Wir Ungarn – Auf der Suche nach dem ungarischen Nationalcharakter

17. März 2021 ein Gastartikel von István Heinrich

Als Einleitung zu diesem Aufsatz ist es empfehlenswert, ein kurzes Stück meines Lebenslaufs zu erzählen. Wenn ich versuche den Nationalcharakter der Ungarn zu umschreiben, dann tue ich das keinesfalls im Gegensatz zu anderen Nationalidentitäten. Wobei ich weiß, dass man dieser Versuchung auch unbeabsichtigt erliegen kann.

Ich lebte 35 Jahre lang im Vorharzland in einer reizvollen kleinen Residenzstadt, wo an den Balken der zahlreichen Fachwerkhäuser solche Aufschriften zu lesen sind wie: “Geh deinen Weg und lass die Leute reden“. Ich fühlte mich in dieser Stadt zu Hause. Wie ich mich nach dieser langen Zeit auch an vielen Gegenden Deutschlands heimatlich fühlte, einerlei ob ich im  Harzgebiet oder in der Lüneburger Heide, im Thüringer Wald,  am Bodensee  oder im Allgäu verweilte. Ich habe enge Freunde und gute Bekannten in Braunschweig, Hamburg, Frankfurt am Main und München, aber auch in Rostock, Erfurt und Jena. Andererseits brachte es mein Beruf mit sich, dass durch ein internationales Forschungsprojekt Menschen in beinahe allen Ländern Westeuropas kennenlernte, mit denen aufgrund unserer damals jährlich veranstalteten Tagungen bis heute enge Bekanntschaft verbindet.

Seit rund 10 Jahren lebe ich wieder in Ungarn. – Was bin ich denn eigentlich? Ein halber Ungar und ein halber Deutscher? Oder ein Europäer? Diese Fragen hat man mir schon oft gestellt. Meine Antwort war und ist: Ich bin ein Ungar. Wo ein Neugeborener mit dem ersten Blick die Welt wahrnimmt, die Muttersprache erlernt, wo er oder sie die Jugend verbringt, dann gehört er und sie auch unbewusst zu jenem Land. Das ist seine oder ihre Heimat. Diese frühen Erfahrungen prägen uns. Aber genau durch diese Identität können wir andere Nationaleigenschaften kennen-, schätzen und lieben lernen. Und ich bin für meine ausländischen Bekannten nicht nur als Mensch, sondern eben als ein Ungar naher Freund geworden. Wie sie mir nicht nur durch ihre menschlichen Qualitäten, sondern auch durch ihre unverwechselbaren nationalen Grundeigenschaften lieb geworden sind. So ist es meine tiefe Überzeugung, dass wir unseren Nationalcharakter auch unbeabsichtigt beibehalten und auf ihn keinesfalls verzichten sollen. Wir müssen vielmehr diese Identitäten kennenlernen.

Frühe Chronik

Im Frühmittelalter wurden die bereits sesshaften Westeuropäer von zwei Richtungen immer wieder grausig erschreckt. Vom Norden her attackierten sie die Wikinger und ihre späteren Nachkommen, die Normannen, vom Osten das ungarische Reiterheer. Die nordischen Seefahrer plünderten vorzugsweise England und Frankreich aus. Die Magyaren, die im Jahre 896 das Karpatenbecken erobert hatten (Landnahme), führten Ihre Feldzüge Ende 9. bis weit in das dritte Viertel des 10. Jahrhunderts nach Bayern, Sachsen und Schwaben, aber auch über Belgien auch nach Ostfrankreich und Nordspanien und zurück über Norditalien und Kroatien. Ihre Einfälle nahmen ein Ende, nachdem Otto der Große im August 955 in der Schlacht auf dem Lechfeld das ungarischen Reiterheer vernichtend geschlagen hatte. Dies führte zu einem bedeutenden Lebenswandel der Ungarn. Sie haben sich niedergelassen und nahmen das Christentum an. Im Jahre 1000 erhielt Stefan 1., (ungarisch István), der nach seinem Tod 1038 heiliggesprochen wurde, die Krönungsinsignien vom Papst Silvester II. Stefan wurde durch einen päpstlichen Gesandten als erster König Ungarns gekrönt   Damit setzten die Ungarn den Beginn ihrer 1000jährigen europäischen Geschichte. Die Stephanskrone war Krönungsinsigne Ungarns als Königreich und krönt auch heute das Staatswappen Ungarns.

