Die Abschaffung der Begabtenförderung

12. August 2026 Cato von Bence Bauer

Wie opportun ist es, eine renommierte Einrichtung der Ausbildung junger Talente aufgrund politischer Vorgaben ausbluten zu lassen? Der Entzug des Stiftungsvermögens und sämtlicher daraus erzielter Erträge ist ein Riesenrisiko und führt zur wirtschaftlichen Handlungsunfähigkeit und letztlich zum Zusammenbruch.

Der neue ungarische Ministerpräsident machte aus seiner Meinung zum Mathias Corvinus Collegium (MCC) nie einen Hehl. Nach dem Willen der neuen Regierung soll die Bildungseinrichtung öffentliche Zuwendungen sowie sämtliche, daraus erzielte Erträge wieder abgeben, was ein wirtschaftliches Aus bedeutet.

Das MCC ist eine 1996 als private Stiftung gegründete Einrichtung der Begabtenförderung. Es war auch ein Ort des offenen, demokratischen Diskurses und deshalb war für begabte junge Leuten höchst attraktiv. Genau wie zuvor stehen die gesellschaftliche Integration, die soziale Verantwortung und der leistungsorientierte Aufstieg in Mittelpunkt der Begabtenförderung.

Mit mehr als 8.000 jungen Menschen – davon etwa 1.000 Studenten in Budapest und weiteren sechs Städten – ist das MCC das größte Fachkolleg in Ungarn.

Dabei werden nicht nur allgemein Bildungschancen eröffnet, sondern bewusst Jugendliche in ländlichen Räumen gefördert und deren Aufstiegschancen verbessert. Alle Angebote sind kostenfrei, Mentoring und Stipendien kommen dazu. Ab dem Universitätsprogramm besteht die Möglichkeit ausländischer Studien- und Forschungsaufenthalte an renommierten Partneruniversitäten, etwa an der ESMT Berlin und der University of Oxford sowie an anderen bedeutenden wissenschaftlichen Einrichtungen.

Das Ziel ist, dass international aufgeschlossene junge Leute mit dem in Ausland gewonnenen Erfahrungs- und Wissensschatz wieder nach Ungarn zurückkehren, um ihre Kenntnisse und Fähigkeiten zum Wohle des Landes einzusetzen.

Für die Lehre stehen sechs Abteilungen der geisteswissenschaftlichen Disziplin zur Verfügung, in der Forschung vernetzen die sechs, vom MCC finanzierten Institute zahlreiche Studenten mit hochkarätigen internationalen Experten. Sie bieten mannigfaltige Veranstaltungen, Programme, Forschungen, Analysen, Briefings und eine breite Medienarbeit an – vor allem das Migrationsforschungsinstitut, das Klimapolitische Institut oder das Deutsch-Ungarische Institut für Europäische Zusammenarbeit. Dieses verfügt über ein breites Netzwerk in Deutschland und bringt wichtige Teile der deutschen Wissenschafts-, Medien- und Think-Tank-Welt nach Ungarn. Das Institut stärkt mit den vielen Partnerschaften die Beziehungsgeflechte beider Länder und wird auch in Deutschland als seriöse Adresse wahrgenommen.

Neben diesen Aktivitäten spielt die internationale Netzwerkbildung eine wichtige Rolle. Während sich die Institute fachpolitisch aufstellen, hat das MCC durch den europäischen Diskurs eine gewisse Bekanntheit gewonnen. Aus diesem Grund kommt dem MCC in der dortigen öffentlichen Wahrnehmung eine Stellung im Geflecht der konservativen Kräfte zu.

Die Einrichtung ist parteipolitisch strikt ungebunden, ideologisch nicht festgelegt, doch steht sie auf einem bürgerlichen Wertefundament. Ein wichtiges Indiz ist hierfür das Wort „patriotisch“.

Während im deutschen Diskurs dieses Wort eher der politischen Rechten zuzuordnen ist, nehmen in Ungarn fast alle für sich in Anspruch, heimatlieb und patriotisch zu sein, auch und gerade die neue Tisza-Regierung von Péter Magyar. Der Begriff ist in Ungarn inklusiv, anders als in Deutschland. Das MCC will nach eigener Darstellung patriotische junge Ungarn fördern. Dies ist in Ungarn eine Einstellung, die die gesamte Gesellschaft einschließt,

In den deutschen Befindlichkeiten und der medialen Darstellung aber nichts anderes sein kann als eine strikt konservative bis rechte Attitüde. Jedoch konnten oder wollten viele diese wichtige Differenzierung nicht vornehmen, sondern assoziierten das MCC mit Fidesz und sahen in ihm eine Ausbildungsstätte der Konservativen. Dem ist aber nicht so:

Anders als in Deutschland gibt es in Ungarn keine Tendenzbetriebe. Eine politische Zugehörigkeit wird weder gefragt, noch verlangt und die MCC-Studenten stehen für die ganze Bandbreite an politischen Ansichten in Ungarn.

Sie werden weder politisch geschult, noch indoktriniert, sondern ausschließlich aufgrund von Leistung und wissenschaftlicher Exzellenz gefördert. Dennoch verstärkte sich in der Öffentlichkeit ein entgegengesetzter Eindruck, weil auch viele wohlweislich annahmen, dass diese große Toleranz doch gar nicht sein könne. Wenn man mit vielen Studenten spricht, sie unterrichtet und mit ihnen arbeitet, gewinnt man einen guten Eindruck von deren Stimmungslage. Bei den Parlamentswahlen 2026 entsprach diese wie erwartbar der ganzen Bandbreite der ungarischen Gesellschaft, inklusive starker Sympathien für die Tisza-Partei von Péter Magyar, was durchaus dem Empfinden vieler junger Menschen in Ungarn nahekommt. Eine Kaderschmiede sähe anders aus.

