Hundert Jahre Bilanz der ungarischen Linken

27. Mai 2021 Magyar Nemzet von István Zoltán

Was hat denn die ungarische Linke in den letzten hundert und ein paar zerquetschten Jahren in Ungarn dem Gemeinwohl Dienliches zustande gebracht, auf das sie mit Recht stolz sein könnte, vor dem wir den Hut ziehen könnten? Die Frage ist auch deshalb schwierig, weil die Linke nicht geeint und in Raum und Zeit stark fragmentiert ist.

Nun, wir Ungarn wurden in 1919 und später nach 1945 mit dem schlimmstmöglichen, bolschewistisch-kommunistischen Terror nach russischem Vorbild überzogen.

Was können wir also in die positive Schale der wertenden Bilanz legen, wenn wir die inländische Linke bewerten? Landverteilung? Die barmherzige Verteilung von Land, das anderen gestohlen wurde, damit im nächsten Moment die Menschen, die zum Land kamen, in die sozialistischen Genossenschaften gedrängt werden? Oder die Verteilung von Mietwohnungen nach Räumungen und entschädigungslosen Verstaatlichungen?

Und was können wir in die andere, negative Schale der Waage legen?

Als erstes Mihály Károlyis Assistieren zur kommunistischen Machtübernahme in 1919, den roten Terror des in gepanzerten Zügen herumfahrenden blutrünstigen Tibor Szamuely mit seinen Gefährten, und die von ihnen eingeführte 133 Tage andauernde Proletar-(eher Terror-)diktatur.

Zweitens, den systematischen Wahlbetrug mit den berüchtigten blauen Zetteln in 1947 und die skrupellose Schreckensherrschaft des Salami-Taktikers Rákosi. Und im Zusammenhang damit die erzwungene Flucht von Hunderttausenden Menschen aus Ungarn 1956. Den neuen, schweren Verlust an Menschen nach dem Krieg.

Drittens, die Einrichtung der Staatsschutzbehörde (AVH- ung.Stasi), die Menschen folterte und sie zwang, Meineide zu leisten oder falsch auszusagen. Konzeptionsprozesse an den Gerichten, welche von der Parteizentrale aus gesteuert wurden. Die Blutrichter. Kistarcsa, Recsk und Hortobágy, Lager für die entrechteten Vertriebenen. Wo viele ohne Urteil, unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten, bis aufs Blut gedemütigt, zur Zwangsarbeit gezwungen und im besten Fall zu stummen Überlebenden wurden.

Viertens, die grausame Verfolgung von Kirchen und Priestern, die Auflösung von Klöstern und Nonnenorden und damit die gezielte Zerstörung des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Fünftens, die entschädigungslose Verstaatlichung und Liquidierung der damaligen Betriebe, die Verfolgung der ausgeplünderten Eigentümer. Und damit das Absterben des Unternehmergeistes der Begabten und Fleißigen.

Sechstens, die Verfälschung der ungarischen Geschichte, das Verbot von literarischen Werken und Theaterstücken. Bücher wurden verboten,  Zeitschriftenredaktionen, welche die Fakten beschrieben hatten, wurden geschlossen und Dichter und Schriftsteller auf Lebenszeit zum Schweigen gebracht.

Siebtens, die Verhinderung der akademischen Bildung junger Menschen allein aufgrund ihrer Herkunft.

Und die Liste ist noch lange nicht zu Ende; die weiche Diktatur der Kádár-Ära zum Beispiel hat nur der begrenzten Kapazität wegen keinen Platz mehr auf der negativen Seite der Skala gefunden.

Die aggressive linke Politik der Versprechungen und der Gewalt, die auf menschlicher Gutgläubigkeit oder auf Neid und Hass baut, hinterließ und hinterlässt weiterhin kaum zu heilende Narben am Körper der Gesellschaft. Und sie zerstört absichtlich und skrupellos den sozialen Zusammenhalt.

