Europa hat das Feuer verlassen, bei dem wir immer noch ausharren. Sie glauben, sie würden dann Europäer sein, wenn sie sich selbst aufgeben. Wir aber wissen: dann bleiben wir Europäer, wenn wir Menschen und Ungarn bleiben. Denn wer als Ungar ein Lump ist, der ist als Europäer untauglich. Das ist unser Angebot für den Kontinent.
3. Januar 2026 Hazaszótár von Szilárd Demeter
Das Fest ist vorüber. Bevor wir uns aber verabschieden, sollten wir für einen Moment an der Glut des Wachtfeuers stehenbleiben.
Das Heimatswörterbuch (Hazaszótár) ist nicht nur eine Sammlung der Worte. Das Heimatswörterbuch ist Selbstverteidigung. Ich begann es zu schreiben, weil ich spürte: die größte Schlacht des 21. Jahrhundert wird nicht um Gebiete, nicht um Energiequellen geschlagen, sondern um das Bewusstsein. Und in dieser Schlacht ist das erst Opfer immer die Sprache. Die Bedeutung der Worte. Ihre Beziehung zu der Wirklichkeit.
Im Advent stellte ich vier Behauptungen auf.
Die erste: im Zeitalter der Digitalisierung leben wir durch die Fülle qualitativ in einem Zustand des geistigen Ausgehungertseins. Wir sind voll mit Lärm, mit Reizen, am Licht des Bildschirmes, und trotzdem fehlt uns die Wahrheit, die Stille, die sakrale Ordnung. Wir leiden als Gutgenährte an Hunger.
Die zweite: die Freude kann man nicht mit Vergnügung gleichsetzen. Die Vergnügung zerstreut, die Freude versammelt, bringt zusammen. Die Freude ist ein inneres Klima, sie besteht auch dann, wenn die Umstände einen nicht begünstigen.
Die dritte: die Hoffnung ist kein naiver Optimismus. Die Hoffnung bedeutet Haltung. Eine innere Achse, an der man sich auch dann orientieren kann, wenn der Horizont dunkel wird. Die Hoffnung ist die Kunstgattung des Winters.
Zum Schluss landeten wir bei der Liebe. Bei der Liebe, die nicht sentimental ist, sondern Disziplin und Aufmerksamkeit bedeutet. Anwesenheit. Wachsein. Die Fähigkeit, dass man einem anderen Platz lässt, bis er ankommt.
Diese vier Gedanken sind kein Stimmungsbogen, sondern bedeuten Ordnung. Eine mögliche Antwort darauf, was uns umgibt.
Denn die Welt, in der wir leben, will das Vergessen bewirken.
Das Ziel der durch Algorithmen beherrschten Politik der Augenblicke ist, dass wir keine Erinnerung, keine Geschichte haben sollen, nur der Reiz der „Gegenwart“ darf existieren.
Das ist das Zeitalter der Interpretationskrise. Wenn man die Ungebundenheit als Freiheit ansieht, die Freiheit jedoch als Zwang betrachtet, die auf sich genommene Bindung der Verantwortung als Unterdrückung auffasst und die Liebe zur Heimat als Ausschluss begreift.
In diesem künstlichen Nebel müssen wir Orientierungspunkte finden. Unsere Antwort darauf ist die Revolte des gesunden Menschenverstandes. Nicht etwas anderes über das sagen, was wir sehen. Nicht akzeptieren etwas, wovon wir wissen, dass es nicht wahr ist.
Die Basis des gesunden Menschenverstandes ist das kulturelle Christentum, die Verteidigung der Basis menschlicher und ungarischer Existenz.
Das ist der Rahmen, in dem der Mann Mann, die Frau Frau ist, die Familie Zuflucht bedeutet, die Nation als eine Schicksalsgemeinschaft gilt. Wo der Mensch kein Gott ist, aber ein nach Antlitz Gottes erschaffenes Wesen, weshalb er eine Würde hat – und nicht nur ein Verbraucherprofil.
Viele behaupten: Europa ist in die Krise geraten. Wir sehen eher: Europa hat das Feuer verlassen, bei dem wir immer noch ausharren. Sie glauben, sie würden dann Europäer sein, wenn sie sich selbst aufgeben. Wir aber wissen: dann bleiben wir Europäer, wenn wir Menschen und Ungarn bleiben. Denn wer als Ungar ein Lump ist, der ist als Europäer untauglich. Das ist unser Angebot für den Kontinent. Statt Auflösung die Bewahrung unsere eigene Identität.
Deshalb ist das Ende des Jahres keine Verabschiedung, sondern eine Bekräftigung.
Wir löschen das Wachtfeuer nicht. Denn dieses Feuer markiert die Grenze zwischen Chaos und Ordnung, zwischen Lärm und Musik, zwischen Nichts und Etwas.
Nehmen wir diese Flamme mit, auch in das neue Jahr.
Holen wir unsere Wörter zurück. Lassen wir unseren Glauben nicht lächerlich machen. Lassen wir unsere Gemeinschaften nicht auseinanderdividieren. Bleiben wir auf der Basis des gesunden Menschenverstandes. Bleiben wir einander treu.
Vergessen wir nicht: wo das Wachtfeuer brennt, dort ist Leben. So lange wir das Feuer bewachen, so lange beschützt dieses Feuer auch uns.
Ein friedliches, glückliches, neues Jahr, Ungarn!
Autor, Szilárd Demeter ist ein in Siebenbürgen geborener Philosoph, politischer Analyst, Beauftragter des Ministerpräsidenten für kulturelle Nationbildung
Deutsche Übersetzung von Dr. Gábor Bayor
MAGYARUL: https://hazaszotar.hu/2025/12/28/ortuz/