Politikercasting

7. Januar 2022, Magyar Hírlap von IRÉN RAB

Im Vorfeld von Wahlen stehen die Parteien ständig vor strategischen Entscheidungen. Umfragen, Recherchen, Registrieren von potentiellen Wählern und anschließendes Ansprechen von Wählergruppen. Wie können wir mit bestimmten Versprechen diejenigen Wählerinnen und Wähler erreichen, die keine eindeutige Parteipräferenz haben, mit welcher Art von Personen, mit welcher Art von Programmen könnten sie sich identifizieren? Sobald das Drehbuch geschrieben ist und die Rollen besetzt sind, kann das Casting losgehen!

Nehmen Sie den Fall der deutschen Grünen, der ältesten und erfolgreichsten grünen Partei der Welt!

Die Geschichte der subversiven Post-68er-Generation, der großbärtigen, antiimperialistischen, provokanten Jugendlichen und der auf der Straße tanzenden, glucksenden Mädchen begann als europäischer Ableger der Hippiebewegung. Sie waren es, die auf der Wiese herumliegend, manchmal an Bäume und Schienen gebunden, in ihren selbst gestrickten, ausgeleierten Pullovern die Welt retten, die Frauen emanzipieren und die Natur vor Atomreaktoren schützen wollten. Sie fanden viele Anhänger unter der goldenen Jugend jener Zeit, und zum größten Entsetzen des deutschen Spießbürgertums gelangten sie sogar auch in den Bundestag. Als Deutschland dann wiedervereinigt wurde, schlossen sie sich mit den Ostgrünen zusammen, so dass sie nicht lange warten mussten, um in die Regierung zu kommen.

Dies geschah zu einer Zeit, als in Ungarn nach dem Regimewechsel nach 1990, inmitten der allgemein chaotischen Vielfalt der Neuparteigründungen auch grüne Parteiformationen auftauchten, denen es aber irgendwie nicht gelang, an Popularität zu gewinnen.

Ungarn hatte echte soziale, wirtschaftliche und ökologische Probleme, für die diese Pseudo-Bewegung keine Lösung bot.

Ich erinnere mich an eine Zeitungsanzeige aus den 1990er Jahren, in der  ungarische Grüne Kandidaten für das Parlament suchten. Ob sie die Lustigen mit dem grünen Apfel auf dem Plakat oder die Ableger der weltverändernden Subkultur in Ungarn waren, weiss ich nicht mehr.

Die deutschen Grünen haben sich gut entwickelt und konnten immer mehr gesellschaftliche Gruppen erreichen.

Sie genossen die Unterstützung der 68er –  dank legendärer Persönlichkeiten wie Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit. Trittin kam von den maoistischen Kommunisten zu der Partei und brachte die linksgerichtete Universitätsjugend mit. Mit Cem Özdemir erreichten die Grünen die Wähler mit Migrationshintergrund. Özdemir wurde 1994 als erster türkischstämmiger Abgeordneter in den Bundestag gewählt und erhielt später für zehn Jahre den Parteivorsitz, die Partei brauchte die Stimmen der muslimischen Gläubigen. In der jetzigen Bundesregierung hat der Sozialpädagoge Özdemir das Landwirtschaftsministerium erhalten, was gleich unter zwei grünen Gesichtspunkten wichtig ist. Zum einen könnte der großflächige Anbau von Cannabis beginnen und damit die lang ersehnte Liberalisierung der Drogen eingeleitet werden, zum anderen könnte der vegetarische Minister den Fleischkonsum einschränken und damit die für die schädlichen Emissionen der Rinder verantwortlichen deutschen Viehzüchter auf einen Schlag vernichten. Das grüne Programm sieht die Möglichkeit vor, auf den frei werdenden Flächen neu einbetonierte Windturbinen und Sonnenkollektoren zu installieren.

Es war auch spannend, als sie versuchten, die christlichen Gläubigen zu täuschen und sie zu Grüngläubigen zu umzuerziehen. In dieser Partei gab es eine Theologin aus Thüringen, Katrin Göring-Eckhardt, die zur Präsidentin der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gewählt wurde. Die Theologin sah eher wie eine Christdemokratin aus, ihr Stil war zurückhaltend, sie gab den wilden Tiefgrünen einen ganz anderen, zurückhaltenden Farbton . Bei der Bundestagswahl 2013 war sie die Spitzenkandidatin der Partei und erhielt auch viele Stimmen von der CDU.

