30. Dezember 2025 Magyar Hírlap von IRÉN RAB
Die 1907 verabschiedeten Volksschulgesetze machten die Grundschulbildung in Ungarn kostenlos und für alle obligatorisch. Sie bekräftigten und erweiterten im multiethnischen Land das im Nationalitätengesetz von 1868 festgelegte Recht auf Unterricht in der Muttersprache der jeweiligen Nationalität. All dies geschah im Interesse der Modernisierung des Landes. Das Ergebnis spiegelt sich auch in den regelmäßig veröffentlichten statistischen Jahrbüchern wider. Im Jahr 1913, im letzten Friedensjahr, gab es im Königreich Ungarn 18.507 Grundschulen, von denen 13.532 ungarisch-, 2233 rumänisch-, 1806 kroatisch- und serbisch-, 474 deutsch- und 380 slowakischsprachig waren. Auch in den höheren Schulen konnten die nationalen Minderheiten in diesem Verhältnis in ihrer Muttersprache unterrichtet werden. Diese Zahlen spiegeln auch die nationalen Verhältnisse im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung gut wider.
Es handelt sich um das „berüchtigte“ Lex-Apponyi, das den im Land lebenden Nationalitäten so viel Unrecht zugefügt haben sollte. Denn das Gesetz schrieb auch vor, dass in allen Schulen, also auch in den Nationalitätenschulen, die ungarische Sprache als Unterrichtsfach obligatorisch sein musste.
Dies bedeutete in der Interpretation der Nationalitäten eine gewaltsame Angleichung an die ungarische Kultur durch das Bildungssystem.
Nach Trianon fand in den Nachfolgestaaten nicht nur eine gewaltsame Romanisierung, (tschechische) Slowakisierung und Germanisierung statt, sondern auch ein Prozess, den man heute mit einem modischen Begriff als Sensibilisierung (tatsächlich Indoktrination) bezeichnen könnte.
Die Kinder der Mehrheitsgesellschaft wurden bereits in der Schule gegen die Ungarn aufgehetzt, während man bei den ungarischen Kindern ein primäres Schamgefühl entwickeln wollte.
Ich möchte hier nicht auf die historischen Verfälschungen eingehen, sondern stattdessen einmal betrachten, wie die Ungarn in den Schulbüchern der Nachbarländer dargestellt wurden!
„Sie sahen furchterregend aus, waren klein und hatten krumme Beine. Ihre kleinen Augen lagen tief in ihren Augenhöhlen und sie waren äußerst grausam. Die ersten Elemente der Zivilisation erhielten sie, genau wie die Slawen, von den römischen Elementen in Dacia, aber heute, nachdem sie sich mit den Deutschen, Rumänen und Serben vermischt hatten, haben sie eine akzeptable Statur und Aussehen erreicht, leben in Häusern, statt in Zelten, haben eine fortgeschrittene Kultur und sind gastfreundlich. Allerdings sind sie eitel und können Ardeal (Siebenbürgen), das sie tausend Jahre lang willkürlich besetzt gehalten haben, nicht vergessen.“ Dieser Auszug stammt aus einem Lehrbuch über die Geografie Rumäniens, das 1929 für den Unterricht von Siebtklässlern bestimmt war. Aufgrund von Protesten verbot zwar der rumänische Bildungsminister das Lehrbuch (worauf sich die Rumänen in internationalen Foren gerne beriefen), doch durch ein Gerichtsurteil wurde es wieder in den Schulen zugelassen.
In diesem Sinne wurde auch in der Tschechoslowakei unterrichtet. Die nach Europa eingedrungenen Ungarn waren wild und ungebildet gewesen. Der einzige Unterschied zu den rumänischen Lehrbüchern besteht darin, und das verrät alles, dass sie behaupten, die Ungarn hätten ihre Bildung und natürlich auch tausend andere Dinge samt sprachlicher Bezeichnung von den Slowaken (tót) übernommen. Slovensko kam 1031 zu Ungarn, dann soll die gewaltsame Magyarisierung begonnen haben, die Identität der slowakischen Adligen schmolz schnell dahin, sie bekannten sich zu Ungarn, niemand kümmerte sich um das Volk, man ließ zu, dass die Menschen ungerecht behandelt und sogar gefoltert wurden. Trotzdem gelang es nicht, das slowakische Volk zu vernichten.
Das österreichische Bildungswesen war vielleicht am erfolgreichsten darin, die Kinder zu sensibilisieren. Durch die seit Jahrhunderten übliche Herabwürdigung der Ungarn wurde das deutsche Nationalbewusstsein gestärkt. Das Aussehen der ungarischen Eroberer soll so schrecklich gewesen sein, dass man sie für Tiere halten konnte, da sie sich von Wildpflanzen und rohem Fleisch aller Art ernährten. Die Ungarn seien ein unbeständiges, untreues, ungläubiges, lügnerisches und listiges Volk, das nicht zwischen Ehre und Unehrlichkeit unterscheiden könne. So wurden 9- bis 10-jährige Kinder in Österreich unterrichtet, und zur besseren Verständlichkeit wurde das Geschriebene mit zahlreichen Illustrationen veranschaulicht.
