Tage der Barbaren: Zum Untergang des Römischen Reiches

Barbaren · Bildquelle: VoxNews

Irgendwann beschließen Zivilisationen, Selbstmord zu begehen. Dieser Prozess ergibt sich aus der Entropie, die alle Dinge regiert. Dieselbe Entropie, die heute geistig abweichende Menschen dazu bringt, feindlich gesonnene Menschen mit Schiffen nach Europa zu bringen.

11. April 2021 nach dem italienischen online-Portals VOXNews

Es ist nicht das erste Mal, dass Barbaren an unseren Grenzen auftauchen. Am Ende des vierten Jahrhunderts n. Chr. war das Römische Reich die größte Zivilisation auf dem Planeten. Aber im Sommer 376, schrieb der Historiker Ammianus Marcellinus, „verbreiteten sich an den westlichen Grenzen schreckliche Gerüchte, dass die Völker des Nordens, die Barbaren, neue und ungewöhnlich große Tumulte verursachten“.

Das war aber nur der Anfang.

An den Ufern der Donau, entlang der Balkangrenze des Reiches, meldeten römische Beamte die Ankunft von Zehntausenden von Männern, Frauen und Kindern: Sie sollten der Nachwelt als die Goten bekannt werden. Anders als die heutigen „Flüchtlinge“ hatten sie zumindest den „guten Geschmack“, Frauen und Kinder mitzunehmen. Nicht nur ein paar als menschliche Schutzschilde.

In den Chroniken wurden die Goten als arm, verängstigt und hungrig beschrieben. Sie waren durch Kriege mit einem anderen Barbarenvolk, den Hunnen, nach Westen getrieben worden und suchten Schutz innerhalb des Imperiums, als Flüchtlinge.

Die Römer – nicht die Bürger, sondern die römische Regierung, die privilegierte Klasse, angetrieben von der Idee, neue billige Arbeitskräfte zu importieren und neue Tribute einzutreiben -, stimmten dem zu. Auf der anderen Seite der Donau kamen die Goten zu Tausenden. Viele ertranken in der Eile, die Grenze zu überqueren. Genau wie heute. Der Zustrom der Fremden wurde bald chaotisch und die Zahlen unkontrollierbar. Es wurde versucht, die Grenzen zu blockieren, aber die illegale Migration blieb unaufhaltsam.

Eine Operation, die wir heute als humanitär bezeichnen würden, umging die römische Armee und den kaiserlichen Beamtenapparat. Die für Flüchtlinge eingerichteten Lager waren unzureichend, es herrschte Nahrungsmittelknappheit, die lokale Bevölkerung akzeptierte die Neuankömmlinge nicht, Desorganisation und Korruption erledigten den Rest.

Nach drei Jahren des Aufruhrs waren alle Vereinbarungen gebrochen, der Konflikt war unvermeidlich. Am 9. August 378 wurde die römische Armee in Adrianopel erstmals durch ein Migrantenvolk besiegt. Kaiser Valens fiel im Kampf.

Viele Historiker glauben, dass dies einer der großen Wendepunkte in der Geschichte des Römischen Reiches war,

sowohl eine Auswirkung als auch eine Ursache der Dekadenz: eine Ursache, weil es die ethnische Identität der Provinzen zerbrach; eine Auswirkung, weil nur eine Gesellschaft im Niedergang Fremden erlaubt, ihre Grenzen zu überschreiten. Von diesem Moment an überquerten in aufeinanderfolgenden Wellen und in einem endlosen Crescendo Zehntausende von Einwanderern die Reichsgrenzen, es war der Beginn des Zusammenbruchs. Bald, im Laufe der Jahrzehnte, würde sich die Einwanderung noch vervielfachen.

Wenn der offizielle Fall 476 n. Chr. mit der Absetzung von Romulus Augustus in Ravenna stattfand, so muss dies nach Professor Barbero (und nach unserer Meinung) um fast ein Jahrhundert vorverlegt werden:

auf 378 n. Chr. mit der Schlacht von Adrianopel, in der die Goten (das Flüchtlingsvolk) die oströmische Armee vernichteten.

Sie breiteten sich erst danach in Richtung Westen aus. Die Barbareninvasionen waren nicht – oder nicht nur – die Kriege zwischen dem Römischen Reich und den Barbaren; am Anfang handelte es sich vielmehr um bloße „Einwanderung“.

Das Römische Reich brach also letztlich infolge einer Einwanderung zusammen.

