6. August Budapester Zeitung von Tristan Csaplár
Das Mathias Corvinus Collegium (MCC) wurde 1996 als private Stiftung gegründet und hat sich in den letzten Jahren zu der wohl bedeutendsten Einrichtung der ungarischen Begabtenförderung entwickelt. Es bietet mehr als 8.000 Schülern und Studenten im ganzen Land kostenfreie Bildungsprogramme an.
Ziel des MCC ist es, talentierte junge Menschen unabhängig von ihrer sozialen oder regionalen Herkunft zu unterstützen und damit bestehende Bildungsungleichheiten zu verringern.
Landesweite Begabtenförderung
Insbesondere in strukturschwachen Regionen schaffte das Mathias Corvinus Collegium in den letzten Jahren Bildungsangebote, die zuvor häufig nicht vorhanden waren. Auch eine strukturierte private Begabtenförderung gab es in diesen Regionen zuvor kaum bis gar nicht.
Das MCC bietet heute landesweit Fortbildungsmöglichkeiten, Mentoring- und Stipendienprogramme sowie Unterstützung bei der Bewerbung und finanziellen Realisierung von Auslandssemestern und Forschungsaufenthalten an renommierten internationalen Universitäten.
Das landesweite Ausrollen der Begabtenförderung sowie die Ausweitung der Zielgruppe von Studenten auf die jüngeren Altersgruppen waren dabei nur durch Zuwendungen aus der öffentlichen Hand möglich.
Zu diesem Zweck wurde das MCC im Jahr 2020 in das System der sogenannten KEKVA-Stiftungen („gemeinnützige Stiftungen zur Verwaltung von Vermögenswerten im öffentlichen Interesse“) überführt. Dieses Stiftungsmodell war von der damaligen Regierung eingeführt worden, um unter anderem Universitäten von der unmittelbaren staatlichen Verwaltung zu lösen. Mit dem Stiftungsmodell sollte den betroffenen Bildungseinrichtungen
eine langfristig gesicherte Finanzierung sowie größere institutionelle Unabhängigkeit ermöglicht werden.
Die Überführung in Stiftungen sollte stabile Rahmenbedingungen schaffen und den Einrichtungen somit eine langfristige und von kurzfristigen politischen Veränderungen unabhängige Entwicklung ermöglichen.
Das MCC erhielt zu diesem Zweck bedeutende Vermögenswerte in Form von jeweils zehnprozentigen Aktienbeteiligungen an dem Mineralölkonzern MOL und dem Pharmaunternehmen Gedeon Richter. Diese Aktien durften dabei nicht veräußert werden und die daraus erzielten Dividendenerträge waren ausschließlich für die Finanzierung der Begabtenförderung vorgesehen. Die Erträge finanzierten die Einrichtung und den Betrieb von Bildungszentren, Stipendien, Wohnheimplätzen, Auslandsaufenthalten und Forschungsreisen sowie Konferenzen und Ausbildungsprogrammen.
KEKVA-Modell unter Beschuss
Das KEKVA-Modell geriet jedoch zunehmend in die Kritik. Kritiker bemängelten insbesondere, dass staatliches Vermögen dauerhaft in Stiftungen übertragen und dadurch der unmittelbaren Kontrolle des Staates entzogen wurde. Beanstandet wurde zudem, dass die entsprechenden Kuratorien keiner Amtszeitbegrenzung unterlagen und teilweise mit aktiven oder ehemaligen Politikern besetzt waren.
Auch das MCC stand deshalb wiederholt im Mittelpunkt politischer Debatten. Die Hauptkritik war eine vermeintliche (partei-)politische Funktion des MCC, die durch Vermögen aus der öffentlichen Hand finanziert wurde. Bestärkt wurde dieser Eindruck durch die Tatsache, dass der am 19. Juni 2026 zurückgetretene Kuratoriumsvorsitzende Balázs Orbán zugleich leitende Funktionen in der ehemaligen Regierung innehatte.
Vor diesem Hintergrund wurde dem MCC von politischen Gegnern eine zu große Nähe zur früheren Regierung vorgeworfen, und es geriet als „Fidesz-Kaderschmiede“ in Verruf.
Dieser Ruf hält einer genaueren Betrachtung jedoch nicht stand. Gleichwohl es die persönlichen Verbindungen in die Regierungskoalition aus Fidesz-KDNP zweifellos gab, waren diese politischen Positionen doch von der Tätigkeit des MCC zu trennen. Diese wichtige Unterscheidung konnten oder wollten die politischen Gegner des Fidesz an dieser Stelle jedoch nicht vornehmen.
Keine Parteistiftung!