Bemerkenswerterweise wurde das MCC auch aus den Reihen der Fidesz – wenn auch nicht öffentlich – kritisiert. Ihm wurde vorgeworfen, inhaltlich zu liberal und weltoffen zu sein.

Gerade dies zeigt jedoch, dass eine politische Einflussnahme auf die Lehre in der Praxis schlicht nicht funktioniert – unabhängig von der Couleur der jeweiligen Regierung.

Die Hauptkritik der neuen ungarischen Regierung bezieht sich zunächst auf die vermeintliche politische Rolle der Einrichtung und deren Finanzausstattung. Argumentiert wird, dass dieses Vermögen der öffentlichen Hand entzogen sei. Das MCC hat 2020 von der Ungarischen Nationalversammlung einen großen Finanzstock bekommen, der nicht verkauft oder veräußert werden darf, nämlich 10% der Aktien der Mineralölkonzerns MOL und 10% der Aktien des Pharmakonzern Richter Gedeon.

Die Dividenden haben gereicht, um exzellente Bildung, Stipendien, Wohnheime, Bildungszentren und internationale Aktivitäten zu finanzieren.

Im Jahr 2021 wurde das MCC, wie auch 22 Universitäten des Landes und andere Einrichtungen, in eine sog. „vermögensverwaltende öffentlich-rechtliche Stiftung“ (KEKVA) umgewandelt, auf die staatliche Vergabevorschriften anzuwenden sind. Der wesentliche Gedanke dieses Finanzierungsmodells bestand darin, nicht auf staatliche Haushaltsmittel angewiesen zu sein. Hintergrund war die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte, dass die Finanzierung von Bildung, Hochschulbildung und Begabtenförderung häufig von parteipolitischen Auseinandersetzungen und politischen Interessen abhängig war. Durch die Stiftungsfinanzierung sollten diese Einrichtungen langfristig planbar und unabhängig arbeiten können, ohne den politischen Schwankungen ausgesetzt zu sein. Dieses System brachte eine bessere Finanzierung, stärkere Autonomie und höhere Exzellenz.

Die Europäische Kommission monierte die Praxis der Bestellung der Kuratoren sowie den Entzug der öffentlichen Gelder vor staatlichem Zugriff, was ihrer Meinung nach systemische Korruptionsmöglichkeiten eröffne.

Jedoch werden auch diese Einrichtungen vom Rechnungshof kontrolliert.

Eine ähnliche Konstruktion wird in Deutschland etwa bei der Konrad-Adenauer-Stiftung oder bei der DFG (Deutschen Forschungsgemeinschaft) angewandt, die zwar formalrechtlich ein eingetragener Verein ist, aber aufgrund der 99%-Finanzierung durch die öffentliche Hand vielen öffentlich-rechtlichen Bestimmungen unterliegt.

Die Tisza-Partei forderte aber in ihrem Wahlprogramm, die öffentliche Finanzierung des MCC aufgrund angeblicher politischer Aktivitäten einzustellen. Mit dem Wahlergebnis erreichte sie eine Zweidrittelmehrheit, die weitreichende Änderungen ermöglicht. Davon ist auch das MCC betroffen.

Ein am 29. Juni 2026 in Kraft getretenes Gesetz stipuliert, dass die KEKVA-Universitäten bis zum 31. August 2027, das MCC und nicht-universitäre KEKVA-Stiftungen bis zum 31. August 2026 aufzulösen sind.

(Im gesamten KEKVA-System gibt es 37 Stiftungen; davon sind 16 nicht-universitäre KEKVA-Stiftungen, u.a. das MCC oder die Frontiers Foundation (Élvonal Alapítvány. welche vom Nobelpreisträger Ferenc Krausz geleitet wird. Diese Stiftung fördert und finanziert sowohl die
Begabtenförderung im Bereich der Naturwissenschaften als auch die wissenschaftliche Spitzenforschung auf internationalem Höchstniveau.)

Bereits früher im Juni hatte sich die Regierung die Gründungsrechte gesichert, also das Recht zur Ernennung der Kuratorien. Freilich ändert sich mit dieser Neuregelung nur die Rechtsform, nicht die Organisation als Ganzes. Etwaige Gründer können die Einrichtungen wieder übernehmen. Die staatlichen Dotationen sind komplett zurückzugeben. Das Gesetz besagt auch, dass die Dividenden und alle hieraus erlangten Vermögensgüter an den Staat zu übertragen sind. Da das MCC auch über viele private Mittel verfügt, beginnt nun eine komplizierte Vermögenstrennung.

Ob und wie opportun es ist, eine renommierte Einrichtung der Ausbildung junger Talente aufgrund politischer Vorgaben ausbluten zu lassen, ist wiederum eine andere Diskussion. Die Regierung hat es nach der geltenden neuen Gesetzeslage jederzeit in der Hand, das Leitungsgremium des MCC wie aller anderen Stiftungen auszutauschen. Auch kann nunmehr der komplette Betrieb ersatzlos eingestellt werden. Der Entzug des Stiftungsvermögens und sämtlicher daraus erzielter Erträge ist ein Riesenrisiko und führt zur wirtschaftlichen Handlungsunfähigkeit und letztlich zum Zusammenbruch.

Es ist kaum vorstellbar, was passieren würde, wenn eine neue politische Kraft in Deutschland dem Modell der deutschen Stiftungsfinanzierung von einer Minute auf die andere komplett den Boden entziehen würde.

Autor, Dr. Bence Bauer ist Direktor des Deutsch-Ungarischen Institut am MCC

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