Dazu kamen andere verwandte und abgeleitete Faktoren. Denn als die Barbaren in die Armee eingezogen wurden, wurde es schwierig, sie gegen andere Barbaren kämpfen zu lassen. Die Herrscher dachten wohl, sie könnten die Einheimischen durch die „neuen Römer“ ersetzen. Doch dazu kam es nicht. Die immer massivere Präsenz vor allem in Gebieten jenseits der Alpen schwächte schließlich die römische Gesellschaft von innen heraus: Es kam zu Meutereien und Katastrophen. Zu Morden und Überfällen auf abgelegene Landhäuser. Schließlich war es Caracalla und sein Gesetz über die Gewährung des Bürgerrechts kraft Geburtsortsprinzip, das sogenannte Ius Soli. Und dann kam der endgültige Zusammenbruch.

Es waren dunkle Jahrhunderte. Heute wiederholt sich die Geschichte. Heute ist 376 n. Chr., das verfluchte Jahr, in dem der Untergang der römischen Zivilisation begann. Wir erleben die alte Geschichte aufs Neue.

(In italienischer Sprache:)

Die deutschsprachige Übersetzung übernommen von Unser Mitteleuropa

1 thought on “Tage der Barbaren: Zum Untergang des Römischen Reiches”

  1. Danke für den glänzenden Artikel, der die Parallele zwischen der römischen Spätantike und den weltlichen Gesellschaften von heute überzeugend darstellt und begründet.

    Aus psychoanalytischer Sicht möchte ich noch folgendes anmerken:

    Die ganz oben benannte Suizidalität der Kultur wird dort zu recht mit dem 2. Hauptsatz der Thermodynamik kausal verknüpft. Sinngemäß erkannte S. Freud unter dem Eindruck des 1. Weltkriegs dasselbe Motiv, indem er seine Theorie vom Todestrieb formulierte: alles Lebendige leidet unter physiologisch konstitutiver Spannung und strebt strebt nach deren Lösung. Diese ist letztgültig allein im Tode zu finden, wenn schlußendlich das organische Material sich in seine anorganischen Grundbausteine aufgelöst hat.

    Dies ist sicher die knappste Weise, um die erkennbare kollektive Suizidalität zu begreifen. Doch bedarf sie der Ergänzung. Denn warum sollten, wenn dieses Prinzip immer gleichermaßen wirkt, sich überhaupt komplexe lebendige Organismen oder gar soziale Systeme wie Kulturen herausbilden und sich eine Weile stabil halten? Allein um den Niedergang besser zu verstehen braucht es weitere psychodynamische Erwägungen.

    Knapp gesagt verläuft dessen Wurzel oberhalb des basal gültigen Entropiesatzes durch die orale Phase der Ontogenese des Menschen. Die konfliktfreie Zweieinheit des Säuglings mit seiner Mutter endet nämlich in dem Moment, da das Kindlein Zähnchen bekommt. Es fühlt sich beim Zahnen schon in sich unwohl und spürt dazu das reflektorische Zurückweichen der Mutter, wenn sie in die Brust gebissen wird. Zudem wird es meist alsbald abgestillt. Dies entspricht dem biblischen Bild der Vertreibung aus dem Paradies nach dem verbotenen Biß in die Frucht (= Brust) vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen. Und tatsächlich ist alles weitere Leben nur auf Kosten anderen Lebens möglich: auch Veganer müssen Pflanzen töten, um zu leben. Genau das begründet ein urtümlich in jedem Menschen wurzelndes Schuldgefühl.

    Indes erzeugt die Frustration, die das Kind in der Distanzierung seitens der Mutter notwendig erlebt, in ihm mörderische Wut, die es in das Bild der Mutter projiziert. In seinem Erleben will nicht es die Mutter töten, sondern umgekehrt: die Mutterimago, so wähnt es, verfolge das Kind. Diese paranoide Position wird durch die depressive Position abgelöst, in der das Kind, das nicht verlieren will, was die Mutter ihm trotz allem noch an Lebenswichtigem darbietet, die verfolgende Mutterimago verinnerlich. Sie wird zu einem Teil der kindlichen Selbst als böses Introjekt. Das urtümliche Schuldgefühl bekommt von daher seine Triebenergie. Dessen Auswirkung ist das in der Regel später unbewußt persistierende Motiv der Selbstzerstörung.

    Um zu begreifen, wann dieses im Laufe des weiteren Lebens virulent wird, also zur Bewußtseinsoberfläche oder gar zur Tat drängt, braucht es noch folgende Erwägung:

    Nach dem Zerbrechen der primärnarzißtischen konfliktfreien Mutter-Kind-Dyade erlebt sich der Mensch das erste Mal im Leben der Kontingenz, der existentiellen eigenen Nichtigkeit, ausgesetzt. Zur Kompensation entwickelt sich in ihm die Phantasie des narzißtischen Größenselbst: das Kind erlebt sich wohl als getrennt von der Mutter, vermeint aber, sie nach seiner jeweiligen Bedürfnislage so zu steuern, daß sie dieser gerecht wird. Diese Phantasie scheitert in einem Alter von ca. 1 /2 Jahren an der Realität, die dank fortschreitender kognitiver Entwicklung nunmehr besser erkannt wird. Unter heftiger Wut beginnt das Kind, sich abzugrenzen und von da an Versuche zu unternehmen, sich autonom zu fühlen, indem es trotzt: “ICH WILL DAS ABER! ICH KANN DAS ALLEINE!” Diese anale Phase wird überwunden durch die Motive von Liebe vs. Konkurrenz in der ödipalen Phase, die schließlich in die Latenzperiode mündet, in der dank der allmählich weiter greifenden Etablierung des Realitätsprinzips ab dem Schulalter eine Beruhigung eintritt.