Es ist jedoch wichtig hervorzuheben, dass das MCC nie als Parteistiftung fungierte. Eine politische Zugehörigkeit der Schüler und Studenten darf daher nicht erfragt werden und wurde auch nicht erfragt. Das MCC setzte vielmehr auf Leistung und Exzellenz. Die Schüler und Studenten wurden ausschließlich aufgrund ihrer schulischen und akademischen Leistungen ausgewählt.
Die Studentenschaft des MCC verkörpert entsprechend das gesamte politische und weltanschauliche Spektrum der ungarischen Gesellschaft.
Die Studenten werden am MCC weder politisch geschult noch indoktriniert, sondern ausschließlich aufgrund von Leistung und wissenschaftlicher Exzellenz in bestimmten Fachgebieten gefördert.
Das MCC war in seiner Lehrtätigkeit politisch ungebunden, bewegte sich stets auf einem bürgerlichen Wertefundament. Dennoch könnte es jetzt ein Opfer der politischen und gesellschaftlichen Polarisierung werden.
KEKVA-Ende mit Komplikationen
Die Tisza hatte bereits im Wahlkampf das Ende des KEKVA-Stiftungsmodells angekündigt und diese Forderung auch im Wahlprogramm festgeschrieben. Nach der Regierungsbildung kündigte die neue Regierung an, die KEKVA-Stiftungen abzuschaffen und zu verstaatlichen, um die dorthin ausgelagerten staatlichen Vermögenswerte zurückzuerlangen.
Am Montag, dem 15. Juni, verabschiedete das ungarische Parlament dann auch die mittlerweile 16. Änderung des Grundgesetzes. Die Novelle legt unter anderem fest, dass das Vermögen der KEKVA-Stiftungen einen Bestandteil des Staatsvermögens darstellt. Sie gewährleistet dem Staat zudem die Ausübung der Gründungsrechte sowie die Möglichkeit zur Auflösung der Stiftungen. In diesem Fall fällt das aus staatlichen Mitteln bereitgestellte Vermögen der Stiftung an den Staat zurück.
Gemäß der am 30. Juni in Kraft getretenen Gesetzgebung sollen alle KEKVA-Stiftungen außerhalb des Hochschulwesens bis zum 31. August 2026 aufgelöst werden; die Universitätsstiftungen sollen im nächsten Jahr folgen.
Etwaige Gründer können die Einrichtungen zwar wieder übernehmen, jedoch droht beispielsweise dem MCC in diesem Fall die finanzielle Grundlage genommen zu werden. Damit würde wohl auch die Begabtenförderung weitestgehend zum Erliegen kommen. Zudem würde dies eine voraussichtlich langwierige Vermögenstrennung nach sich ziehen, da das MCC auch über private Mittel verfügt beziehungsweise diese in die KEKVA-Stiftung eingebracht hatte.
Ungewisse Zukunft
Rechtsnachfolger der KEKVA-Stiftungen wird der ungarische Staat, der die bisher wahrgenommenen Aufgaben im öffentlichen Interesse fortführen kann, sollte er sich mit der Auflösung nicht auch für die vollständige Einstellung der bisher durch die Stiftung ausgeübten Aktivitäten entscheiden.
Die Gründungsrechte des Mathias Corvinus Collegiums liegen bereits seit dem 30. Juni 2026 beim Staat und das MCC darf seit dem 29. Juni 2026 keine neuen finanziellen Verpflichtungen mehr eingehen. Der Betrieb ist somit schon jetzt – zumindest vorerst – weitestgehend zum Erliegen gekommen. Die regulären Gehälter und die Miete werden jedoch noch gezahlt und auch die Lehrtätigkeit läuft vorerst weiter.
Die aktuelle Situation muss jedoch nicht mit einer endgültigen Einstellung der Begabtenförderung einhergehen. Vielmehr liegt die Zukunft des Flaggschiffs der ungarischen Begabtenförderung nun in den Händen des ungarischen Gesetzgebers. Denn
die neue ungarische Regierung ist nun mit den Gründungsrechten ausgestattet und verfügt somit sowohl über die Möglichkeit, den Betrieb ersatzlos einzustellen, als auch das MCC unter staatliche Aufsicht zu stellen
und nach den eigenen Vorstellungen, beispielsweise durch eine Neubesetzung des Kuratoriums, zu formen.
Derzeit ist ungewiss, für welchen Weg sich die ungarische Regierung entscheiden wird. Fest steht jedoch, dass ein Ende der Tätigkeit des Mathias Corvinus Collegiums aufgrund persönlicher und politischer Apathie einen schweren Schlag für die gesamte ungarische Begabtenförderung sowie die mehr als 8.000 derzeit im MCC organisierten Schüler und Studenten bedeuten würde.
Der Autor, Tristan Csaplár ist Forschungskoordinator am Deutsch-Ungarischen Institut für Europäische Zusammenarbeit am Mathias Corvinus Collegium (MCC).
Quelle: https://www.budapester.hu/meinung/vor-dem-aus-oder-einer-umgestaltung/