10. August 2026 Ungarn Heute von Ferenc Rieger
“Weil sie damals so waren, wie ihr heute seid!” – die verblüffende Antwort von Henryk M. Broder auf die Frage, wie der Aufstieg der NSDAP in den 30er Jahren möglich war, bietet sich auch als Erklärung für die Zustände im gegenwärtigen Ungarn an. Einschüchterung und Rache, Tosender Applaus wie zur Zeit des Stalinismus. Ungarn ist de facto wieder ein Einparteienstaat geworden.
Da die heimische Räterepublik und der Pfeilkreuzler-Terror von kurzer Dauer waren, konnten sie leicht als bedauerliche Unfälle einer sonst kohärenten Geschichte wegerklärt werden. Für die wesentlich längere Willkürherrschaft der kommunistischen Ideologie war das Jalta-Narrativ zuständig. Der nahtlose Übergang vieler Ungarn von den braunen zu den roten Schergen ist freilich keine nationale Besonderheit:
Die Überläufer stellen möglicherweise in jeder Nation jene kritische Masse dar, die unabdingbar für jeden politischen Weichenwechsel ist.
Hierzulande drängt sich eher die quälende Frage auf, wie der Aufstieg der gegenwärtigen Willkürherrschaft zu erklären ist. „Weil ihr heute so seid, wie sie früher waren“ – gewiss, eine Plattitüde, sie gehört jedoch dick unterstrichen, weil die Fortschrittsideologie immer noch für die Deutung der menschlichen Natur herangezogen wird.
Will man verstehen, wie ein Zoltán Tarr oder Bálint Ruff tickt, ist ein historischer Rückblick nicht uninteressant, wobei die Hinfälligkeit der menschlichen Natur („natura lapsa“) das Epochen überspannende Erklärungsmuster bleibt. Man muss kein Seelenklempner sein, um die psychologischen Gesetzmäßigkeiten zu verstehen, die den umstürzlerischen Fanatismus der beiden vorantreibt.
Kanzleiminister Bálint Ruff ist der selbstidentische Apparatschik, Kulturminister Zoltán Tarr der ideologisch fluide Karrierist.
Der eine blieb auch während der „Wüstenwanderung“ der letzten 16 Jahre der internationalistischen Weltanschauung treu, sein Kollege hingegen, der wie Stalin zunächst Gott dienen wollte, erlag der Versuchung zur Macht und entschied, dass die Karriereleiter wichtiger als die Jakobsleiter ist.
Zoltán Tarr ist ein Meister der Großspurigkeit. Glücklicherweise war er nie als aktiver Pfarrer tätig, denn der Dienst am Nächsten liegt ihm offensichtlich fern. Er ist das Paradebeispiel eines kirchlichen Karrieristen, dem die reformierte Kirche irgendwann nicht mehr das bieten konnte oder wollte, was einen weiteren Karrieresprung ermöglicht hätte. Hielt er sich während des Wahlkampfs noch bedeckt („Man muss zunächst die Wahlen gewinnen, danach ist alles möglich“), wurde er nach dem Regierungsantritt zu einem der lautesten Mitglieder des neun Kabinetts. Zwar ist er für „Kultur und Soziales“ zuständig, könnte aber genauso gut für den Ministerien übergreifenden Bereich „Drohung und Einschüchterung“ verantwortlich zeichnen.
Sachpolitik ist in seinem Ressort nicht einmal ansatzweise vorhanden, dafür gibt es
Durchleuchtungen und Abrechnungen, Philippiken gegen die Arbeit seiner Vorgänger, die ihm sichtlich Spaß und den oft unfreiwilligen Zuhörern Sorgen bereiten.
Wer noch die kommunistischen Funktionäre und ihren Umgang mit den Werktätigen erlebt hat, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier der gleiche (Un-) Geist am Werk ist.
Jüngere Jahrgänge wiederum werden an die Marvel-Figur Ghost Rider erinnert: wie der „Geist der Rache“ will Tarr die angeblichen Sünder den Schmerz spüren lassen, die sie – zumindest in seiner eigenen Wahrnehmung – anderen angetan haben.
