70 Jahre Ungarn-Aufstand: Was wir heute von der ungarischen Geschichte lernen können

28. Oktober 2026 The Pioneer von Gábor Steingart

Vor 70 Jahren träumte Ungarn einen großen Traum – den von der Freiheit. Mein Vater, damals Chemiestudent in Budapest, träumte mit. Das war der Sehnsucht nach Freiheit. Der alte Lehrsatz der Außenpolitik, Länder besitzen keine Freunde, sondern Interessen, materialisierte sich in Ungarn und tut es heute erneut in der Ukraine. Die Lehren meines Vaters.

Am Abend des 22. Oktober 1956 drängen er und Tausende von Studenten in die Aula der Technischen Universität Budapest. Bis tief in die Nacht formulieren sie eine Erklärung. Sie fordern darin den Abzug der sowjetischen Truppen, Meinungsfreiheit, geheime Wahlen und den Abriss des monströsen Stalin-Denkmals.

Am nächsten Tag marschieren die Studenten durch die Innenstadt, um diesen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Aus ein paar Tausend werden im Lauf des Nachmittags Zehntausende, am Abend stehen rund 200.000 Menschen vor dem Parlament. Albert Camus ist im Geiste dabei:

Qu’est-ce qu’un homme révolté? Un homme qui dit non. Was ist ein Mensch in der Revolte? Ein Mensch, der nein sagt.

Die Demonstranten schneiden das kommunistische Wappen aus der rot-weiß-grünen Fahne. Die Fahne mit dem Loch weht in den folgenden Tagen über der ganzen Stadt. Das Loch gibt den Himmel über Budapest frei. Es wird zum Symbol der Sehnsucht, frei zu sehen, frei zu denken, frei zu fühlen.

Die Demonstranten legen Stahlseile um die acht Meter hohe Bronzefigur von Stalin und befestigen diese an Lastwagen. Um 21.37 Uhr fällt Stalin.

Die Menge zerlegt den Bronzeschädel mit Schneidbrennern und Vorschlaghämmern in seine Einzelteile. Mein Vater zerlegt mit. Ein Stück Stalin landet in seiner Jackentasche und steht 70 Jahre später – weithin unbeachtet – im Bücherschrank des Charlottenburger Studios von The Pioneer.

Wenn dieses Stück Bronze erzählen könnte, würde es von den ersten Schüssen vor dem staatlichen Rundfunkgebäude erzählen, wohin die Studenten jetzt zogen. Die Studenten wollen ihre Erklärung im Radio verlesen. Die Staatssicherheit eröffnet am Abend des 23. Oktober 1956 das Feuer.

Aus der Sehnsucht nach Freiheit wird jetzt ein Aufstand gegen die Unfreiheit. Die Studenten ziehen weiter zur Kilián-Kaserne, zur Radetzky-Kaserne und zum Waffenlager in der Timót utca. Die Bewaffnung der Aufständischen beginnt. Noch in dieser Nacht rollen sowjetische Panzer in die Innenstadt von Budapest.

Auch mein Vater schult jetzt um – von Bunsenbrenner und Liebigkolben auf Gewehr und Patrone. „Hast du damit jemanden erschossen?“, will ich als Sechzehnjähriger von ihm wissen. Mein Vater wird einsilbig. „Es war dunkel draußen“, sagt er.

Am 29. Oktober hellt sich die Lage auf und das Wunder von Budapest geschieht. Die Sowjets sind verunsichert ob der Entschlossenheit der Bevölkerung. Die Panzer ziehen sich zurück. Die Studenten feiern ihren Triumph.

Zu früh gefeiert: Sechs Tage später, am 4. November 1956, um drei Uhr früh, erfolgt die Kehrtwende. US-Außenminister John Foster Dulles hatte zuvor erklärt, die USA betrachteten die Staaten Osteuropas nicht als potenzielle militärische Verbündete. Washington ließ diese Botschaft gezielt nach Moskau übermitteln. Damit wusste der Kreml, dass er freie Hand hat.

Die Panzer kehren mit massiver Verstärkung ins Stadtzentrum von Budapest zurück. Mehr als 1.000 Kettenfahrzeuge, über 30.000 Soldaten. Das Blutbad der ungarischen Geschichte beginnt.

Um 5.20 Uhr spricht der Reformer Imre Nagy – der auf Drängen der Studenten eingesetzte Ministerpräsident – ein letztes Mal im Radio. Die Hoffnung auf amerikanische Hilfe, die Radio Free Europe tagelang genährt hatte, erfüllt sich nicht. Rund 2.500 Ungarn und etwa 700 sowjetische Soldaten verlieren jetzt ihr Leben. Das von Imre Nagy endet 1958 am Galgen.

Mein Vater wird binnen kürzester Zeit vom Aufständischen zum Flüchtling, einer von rund 200.000 Ungarn, die das Land nun sturzartig verlassen. Die Mutter sah ihren ältesten Sohn nie wieder. Seine sieben Geschwister warteten anderthalb Jahrzehnte auf ein Wiedersehen.

