Leserbrief an die Redaktion des ZDFs

5. Januar 2022 von KLAUS WÜNNENBERG

Sehr geehrte Frau Slomka,

obwohl ich nicht unbedingt davon ausgehe, dass Sie mein „Leserbrief“ erreichen wird, und wenn doch, dass Sie darauf mit einer Stellungnahme reagieren werden, ist es mir doch ein Bedürfnis, Ihnen meine kritische Einstellung zu Ihren Moderationen im Heute Journal mitzuteilen.

Zwar ist mir bewusst, dass auch Sie an gewisse Vorgaben seitens der Politik und wahrscheinlich auch der Wirtschaft gebunden sind, d. h. eine Einschränkung der Meinungsfreiheit hinnehmen müssen, aber mir missfällt die Art, wie Sie an dem negativen Bild über Ungarn mitstricken. Weiter muss ich bedauernd feststellen, dass die Berichterstattung durch das ZDF mitunter desinformativ ist, will heißen, dass über Ereignisse, die ein positives Bild abgeben könnten, nichts berichtet wird. Das betrifft aus meiner Sicht immer wieder besonders Ungarn. Vielmehr ist die deutsche Berichterstattung auf negative Vorfälle fokussiert.

Als sehr erfahrener Kenner Ungarns kann ich viele, und zwar essentielle, Aussagen über dieses ehrenwerte Mitglied der Europäischen Union als falsch bezeichnen. Seit dem Jahr 2005 bereise ich das Land mehrmals jährlich von Norden nach Süden, von Westen nach Osten und war bis vor zwei Jahren auch unternehmerisch dort tätig.

Was mir in dieser Zeit niemals aufgefallen ist, war die Einschränkung der Meinungsfreiheit. Ich bin zwar der ungarischen Sprache nur eingeschränkt mächtig, aber meine ungarische Ehefrau ist zu einer objektiven Wahrnehmung der ungarischen Digital- und Printmedien fähig. Aber schon allein das Volumen der oppositionellen Schriften an einem Kiosk widerlegt die These von eingeschränkter Meinungsfreiheit in Ungarn. In das Reich der Fabel gehört auch die Behauptung, dass der ungarische Ministerpräsident seine arbeitslosen, vom „Hunger bedrohten“ Bürger in westeuropäische Länder abschiebt und sich im Gegenzug aus dem Brüsseler Finanztopf alimentieren lässt. Bei diesen Geldern handelt es sich nach meinem Wissen um Kredite, die zurückgezahlt werden müssen.

Auf Veranstaltungen der Deutsch-Ungarischen Industrie- und Handelskammer in Budapest wird immer wieder auf die hohe Leistungsfähigkeit der ungarischen Arbeitnehmer, die sich deutsche Unternehmen, Mercedes in Kecskemét, Audi in Györ und viele kleinere mittelsständische Unternehmer für geringere Lohnkosten als in Deutschland einkaufen können.

Die Person des Ministerpräsidenten Orbán mag sicher eigenwillig sein, wie viele seiner Landsleute, aber er ist jemand, der sich seit Langem für Demokratie einsetzt. Ihn mit Erdoghan zu vergleichen und ihn als Diktator zu bezeichnen, grenzt schon an Rufmord. Als deutscher Bürger der Vorkriegsgeneration habe ich die Zeiten von Diktatur halbwegs miterlebt, die Folgen dieser Herrschaft dagegen mit vollem Bewusstsein. Mir scheint der Umgang mit dem Begriff Diktator manches Mal sehr fahrlässig.

Was mir immer wieder auffällt, ist die Arroganz eines Teils der Deutschen, die abfällig von den Südosteuropäern sprechen und dabei ganz außer Acht lassen – oder ist es Unwissenheit? – dassbesonders Ungarn in seiner tausendjährigen Geschichte einen unverzichtbaren Beitrag zur europäischen Kulturgeschichte geleistet hat.

Und damit komme ich zu einem hochaktuellen Ereignis, das ich am 16. Dezember 2021 miterleben durfte: die Vorstellung des MAGYAR ZENE HÁZA vor der Presse in Budapest. Ich habe keinen Vertreter eines deutschen Medienunternehmens dort angetroffen, obwohl auch ein deutsches Unternehmen seine innovative Rolle bei der Verwirklichung des Projektes „Ungarisches Haus der Musik“ einbringen durfte. Es mag sein, dass Sie noch keine Einladung über dpa erreicht hat, aber ich erlaube mir, Sie darauf hinzuweisen, dass eine solche für den 22. Januar 2022 vorgesehen ist. Damit hätte die Deutsche Fernsehwelt Gelegenheit, einmal positive Nachrichten über Ungarn zu verbreiten.

