Als die Ölmafia bombte …

Rezension des Kriminalromans „Der Dschungel von Budapest“ von Jerome P. Schaefer

20. November 2021, Budapester Zeitung von ROGER SCHMID

Hollywood liebt Budapest. Filme wie „Red Sparrow“ oder „Mission: Impossible – Phantom Protokoll“ schwelgen in den Straßen und malerischen Hinterhöfen der Stadt. Aber jenseits der Fassaden?

Ein richtig schöner „Budapest“-­Thriller – ob im Film oder in der Literatur? Der ist bislang selten. Die eine oder andere Ausnahme gibt es natürlich, etwa Viktor Iros „Tödliche Rückkehr“ oder Jessica Keeners „Strangers in Budapest“. Trotzdem: Verglichen mit Stockholm oder Wien, von New York ganz zu schweigen, ist Budapest auf der Krimi/Thriller-Weltkarte bislang kaum präsent.

Umso erfreulicher, dass der Transit-Verlag jetzt zumindest ein wenig Abhilfe schafft. Ende August erschien „Der Dschungel von Budapest“ von Jerome P. Schaefer. In der Ankündigung heißt es: „Ein Roman noir, der auf Tatsachen beruht, es geht um Betrug, staatliche Korruption, Bestechlichkeit. Vielen der reichsten ungarischen Geschäftsleute wird heute nachgesagt, sie hätten ihre ‚Karriere‘ einst bei der Ölmafia begonnen.“

Damit ist das Thema angerissen – Budapest in den 90er Jahren. Wer die Zeit erlebt hat, erinnert sich an wilde Jahre. Die liberale Demokratie ist noch ein zartes Pflänzchen. Der Ausverkauf der ehemaligen Staatsbetriebe zieht Glücksritter an. Streitigkeiten zwischen heimischen Mafiosi, aber auch internationalen Banden gehören zur Tagesordnung. Es gibt Bombenanschläge und Schusswaffenattentate auf offener Straße. Und mittendrin: die Politik, die – bewusst oder versehentlich – einen entscheidenden Fehler begangen hat.

Kurz nach der Wende beschloss die Regierung, Heizöl zu subventionieren. Gleichzeitig wurde Dieselkraftstoff stark besteuert. Gegenüber dem chemisch gleichen Heizöl unterschied er sich nur in der Farbe, da dem Heizöl ein roter Farbstoff beigemengt war.

Damit war der Nährboden bereitet. Findige Geschäftemacher mit Verbindungen zu Politik und Behörden entwickelten ein lukratives Geschäft daraus, mithilfe gefälschter Ausgabemarken Heizöl zu erschleichen. Das Heizöl wurde anschließend „gebleicht“ – und als wesentlich teurerer Dieselkraftstoff unter das Volk gebracht. Für einige Jahre gab es kein profitableres Geschäft in der Unterwelt. Trauriger Höhepunkt der daraus resultierenden Bandenkriminalität war der Bombenanschlag in der Aranykéz utca gleich neben der beliebten Váci utca im Juli 1998, bei dem vier Menschen starben und mehr als 20 verletzt wurden.

Aus diesem Hintergrund ließe sich eine ungarische Variante von Roberto Savianos „Gomorrha“ stricken. Jerome P. Schaefer geht die Sache jedoch weniger als Enthüllungsbuch denn als Hard-Boiled-Krimi in der Tradition von Raymond Chandler und Dashiell Hammett an.

Die Hauptfigur Tamás Livermore ist ein Ex-Boxer, in Philadelphia als Sohn einer Ungarin und eines Amerikaners aufgewachsen, später nach Budapest zurückgekehrt. Dieser Tamás Livermore soll nun Frau und Tochter des halbseidenen Anwalts Béla Doi bewachen.

Die Geschichte fängt unverfänglich an, so etwa mit einer hübschen Villa in den Hügeln von Buda und einem Besuch im Gellért-Bad. Doch bald kippt die Story. Eine Bombe detoniert – und Tamás Livermore findet sich in einem Dickicht aus Korruption und Gewalt wieder.

Das Buch selbst ist atmosphärisch und spannend geschrieben. Der Leser taucht in das Budapest der 90er Jahre ein. Die Straßen und Menschen, die Politik, die gesellschaftlichen Widersprüche erwachen zum Leben. Hier zeigt sich, dass der Autor von 1992 bis 1995 in Budapest gelebt hat und die Stadt auch sonst bestens kennt. Der Blick ist typisch Noir – schonungslos und wenig sentimental. Auch das Label „authentisch“ passt gut.

Trotzdem ist „Der Dschungel von Buda­pest“ kein Doku-Thriller. Vieles in dem Buch, so etwa Personennamen und konkrete Orte sind fiktionalisiert, verdichtet. Aber der Story tut das gut. Sie liest sich fast wie ein Film: präzise, klar, kein „nonsense“. Die 144 Seiten lassen sich in zwei, drei Tagen leicht lesen. Das Buch ist auch nicht von der Genre-Stange, sondern eine gelungene Mischung aus Krimi, Thriller und Roman noir.

So bleibt zu hoffen, dass nach „Der Dschungel von Budapest“ noch weitere Budapest-Romane aus der Feder von Jerome P. Schaefer folgen werden. Die Stadt mit ihrer bewegten Geschichte würde es auf jeden Fall hergeben.

Jerome P. Schaefer: Der Dschungel von Budapest
144 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Transit Buchverlag, Berlin, 2021
18 Euro

DER AUTOR
Jerome P. Schaefer, geboren 1985 in München, lebte von 1992 bis 1995 in Budapest. Später studierte er Literaturwissenschaft in München sowie Film and Television Studies an der University of Warwick. Anschließend Promotion in Düsseldorf. Seit 2015 arbeitet er als Lektor für den Programmbereich Film in einem Münchner Fachbuchverlag. „Der Dschungel von Budapest“ ist sein Debütroman.

Die Rezension erschien zuerst in der Budapester Zeitung: https://www.budapester.hu/literatur/als-die-oelmafia-bombte/

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