Generation Stacheldraht, die 1989 Geschichte schrieb

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19. August 2021 Interview mit LÁSZLÓ NAGY

Von wem, wo und wie hast du die Nachricht von dem Plan für die Veranstaltung erhalten?

Als László Magas endlich so um den 20. Juli aus Deutschland nach Hause kam und den Brief von Maria Filep gefunden hatte, setzte er sich gleich ins Auto und fuhr kreuz und quer durch die Stadt. Man muss wissen, dass damals nur einige wenige Telefon hatten. Damals war unser Auto sozusagen das Telefon.

Ich sah, dass László Magas mit seinem Wagen in unseren Garten fuhr und hinten sich wendete. Er stieg gar nicht aus, denn er wollte schnell weiter. Er sagte, er hätte einen Brief aus Debrecen, von den dortigen MDF-Leuten, bekommen,

die ein Picknick bei Sopron an der österreichisch-ungarischen Grenze am 19/20 August veranstalten wollten.

Er konnte einen Saal für den nächsten Tag im sog. „Kakasos Ház“ (Das Haus mit dem Hahn) organisieren, wo wir besprechen könnten, ob wir an der Organisation teilnehmen wollen.

Viel Lust hatte ich nicht dazu, weil wir in Sopron superaktiv waren und seit der Gründung fast „hauptamtlich“ für das MDF gearbeitet hatten. Ich sehnte mich gerade nach einer kleinen sommerlichen Erholung. Deshalb, als ich in die Wohnung kam und meine Frau fragte, was László wollte, antwortete ich, dass er „schon wieder eines meiner Wochenenden verdorben hatte“. Wenn es nur bei einem Wochenende geblieben wäre!!! Aber es war gut, dass es so gekommen war.

Was für eine konkrete Aufgabe hast du im Laufe der Organisation bekommen?

Die Organisation, die Abwicklung des Paneuropäischen Picknicks im Jahr 1989 in Sopron war eine echte Gruppenarbeit. Die Leitung des MDFs und auch die Leitung des oppositionellen Runden Tisches (wo ich mit László Magas und Dr. Felix Örs das MDF vertrat) arbeitete wie Workaholics Tag für Tag an für uns wichtig erscheinenden Projekten. Das Picknick war so eins. Wir hatten regelmäßig Besprechungen in der Angelegenheit „Picknick“, an denen die Organisatoren vollständig anwesend waren. Wir bekamen das Ersuchen viel zu spät und befürchteten, dass wir das Picknick wegen der fehlenden Zeit nicht in würdiger Weise, im würdigen Rahmen werden organisieren können.

Von einer Verschiebung konnte aber wegen des 20. Augustes keine Rede sein.

Im Zusammenhang mit dem Programm kamen viele Ideen auf, und die die Zustimmung der Versammlung erhielten, leiteten wir nach Debrecen weiter. So eine Idee von László Magas war, dass es eine Grenzöffnung an der alten Pozsony (Preßburger) Straße geben solle. Das gefiel jedem und unsere Freunde in Debrecen waren auch einverstanden, nur dass es nicht so einfach war, das zu organisieren. Heute wissen wir, was für eine wichtige Sache das war. Wenn diese Idee nicht aufgekommen wäre, dann wären mit großer Wahrscheinlichkeit auch keine Ostdeutsche gekommen. Diese Besprechungen, Idee-Börsen im Zusammenhang mit der Organisation waren sehr wichtig. Tatsächlich konnte jeder von uns Einfluss auf die Ereignisse nehmen, obwohl wir uns an die Einzelheiten nicht mehr erinnern, denn diese sind nur kleine, winzige Puzzle-Stücke, die sehr wichtig waren, nur sie erschienen damals nicht als wesentlich!

Ich kann mich nicht einmal an Bruchteile meiner Aufgaben erinnern! Aber das ist auch bei den anderen so, die kein Tagebuch geführt haben. Es ist deshalb so, weil in dieser Situation die kleinen Aufgaben nicht wesentlich erscheinen.

Wir hatten keine Ahnung, dass wir Geschichte schreiben und all das einmal auch für andere interessant sein wird.

In Wirklichkeit begannen ab dem 10. Jahrestag die Geschichtswissenschaftler und die Journalisten Interesse zu zeigen, wer was gemacht hatte.

Meine Aufgaben waren im Übrigen alle so, dass man sie in den Nachmittagsstunden oder am Wochenende erledigen konnte. Es gab nämlich Organisatoren – wie mich – die tagsüber an ihrem Arbeitsplatz arbeiten mussten. Aber es gab unter uns auch Studenten, Rentner, Freischaffende und Lehrer, die ihre Sommerferien hatten. Sie übernahmen die am Vormittag, in den Ämtern zu erledigenden Arbeiten, sie verhandelten mit den staatlichen Firmen und Ämtern, mit dem Grenzschutz.