Wo sind aber die Wikinger und Normannen geblieben? – Die Wikinger kehrten gemäß ihrer Legende in ihre Herkunftsländer zurück, die Normannen wurden 911 in das Fränkische Reich aufgenommen. Das Gebiet, auf dem sie sich niedergelassen haben trägt heute den Namen Normandie.

Die geschilderte Chronik tragen alle Ungarn in ihrem Herzen mit sich und sie gehört zu den Kenntnissen, die in unserem gemeinsamen Wesen und Selbstbewusstsein wurzeln.

Dies erinnert uns ständig daran, dass wir uns von allen anderen Völkern und Nationen Europas unterscheiden, weil wir auf eine einzigartige Weise anders sind als sie. Das Anderssein ist heute eigentlich häufig akzeptiert und gebilligt. Nicht aber unsere nationale Eigenheit, die gerade gegenwärtig meistens Ablehnung erregt.

Obwohl diejenigen, die Land und Leute persönlich kennen uns oft sympathisch finden. Man weiß freilich, dass die Gründe für Vorliebe und Vorurteile nicht im rationalen, sondern emotionalen Bereich versteckt sind.

Nationalcharakteristik  

Mit den Wesenszügen und Eigenschaften der Menschen in den verschiedenen Ländern beschäftigen sich die meisten Völker und Nationen. Besonders in der Zeit der Romantik, als die Nationalstaaten entstanden sind, blühte das Interesse an der Nationalcharakteristik auf. Es ist offensichtlich, dass bei einem so umfassenden und vielschichtigen Gegenstand häufig auch Irrtümer, Missverständnisse und Fehlinterpretationen bei den Erklärungsversuchen auftauchen.  Tiefgreifendes Wissen, Erfahrung aber auch Mut und Intuition tragen dazu bei, grundlegende Unterschiede aufzuzeigen. Ich zitiere an dieser Stelle Egon Friedell (1878-1938), der das Wesen drei großer Nationen mit wenigen Worten treffend charakterisierte. Er schreibt in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit (1928): „Gott hat an der Wiege Europas die Engländer mit dem Talent zum Erfolg, die Franzosen mit der Fähigkeit zur Formgebung, die Deutschen aber mit der ewigen Suche nach der Wahrheit beschenkt“.

In den Stürmen der neuzeitlichen Geschichte erlitt nicht nur das Land Ungarns, sondern auch die nationale Identität schmerzliche Wunden. So war es nicht verwunderlich, dass sich nach dem Trianon-Diktat die besten Köpfe der ungarischen Kulturelite zusammensetzten, um über das ungarische Wesen neu nachzudenken und es auszulegen. Nach drei Jahren Arbeit erschien 1939 ein ansehnliches Buch mit dem Titel “Was sind wir Ungarn? Dreizehn namhafte Autoren, die auf ihrem Gebiet geschätzt und über die Grenzen hinaus bekannt waren, lieferten die Beiträge. Um einige zu nennen: der Dichter und Literaturwissenschaftler Mihály Babits (1883-1941), der Komponist und Musikwissenschaftler Zoltán Kodály (1872-1967), der Historiker und Geschichtswissenschaftler Gyula Szekfű (1883-1955), der das Gesamtwerk redaktionell bearbeitete. Sie und die anderen Autoren sorgten für die gedankliche Tiefe und ethische Würde des Werkes. Im Folgenden beziehe ich mich vor allem auf dieses Werk, denn eine bessere Darstellung des ungarischen Nationalcharakters bis heute kaum zu finden ist.

Gedanken über die ungarische Identität

Was sind wir und wer sind wir? Was erklärt unsere Einzigartigkeit im Vergleich zu anderen Völkern? Vielleicht die Abstammung, das Erbgut? – Wohl kaum. Unsere tausendjährige Geschichte brachte mit sich, dass unser Blut sich vermischte, unsere Wörter sich vermehrten und austauschten.