 Aus meiner Erfahrung ist das auch bitter nötig, weil sich immer mehr Ungarn fragen, warum sie die seit einem Jahrzehnt betriebene Schmähung der Politik ihres demokratisch gewählten Ministerpräsidenten Viktor Orbán widerspruchslos hinnehmen sollten.

Weil ich mir vorstellen kann, dass Sie nicht wissen, was mit diesem Ereignis MAGYAR ZENE HÁZA gemeint ist, erlaube ich mir, Ihnen eine Vorstellung von dem Projekt zu vermitteln, vielleicht als Tip für eine Berichterstattung durch das ZDF.

Mit freundlichen Grüßen

Klaus Wünnenberg,  Maler und Mediengestalter i.R. Wesseling (bei Köln)

8 thoughts on “Leserbrief an die Redaktion des ZDFs”

  1. Ein bemerkenswerter Beitrag, Herr Wunnenberg. Zunächst möchte ich Ihren Stiel loben. Ihre Ausführungen sind konsequent in der Argumentation, gepaart jedoch mit einer einnehmenden Höflichkeit. Dieser Stiel zeichnet diejenigen aus, die noch am guten Ton Gefallen finden. Es war einmal überwiegend so… Leider ist es heutzutage nur noch ganz selten anzutreffen.
    Bekanntlich ist der Stiel ein Zeugnis der Reife von Menschen und ihren Gedanken. Da kann man die Qualität der Verfasser schnell erkennen.
    Überdies haben mir Ihre einführenden Zeilen sehr gefallen. Es ist wahrlich so, dass diejenigen, die der langweiligen Oberflächlichkeit der falschen Behauptungen gern erliegen, sich nicht die Mühe geben, ihre Recherchen mit der erforderlichen Gründlichkeit durchzuführen. Argumente, die ihnen nicht passen, ignorieren sie fleißig. Offensichtlich sind sie für eine Diskussion nicht gewappnet. Anscheinend gehört Frau Slomka auch zu dieser Gruppe. – Ab und zu kommt mir der Gedanke, dass Leute von dieser Art, die übrigens stolz auf ihre Professionalität bestehen, in einem klaren Augenblick unwillkürlich Scham empfinden. Zumindest möchte ich es ihnen wünschen.

  2. In der Zeit der Mediendiktatur in Deutschland freut man sich über jeden winzigen Lichtstrahl und zwar jetzt gleich zweimal. Erstens über den hervorragenden sachlichen Beitrag von Herrn Wünnenberg, zweitens über die unverhoffte “Grosszügigkeit” der Redaktion der ZDF, dass der Beitrag durchrutschen durfte.
    Jahrzehtenlang lebte ich in Deutschland mit Unterbrechungen, von meiner Kindheit an fühlte ich mich mit diesem Land ganz eng verbunden, Deutschland war meine zweite (Wahl)heimat, die deutschen Politiker Vorbilder, die deutschen Medien Musterbeispiele der Pressefreihet. Von diesen Gefühlen sind bis dato nichts übrig geblieben.
    Ich fahre nicht mehr nach Deutschland, ich möchte mehr oder weniger die alten Stadt- und Strasenbilder in meiner Erinnerung behalten.
    Ich glaube, es sind viele, die mit mir zusammen entsetzt fragen: Armes Deutschland, was ist aus Dir geworden?

  3. Sehr geehrter Herr Wünnenberg,

    Sie haben mit Ihrer sachkundigen Kritik so recht. Ich kenne Ungarn durch meine Arbeit dort sehr gut.
    Danke für Ihren Brief.

    Herzliche Grüße
    Bernd Schneider

  4. Ich bedanke mich sehr für die vorausgehenden Kommentare bez. Ungarn. Selber Ungarin, etliche Jahrzehnte in der Schweiz lebend und von dort durch die deutsche TV-Sender Politik/Kultur verfolgend, viele historische Ereignisse bez. Ungarn und Deutschland mit Staunen erlebt (die Rote Brigade, den Paneuropaeische PIcnic, den Fall des Mauers etc. nur um Einige zu nennen), staune mich über diese einsitige und bösartige Berichterstattung bez. Ungarn. Ungarn hat dies sicher nicht verdient!!

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