Bálint Ruff ist selbstbewusst, skrupellos, unbeeindruckt. Er hat von Brüssel grünes Licht erhalten, den ungarischen, auf Souveränität bedachten zivilgesellschaftlichen Raum völlig ungestraft zu dezimieren.
Ruff ist bei aller Borniertheit der linke Idealist („fiat iustitia et pereat mundus“ – Es geschehe Gerechtigkeit, mag die Welt auch zugrunde gehen), dem ich persönlich, wenn ich die Wahl zwischen Pest und Cholera hätte, den Vorzug gegenüber dem zynischen Möchtegern-Großinquisitor Tarr geben würde. Wie sein Kabinettskollege ist er ein Getriebener, der endlich nicht nur als politischer Berater und Meinungsführer tätig sein kann, sondern das tut, was sich alle Karrieristen wünschen, nämlich Macht ausüben. Ruff hat allerdings eine Mission zu erfüllen, die über sein persönliches Schicksal hinausgeht. Die Machtfülle, die er als Vizeregierungschef innehat, will er möglicherweise dazu nutzen, die Anliegen seiner progressiven Klientel durchzusetzen. Hört man ihm zu, hat man stets den Eindruck, dass er in kürzester Zeit die „Versäumnisse“ der letzten 16 Jahren wettmachen muss.
Ungarn soll nicht nur ein „stinknormales“ EU-Land, sondern – wenn möglich – die Speerspitze der globalistischen Ideologie werden, naturgemäß ohne Macht, aber als Warnung für etwaige Abtrünnige doch zweckdienlich.
Die Schnappatmung, sein Markenzeichen, ist nicht so sehr das Anzeichen eines überbordenden Mitteilungsbedürfnisses, gepaart mit herausragender Intelligenz, wie seine Groupies behaupten, sondern vielmehr einer revolutionären Ungeduld, die für das geschundene Land nichts Gutes verspricht.
Aber die Geschichte wird bekannterweise nicht nur von mehr oder weniger herausragenden Persönlichkeiten, sondern auch vom „kleinen Mann von der Straße“ geschrieben.
Das von der TISZA-Partei viel beschworene „Land der Liebe“ ist in Wirklichkeit vom allgegenwärtigen Hass bzw. Neid geprägt.
Ein kleiner, in den sozialen Medien jedoch mächtiger Teil der Gesellschaft schickt sich an, den Rest im Sinne eines neuen Klassenkampfes umzuerziehen. Die Dauerbeschimpfung der Opposition, ein unerlässlicher Teil der Show-Politik Péter Magyars und seiner Adlaten, erinnert an das Ritual des Zwei-Minuten-Hasses in Orwells dystopischem Roman 1984. Sie färbt natürlich auf die Öffentlichkeit ab. Auch in Ungarn gibt es die Schicht, die sich daran ergötzt, anderen Menschen zu schaden und dessen natürliches Habitat das vergiftete Klima – im Neusprech der TISZA: das „Land der Liebe“ – ist.
Die einstige Herzlichkeit der Ungarn ist der Schadenfreude, der Missgunst und der Angst gewichen.
In fast jeder Familie werden ideologische Grabenkämpfe ausgetragen. Nicht nur die Nation, sondern auch die „Grundzelle der Gesellschaft“ (Papst Benedikt XVI.) ist entzweit.
In diesen Tagen müsste man Cécile Tormay (Bujdosó könyv, „Buch der Herumirrenden“) lesen. Wie der Unrat aus den Abgründen der menschliche Seele nach oben kam und Rachsucht, Geltungsdrang und Minderwertigkeitskomplexe während der Asterrevolution die Gesellschaft aus den Angeln hob, diese scharfsinnige Analyse der ungarischen Schriftstellerin hält auch den Heutigen einen Spiegel vor. Ist die Geschichte die Lehrmeisterin des Lebens, wie Cicero meinte? Die postmoderne Dekonstruktion hat uns eines Besseren belehrt, dennoch kann ein Blick in die Geschichte zumindest insofern trösten, dass man – nach Art des Sisyphos – beim Hinaufwälzen des sprichwörtlichen Felsblocks seine eigene Würde inmitten der ungarischen Absurdität bewahrt.