Aber wir sind doch alle Ungarn! – Die deutschen Wurzeln des Vázsonys-Beckens

18. Januar 2026 Vázsonykő-Blog von Csanád Kandikó

Großwaschon, (Deutsch-)Barnig, Pulau, Werstuhl, Totwaschon, beziehungsweise Nagyvázsony, Barnag, Pula, Vöröstó und Tótvázsony. Fünf Ortschaften auf der Nordseite des Balaton, die bis heute fest mit den Deutschen verwoben sind – oder auch mit den Schwaben, wie diese oft etwas ungenau bezeichnet werden. Anlässlich des Gedenktages der Verschleppung der Ungarndeutschen möchte ich einen Blick auf die deutschen Wurzeln der fünf erwähnten Ortschaften im Vázsony-Becken werfen.

Mekler, Hauck, Jáger, Timmer, Heilig – in Großwaschon und Umgebung durchaus häufige Familiennamen. Sie haben viel gemeinsam: Sie sind alle deutschen Ursprungs und alle seit Jahrhunderten fest in den südlichen Ausläufern des Bakony-Gebirges verwurzelt.

In der Umgebung von Großwaschon erschienen die Deutschen zu Beginn des 18. Jahrhunderts in größerer Zahl.

Im Zuge der zerstörerischen türkischen Besetzung war das vorherige Siedlungsnetz aus der Epoche der Árpáden dem Erdboden gleich gemacht worden.

Csepely und Billege waren vollständig ausgestorben, etwas früher war Kabegyháza von der Landkarte verschwunden, und auch Vöröstó und Barnag waren fast vollkommen entvölkert. Auf der Zalaer Seite hingegen waren Tálod, Pula, (vielleicht auch Imár), Vigánt und Petend der osmanischen Zerstörungswut zum Opfer gefallen.

Zum Ende des 17. Jahrhunderts hatten die Türken die Region ganz verlassen und die Nordseite des Balaton sowie das südliche Bakony konnten ein neues Leben beginnen. Die Grafenfamilie Zichy aus Zics und Vázsonykő, in deren Besitz die Region um Vázsonykő fiel, trug aktiv zum neuerlichen Aufblühen des Vázsony-Beckens bei. Zunächst siedelten sich ungarische Familien in der Gegend an, und zwar selbstständig, auf unorganisierte Weise. Dies führte zum Beispiel zum Wiederaufbau von Vigánt und Petend. Doch die ungarische Bevölkerung der Region zu ersetzen, war wegen der Verwüstung, welche die Osmanen hinterlassen hatten, überaus schwierig, sodass die Grundherren anderswo nach Lösungen suchen mussten. Die süddeutschen Gebiete erlebten zu der Zeit ein riesiges Bevölkerungswachstum, das die örtlichen Siedlungen nicht länger tragen konnten. So entstand also die Idee, das Vázsony-Becken zwischen Balaton und Bakony mit süddeutschen Siedlern zu bevölkern.

Die ersten Siedler erreichten das damalige Vázsonykő um 1715, und im Laufe der Jahrzehnte tauchten sie auch in den anderen Ortschaften der Region auf.

Die Ansiedlung der „Schwaben” war für die Familie Zichy gleich in mehrerer Hinsicht vorteilhaft: Einerseits verschafften sie sich so Arbeitskräfte, die das Land auf hohem Niveau bewirtschafteten, andererseits „rekatholisierten” die Siedler die überwiegend protestantische Gegend (die Mehrheit war evangelisch.) Die letzten Ansiedlungen erfolgten Mitte des 18. Jahrhunderts im zum Besitz der Familie Esterházy gehörenden Pula/Pulau.

Aufgrund dieser Siedlungspolitik bildeten die Deutschen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts höchstwahrscheinlich bereits die Mehrheit im Vázsony-Becken.

Die Präsenz der Deutschen ist durch die barocken Grabsteine aus dem 19. Jahrhundert auf dem Friedhof von Großwaschon gut belegt, welche zum Großteil deutsche Inschriften tragen. Hierbei muss erwähnt werden, dass die Deutschen zwar ihre eigene Kultur und Sitten mitbrachten und den Gebrauch der deutschen Sprache gute anderthalb Jahrhunderte lang beibehielten,

sich aber dennoch als Ungarn betrachteten.

