Deutsch-Ungarischer Wirtschaftstag von DialogUngarn

22. April 2022 Budapester Zeitung

Beim Deutsch-Ungarischen Wirtschaftstag von DialogUngarn ging es am 29. März um verschiedene Aspekte der deutsch-ungarischen Zusammenarbeit.

Kanzleramtsminister Gergely Gulyás erklärte, dass es das Ziel der Regierung sei, die ungarische Wirtschaft auf dem Wachstumskurs zu halten und vor den Auswirkungen von Krieg und Sanktionen zu schützen. „Deutsche Investoren in Ungarn und die deutsche Bundesregierung sind dabei wichtige Partner für uns“, unterstrich der Minister.

Der Ukraine-Krieg und seine Folgen

DialogUngarn hatte in der vergangenen Woche zum intensiven Austausch und zur Konkretisierung von gemeinsamen Projekten deutsche und ungarische Unternehmen nach Budapest und online eingeladen. Der Ukraine-Krieg und seine Folgen zogen sich wie ein roter Faden durch die gesamte Veranstaltung. Der Umgang mit Sanktionen, die geografische Verkürzung von Lieferketten, hohe Energiekosten und die steigende Inflation waren dabei nur einige Stichworte. Im Rahmen der Diskussionsrunde zum Ausbau der deutsch-ungarischen Wirtschaftsbeziehungen erläuterte der Oberbürgermeister von Debrecen, László Papp, die Ansiedlung von BMW, die Entwicklungsstrategie der Stadt für die Wirtschaft und die Bürger sowie die Möglichkeiten der Unterstützung bei weiteren Ansiedlungen.

„Das ungarische Wirtschaftsmodell sieht seit einigen Jahren eine stärkere Hinwendung zu Forschung und Entwicklung vor“, sagte Balázs Szegner, CEO von CEI Central European Investment, und regte an, dass insbesondere auch mittelständische deutsche und ungarische Unternehmen in diesem Bereich noch stärker kooperieren sollten.

Uwe Schneider-Kühn, Leiter des Qualitätsmanagements der SIEBTECHNIK GmbH, hob das hohe Niveau der ungarischen Arbeitskräfte hervor.

Am Nachmittag ging es um die konkrete Zusammenarbeit im Handwerk. Zu Beginn stellte István Joó, stellvertretender Staatssekretär im Außenministerium, die strategische Ausrichtung der ungarischen Regierung dar.

Kooperationspotential bei Handwerk und Ausbildung

Barbara Peinel, Abteilungsleiterin Außenwirtschaft, Handwerkskammer München und Oberbayern, betonte das Interesse an einer starken Zusammenarbeit im Handwerk und schlug gemeinsame Treffen von Unternehmen vor. Almut Schmitz, Leiterin Koordinierungsstelle Außenwirtschaft, Landes-Gewerbeförderungsstelle des NRW-Handwerks, und László Németh, Präsident des IPOSZ (Zentralverband der Ungarischen Gewerbekörperschaften), erörterten Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen dem NRW-Handwerk und IPOSZ.

Nóra Aubéli-Horváth, Universal Travel Kft., unterstrich die Wichtigkeit der Präsenz auf Messen. Alle waren sich einig, dass insbesondere im Handwerk im Bereich Ausbildung und Innovationen noch weiteres Kooperationspotential bestehe. DialogUngarn gab auch drei jungen ungarischen Unternehmen (Proworx Digital, Blue Colibri International Kft., Smart Babee Technologies Kft.) die Möglichkeit, ihre Produkte vorzustellen und die Rahmenbedingungen für Startup-Unternehmen zu diskutieren.

Wettbewerbsfähigkeit und Klimaneutralität

Ein weiteres Panel widmete sich Fragen des Klimaschutzes, ein Thema, das sowohl deutsche als auch ungarische Unternehmen immer mehr beschäftigt. Konkret ging es um den potenziellen Zielkonflikt zwischen Wettbewerbsfähigkeit und Klimaneutralität. Dabei wurde von den Diskussionsteilnehmern einhellig die Meinung vertreten, dass sich insbesondere auf Grund steigender Energiepreise die Schere zwischen den beiden Zielen immer mehr schließe, und energieeffizientes Wirtschaften längst nicht mehr nur eine Sache der Unternehmenskommunikation sei.

