Reitkultur auf ungarische Art

8. August 2022 Irén Rab nach dem Interview von Zoltán W.-Nemessuri in HITEL

Es gibt ein altes ungarisches Sprichwort: Das Pferd macht den Mann, der Mann macht das Pferd.  Das Pferd ist einer der ältesten Gefährten des Menschen, ein Partner in der Kriegsführung, in der Landwirtschaft, auf Reisen und im Transport. Heute hat sich die Beziehung zwischen Mensch und Pferd verändert, die Welt hat sich verändert und auch der Mensch, aber nicht das Pferd. Es stellt sich den Menschen genauso zur Verfügung wie vor Tausenden von Jahren. Das Reiten kann den Menschen in einen alten Zustand zurückversetzen, weg von der Welt, in der er heute lebt und in der er sich immer mehr von der Natur entfernt.

Die Frage, warum wir überhaupt ein Tier reiten, ist eigentlich eine Frage nach der Natur und nach unserem eigenen Körper. Die Beziehung zwischen Pferd und Reiter ist erbaulich. Wir sehen uns als Gefährten, während der Rhythmus des Pferdes uns durchdringt. Wir fühlen uns fast als Zentauren, wenn das Tier (auch) von unseren Gedanken gesteuert wird, während das Pferd den Menschen bewegt. Es ist eine heilige Erfahrung und ein Symbol. Die Beziehung zwischen Mensch und Pferd hat sich verändert, und das Pferd ist jetzt ein Partner im Sport, in der Therapie und in der Kunst.

Das berittene Bogenschießen spielte eine wichtige Rolle bei der Landnahme der Ungarn und später bei der Verteidigung des christlichen ungarischen Staates. Der hunnische und ungarische Rückstoßbogen, mit seiner Reichweite und Durchschlagskraft, war die beste Technologie der damaligen Zeit. Wir haben der Welt das berittene Bogenschießen geschenkt, so wie die Japaner das Karate oder die Koreaner das Teakwando.

Das Bogenschießen zu Pferde ist eine alte ungarische Technik, die in ihrer ursprünglichen, reinen Form mit keiner internationalen Strömung verglichen werden kann.

Es ist die Königin und der König der Kampfkünste, denn in dieser Kategorie gibt es keine Geschlechtertrennung.

Die alte Waffe, der Bogen, wird heute aus modernen Materialien und mit modernen Werkzeugen hergestellt. Die Auswahl ist riesig: Man kann Bögen in verschiedenen Stärken und Größen verwenden. Was archaisch geblieben ist, ist die Form, und diese zu einzuhalten und herauszuarbeiten ist nicht nur symbolisch bedeutsam, sondern auch aus praktischer Sicht. Das Bogenschießen zu Pferde ist sowohl als militärische Tradition als auch zur Entwicklung der Technik von Bedeutung. Die individuelle Leistung kann gesteigert werden, und so schafft das gewonnene Wissen eine bewusste und unbewusste Verbindung zu unseren Vorfahren.

Das Bogenschießen zu Pferd kann auch als Mittel zur Persönlichkeitsentwicklung genutzt werden. Wenn es solche Archetypen gibt, dann ist es vor allem der Krieger, der sich in dieser Welt zu Hause fühlt. Für ihn sind Schmerz und Risiko kein Leiden, sondern eine Quelle der Kraft für den weiteren Kampf.

Die ungarische leichte Kavallerie und ihre flexible Taktik überlebten ein Jahrtausend, und mit dem Aufkommen der Husaren im fünfzehnten Jahrhundert gewannen sie neue Stärke.

Diese Waffengattung wurde in ganz Europa eingeführt – unter anderem in Frankreich, Italien, Polen und Deutschland – und bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs eingesetzt.

Mit ihrer kunstvollen und effizienten Ausrüstung und ihrem überwältigenden Galopp war sie ein beeindruckender Anblick zu einer Zeit, als im Westen große, schwerfällige und langsame Pferde eingesetzt wurden. Die vielgepriesene ungarische Tugend und die durchdachten Kampfmethoden spielten eine wichtige Rolle bei ihrem Erfolg. Es ist wenig bekannt, dass das berittene Bogenschießen bis ins frühe neunzehnte Jahrhundert auch ein beliebter Zeitvertreib des ungarischen Adels war. Für eine Weile geriet es in Vergessenheit, wurde aber ab den achtziger Jahren wiederbelebt.

Unsere Traditionen müssen nicht nur gepflegt, sondern geübt, gelebt und weitergegeben werden. Eine Möglichkeit, dem Geiste unserer Vorfahren zu folgen, besteht darin, diesen weiterzugeben. Das Bogenschießen zu Pferde wird von den verschiedensten Leuten praktiziert. Einige wollen Erfolge darin erreichen, andere sind entschlossene Bewahrer der Tradition, wieder andere praktizieren die Kampfkunst als Lebenseinstellung. Die Türken zum Beispiel sehen sie als bloße Tradition an, während

wir Ungarn diese uralte Tradition zum Leben erwecken und in die Gegenwart bringen wollen.

Der Ungar Lajos Kassai war der Gründer der World Federation of Equestrian Archery (WFEA). Als Sport wird das berittene Bogenschießen immer beliebter und breitet sich weltweit aus. Es werden Verbände gegründet, Schießplätze eröffnet und eine Reihe von Ländern tritt dem Weltverband bei, darunter die USA, Südafrika, , Iran, China und mehrere europäische Länder. Es gibt eine wachsende internationale Aktivität, mit zahlreichen Wettbewerben. Die Weltmeisterschaft und das internationale Richtertreffen finden alle zwei Jahre in Ungarn statt, im Kassai-Tal im Komitat Somogy. Der Kassai-Schule für Bogenschießen zu Pferde gehören zehn Sportverbände – genannt „Kánság“ – an. Einer davon, der „Szmrecsányi-Kánság“ ist in Barnag ansässig.