Stellen wir uns einmal ein ungarisches Kind vor, das in der Schule solche Dinge über sein eigenes Volk und seine Vorfahren lernt! Und es wird von seinen Klassenkameraden Tag für Tag verspottet und demütigt
– denn Kinder sind untereinander in jedem Alter grundsätzlich gnadenlos –, wegen seiner ungarischen Herkunft geschlagen und niemand, weder der Lehrer noch die Schule, kommt ihm zu Hilfe.
Wie traumatisiert muss diese Generation gewesen sein?
Aber glauben wir nicht, dass die Nachfolgestaaten von Trianon die Verunglimpfung der Ungarn und die Verfälschung der Geschichte selbst erfunden haben! Es gibt dafür bereits Vorläufer aus dem 12. Jahrhundert. Über die schrecklichen Ungarn lesen wir in der Chronik des bayerischen Bischofs Otto von Freising, die in den folgenden Jahrhunderten immer wieder aufgegriffen, erweitert und umgestaltet wurde.
Eine wissenschaftliche Erklärung über die Ungarn lieferte erstmals Ludwig August Schlözer, Professor in Göttingen, am Ende des 18. Jahrhunderts. Der renommierte Wissenschaftler wurde von den siebenbürgener Sachsen gebeten, ihre Geschichte wissenschaftlich fundiert niederzuschreiben. Der deutsche Professor, der weder Ungarisch sprach, noch je in Siebenbürgen oder Ungarn gewesen war und bloss über sporadische Quellen verfügte, schrieb nicht nur die Geschichte der Siebenbürgener Sachsen in drei Bänden nieder, sondern dichtete die ganze ungarische Geschichte der Árpád-Ära kurzerhand um. Er wollte beweisen, dass
die Ungarn kein Kulturvolk seien, sondern nur eine zugewanderte, wilde asiatische Rasse, die ihre Existenz und Zivilisation den Deutschen zu verdanken habe.
„Es ist nicht wahr, dass die Ungarn seit 1000 n. Chr. die Herren von Siebenbürgen sind; es ist nicht wahr, dass die Ungarn es erobert haben, und es ist auch nicht wahr, dass sie dieses Land früher als die Deutschen besessen haben. Die Szekler und Ungarn verdanken das Land Siebenbürgen den Deutschen und nicht umgekehrt. Sie verdanken den Deutschen nicht nur ihre Kultur, sondern auch ihre Existenz, denn ohne die Deutschen gäbe es keine Ungarn in Europa, genauso wie es heute keine Petschenegen und Kumanen mehr gibt”,
schrieb er. Er bezeichnete die jagenden und fischenden „Madjaren” als asiatische Horde, deren Lehrer, Aufklärer und Beschützer die nach Siebenbürgen gerufenen Sachsen wurden, die es mit ihrem Fleiß schafften, Siebenbürgen in einen Märchengarten zu verwandeln.
Diese Auffassung verbreitete sich weiter in der Literatur der Völker, die sich im 19. und 20. Jahrhundert zu nationalen Minderheiten formierten und dafür sorgten, dass ihr verzerrtes Bild der Ungarn in der westlichen Welt verbreitet wurde.
Die undankbaren Ungarn hätten sie tausend Jahre lang grausam unterdrückt, aber zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann das nationale Bewusstsein zu erwachen, und die Stunde der Wahrheit rückte näher. Die Tóts (Slowaken) beispielsweise machten die Welt durch die Feder der Tschechen Karel Kálal und Tomaš Masaryk in deutscher Sprache darauf aufmerksam, wie die Ungarn die Slowaken unterdrückten. Die Autoren des Buches waren beide Tschechen, die vorausschauend auf die zukünftige Tschechoslowakei hinwirkten, und die Arbeit des geschickten Professors Masaryk traf in westlichen Intellektuellenkreisen auf großen Anklang. Ich möchte die Argumente des Werkes und seine Sichtweise auf die Ungarn hier nicht auflisten, denn sie führen immer wieder zum gleichen Ergebnis.
Ich möchte nur noch hinzufügen, dass Professor Schlözers dreibändiges (Mach-)Werk zuletzt 2017 veröffentlicht wurde, hoffentlich nur als „vergessener” Leckerbissen der Wissenschaftsgeschichte. Auf Kaláls Buch bin ich vor einigen Jahren in Heidelberg in einem Antiquariat gestoßen. Nicht auf die Ausgabe von 1903, sondern eine von 2009, als die Slowakei bereits seit 16 Jahren als eigenständiger Staat existierte. Warum musste es eigentlich erneut veröffentlicht werden?
MAGYARUL: https://magyarhirlap.hu/velemeny/20251226-szombat-delutan-magyar-torzkep-a-szomszedbol
Autorin, Dr. Irén Rab, ist Kulturhistorikerin und Chefredakteurin von Ungarnreal
Deutsche Übersetzung von Dr. Andrea Martin