Ich arbeitete hauptsächlich mit Pál Csóka zu zweit. Wegen unserer Deutschsprach- und Ortskenntnisse fuhren wir hinüber nach Österreich.

Dort verteilten wir z.B. deutschsprachige Flugblätter, die wir an die Frontscheibe der Autos klemmten.

Wir machten uns nachmittags gegen 4-5 Uhr auf den Weg und verteilten die Flugblätter in Sankt Margarethen, Rust und Mörbisch am See, damit die Österreicher dann kommen sollen. Sie kamen auch …

An der Flugblätterverteilung in Sopron nahm ich auch teil. Wahrscheinlich waren wir dort in ganzen Gruppen. Im Burgviertel steckten wir die Flugblätter unter die Scheibenwischer der Autos. Ich legte sie mit besonderer Lust auf die Wägen mit DDR-Kennzeichen und dachte gar nicht daran, was für eine Bedeutung das haben könnte. Uns wurde auch aufgetragen, dass wir

in Österreich einen politischen Kontakt finden sollen, um die Erlaubnis für die Grenzöffnung auch auf der österreichischen Seite zu erhalten.

Ich erinnere mich, dass wir mit Pál Csóka eines Tages aufs Geratewohl zum Bürgermeisteramt in Rust gingen. Selbstverständlich war es zu diesem Zeitpunkt bereits längst geschlossen! Wegen der knappen Zeit – jegliche Etikette beiseiteschiebend – gingen wir zum Privathaus des Bürgermeisters. Er war nicht zu Hause … Mit hängenden Köpfen fuhren wir nach Hause!

An Ort und Stelle gab es aber auch die schwierige Aufgabe der Geländebereinigung. Zwar war das Gelände eben, aber wegen der Zelte und hauptsächlich wegen der Bühne musste man es vorbereiten. Es gab unwahrscheinlich viel Unkraut, hohes Gras, kleinere Büsche, die man zusammen mit den Wurzeln heraushauen musste. Das war eine Arbeit für einen halben Tag. Wahrscheinlich war es an einem Samstag.

Es war ein großes Erlebnis, denn ich konnte da das erste Mal den Eisernen Vorhang berühren!

Wir betrachteten gerade neben dem bereits abgenommenen Tor den Eisernen Vorhang, als ein Fahrzeug mit offenem Verdeck kam. Die Sache wurde davon denkwürdig und deshalb erinnere ich mich daran. Arbeitermiliz und die Grenzschutzoffiziere waren gerade auf dem Weg zu einer Jagd, denn für sie war in diesem Bereich alles erlaubt. Auf dem Verdeck stand ein Offizier und zeigte schreiend seine Faust. Wir verstanden nur Wortfetzen, aber als er neben uns vorbeifuhr, konnten wir die Worte gut vernehmen:

hier wird es gar kein Picknick geben … wir schießen euch ins Hinterteil!“

Meine wichtigsten Aufgaben bestanden aber während des Picknicks. Wegen meiner Sprachkenntnisse übernahm ich die Abwicklung der Pressekonferenz, wo ich simultan auf Englisch/Ungarisch/Deutsch übersetzte. Danach führte ich mit meinem eigenen Wagen den Bus mit den Journalisten zum Tor, weil ich den Weg kannte, der Busfahrer aber nicht. Wir wären zusammen nach Szentmargitbánya gefahren, aber dieser Programmpunkt blieb weg.

Dann fuhren wir auf das Gelände des Picknicks, wo ich die Reden auf Deutsch übersetzte bzw. zurück ins Ungarische. Ich meine, ich las unseren Aufruf auf Deutsch und auch auf Englisch vor. Meine weiteren Aufgaben waren danach die Unterhaltung der ausländischen Diplomaten und Journalisten. Das führten wir zu zweit mit meinem Freund Dr. Félix Örs aus.

Welche Wirkung dieses große Ereignis auf deine Persönlichkeit hatte, welche Emotionen die Erinnerung an dieses bei dir weckt?

Dieser Tag ist für mich seither ein bestimmendes Erlebnis. Besonders deshalb, weil ich immer, was die deutsche Teilung betraf, empfindsam war. Die Oberschule besuchte ich in deutschsprachigen Gymnasien in einem dritten Land und

in der BRD. Meine dortigen Klassenkameraden verstanden es nicht, warum man sie wegen des II. Weltkrieges mit dieser Teilung bestrafen muss,

letztlich wurden sie 12 Jahre nach Beendigung des Krieges geboren. Aber ich hatte immer auch Freunde auf der anderen Seite. Viele, aus der DDR kommenden Semesterkollegen sagten dasselbe während meiner Studienzeit an der Universität. Deshalb freue ich mich besonders, dass ich – wenn auch nur eine mohnkerngroße Kleinigkeit – aber

doch etwas zusammen mit meinen Freunden im Interesse der Vereinigung von Deutschland und Europa tun konnte.