Barnag ist ein kleines Dorf im Balaton-Hochland unweit von Nagyvázsony. Hier kaufte das Ehepaar Szmrecsányi-Veszely ein bröckelndes Bauernhaus und das dazugehörige Land. Sie renovierten das Haus, brachten die Ställe in Ordnung und

gründeten eine Schule für berittenes Bogenschießen und ein Camp für Künstler: Das Pferd ist hierbei das Bindeglied. 

Márton Szmrecsányi, ein Ingenieur und Wirtschaftswissenschaftler, ist einer der Leiter der Schule für die Kassai-Bogenschießtradition. Seine Frau, Beáta Veszely, ist eine Künstlerin, die die ganze Welt bereist hat, und eine Pferdeliebhaberin. Ihre am Londoner Goldmiths College und an der Ungarischen Akademie der Bildenden Künste verfasste Doktorarbeit befasst sich mit den Darstellungen des Pferdes in den vergangenen Jahrtausenden der Kunstgeschichte, in einem kunsthistorischen und semiotischen Ansatz.

Das Paar hat ein komplexes künstlerisches Programm entwickelt, das auf der Beziehung zwischen Pferd und Mensch, deren Interpretation und Darstellung basiert.

Fünf Jahre lang wurde der künstlerische Teil des Programms im Rahmen eines internationalen postgradualen Programms im Kunstzentrum Tihany durchgeführt. Nach dem Umzug nach Barnag wurde es zu einem komplexen Lehrprogramm, indem es um das Bogenschießen zu Pferde nach Kassai-Schule erweitert wurde und die Beziehung zwischen Mensch und Pferd in einen realen Raum stellte.

Das Zentrum in Barnag ist ein internationales Kunstcamp, wie es kein anderes gibt. Die Initiative des Ehepaars Veszely-Szmrecsányi ist nicht nur im Balaton-Hochland bekannt und anerkannt, sondern auch international.  Im Laufe der Jahre hat sich gezeigt, dass das Thema für viele Künstler im In- und Ausland von Interesse war. Das Barnager Zentrum und seine Methoden werden gebraucht.

Es kommen Menschen aus Ost und West hierher, und indem sie voneinander lernen und die Wahrnehmungen und Techniken der anderen beobachten, erschaffen sie ihre Kunst.

Es ist besonders interessant zu sehen, wie sich die Pferdetraditionen der verschiedenen Länder voneinander unterscheiden, wie sie die Denkweise und den kreativen Prozess beeinflussen.

Das berittene Bogenschießen ist sowohl ein Sport als auch eine kulturelle Aktivität, ein integraler Bestandteil der ungarischen Kultur. Wer sich heute darauf einlässt, wird ein bisschen ungarisch, so wie Karateka sich mit der japanischen Kultur auseinandersetzen müssen. Diejenigen, die die ungarische Kultur wirklich von Nahem kennenlernen wollen, lernen die ungarische Sprache und Kultur. Mit der Verbreitung des berittenen Bogenschießens gewinnen auch die sportlichen Leistungen an Gewicht, vor allem bei jungen Menschen. Schließlich ist es ein Wettbewerb.

Und wir beweisen der Welt, dass die Ungarn die Besten in diesem Sport sind.

Heute sind wir das noch, aber auch die ausländischen Teilnehmer werden immer erfolgreicher, sodass unsere Vorherrschaft nicht ewig anhalten kann.

„Die kulturelle Krise betrifft auch den Westen. Die Künste werden so sehr vom Markt bestimmt, dass dabei die Suche nach Wahrheit verlorengeht. Das war einer der Gründe, warum ich nach acht Jahren aus England nach Hause zurückgekehrt bin“, sagt Beata Veszely. „Die Entfernung hat mir gezeigt, wie wichtig unsere Wurzeln sind und dass wir nicht zufällig irgendwo geboren werden. Gott hat mich für Ungarn bestimmt, ich habe hier Aufgaben. Dafür bin ich dankbar, denn das hat mich in eine wunderschöne Umgebung und eine aufregende Zeit zurückgeholt.

Am 14. August 2022 wird die Weltmeisterschaft des Turanischen Berittenen Bogenschießens veranstaltet – auf der Großveranstaltung Kurultaj, nach originalem Kassai-System. Neben ungarischen Traditionswahrern erwarten die Bogenschützen auch eine Reihe regelmäßiger Besucher aus dem Ausland.

DIE WEBSEITE VON SZMRECSÁNYI-KÁNSÁG: https://szmrecsanyi.hu/hu

Nach dem Interview von Zoltán W.-Nemessuri mit dem Ehepaar Szmrecsányi-Veszely wurde von Irén Rab geschrieben .

Deutsche Übersetzung von Sophie Matteikat

MAGYARUL: https://ringmagazin.hu/2022/08/10/lovas-kultura-magyar-modra

MAGYARUL a teljes interjú: https://www.hitelfolyoirat.hu/wp-content/uploads/2022/05/06-wodianer-szmrecsanyi.pdf

1 thought on “Reitkultur auf ungarische Art”

  1. Ich bin selbst Bogenschütze und ein Freund dieses angenehmen und beruhigenden Freizeitvertreibs.
    Allerdings habe ich noch nie vom Rücken eines Pferdes Bogenschießen praktiziert.
    Nur mit einem visierlosen Reiterbogenhabe ich keine Erfahrung, aber es macht neugierig, die auch einmal auszuprobieren.

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