Die Grünen haben in ihren Castings immer gutes Gespür für die aktuellen Herausforderungen der Zeit gehabt.

Im Zuge des sich immer mehr hysterisierenden Klimaschutzes ist eine neue Generation von Grünen entstanden, angeführt von Friday for Future. Die Anhänger dieser Bewegung sind bis 2021 zu Wählern herangewachsen und sie mussten mit einer würdigen Agenda und durch Menschen wie sie selbst angesprochen werden. So entschied sich die Partei für Annalena Charlotte Alma Baerbock, die in ihrer eigenen Realität die Generationen Y und Z verkörpert, also die unter 40-Jährigen, die in ein erwartungsfreies Leben in den Wohlstand hineingeboren wurden. Sie sind diejenigen, die alle finanzielle und moralische Unterstützung von zu Hause erhielten, um ein Leben des Müßiggangs, der Unstrukturiertheit, ohne tatsächliche Leistungen zu führen. Sie sind diejenigen, die sich ihrer Fähigkeiten nicht bewusst sind, deren Selbstbewusstsein ohne Selbstreflexion durch die virtuelle Welt noch weiter verstärkt wird.

Wir erinnern uns vielleicht an die mittlerweile von der Bildfläche verschwundene Sozialaktivistin Greta Thunberg, die

im Alter von 16 Jahren glaubte, dass ihr Engagement für die Umwelt und ihr öffentlich bekanntes Asperger-Syndrom ihr das Recht gäben, eine weltverändernde Bewegung zur Rettung der Erde zu starten.

Premierminister, Wissenschaftler und selbst Papst Franziskus begrüßten das Mädchen mit neun Grundschulklassen Ausbildung und hörten sich ihre wütenden Ausbrüche auf Weltkongressen, in Parlamenten und sogar bei den Vereinten Nationen geduldig an. Niemand sagte ihr, niemand wagte ihr zu sagen: Geh nach Hause, Mädel! Jeder ihrer Schritte wurde im Fernsehen übertragen, sie wurde auf Wahlkampfveranstaltungen herumgereicht, sie warb um ahnungslose Anhänger des Pseudo-Klimaschutzes. Heute ist klar, dass Thunberg die Erfindung der europäischen Grünen war, die für die Europawahlen 2019 mobilisiert haben und dadurch weit über den Prognosen hinaus Stimmen holen konnten.

Damals, im Jahr 2019, wählten die deutschen Grünen statt des muslimischen Özdemir zwei neue Ko-Vorsitzende: die unerfahrene, verwöhnte Baerbock und den etwas erfahreneren Philologen und Ästheten Habeck. Wie viel die Partei vom Klimaschutz versteht, zeigt ein Interview, das Baerbock 2019 gab. Sie versprach sich nicht, denn sie wiederholte in ihrer Antwort zweimal, dass sie das Problem des „Kobold“ bei Elektroautos endlich lösen würden, weil die Grünen Elektroautos produzieren würden, die ohne „Kobold“ auskämen. Bis dorthin gäbe es ohnehin keine Probleme, solange der Strom aus der Steckdose käme und das Netz selbst der Energiespeicher sei. Solche verbalen Ausrutscher gibt es haufenweise und

wir sehen immer wieder, dass die Grünen die Technologien, die sie verbieten wollen, überhaupt nicht verstehen. Ihre Anhänger stört das nicht, weil sie sie auch nicht verstehen.

Sie hätten sich Baerbock als Kanzlerin an der Spitze der führenden Macht Europas gut vorstellen können, denn sie haben sie gewählt. Denn sie ist wie sie selbst sind, wie ihre Generation, sie repräsentiert sie gut.