Das Geheimnis des zweifelhaften Erfolgs der Linke ist ihre Fähigkeit, gutgläubige und unerfahrene Menschen mit einfachen, scheinbar sympathischen Ideen zu verzaubern und in die Irre zu führen. Indem sie unerfüllbare Versprechungen macht, pflanzt sie unrealistische Forderungen und falsche Anschuldigungen in die Köpfe. Sie ist auch deshalb erfolgreich, weil sie keine moralischen Skrupel hat und sich dadurch leicht an die jeweilige Situation anpasst. Wenn es sein muss, verkleidet sie sich als Mutant und ziert sich mit modischer grünen Schminke. Sie glaubt, dass der Zweck die Mittel heiligt. Alle Mittel. In der Tat ist die jüngere Generation für linkes, aber schädliches Gedankengut in attraktiver Verpackung anfällig. Es ist kein Zufall, dass die routinierte Linke, die Unerfahrenheit der Jugend ausnutzend, sie als Rammbock benutzt, um die Macht zu erlangen und zu behalten. Die einzige Verteidigung gegen die Meister des Kuhhandels ist die gründliche Kenntnis der Geschichte, sonst wird sich alles wiederholen. Und auf die Täuschung folgt zwar Enttäuschung, aber niemals die Reparation.

Die Linke unserer Zeit hat die Kultur der Verweigerung etabliert: keine Olympiade, kein Grenzschutz, keine Atomenergie, kein Stadtwäldchen-Projekt, keine neue Eisenbahnlinie nach Belgrad, keine nationale Konsultation, kein Impfstoff vom Osten, keine Fudan-Universität, keine autochthonen Ungarn jenseits der Grenze, nichts.

Sie waren sich untereinander nicht mal einig in der Unterstützung der familienpolitischen Maßnahmen!

Es ist ein bezeichnendes Zeugnis für die Linke, dass sie auch nach Jahrzehnten der Machtausübung als Einparteienherrschaft nicht in der Lage war, das Land demokratisch zu regieren. Denn bloße Macht reicht zum Regieren nicht aus. Regieren ist nicht die servile Ausführung von Befehlen fremder Mächte.

Das Handeln aller linken Regierungen seit 1994 könnte ein Lehrbuchbeispiel für den totalen Bankrott sein; einige haben es sogar selbst zugegeben. Die linken Regierungen haben unermesslichen Schaden angerichtet, zum Beispiel durch die Übertragung strategischer Wirtschaftssektoren in ausländische Hände, durch die Veruntreuung des nationalen Vermögens, durch die Zerstörung des internationalen Ansehens Ungarns.

Die imaginäre Waage ist unweigerlich auf den Kopf gefallen, denn die positive Waage ist leer und die negative mit unverzeihlichen Sünden und irreparablen Schäden überfüllt. Eingeständnis und Entschuldigung sind natürlich ausgeblieben. Darüber hinaus setzt sich der linke Amoklauf heute in beschleunigtem Tempo fort, unterstützt durch starken internationalen Rückenwind und wohlhabende Sponsoren. Missachtung der Souveränität und nationalen Interessen unseres Landes eingeschlossen. Nur damit die Linken wieder einmal die Macht an sich reißen können und im Gegenzug zu gehorsamen, ferngesteuerten Statthaltern werden. Denn die Heimat steht bei ihnen nicht an erster Stelle.

Nach einer hundertjährigen Gnadenfrist gibt es und kann es keine Vergebung für die begangenen Sünden und die schwerwiegenden Versäumnisse geben.

Was kann ich als ein Mann, der in die Rákosi-Ära hineingeboren wurde, dem wohlmeinenden, aber unsicheren Wahlvolk, den Ungläubigen, den Uninformierten, aber vor allem der Jugend noch sagen? Lesen Sie István Fekete’s Buch „Zsellérek“, das früher verboten war! Und das Buch „Gefängniswelt in Ungarn“, geschrieben von István Fehérváry, über die Zeit zwischen 1945 und 1956. Wenn Sie die geistige Kraft dazu besitzen.

Sei es drum! Zum Schluss empfehle ich jedem, das Museum „Haus des Terrors“, das den Opfern der Diktaturen des 20. Jahrhunderts gewidmet ist, in Budapest zu besuchen. Wo sich die Diktatoren unserer Zeit mit der realen, hier in Stein gefrorenen Diktatur, ihren Tätern und gegenständlichen Beweisen auseinandersetzen können. Und wenn all dies geschehen ist, bleibt nur noch die Frage:

Ist es wirklich das, was wir wollen? Schon wieder?

Der Autor Dr. István Zoltán ist Universitätsdozent i.R

Originalerscheinung Magyar Nemzet, Übersetzung von Dr. Andrea Martin

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