Innovationsminister László Palkovics nutzte das Panel, um unter anderem die Wasserstoffstrategie seiner Regierung vorzustellen. Bei der Umsetzung der CO2 -Strategie komme Ungarn schneller voran als geplant. Ursprüngliches Ziel war es, dass bis 2030 etwa 90 Prozent der Stromerzeugung CO2 -frei sein sollen. Dabei spiele selbstverständlich auch der Ausbau des Kernkraftwerks Paks eine entscheidende Rolle. Generell unterstrich der Minister, dass die Pariser Klimaziele ohne Kernkraft nicht zu erreichen seien.

Mit Blick auf die Energiegewinnung aus alternativen Quellen müsse auf jeden Fall noch die Frage der Energiespeicherung gelöst werden, merkte Palkovics an. Für Ungarn als relativ flachem Land stellen Pumpspeicherwerke keine Lösung dar, die Speicherung von Energie etwa in Form von Wasserstoff aber sehr wohl. Palkovics wies bei seinem Vortrag auch auf die noch wenig bekannte Tatsache hin, dass Ungarn innerhalb von Europa inzwischen die größten Fertigungskapazitäten in Sachen Batterieherstellung besitze. Dabei gehe es nicht nur um die konkrete Produktion von Batterien, sondern um das komplette „Batterie-Ökosystem“.

Die Geschäftsleute Tamás Jeránek, CEO der Siemens Zrt., und Pascal Männche, CEO der Krone Hungary Kft., sorgten bei dem Panel für Input direkt von der Unternehmenssphäre. Bei beiden Unternehmen ist das Ringen um eine möglichst hohe Energieeffizienz inzwischen ein fester Bestandteil des Alltags. Hilfreich seien dabei immer neue Methoden der Mess und Steuerbarkeit des Energieverbrauchs. Dabei spiele auch die Digitalisierung eine wichtige Rolle. Männche, dessen Firma in Debrecen Maschinen für die Abfüllung von Getränken herstellt, unterstrich, wie wichtig bei der Erarbeitung von energieschonenden Lösungen die Zusammenarbeit mit den Kunden sei.

„Wir brauchen beim Klimaschutz eine neue Realpolitik“

Michael Schumann, Vorsitzender des Bundesverbands für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft (BWA), plädierte in Sachen Klimapolitik für ein „realitätsbewusstes Handeln mit Augenmaß, Sachverstand und Weitblick“. Die Entwicklungen müssten von Sachverstand statt von Ideologie getrieben sein. „Wir brauchen beim Klimaschutz eine neue Realpolitik“, forderte er. „Für eine nachhaltig erfolgreiche Transformation unserer Industrien bedarf es einer pragmatischen Politik, die das Kind nicht mit dem Bade ausschüttet.“

„Für einen gelingenden Klimaschutz müssen wir der nüchternen Einsicht Rechnung tragen, dass Unternehmen strukturell darauf angewiesen sind, sich auf wirtschaftlich sinnvolle Lösungen zu fokussieren“, unterstrich Schumann. Zuggespitzt könne man sagen, dass eine Firma sich nur Gedanken um die Frage der Klimaneutralität machen kann, wenn sie unternehmerisch überlebensfähig ist. Nicht zuletzt mit Blick auf den Erhalt von Arbeitsplätzen und die soziale Verantwortung der Unternehmen als Arbeitgeber gelte es hierbei, Abwägungen zu treffen. „Ein eindimensionales Denken führt nicht zu nachhaltigen Lösungen“, warnte er. „Angesichts der aktuellen geopolitischen Verwerfungen kann der bislang innerhalb der EU angestrebte Zeithorizont für das Erreichen der Klimaneutralität aus meiner Sicht nicht gehalten werden”, stellte Schumann abschließend fest.

Ein Bericht von NG/JM, Budapester Zeitung

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