    In der Pubertät kochen die Konflikte der früheren Phasen mit wechselnder Betonung noch einmal hoch, um mit Ende der Adoleszenz, wenn alles gut geht, sich abschließend zu beruhigen. Unter der Oberfläche des Bewußtseins bleiben die Spannungen wie entlang geologischer Bruchlinien freilich bestehen und können bei passender Gelegenheit sich erneut an der Oberfläche bemerkbar machen.

    Am verwundbarsten ist der Mensch an der Stelle seiner existentiellen Nacktheit. Es braucht wenig an allfälliger Belastung, daß er sich seines “Geworfenseins”, also der Konfrontation mit der Kontingenz, der Grausamkeit des blinden Schicksals innewird. Ergreift er dann nicht die Gnadengabe eines personalen göttlichen Gegenübers, bleiben ihm, wenn er sich gegenüber aufrichtig ist, nur die Verzweiflung und das existentialistische “DENNOCH!”

    In der Regel aber wählen Menschen folgenden Ausweg: in der Hoffnung, es sich außerhalb des Paradieses aus eigener Kraft zufriedenstellend einzurichten, realisieren sie entlang dem vertrauten narzißtischen Größenselbst kraft ihrer Erfindungsgabe und Geschicklichkeit ihre Kulturleistungen. Der Bogen spannt sich vom Faustkeil und der Steinaxt über Ackerbau und Viehzucht bis hin zur Fliegerei und “künstlichen Intelligenz”. Im Horizont eines Ray Kurzweil, dem Technikchef von Google, taucht bereits der allwissende und unsterbliche Cyborg auf. Der Mensch macht es ernst, zu werden wie Gott.

    Doch bereits vor Erreichen dieses Ziels wähnt sich der heutige Mensch auf dem Weg dahin weit vorangekommen: er meint, sich über anthropologische Konstanten hinwegsetzen zu können, ja zu müssen, indem er z.B. die biologisch vorgegebene Polarität der Geschlechter mit allen ihren Implikationen ebenso leugnet wie die empirisch in extenso belegte Tatsache, daß menschliche Gesellschaften am ehesten überleben, wenn sie innerhalb ihres durch Ähnlichkeit der Individuen begründeten Verbundes Solidarität üben und sich gleichzeitig gegenüber Fremden abgrenzen. Das Scheitern der von maßloser Hybris getriebener Konzepte an der Realität wird durch Leugnung und immer größenwahnsinnigere Konzepte wie die von Herrn Kurzweil kompensiert.

    Die selbsternannten Fortschrittspropheten sind also tatsächlich regrediert auf die Entwicklungsstufe von 1 1/2-jährigen Kindern. Ihre vernichtende Wut richten sie auf alle, die das Realitätsprinzip vertreten. Sie bekommen die Schuld dafür zugeschrieben, daß ihre Phantasien von vorgeblichem Fortschritt sich nicht so verwirklichen, wie sie das wünschen, und werden wie einst Kassandra oder Laokoon, die vor dem Untergang Trojas warnten, mundtot gemacht. Und als Prophylaxe, daß allzuviele Menschen sich an den Warnern orientieren, wird von den herrschenden “Progressiven” seit Jahren ein Schuldkomplex geschürt, der in der oben skizzierten Urschuld wurzelt: ja, wir alle müssen unausweichlich zumindest Pflanzen töten, um zu leben, und seit der neolithischen Revolution verbrauchen wir Menschen auch systematisch Ressourcen, um unser Erdenleben etwas zu verlängern. Und ja: tatsächlich ist die Verteilung von Menschen auf als Lebensgrundlage geeigneten Flächen der Erde ab einer gewissen Gesamtzahl von Erdenbewohnern ein Nullsummenspiel. Denn wo eine Gruppe sich ausbreitet, muß bei Übervölkerung notwendig eine andere zugrunde gehen.

    Wer nun den Schuldkomplex in sich reaktiviert hat, wird den eigenen Untergang masochistisch begrüßen oder ihm zumindest einvernehmlich entgegensehen. Die Herren indes, die die tragende Ideologie verbreitet haben, retten sich in ihre Phantasiewelt der Selbstvergöttlichung.

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