31. Januar 2026 Berliner Zeitung
Deutsche Konzerne und Weltmarken verlagern massiv ihre Produktion nach Ungarn und Serbien– von Autoteilen bis Klebstoffen – angelockt von Löhnen, die bis zu 70 Prozent unter deutschem Niveau liegen, und einer Politik, die Investoren den roten Teppich ausrollt.
Der britisch-deutsche Autozulieferer GKN Driveline gibt seinen Standort in Zwickau-Mosel auf. Zeitgleich entsteht im ungarischen Miskolc ein neues Gelenkwellen-Werk, das von der dortigen Regierung mit Steuererleichterungen und Beihilfen gefördert wird. Die EU-Kommission prüft derzeit diese Subventionen.
GKN ist kein Einzelfall. Ende 2024 schloss der Düsseldorfer Konsumgüterkonzern Henkel sein Klebstoff-Werk im sächsischen Heidenau bei Dresden. Rund 40 Mitarbeiter verloren ihre Stelle. Die Produktion von Heißschmelz-Klebstoffen für die Möbel-, Automobil- und Lebensmittelindustrie wandert nun ins ungarische Környe. Damit hat Henkel keinen einzigen Produktionsstandort mehr in Ostdeutschland.
Milliarden fließen nach Ungarn
Während in Ostdeutschland und darüber hinaus Werke schließen, investiert die deutsche Automobilindustrie Milliarden in Ungarn. BMW eröffnete 2025 in Debrecen sein erstes europäisches Werk seit zwei Jahrzehnten. Über zwei Milliarden Euro flossen in die hochmoderne Fabrik, die ausschließlich Elektroautos der Neuen Klasse produziert. Langfristig sollen dort mehr als 2000 Arbeitsplätze entstehen.
Mercedes-Benz kündigte im Februar 2025 an, sein bestehendes Werk im ungarischen Kecskemét für eine Milliarde Euro zu erweitern. Die Kapazität soll auf 200.000 Fahrzeuge pro Jahr verdoppelt werden. Gleichzeitig reduziert der Konzern die Produktion in deutschen Werken um 100.000 Einheiten jährlich. Finanzvorstand Harald Wilhelm erklärte die Strategie offen: Der Anteil der Produktion in Ländern mit niedrigeren Kosten solle von 15 Prozent im Jahr 2023 auf 30 Prozent bis 2030 steigen. Die Produktionskosten in Ungarn lägen etwa 70 Prozent unter dem deutschen Niveau.
Der Technologiekonzern ZF Friedrichshafen baut in Ungarn gleich zwei neue Werke. In Kecskemét und Debrecen entstehen Fabriken für Stoßdämpfer und Achsmodule, die die neuen Elektromodelle von BMW und Mercedes beliefern sollen. Das Investitionsvolumen beträgt rund 62 Millionen Euro für 313 neue Arbeitsplätze. Der ungarische Staat steuert etwa zehn Prozent als Zuschuss bei. Auch Bosch eröffnete Anfang 2025 in Miskolc ein neues Logistik- und Lagerzentrum für 147,6 Millionen Euro.
Nicht nur Ungarn profitiert von der Abwanderung. Auch Serbien, das nicht zur EU gehört, zieht deutsche Industriechampions an. Serbien lockt mit einem einzigartigen Vorteil. Das Land unterhält Freihandelsabkommen sowohl mit der EU als auch mit der Eurasischen Wirtschaftsunion, der Türkei, Großbritannien und seit Oktober 2023 auch mit China. In Serbien produzierte Waren können damit zollfrei in Märkte mit zusammen rund 2,7 Milliarden Verbrauchern exportiert werden. In 15 Sonderwirtschaftszonen genießen Unternehmen zusätzlich Zollfreiheit auf importierte Materialien und Maschinen sowie Steuerbefreiungen.
Die Gründe für die Verlagerungen
Die Gründe für die Verlagerungen sind vielschichtig. Am offensichtlichsten ist das Lohngefälle: Ein Industriearbeiter verdient in Ungarn im Schnitt rund 1500 Euro brutto monatlich, in Deutschland über 4600 Euro. Ungarn erhebt zudem mit neun Prozent den niedrigsten Körperschaftsteuersatz in der EU. In Deutschland liegt die effektive Steuerbelastung für Unternehmen bei etwa 30 Prozent.
