8. August 2026 Tichys Einblick von Boris Kálnoky
Viele ehedem regierungskritische Journalisten sind nunmehr Regierungsfunktionäre im Kabinett von Premier Péter Magyar – und obendrauf: Die Kabinettschefin drehte zuvor als Filmproduzentin ein Epos über das Leben und Wirken von Péter Magyar.
Journalismus, so sagte einmal ein weiser Mann, dessen Name mir momentan entfällt, ist ein Beruf, der überall hin führen kann – vorausgesetzt, man verlässt ihn. Denken wir nur an Boris Johnson, den etwas merkwürdigen britischen Ex-Premier. Aber auch Winston Churchill begann einmal als Kriegskorrespondent. Die Übergänge zwischen Medien und Politik waren immer schon fließend, speziell, wenn es um Regierungssprecher geht. Man denke da in Deutschland nur an Béla Anda („Welt“, „Bild“, dann ab 2002 Regierungssprecher von Gerhard Schröder).
Aber der Anteil ehemaliger regierungskritischer Medienvertreter in der neuen ungarischen Regierung ist rekordverdächtig.
Da ist zuvorderst Bálint Ruff, der die Regierung Orbán auf dem – der Selbstbeschreibung zufolge – unabhängigen, objektiven und regierungskritischen Youtube-Kanal „Partizán“ über Jahre in Grund und Boden kritiserte. Ruff hatte dort sein eigenes Programm, „Vétó“, könnte also fast als Journalist bezeichnet werden, war aber Zeit seines Lebens politisch aktiv, als Wahlkampf- und Politikberater für diverse Oppositionskandidaten und – Parteien. In seinem „Vétó“-Programm war öfter mal Péter Tóth zu Gast, Péter Magyars Wahlkampfleiter.
Nun ist Péter Magyar Regierungschef, Ruff als sein Kanzleramtsminister der wohl zweitmächtigste Mann im Staat, und Péter Tóth ist der neue Nationale Sicherheitsberater. Die beiden sind eng befreundet, beide politisch dezidiert links, und bilden als Duo einen Machtpol innerhalb der Regierung – zumal sie offenbar das besondere Vertrauen des Regierungschefs genießen.
„Partizán“ ist das bei weitem einflussreichste audiovisuelle Medium in Ungarn, weit einflussreicher, als es das öffentlich-rechtliche Fernsehen in den letzten Jahren war. In Ungarn schaut man nicht mehr fern, man schaut Partizán.
Der Kanal gab an, nichts von Ruffs Tisza-Verbindung gewusst zu haben, man sei immer vollkommen unabhängig und unparteilich gewesen.
Ebenfalls bei Partizán war – bis vor einem Monat – der langjährige Journalist und Politologe Botond Feledy, als Redakteur mit mehreren eigenen Programmen sowie einem Newsletter. Nun wird er Leiter des Ungarischen Instituts für Außenpolitik, das bislang unter dem Amerikaner Gladden Pappin dem Ministerpräsidentenamt unterstellt war, aber nun wieder zum Außenministerium gehören soll. Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von Twitter angezeigt werden.
Übrigens verdankt Péter Magyar seinen kometenhaften Aufstieg in der Politik einem Partizán-Interview, in dem er – nachdem seine Ex-Frau, Ex-Justizministerin Judit Varga, sich aus der Politik zurückgezogen hatte – öffentlich mit Orbán brach, den er noch kurz vorher öffentlich angehimmelt hatte. Dieses lange Interview, am 11. Februar 2024, machte ihn über Nacht berühmt.
Ganz zufällig war es auch Partizán, das den jetzigen Wirtschaftsminister István Kapitány in Ungarn einer breiten Öffentlichkeit bekannt machte, mit einem Lebensinterview am 13. Mai 2025. Da war von etwaigen Plänen, in die Politik zu gehen, noch nicht die Rede. Ob nun Partizán den früheren Shell-Manager bewusst lancierte, oder Péter Magyar erst durch das Interview auf ihn aufmerksam wurde – das ist eine gute Frage.
Der Youtube-Kanal, betrieben von Márton Gulyás, startete im Herbst 2018 als betont radikal-sozialdemokratisches Format. Weil dort in den Interviews harte Fragen gestellt wurde, füllte er rasch eine Marktlücke. Heute hat Partizán 700.000 Abonnenten, das historische Magyar-Interview wurde mehr als drei Millionen Mal angeklickt.
Aus (ehedem) regierungskritischen Medien kommen auch die drei Pressesprecherinnen des Ministerpräsidenten, die drei in Ungarn sehr bekannten TV-Journalisten Vanda Szondi, Éva Magyar (beide RTL) und Anita Köböl (ATV).
Auch der Fraktionssprecher der Tisza-Partei, Nándor Horváth, war 2014 bis 2024 RTL-Reporter. Im Wahlkampf trat er mit Video-Reportagen – natürlich unabhängig und objektiv – für das damals regierungskritische Nachrichtenportal 24.hu in Erscheinung. Ebenfalls (unter anderem) bei 24.hu arbeitete Norbert Kustánczi, der jetzt für Kanzleramtsminister Bálint Ruff (Ex-Partizán, wie erwähnt) die Kommunikation leitet.
Der Journalist Zsolt Tárkány (RTL) wurde Staatssekretär bei Verkehrsminister Dávid Vitézy. Der Sportjournalist und einstige Spitzensportler Attila Kálnoki Kis wurde Staatssekretär im Innenministerium, zuständig für Sport.
Es ist also eine sehr medienzentrierte Regierung.
Kein Wunder, dass Magyar eine „partnerschaftliche“ Beziehung zu den Medien angekündigt hat – in der Praxis wohl mit jenen Medien, die ihn im Wahlkampf mehr oder minder unverhohlen unterstützten, und aus denen er nun Personal rekrutiert für seine Regierung.
Ein Sahnehäubchen zum Schluss: Magyars Kabinettschefin ist Claudia Sümeghy, eine Filmproduzentin, die gemeinsam mit ihrem Mann den Film „Frühlingswind“ drehte – ein rühmendes Epos über das Leben und Wirken von Péter Magyar. Es soll eine Fortsetzung geben, über ihn als Ministerpräsident.
Autor, Boris Kálnoky ist ein Journalist, Leiter der Medienschule von MCC