Der Pulverdampf des Ungarnaufstands hat sich verzogen. Zurück bleibt eine Vergangenheit, die nicht vergeht.

Denn der alte Lehrsatz der Außenpolitik, Länder besitzen keine Freunde, sondern Interessen, materialisierte sich in Ungarn und tut es heute erneut in der Ukraine. Washington will keinen Krieg mit einer Atommacht, was mein Vater als Student empörend und später einleuchtend fand. Deshalb wurde aus ihm kein Kalter Krieger, sondern ein Anhänger von Willy Brandt und seiner Entspannungspolitik.

Hier die drei Lehren – seine und meine – aus dem, was geschah:
1. Auf Amerika ist kein Verlass

Die Großmächte hatten sich – damals unter Nikita Chruschtschow und Dwight D. Eisenhower, so wie heute unter Donald Trump und Wladimir Putin – die Einflusssphären und damit die Länder untereinander aufgeteilt. Deshalb blieben der Arbeiterprotest in der DDR im Juni 1953, der Ungarnaufstand vom Oktober 1956, der Mauerbau des August 1961 und der Prager Frühling 1968 militärisch seitens der USA unbeantwortet.

Sicherheitszusagen und Solidaritätsbekundungen der USA sind nur so viel wert wie die Bereitschaft, sie einzulösen. Die Ukraine und ihr Präsident Wolodymyr Selenskyj erfahren das in diesen Tagen aufs Neue. Amerika hat die Kriegsfinanzierung weitgehend eingestellt und kauft bei Putin wieder Diesel. Ohne seine europäischen Partner wäre Selenskyj dem Galgen näher als dem Sieg.

2. Europa muss sich um Europa kümmern

Freispruch für Trump: Es gibt von der amerikanischen Bevölkerung kein Mandat für einen europäischen Krieg. Das galt damals, als Eisenhower mit seinem Slogan „Peace and Prosperity“ inmitten des Ungarnaufstandes triumphal (57 Prozent) wiedergewählt wurde. Das gilt für Trump und jeden demokratischen Präsidenten nach ihm.

Das bedeutet, Europa muss nicht zuerst seine Bananen, Glühbirnen und weitere Nebensächlichkeiten harmonisieren, sondern seine Armeen. Die Zeit drängt. Putin hat in Estland, in Polen und am Leipziger Flughafen damit begonnen, den Westen zu testen. Artikel 5 des Nato-Vertrages – einer für alle, alle für einen – kann uns beruhigen, aber wird uns nicht retten.

3. Die Stunde der Diplomatie

Das Kalkül der Amerikaner, nicht in europäische Konflikte einzugreifen, öffnete damals die Tür für eine europäische Außenpolitik. Die Bundeskanzler Willy Brandt und Helmut Kohl haben das besser verstanden als ihre Nachfolger.

Brandt betrieb seine Entspannungspolitik mit Leonid Breschnew, Helmut Kohl seine mit Michail Gorbatschow. Der eine bekam den Grundlagenvertrag, das Passierscheinabkommen und die Menschenrechtserklärung von Helsinki, der andere die gesamte DDR.

Die Gesprächsdiplomatie, nicht als Ersatz für das Militärische, aber als gleichberechtigte Ergänzung, hat sich für Deutschland ausgezahlt. Die Steingart-Familie war damals dreigeteilt – in einen ungarischen Teil (väterlicherseits), einen ostdeutschen Teil (mütterlicherseits) und einen West-Berliner Teil (da, wo ich geboren wurde).

Dass diese drei Teile nicht erst im Himmel, sondern noch auf Erden zusammenfanden, war das Ergebnis von Politik. Mein Vater empfand Brandt daher auch nicht als Kanzler, sondern als Geschenk.

Eine Politik, die Drohgebärde mit Diplomatie verbindet, die mit Sticks and Carrots arbeitet, fehlt heute. Überall Stöcke. Und keine Karotte weit und breit.

Im Kontrast sieht man klarer: Willy Brandt war im Kreml, Friedrich Merz schafft es immer nur bis nach Kiew. Brandt hatte Egon Bahr und Walter Scheel, Merz hat da niemanden. Außer einen SPD-Verteidigungsminister, der Deutschland „kriegsttauglich“ machen will. Mit Putin könne man nicht reden, sagen die beiden.

Fazit: Die Sehnsucht nach Freiheit muss bewaffnet sein, und doch lässt sie sich allein mit Gewehren nicht stillen. Damals nicht und heute nicht. Wer den Rückruf in die Geschichte des Kalten Krieges verhindern will, muss der Geschichte zuhören. Mein Vater ist verstummt, aber die ungarische Geschichte spricht zu uns, wenn auch nur noch sehr leise.

Autor, Gábor Steingart ist ist ein deutscher Journalist, Autor und Medienunternehmer. Er wurde als Sohn des ungarischen Chemikers Imre Steingart (1937–2004) und dessen deutscher Frau in Berlin-Kreuzberg geboren.

Quelle: The Pioneer

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