Das ungarische Selbstverständnis der Deutschen illustriert eine Geschichte aus der Mitte des 19. Jahrhunderts: Großwaschon war damals noch mehrheitlich deutsch und die ansässigen Deutschen sprachen überwiegend noch kein Ungarisch. Aus den fehlenden Sprachkenntnissen musste ein hitziger Streit zwischen einem Ungarn und einem Deutschen entsprungen sein, und der Ungar ließ es sich nicht nehmen, den anderen abwertend als Schwaben zu bezeichnen. Die Angelegenheit wurde bis vor die Versammlung der Landstadt Waschon gebracht, wo ein deutschsprachiger Kumpane sich mit denkbar bairischem Akzent entrüstete: „Aber wir sind doch alle Ungarn!” Damit war der Streit um die Schwabenfrage erledigt.

Die örtlichen Deutschen sahen sich als Teil der ungarischen Nation, ganz ähnlich wie die Deutschen im Umland oder etwa in Ödenburg (Sopron).

Die Ausbildung dieses Hungarus-Bewusstseins ist mehreren Umständen zu verdanken. Die ersten deutschen Siedler trafen noch vor der Verbreitung des Nationalismus ein und brachten daher neben ihren Sitten noch kein starkes Nationalbewusstsein mit sich. Als sich die Frage der nationalen Zugehörigkeit stellte, waren die Deutschen des Vázsony-Beckens bereits seit einem Jahrhundert auf ungarischem Boden ansässig. Auf einem ungarischen Boden, der ihnen Lebensunterhalt und Heimat bot, für welche sie dankbar waren. Diese Dankbarkeit wird auch in den Ereignissen des Freiheitskampfes von 1848/49 deutlich, als die deutschen Gemeinden in Großwaschon und den umgebenden Dörfern Dutzende junger Leute in den Kampf entsandten. Am bekanntesten ist womöglich der Fall der Pulauer „Schwaben”, die bei der Rückeroberung Budas gemeinsam mit den Soldaten aus Zala an vorderster Front kämpften. Die Pulauer waren im Übrigen auch diejenigen, die

während des Verbots des Kossuth-Hutes aus Trotz erst recht Kossuth-Hüte trugen – so sehr stand ein mehrheitlich deutsches Dorf für die ungarische Souveränität ein.

Obwohl es zwischen den Nationalitäten nicht viele Gegensätze gab, waren gemischte Ehen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts äußerst selten. Grund hierfür waren nicht nur die nationalen, sondern viel mehr die religiösen Unterschiede: Katholiken heirateten eher Katholiken, und auch die Protestanten wählten lieber Mitglieder ihrer eigenen Konfession. Diese Trennung blieb am längsten in Barnig bestehen, wo die erste Mischehe laut Erzählungen der Einheimischen bis in die 60er Jahre auf sich warten ließ.

Die deutsche Bevölkerungszahl erreichte ihren Höhepunkt Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts. Großwaschon gehörte zu den wenigen Ortschaften im Komitat Veszprém, in denen die Zahl der deutschen Einwohner die 1000 überstieg. In der Stadt, die einst der Sitz des Generals Pál Kinizsi gewesen war, lebten im Jahr 1880 1142 Einwohner mit deutscher Muttersprache, womit sie um eine Person hinter den Ungarn zurückblieben und 48 % der Bevölkerung ausmachten. Das machte den Ort zur viertgrößten deutschen Siedlung des Komitats. Im Gegensatz dazu waren Pulau, Werstuhl und Barnig fast vollständig deutsch, und auch in Totwaschon bildeten die Deutschen eine beträchtliche Mehrheit.

Mit der Gründung von Kindergärten und Schulen am Ende des Jahrhunderts beschleunigte sich die Assimilation, und Großwaschon war eine der Ortschaften, die am schnellsten ungarisch wurden. Von 1880 bis zur Jahrhundertwende schrumpfte der Bevölkerungsanteil der Deutschen um 29 %, und 1910 waren in der Stadt nur noch 307 deutsche Muttersprachler zu finden. Ähnlich wie in Großwaschon sank der Anteil der deutschen Bevölkerung auch im gesamten Vázsony-Becken, wobei sie in Pulau, Werstuhl und Deutsch-Barnig weiterhin die Mehrheit bildete.