Auf dem Papier war Baerbock heimisch in Politikwissenschaft, internationalem Recht, hat eine Promotion und politische Erfahrung und ist Mutter von zwei Kindern. Dann stellte sich heraus, dass nicht einmal die Hälfte davon stimmte, und wenn man den Selbstmythos hinterfragt, ergibt sich ein gemischtes Bild. Annalena hat vieles angefangen, aber nichts davon zu Ende gebracht, ihre bemerkenswerteste Leistung sind vielleicht ihre drei Bronzemedaillen bei den Trampolinmeisterschaften, und wenn die – als rechtsextrem verschriene – soziale Kontrolle nicht in ihrem Lebenslauf voller Halb- und Unwahrheiten gegraben hätte, säße sie jetzt vielleicht auf dem Kanzlersessel. Damit bleibt ihr das Ressort des Außenministers, das nach Ansicht der Deutschen nicht so wichtig ist, da die Diplomatie ohnehin vom Kanzleramt geleitet wird.

Ja, auch die Deutschen verschönern Lebensläufe, um die Wähler zu täuschen.

Baerbocks Geschichte erinnert mich an unseren Soziologen, den Oberbürgermeister von Budapest, mit seinen hyperpassiven englischen  Sprachkenntnissen, seiner nie abgeschlossenen Promotion, dem linksliberalen Rückenwind, der ihn in der Welt der Politik wie eine Fahne flattern lässt. Karácsony war eine gute Wahl für das Bürgermeister-Casting 2019, denn der Typus des strauchelnden, entnervten Intellektuellen, den er vertritt, wird in den Großstädten gerne gesehen. Außerdem hat er ein unsicheres, schüchternes Lächeln, mit dem er die weiblichen Wähler, von Teenagern bis zu Großmüttern, die aus emotionalen Gründen wählen, in seinen Bann zieht.

Er wurde auch als Kandidat für das Amt des Premierministers nominiert, da es auf seiner Seite keine große Auswahl gibt. Dann stellte sich heraus, dass der Pool noch seichter war,

dass man die Stimmen der Neider und Hasser auch noch unbedingt brauchte, also brauchte man jemanden, der die bösen Gefühle auch anheizen konnte.

So kam der überparteiliche Kleinstadtbürgermeister MZP (Márki Zay Péter) ins Spiel, der ungeniert den einzigen gemeinsamen Wunsch der oppositionellen Volksfront vertritt, „das Orbán-Regime wegzufegen“. Das ist zweifelsohne neuartiges innovatives politisches Denken, das nicht auf bestimmte soziale Gruppen abzielt, um die Unterstützung zu erhöhen, sondern durch die erzwungene Zusammenarbeit der Parteien die Wähler dazu bringt, das eigentlich Unwählbare doch zu wählen. Es kann natürlich auch sein, dass die Hass-Gemeinschaft gut zusammenhält, sie ist ausreichend als Ziel und Programm, aber was auch immer danach passiert, nach uns die Sintflut!

Autorin, Dr. phil Irén Rab ist Kulturhistorikerin

Deutsche Übersetzung von Dr. Andrea Martin

MAGYARUL: https://www.magyarhirlap.hu/velemeny/20220107-valasszunk-politikust

1 thought on “Politikercasting”

  1. Irén Raab’s Bericht empfehle ich zum Lesen. Die „historische“ Ereignisse der letzten 50 Jahre (seit den s.n. 69-e Generation, beginnend in W-Europa) habe ich persönlich als „Newcomer in Westen“ (Emmigrant aus Mittel-Ost-Europa), mit Staunen erlebt und auch überhaupt nicht verstanden. Die „aufgeblaehte“ Probleme dieser in Wohlstand aufgewachsenen Jugendlichen wahren mir und meiner Generation im Ost-Block unbekannt, ja sogar laecherlich…..Der Umgang mit Drogen (Cannabis, Pillen,) unverantwortlich. Für uns, Emmigranten galten andere Werte: gutbezahlte ARBEIT (!!), Wohlstand, bürgerliche Wohnmöglichkeit, Mobilitaet, Reisemöglichkeiten ins Ausland, Sprachen-lernen, Kennenlernen und Nutzen der Möglichkeiten des gegebenen Landes, Bewahren der eigenen Kultur (Mutterspache)….dies erforderte nicht geringe Energie. Wir hatten keine Zeit und Interesse eine Welt für sozialistische Traeume in West-Europa zu errichten. Wir hatten genug davon.

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