Verantwortlich für unsere Identität ist eher die heimatliche Landschaft.Von wo immer unsere Ahnen kamen, wir sind ein Volk von hier. Unsere Phantasie, unsere Gefühlswelt, unsere Kultur ist durch und durchgewoben von den Farben und Stimmungen der hiesigen Landschaft. Das Karpatenbecken

ist der Ort, wo sich die abenteuerliche Geschichte der Magyaren ereignete. Wofür das Klima so günstig ist, wie zum Beispiel für das Farbenreichtum unserer Phantasie und für die Vielfalt unserer Stimmung oder eben für die einzigartige Ruhe unserer phlegmatischen Haltung.

 

Eine bunte Landschaft und wechselhaftes Wetter. Veränderliche Böden und sich schnell wandelnder Himmel. Dazu kommen noch die Wechselfälle der Geschichte. Unsere schöne Heimat liegt ungünstig. Sie ist an der Grenzlinie von Ost und West, ein Kreuzweg der Völker.

Da kann man die Kämpfernatur der Ungarn nicht als eine Grundeigenschaft festlegen. Ob sie wollten oder nicht, sie mussten kämpfen.

Die ungarische Sprache

Die Sprache unterscheidet sich von allen anderen, sie steht fremdartig, einsam in Europa. Eine sonderbare Sprache, man könnte sagen, sie ist beinahe exotisch. Es gibt keine Sprache in Europa, welche in ihrem Stoff bunter und von heterogenen Farben mehr durchgewirkt wäre, dennoch ist sie in ihrer Struktur trotz ihrer Eigenartigkeit einheitlich.

Das westliche Wort ist im Vergleich irgendwie international, die Sprache sog auf das ganze kulturelle Europa in sich. Sie erregt die Vorstellung direkt vermöge der Gedanken.

Das ungarische Wort ist durchsichtig, wer ungarisch denkt, der denkt nicht in Schemas.

Das ungarische Wort ist so etwas wie ein Eigenname, der benennt konkret den Gegenstand. – Nun übernahm diese Sprache die Rolle der Urahnen, um den Geist zu bewahren und zu formen, den wir ungarisch nennen. (Babits) Wie unser großer Staatsmann, István Széchenyi (1791-1860) schrieb: „Die Sprache hat einen magischen Einfluss auf die Nation und durch eine Wechselwirkung die eine auf die andere.“    

Die Naturkunde der ungarischen Klugheit

Die ungarische Psyche ist bunt und schwelgerisch, sie wird bereichert durch Farben und Eindrücke, durch vielseitige Landschaften und Erinnerungen. Die Magyaren haben sich an die Wechselfälle gewöhnt. Darauf sind sie von Geburt auf vorbereitet. All dies verschaffte eine etwas nüchterne und überlegene Weisheit in der ungarischen Seele. „Nil admirari“ wie es lateinisch heißt.

Ein Ungar gibt sich nicht gern erstaunt. Er hütet sich davor, die Dinge zu überschätzen, besser gesagt, vor der Überschätzung der Einzelheiten. Denn die Welt ist in ihrer Gesamtheit ein Wunder. Das Leben ist selbst ein Wunder, in ihrer ganzen Reichhaltigkeit.

Wenn einer es einmal erkannte, dann können ihn die Einzelheiten nicht erstaunen. Das heißt aber nicht, dass die Ungarn verlernt hätten, die Pracht der Welt zu genießen. Wir erfreuen uns über das Glänzen der Dinge. (Babits)

Sind die Ungarn also ein gutgelauntes, heiteres, flatterndes Volk? Dafür hatten wir leider keinen ausrechenden Grund. Andererseits grämen sich die Menschen hierzulande nicht länger als bis dafür die Ursache vorhanden ist. Es ist nicht die Art der Ungarn, sich grundlos zu beklagen.

Ungarischer Realismus

Die bereits erwähnte nüchterne und sachliche Überlegenheit bedeutet den Realismus der Weltanschauung. Um Ungarn herum wohnen geschäftige Völker. Die Ungarn unterscheidet es von ihnen eine etwas gleichgültige, betrachtende Haltung. Denn wir haben schon paarmal der Welt Taten vorgeführt, wenn es darauf ankam. Dann haben wir damit aufgehört, es lohnt sich doch nicht.