Das Verschwinden der deutschsprachigen Bevölkerung lässt sich auf mehrere Gründe zurückführen. Hierbei muss das ungarische Schulsystem erwähnt werden, in welchem die jungen Schüler alle fließend Ungarisch lernten und ein noch stärkeres ungarisches Nationalbewusstsein erlangten. Die umliegenden Ortschaften und die größeren Städte waren ebenfalls mehrheitlich ungarisch, sodass auch dort die ungarische Sprache benutzt werden musste. Zur Mitte des Jahrhunderts hin ging zudem die Bedeutung der Landwirtschaft zurück, weshalb viele junge Leute in den Industriebetrieben Arbeit suchten. Hier war ein Großteil der Arbeiter – mit Ausnahme der Werke in Úrkút – ungarischer Muttersprachler.

Die Bedeutung der deutschen Sprache schrumpfte zwar, doch ihre Traditionen behielten die Deutschen weiterhin bei. Handfeste Spuren dieser Traditionen sind die Kalvarienberge in Barnig und Werstuhl.

Eine Tradition, die alle fünf Dörfer gemein haben, ist die Einrichtung der sogenannten „Pirgerschaft” (pirgerség/pürgerség), die nichts anderes war als die damalige Bürgergarde. In der Mitte des 19. Jahrhunderts, nach dem Scheitern der Revolution, hatte sich die öffentliche Sicherheit verschlechtert, die Gendarmen waren nicht imstande, die Ordnung aufrechtzuerhalten, und um diesen Mangel zu beheben, musste die Ordnungshütung auf örtlicher Ebene organisiert werden. Den mit Flinte und Schwert ausgestatteten Männern kam eine überaus wichtige Aufgabe zu, denn die Verteidigung der schutzlosen Dorfbevölkerung vor etwaigen Unruhestiftern war nun ihre Verantwortung.

Sie zu alarmieren, war äußerst einfach: Wenn jemand in der Nacht auf Pferdediebe oder Räuber stieß, lief er auf die Straße und machte mit Metallschüsseln Lärm, woraufhin die Hunde in der Umgebung zu bellen begannen. Dieser „Hundealarm” rief die Bürgergarde herbei. Nach einem Gewehrschuss in die Luft versuchten sie, den ertappten Verbrecher zu schnappen, den sie bis zum Eintreffen der Gendarmen unter Gewahrsam halten durften.

Die Pirger behielten ihre Rolle als Ordnungshüter bis zur Entstehung der königlichen Gendarmerie bei. Danach existierte die Institution in „protokollarischer Funktion”: Die Pirger hielten an kirchlichen Feiertagen Truppenparaden ab, sangen und schossen Ehrensalven.

In Großwaschon gab es gleich zwei Pirgertruppen. Eine bestand größtenteils aus deutschen Bauern und operierte auf Deutsch, während die andere sich aus größtenteils ungarischen Industriearbeitern zusammensetzte – interessanterweise riefen jedoch beide Gruppen ihre Kommandos auf Deutsch aus. In der Zeit zwischen den Weltkriegen fungierten die Pirger von Großwaschon bereits als Schützenverein – denn sie hatten nach dem Ersten Weltkrieg die ausgedienten Gewehre erhalten.

Im 20. Jahrhundert sank der Anteil der deutschen Muttersprachler in Großwaschon und Umgebung noch weiter; 1941 waren in Großwaschon lediglich 65 deutsche Muttersprachler verzeichnet.

Nach dem Krieg zogen dunkle Wolken über den Deutschen des Vázsony-Beckens auf, denn die Siegermächte wandten auf die deutsche Bevölkerung in Ost- und Mitteleuropa das Prinzip der kollektiven Bestrafung an. Infolgedessen mussten über 10 Millionen Menschen deutscher Nationalität die Orte verlassen, die über Jahrhunderte ihre Heimat gewesen waren. Ein erheblicher Teil von ihnen verlor im Zuge der Vertreibung sein Leben.

