leben, sind Ungarn, aber von einer besondern Sorte, die sich „Székler“ nennen. Das Széklerland ist jener Teil von Siebenbürgen, den Charles so sehr liebt.

Während der Prinz zuschaut, erklärt ihm der Tischler, was die Symbole auf dem Totempfahl bedeuten. Eine Tulpe an der Spitze – es geht um eine Frau. Darunter ein diagonales Kreuz – sie hatte Kinder. Andere Symbole besagen dass sie verheiratet und aus bescheidenem Hause war. Es steht alles auf dem kopjafa für jene, die es lesen können.

Bei einem früheren Besuch in Miklósvár, vor einigen Jahren, wurde ein Theaterstück zu Pferde aufgeführt für Charles und seine Entourage, von örtlichen Roma-Kindern, im Garten des Schlosses. (Das Schloss gehörte einst den Kálnokys und ist jetzt ein Museum). Die Frau meines Bruders, Anna hatte es inszeniert, und hatte spontan Charles’ Sicherheitschef in das Stück hineingeschrieben. Er genoss seine Rolle sichtlich.

„Warum hat der Zigeuner das Pferd des Bauern geklaut?“, lautete der nach westlichen Standards nicht ganz politisch korrekte Titel (aber bei uns in Siebenbürgen nennen sich die meisten Roma selbst so, mit Stolz). Die Antwort – nach vielen Saltos, Galoppeinlagen und drolligen Komplikationen – lautete: „Weil er Lust hatte zu reiten“.
Am Ende sprangen die Kinder von den Pferden und rannten trillernd auf die königlichen Gäste zu, die das Geschehen von ihren Gartenstühlen aus beobachteten, packten sie bei den Händen und zogen sie aufs Gras, um zu tanzen.

Und so nahm der Prinz seinen Platz ein in einem traditionellen siebenbürgischen Kreistanz, wobei alle einander an den Händen halten und sich in Schrittmustern bewegen, die einfach aussehen aber gar nicht so einfach sind.

(Das Theaterstück war Teil eines karitativen Projekts zur Förderung der Roma).

War Charles überrascht? Hatte man ihm gesagt, was ihn erwartete? „Nein“, lächelt er, „und es passiert mir immer wieder. Gerade gestern gab es eine Volkstanz-Vorstellung und am Ende haben sie wieder dasselbe mit mir gemacht. Mit 73 wird es allmählich zur Herausforderung.“

Zurück zum Schloss, dort wimmelt es heute im Garten von Kindern und ihren Verwandten. Es ist Sonntag, und an diesem speziellen Sonntag feiert eine hiesige Familie mit ihren Gästen und Angehörigen die Erstkommunion ihres Kindes. Bald wird ein Essen für sie serviert in den Gewölben des Schloßkellers.

Wie Charles und seine kleine Schar durch den Park spazieren, fühlt es sich an wie eine Illustration seiner Worte vom Szeklerland als einer Welt im Gleichgewicht.

Die Einheimischen schauen hin, aber benehmen sich eigentlich, als wäre der Prinz jeden Tag hier – nichts Besonderes.

Man drängt sich nicht, ihn zu fotografieren, kein Gewinke, keine Zurufe. Freundliches Lächeln auf den Gesichtern, hier und da ein höfliches „Jó napot kívánok!“ („Ich wünsche einen guten Tag“), wie die Menschen hier einander grüßen, so oft sie einander begegnen.

Quelle: https://www.tichyseinblick.de/kolumnen/aus-aller-welt/prinz-charles-siebenbuergen/

MAGYARUL: https://corvinak.hu/itthon/2020/11/25/karoly-herceg-es-az-erdelyi-magyarok?

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