Charakteristisch waren für die Ungarn nicht die Feldzüge nach der Landnahme, sondern dass man damit aufhörte und sich niederließ.

Ist dies eine „rationale Lebensform“? Nun Vieles und das alles klar zu sehen führt oft dazu, dass man das Handeln unterlässt. Die Ungarn sind Menschen, die sich zum Handeln nicht überaus bereit sind. Sie sind eher Zweifler, wobei sich die Skepsis nicht aus Zynismus, sondern aus Nüchternheit ergibt. Solche Charaktere bringen es in der Welt nicht allzu weit, schon eben deshalb nicht, weil sie eigentlich keine echte Geltungssucht besitzen. Patriotismus ist für uns eine Art konkreter Lokalpatriotismus, diese kluge Herzenswärme für die Heimat und Familie.

Sind die Ungarn eine politische Nation?

Alles hängt davon ab, ob man Ungarn mit Liebe und von innen oder von außen betrachtet. Jede Nation besitzt ihre Geheimnisse, und diese weisen zur gleichen Zeit auf ihre Kraft und Schwäche hin. Die Fehler sind oft identisch mit den Tugenden. Nur der Gesichtspunkt ist ein anderer. In einem gewissen Sinn kann man die Ungarn als eine politische Nation sehen.

Das ergibt sich aus dem lebendigen Rechtsgefühl und aus der Beharrlichkeit auf die Rechte des Volkes. Dieses Rechtsgefühl entspringt dem Nationalcharakter.

Wie bereits ausgeführt, neigt das Volk nicht überaus zum Handeln. Es bedeutet aber auch, dass es keine Veranlagung hat, andere zu bedrängen. Es ist völlig zufrieden damit, was es besitzt. Darauf besteht jedoch beharrlich, diesen seinen Besitz zu bewahren und zu verteidigen. Darin steckt die instinktive Bestrebung zu einer Beständigkeit in den menschlichen Verhältnissen

Zunächst die Beständigkeit des Landes. Genauso beständig soll die Verfassung sein, quasi ein ethischer Bereich und Güterstand des ungarischen Volkes.

Was sind die „glänzenden Sterne“ des Wesens der geschichtlichen Haltung der Ungarn? Die Prinzipientreue und die rechtliche Kontinuität. Wer ist der am meisten charakteristische ungarische Politiker? Ferenc Deák (1803-1876),

der dem freiheitlichen und liberalen Denken konsequent verpflichtet war und der den Ausgleich mit Österreich 1867 ausgehandelt hat. Er verkörperte den ungarischen Realismus, der eng verbunden ist auch mit dem ungarischen Platonismus. Er nimmt die gegebene Wirklichkeit in Rechnung in einer weisen Art, wobei er unter der wahren Wirklichkeit nicht die zufälligen Fakten versteht. Ein Ungar will beharren auf die „ewige Wahrheit“ mit gefestigter Seele auch unter den Wechselfällen und Zufälligkeiten der von Gewittern reich durchquerten Geschichte.

Die „passive Resistenz“ ist die wahre Lebensform der Ungarn. Sie hat nichts zu tun mit der slawischen Geduld oder mit dem Fanatismus. Die ungarische Duldsamkeit ist Überlegenheit, keine Ergebenheit. Sie ist das Wesen „der ungarischen Freiheit“, wie sie über Jahrhunderte verstanden wurde: Es soll uns keiner bedrängen. Das Wesentliche dieser Freiheit ist mit einem einzigen Wort von Miklós Zrínyi (1620-1664) ausgedrückt:

Tut den Ungarn nicht weh!

Auf große nationale Taten und Aufbegehren entschieden sich die Ungarn immer nur unter der Wirkung von Bedrängung und Angriffen.

Ausblick

Das ungarische Volk erfüllt heute seine Berufung dadurch, wenn es auf seine alten, edlen und fruchtbringenden Eigenschaften besteht. Wir sind eine Nation im alten Sinne des geistigen und ethischen Wortes. „Wir müssen uns nicht verwandeln. Viel mehr zu uns selbst zurückfinden. In uns gehen.“ (Babits)       

Autor ist Dr. István Heinrich, Professor für Agrarökonomie, i.R

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