„Im Karpatenbogen: Ungarn und die Diaspora der Magyaren”

21. Oktober, 2021 Budapester Zeitung, Buchrezension von ZOLTÁN KÁNTOR

Es gibt kaum anderer deutscher Journalist, der seit der Wende so große Aufmerksamkeit dem Schicksal der ungarischen Minderheiten in den Nachbarländern Ungarns gewidmet hat, als Reinhard Olt. Olt hat Osteuropäische Geschichte und Politikwissenschaft studiert und er hat sich mit dem Schicksal der Minderheiten vor allem in Bezug auf die „Friedensverträge“ nach dem ersten Weltkrieg auseinandergesetzt.

Der ehemalige FAZ-Journalist schrieb zahlreiche Berichte, Reportagen, Analysen und Kommentaren zu nationalitätenpolitischen Gegebenheiten, auch über die Auslandsungarn, welche in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht wurden. Aus seinen gesammelten Artikeln wurde ein Buch zusammengestellt, welches dank der Stiftung Pro Minoritate neben der originalen deutschen Sprache auch auf Ungarisch erschien.

Ziel des Buches soll sein, in deutschsprachigen Ländern Kenntnisse über und Verständnis für nationale Minderheiten im Allgemeinen und ungarische Minderheiten im Besonderen zu wecken und zu fördern.

Viele Buchautoren behaupten, mit ihren Büchern eine Marktlücke zu füllen – für dieses Buch gilt das aber besonders. Die chronologisch angeordnete Artikelsammlung (von denen einige auch als wissenschaftliche Studien betrachtet werden können) trifft einen Nerv und ist eine spannende Lektüre sowohl für Leser, die sich bereits seit Jahrzehnten mit der Materie befassen, als auch jene, die sich gerade erst für das Thema zu interessieren beginnen.

In dem Buch kann man verfolgen, wie sich die Minderheitenfrage über die letzten hundert Jahre entwickelt hat.

Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Rechten der Ungarn im Ausland.

So finden sich etwa Artikel über die ungarische Minderheit in Rumänien und der Slowakei im Buch wieder, mit besonderem Augenmerk auf die Situation der Tschangos. Man erfährt zudem etwas über die Babes-Bolyai-Universität in Siebenbürgen – die einzige dreisprachige Universität in Südosteuropa, aber auch über die Roma in Ungarn. Ebenso wird der Schutz von Minderheiten auf internationaler Ebene thematisiert.

Mit Professionalität und der nötigen Distanz – was nicht bedeutet, dass der Autor seine Sympathie für Minderheiten zu verbergen sucht – erörtert Olt in seinem Text zentrale Fragen: Etwa ob Autonomie auch notwendigerweise zu Separatismus führt, nach welchen Grundsätzen die Bildung bei Minderheiten organisiert und wie der Gebrauch von Minderheitensprachen reguliert werden sollte.

Das Buch könnte gar all jenen als Lehrbuch empfohlen werden, die sich für den Schutz von Minderheiten interessieren. „Im Karpatenbogen” gibt auch einen Einblick in die berufliche Fortentwicklung des Autors: Die ersten Schriften lesen sich noch wie einfache Berichte, während sich unter den späteren Beiträgen immer mehr Analysen und fachliche Meinungsbeiträge finden.

In den vergangenen drei Jahrzehnten hat sich der Autor zu einem der größten Experten für europäische Minderheiten entwickelt.

Reinhard Olt gehört selbst keiner der Minderheiten an, über die er schreibt. Sein Expertenwissen hat er sich rein aus professionellem und menschlichem Interesse angeeignet.

Mit seinen Veröffentlichungen hat Olt viel dafür getan, dass die Lage der Auslandsungarn überhaupt in der westlichen Presse Anklang fand. Dafür, dass er dies mit enormer Professionalität und mit der gebotenen Sensibilität getan hat und tut, sind ihm die Ungarn ausgesprochen dankbar.

In diesem Jahr erhielt Reinhard Olt deshalb auch das ungarische Verdienstkreuz als Anerkennung für seine publizistische Tätigkeit, die den Ruf Ungarns in der internationalen Presse gestärkt hat, und für seine Schriften, die die Geschichte der im Karpatenbecken lebenden ungarischen Minderheiten authentisch darstellen.

Die deutschsprachige Publikation wurde von der Stiftung der Freunde Ungarns veröffentlicht, die ungarischsprachige Ausgabe, übersetzt von Attila Till, wiederum von Pro Minoritate. Das Buch ist vorerst nicht im Buchhandel erhältlich, kann aber bei beiden Stiftungen angefragt werden.

Reinhard Olt: Im Karpatenbogen: Ungarn und die Diaspora der Magyaren (Reportagen und Analysen)
Budapest: Freunde von Ungarn Stiftung, 2020.

Reinhard Olt: A Kárpátok ívében. Magyarország és a magyar diaszpóra. Budapest, Pro minoritate, 2021

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.