Ehe die Blätter fallen

24. Februar 2026 Magyar Hírlap von Irén Rab

Ende Oktober 2022 kündigte die Andrássy-Universität in Budapest im Zeichen der ungarisch-deutschen Freundschaft, des bilateralen Gedanken- und Erfahrungsaustauschs ein zweitägiges Forum an. Es war bereits das 32. Treffen, da die denkwürdige Grenzöffnung 1989 ein neues Kapitel in der ungarisch-deutschen Freundschaft aufgeschlagen hatte. Im Jahr 2022 war das aktuelle Thema der russisch-ukrainische Konflikt und die daraus resultierende Energiekrise. Wir hatten bereits das achte Sanktionspaket und den Anschlag auf die Nordstream-Pipeline hinter uns. Die Nachrichten über die Explosion lenkten den Verdacht zunächst auf die Russen, denn wer sonst könnte so bösartig sein, Deutschland und einen Teil Europas von der billigen Energie abzuschneiden? Man hätte auch genau so sinnvoll fragen können, wem es nützte, sich selbst von der eigenen Gelddruckerei zu trennen, bzw. seiner eigenen Wohlstandquelle entledigen zu wollen?

Eine der Podiumsdiskussionen befasste sich mit den Auswirkungen des Angriffskrieges Russlands auf die Europäische Union. Der deutsche Gast, eine Dame, beehrte uns nicht mit persönlicher Anwesenheit, vielleicht wollte sie keinen Fuß in die Diktatur Viktor Orbáns setzen oder befürchtete, sich in Budapest mit der ungarischen Variante des Coronavirus anzustecken, weshalb sie sich, wie mittlerweile üblich, online an der Diskussion beteiligte. Frau Beck war ehemalige Osteuropa-Expertin der Grünen-Fraktion, man konnte also davon ausgehen, dass sie sich als Expertin in den geopolitischen Fragen der Region gut auskennt. Ihre Antwort auf eine Frage hallt mir bis heute in den Ohren, ich wollte das schon tausendmal verewigen.

Wie lange wird dieser Krieg dauern? – lautete die Frage, auf die Frau Beck mit entschlossener Bestimmtheit in der ersten Person Plural antwortete: Bis wir die Russen in die Knie gezwungen haben!

Punkt! Damals hörte ich diesen Unsinn zum ersten Mal, und seitdem höre ich ihn immer wieder aus dem Munde deutscher und Brüsseler Politiker. Lieber stürzen wir alle in den Abgrund, lieber sterben noch so viele Menschen, lieber geht alles verloren, was verloren gehen muss, aber die Russen müssen in die Knie gezwungen werden!

Ich habe noch zwei weitere Sätze in Erinnerung. Beide wurden auf internationalen Konferenzen gesagt, einer davon 2024 von einem französischen Brigadegeneral, der damals Kommandeur der französischen Landstreitkräfte war. Er erklärte selbstbewusst, wie gut vorbereitet und kampferprobt die französische Armee sei und dass sie innerhalb von 24 Stunden überall, sogar in der Ukraine, einsatzbereit sein könnte. (Die besagte Kampferfahrung erlangen die Franzosen in ihren ehemaligen afrikanischen Kolonien.)

Der andere Schlüsselsatz stammt von einem englischen Fachautor, der auf einer Friedenskonferenz einen Vorschlag zur friedlichen Beendigung des Krieges unterbreitete:

Seiner Meinung nach sei Bevölkerungsaustausch die beste Lösung!

Sollte man demnach die Ungarn aus der Karpatenregion, die Rumänen und Moldauer aus Czernowitz gegen Ukrainer aus Ungarn, Rumänien usw. austauschen? Ist das überhaupt zahlenmäßig möglich? Wenn acht Millionen Russen aus der Ukraine umgesiedelt würden, wer würde dann noch in diesem riesigen östlichen Landesteil übrigbleiben?

Oh, glücklicher Westen, ihr kennt diese großartige Lösung nur aus Büchern! Fragt doch mal die Menschen in Ost- und Mitteleuropa, was es bedeutet, gewaltsam aus der Heimat vertrieben, aus dem Geburtsland verbannt zu werden! Oder fragt sie, wie es ist, in der eigenen Heimat ein Fremder zu sein, in einem Staat, in dem es verboten ist, seine nationale Identität und Kultur zu leben und seine Muttersprache zu sprechen. Wenn man beispielsweise Franzose ist, aber kein Französisch sprechen darf?

Wenn die Menschen westlich der Elbe ein wenig mehr Wissen, Bildung und Verständnis hätten, würden sie erkennen, dass die Ukraine genau das anstrebt, nur mit anderen, mehr aggressiven Mitteln: die Schaffung eines homogenen ukrainischen Nationalstaates.

Wir Ungarn kennen solche Pläne nur zu gut: In diesem Sinne entstanden die Beneš-Dekrete in der Tschechoslowakei die Völkermordpolitik Titos im Süden und der auch nach hundert Jahren noch bestehende instinktive Hass gegen die Ungarn in Siebenbürgen. Deshalb lassen wir uns nicht täuschen.