In diesem Zusammenhang sagte Herr Minister Norbert Blüm Folgendes am ersten Jahrestag in Sopron: „Vor einem Jahr, am 19. und 20. August,

siegten die Menschen mit Hilfe der Tapferkeit und der Fantasie über die Verstocktheit und Sklaverei. Damit brachten sie nicht nur für die in der Osthälfte unseres Vaterlandes lebenden Mitbürger die Freiheit, sondern ebenso für die in den anderen Staaten lebenden von Europa.“

Diese dort erlebte Katharsis weckt in mir natürlich tiefe Emotionen bis zum heutigen Tag, obwohl ich überdurchschnittlich pragmatisch denke. Eben deshalb ist es interessant – selbst für mich -, dass ich erst sehr langsam die geschichtliche Bedeutung des Picknicks begriff. József Antall, – der erste Ministerpräsident nach der Wende -kam oft nach Sopron und er fragte uns ständig über das Picknick, die Sache gefiel ihm sehr.

Wir taten aber nur, was wir für richtig und wichtig erachteten!

Ich war auch 1999 sehr überrascht, als ich als Sekretär der Stiftung die Aufgabe erhielt, dass ich zum 10. September um 10 Uhr die für eine Auszeichnung würdigen ins Parlament zaubern solle. Ich stellte mir selbst die Frage, ob wir diese verdient haben? Seitdem weiß ich, dass dies zutrifft!! Diese unsere Gruppe würde sogar noch mehr verdienen…

Die Erinnerung an das Picknick weckt in mir aber nicht nur Emotionen, sondern gibt mir auch die Kraft, dass ich nach meinen Möglichkeiten alles tue, um die Bekanntheit und Anerkennung des Picknicks zu verbreiten. Das ist deshalb wichtig – abgesehen davon, dass wir persönlich betroffen sind -, weil die für diese Zeit Interessierten erfahren müssen, welche wichtige Rolle in dieser Periode die Zivilpersonen gespielt hatten. I

In Wirklichkeit hatten die polnischen und ungarischen Zivilleute eine Situation in Mittel- und Osteuropa herbeigeführt, die eine Eskalation bewirkte und die Großmächte und die lokalen Politiker lieber den Systemwechsel „auf sich nahmen“, um eine eher nicht zu handhabende Revolution zu vermeiden.

Zitieren wir einen Fachmann auch, einen Geschichtswissenschaftler, in diesem Zusammenhang. Namentlich László Borhi: „Im Zusammenhang mit dem Jahr 1989 bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass die Veränderung entgegen der allgemeinen Annahme nicht nur von Bush und Gorbatschow herbeigeführt wurde.

Polen und Ungarn spielten eine sehr große Rolle, was den Systemwechsel betrifft, sogar derart, dass selbst die Führung der NATO-Staaten Angst vor diesem Übergang hatte.

Die davor existierende Welt war für sie, wenn auch nicht gut, doch berechenbar, daher tanzten sie vor Freude überhaupt nicht. Die Forschung brachte mich zu diesem Ergebnis und das wollte ich nicht kosmetisch abändern.“ (Index – „Als die Engländer und Amerikaner den Juden hätten helfen können, taten sie nichts“ ein Artikel von Adam Kolozsi, 04.04.2019)  

Nagy László war einer der Hauptorganisatoren des „Paneuropäischen Picknicks, 1989“

Übersetzung von Dr. Gábor Bayor

3 thoughts on “Generation Stacheldraht, die 1989 Geschichte schrieb”

  1. Ich war am Balaton im Szigliget. Als die Ungarn dort übers Picknick erfahren hatten, haben sie am Strand publick gemacht. Der Strand war sogar im “ deutscher Hand“. Ost und Westdeutsche Familien trafen sich in Ungarn .
    Es war uns klar, dass zu einem Durchbruck kommt.

  2. Als konservativer deutscher Patriot kann ich nur sagen: Liebe Ungarn, die Ihr so mutig diese Öffnung des Eisernen Vorhangs betrieben habt, seid von ganzem Herzen bedankt!

    Und vergebt uns bitte, daß vom Neoliberalismus korrumpierte Eliten samt ihren verblendeten Mitläufern mit grobem Undank gegen Eure gewählte Regierung in übelster Weise verleumderisch hetzen. Sie repräsentieren nicht die Stimmung in der deutschen Bevölkerung, am wenigsten unter denen, die (und sei es nur mit Blick von Westen her auf die Grenzanlagen) die DDR-Diktatur konkret erlebt und daher von Eurem heroischen Handeln am meisten spürbar profitiert haben.

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