Auch bei den Energiekosten liegt Deutschland ganz hinten. 2025 zahlten Haushalte im Schnitt 38 bis 39 Cent pro Kilowattstunde, Unternehmen je nach Größe 13 bis 18 Cent, während Ungarn mit etwa zehn Cent die niedrigsten aufwies. Für viele Unternehmen rechne sich die Produktion in Deutschland schlicht nicht mehr.
Die ungarische Regierung unter Viktor Orbán wirbt aggressiv um ausländische Investoren. Für Großprojekte werden Subventionen, Steuererleichterungen, günstiges Bauland und schnelle Genehmigungen gewährt. Barbara Zollmann von der Deutsch-Ungarischen Industrie- und Handelskammer spricht von einem Investitionsboom dank einer Wirtschaft-First-Politik.
Qualifizierte Mitarbeiter zu wettbewerbsfähigen Löhnen, gute Hochschulen, niedrige Steuern und eine auf Investitionsförderung ausgerichtete Wirtschaftspolitik machten Ungarn attraktiv.
Marko Graf, Hauptgeschäftsführer der IHK Osnabrück kritisiert die deutschen Verhältnisse. In Deutschland werde Investoren leider viel zu selten der sprichwörtliche rote Teppich ausgerollt. Spätestens in der Umsetzungsphase hole sie die Bürokratie ein. In Ungarn und Serbien hingegen würden Investoren mit offenen Armen empfangen, Verfahren beschleunigt und Probleme pragmatisch gelöst.
Die Abwanderung trifft nicht nur Ostdeutschland. Bosch plant, bis 2030 seine Lkw-Komponentenproduktion vom Traditionsstandort Schwäbisch Gmünd vollständig ins ungarische Maklár zu verlagern. Tausende Arbeitsplätze stehen vor dem Aus. Die Gmünder Bundestagsabgeordnete Inge Gräßle von der CDU warnt, hohe Energiekosten in Deutschland verschärften die Wettbewerbsnachteile gegenüber Ländern wie Ungarn zusätzlich.
ZF kündigte an, bis 2028 konzernweit bis zu 14.000 Stellen in Deutschland zu streichen. Laut Betriebsrat sind über 30 Prozent der deutschen Werke bedroht. Ein internes Video offenbarte Pläne, große Teile der Getriebeproduktion vom Werk Saarbrücken nach Eger in Ungarn zu verlagern.
Die Region zwischen Budapest und Belgrad zieht nicht nur deutsche Investoren an. Der chinesische Elektroauto-Hersteller BYD errichtet im ungarischen Szeged nahe der serbischen Grenze seine erste europäische Fabrik. Die ungarische Regierung fördert das Projekt als eines der größten Investments der Landesgeschichte. Eine chinesisch finanzierte Bahnstrecke zwischen Belgrad und Budapest soll die Logistik verbessern. Bereits im Jahr 2022 stammte ein Fünftel aller serbischen Exporte aus der Automobilindustrie. Das Land hat sich von einem Agrarland zu einem festen Bestandteil europäischer Lieferketten entwickelt.
„Made in Germany“ kein Alleinstellungsmerkmal mehr
Ein entscheidender Befund dieser Entwicklung: Deutschland verliert seine einstigen Standort-Alleinstellungsmerkmale. Jahrzehntelang galt die deutsche Industrie als führend in Qualität, Produktivität; der Slogan „Made in Germany“ als wertvolles Qualitätslabel.
Ungarn und Serbien haben aufgeholt.
Deutsche Firmen loben ausdrücklich die Qualifikation, Produktivität und Leistungsbereitschaft der lokalen Belegschaften. Bosch etwa sorgt durch duale Ausbildungsprojekte vor Ort dafür, dass die personellen Kompetenzen nahezu auf Westniveau liegen. Die Abwägung aus Kostenersparnis, Förderanreizen und Zukunftsplanung führt deutsche Wirtschaftskapitäne gegenwärtig dazu, Osteuropa gegenüber Deutschland zu bevorzugen. Ungarns Russland-Deal in Serbien zeigt: Südosteuropa spielt nach eigenen Regeln.