Wenn man sich mit Deutschen freundschaftlich unterhält, ist der Krieg in der Ukraine für sie tabu. Sie wollen nichts sehen und nichts hören, denn dann würden ihnen vielleicht die Augen aufgehen und sie würden erkennen, wie heuchlerisch sie in der großen Demokratie in die Irre geführt wurden. Für sie beginnt der Krieg damit, dass Russland die Ukraine angegriffen hat, obwohl Merkel selbst in einem schwachen Moment ausgeplaudert hat, dass

das Minsker Abkommen nur dazu diente, Zeit zu gewinnen, um die Ukraine zu bewaffnen und den heutigen Staatschef, den Schauspieler, zum Staatsmann aufzubauen, um den Anschein von Demokratie zu wahren.

Man hat dem „Diener des Volkes“ (sein Filmtitel) weisgemacht, dass er wirklich dem Volk dient, und der Hauptdarsteller der Serie errang 2019 einen überwältigenden Sieg mit 73 Prozent der Stimmen. Seitdem gab es in der Ukraine keine Wahlen mehr, was auch nicht möglich ist, da Krieg herrscht. Ich würde gerne wissen, wie hoch die 73 Prozent heute noch wären.

Die Ukraine verteidigt Europa gegen den russischen Aggressor. Auch das ist eine gut verkäufliche Mär! Wer nur bis zum Alter von 14 Jahren Geografie lernt und dies vor allem über die südamerikanischen Regenwälder, und auch keine Karten lesen kann, weil ihn GPS und KI orientieren, glaubt diese Geschichte leicht. Die russische Sonderoperation im Jahr 2022 wurde nicht zur Eroberung Europas gestartet.

Die Ukraine wurde wegen fehlender Rechte der Russen angegriffen. Sie leben im Donbass in einer homogenen Gruppe und werden seit 2014 von der ukrainischen Regierung auf jede erdenkliche Weise schikaniert.

(Es gibt einen Narrativ, welcher diese bis 2021 andauernde Ära als Putins ersten Krieg in der Ukraine bezeichnet.) Hatten die Russen kein Recht dazu? Haben sie mit dieser Operation gegen das Völkerrecht verstoßen? Ja, sie haben gegen das Völkerrecht verstoßen, sie haben einen souveränen Staat angegriffen. Einen Staat, der sich nicht an internationale Abkommen hält. Aber das hat die globale Welt jahrelang überhaupt nicht interessiert.

Die Ukraine soll Europa gegen den russischen Aggressor verteidigen. Deshalb wird sie von der Europäischen Union unterstützt. Mit Waffen, Geld und bislang zwanzig Sanktionspaketen, die Russland in die Knie zwingen sollen. Dennoch scheint es, als hätte sich Europa selbst ins Knie geschossen. Man müsste nur zugeben, dass man bisher auf dem falschen Weg war, denn man ruiniert den Kontinent selbst.

Man müsste alles rückgängig machen. Die Waffenlieferungen stoppen, den Wahnsinnsplänen, der Mobilmachung, der Kriegshysterie Einhalt gebieten. Bevor es zu spät ist.

So haben alle Kriege begonnen: mit lokalen, regionalen Scharmützeln, diplomatischen Manövern, Aufrüstung, Volksverblödung, und bis man zur Besinnung kam, war es schon zu spät. Der französische Schriftsteller Martin du Garde beschreibt in seinem Roman „Die Familie Thibault”, was für ein Fest es im Sommer 1914 in Paris war, als die Kriegserklärung verkündet wurde. Ehe die Blätter fallen, werden wir die Deutschen besiegen! Ehe die Blätter fallen, werden wir die Franzosen besiegen! Viermal fielen die Blätter, die Soldaten standen in trockenen, schlammigen oder eisigen, unmenschlichen Schützengräben, während die Politiker in den beheizten, komfortablen Häusern des friedlichen Hinterlandes faulenzten. Man muss durchhalten, wir müssen siegen! Am Ende hat niemand jemanden besiegt, zwar kapitulierte Deutschland, aber die Verluste der Franzosen waren genauso hoch.

1.357.000 Soldaten starben auf französischer Seite, 2 Millionen auf deutscher Seite. Die Monarchie verlor 1,2 Millionen Menschen, davon 660.000 Ungarn. Insgesamt gab es 12 Millionen Verwundete, körperlich und seelisch gebrochene Menschen, zerstörte Familien, Witwen, Waisen.

Aber wir denken nicht darüber nach, es spielt keine Rolle, was es kostet! Zwingen wir Russland in die Knie, retten wir Europa! Es gibt Menschen, die auch nach vier Jahren noch daran glauben.

Autorin , Dr. Irén Rab ist Kulturhistorikerin

Deutsche Übersetzung von Dr. Andrea Martin

MAGYARUL: https://magyarhirlap.hu/velemeny/20260223-mire-a-levelek-lehullanak

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