Auch das Komitat Veszprém war von den Aussiedlungen zwischen 1945 und 1948 schwer betroffen; 40 % der in der Bakony-Region ansässigen Deutschen wurden vertrieben.

Die Umsiedlungen betrafen vor allem die Bevölkerung im nördlichen Teil des Komitats; die deutschen Einwohner von Großwaschon und Umgebung blieben größtenteils verschont.

Einer der interessantesten Fälle ist der von Barnig. Obwohl gemischte Ehen für die Ortschaft nicht typisch waren, konnten die deutschen und die ungarischen Einwohner des Dorfes in der Not aufeinander zählen. Als die Front den Ort erreichte, halfen die ungarischen Einwohner des Ortsteils Magyarbarnag (Ungarisch-Barnig), die deutsche Ortseingangstafel von Deutsch-Barnig zu verstecken, um ihre Nachbarn vor Gräueltaten zu bewahren.

Als den Verantwortlichen des Dorfes zu Ohren kam, dass die Bewohner ihrer Zwillingssiedlung ausgesiedelt werden sollten, sahen sie nicht tatenlos zu, sondern machten sich auf den Weg nach Budapest, um ihre Nachbarn zu verteidigen.

Mit der Geschichte der „Widerständler von Barnig” gelang es ihnen auch, die Entscheidungsträger in der Hauptstadt zur Einsicht zu bewegen. Dieser Geschichte zufolge hatten die Einwohner Barnigs die deutschen Truppen aktiv daran gehindert, sich an der Befreiung Budapests zu beteiligen. Begonnen hatte der Widerstand damit, dass die Dorfbewohner Wind von einem Fallschirmlager der deutschen Armee bekamen, das sich am Rande des Dorfes befand (wahrscheinlich in Richtung Totwaschon). Die Schnüre der Fallschirme waren für die Barniger Frauen eine hervorragende Ressource zur Herstellung von Kleidern und Handschuhen, sodass sich ein paar Männer aus dem Dorf aufmachten, um davon zu stibitzen. Die Deutschen bemerkten den Diebstahl und verhafteten die daran beteiligten Männer. Sie deportierten sie nach Mauthausen, von wo sie später unversehrt zurückkehrten.

Die Überzeugungskraft der Delegation aus Barnig wurde dadurch verstärkt, dass einer der Widerständler unter ihnen war: Imre Sebők. Er wurde wenig später von den Russen in ein Arbeitslager verschleppt, doch auch von dort kehrte er unversehrt heim. Nach den Erzählungen der Dorfbewohner war es zum Teil ihm zu verdanken, dass die Barniger Deutschen nach dem Weltkrieg nicht umgesiedelt wurden.

Ähnlich wie in Barnig sind auch die deutschstämmigen Einwohner von Großwaschon, Werstuhl, Pulau und Totwaschon der Vertreibung größtenteils entgangen, doch welche Umstände dabei eine Rolle spielten, wäre durch weitere Forschungsarbeiten zu ermitteln.

Die Nachfahren der deutschen Siedler sind im Vázsony-Becken nach wie vor aufzufinden, und immer mehr von ihnen erforschen ihre deutschen Wurzeln.

Ein gutes Beispiel für die Aufarbeitung dieser alten Wurzeln ist Totwaschon, wo die Pirger-Tradition wieder aufgelebt ist. Es ist ein Anzeichen für den Stolz der Ortsansässigen, dass bei Volkszählungen immer mehr von ihnen neben der ungarischen auch die deutsche Nationalität angeben, wobei sie innerlich ergänzen: „Wir sind doch alle Ungarn.”

Der Artikel ist unter Verwendung der Datenbank von Arcanum im Auftrag der Deutschen Selbstverwaltung Großwaschon entstanden.

Autor, Dr. Csanád Kandikó ist Heimatforscher von Großwaschon

MAGYARUL:https://vazsonyko.blog.hu/2022/01/19/_de_hisz_mi_mind_magyarok_vagyunk_a_vazsonyi-medence_nemet_gyokerei

Deutsche Übersetzung von Sophia Matteikat

Bild: Deutschsprachige Barockgrabsteine im Friedhof von Großwaschon/Nagyvázsony


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