3. September 2026. https://requiem4frontiers.hu von Ferenc KRAUSZ
Der offene Brief des Nobelpreisträgers Ferenc Krausz an Ministerpräsident Péter Magyar hat in der ungarischen Gesellschaft für Aufruhr gesorgt. Der bewegende, ehrliche Bericht über die willkürliche und böswillige Zerstörung einer der vielversprechendsten Initiativen zur Förderung wissenschaftlicher Talente durch die neue globalistische Regierung mit dem Titel Requiem für ein Vorhaben ist ein vernichtendes Zeugnis für die kulturelle, wirtschaftliche und soziale Zerstörung, an der die TISZA-Regierung beteiligt ist.
Vor einem Jahr hatten wir Grund zum Feiern. Die ersten Früchte unserer langwierigen Vorbereitungsarbeit waren gereift: Das Kuratorium der Élvonal–Stiftung (Frontiers Foundation), dem vier Nobelpreisträger aus den Naturwissenschaften und ein Abel-Preisträger aus der Mathematik angehören, wurde gegründet.
Ein Gremium, für dessen Mitglieder es nur einen Maßstab gibt: den der internationalen Exzellenz.
Drei nordamerikanische Naturwissenschaftler sahen in dem Programm eine Chance, für deren Verwirklichung es sich lohne, Verantwortung zu übernehmen. Und das sogar in einem Land, dem sie – im Gegensatz zu den beiden ungarischen Mitgliedern des Kuratoriums – in keiner Weise verbunden sind. Weltberühmte, wegweisende Forscher, die von zehn Anfragen mindestens neun ablehnen. Es ist fast unglaublich, aber bei uns haben sie eine Ausnahme gemacht.
Ein Jahr später, am heutigen Tag, dem 31. August 2026, wurde die Stiftung aufgelöst, und mit ihr auch ihr Kuratorium. Von der Absicht der Regierung, den Vertrag zu kündigen, erfuhren wir aus den sozialen Medien.
Und das, obwohl vor der Entscheidung keine substanzielle Darstellung des gesamten fachlichen Konzepts von „Élvonal“ und seiner bisherigen Ergebnisse stattgefunden hatte. Ich bin der Meinung, dass das Ausbleiben dieses minimalen Dialogs nicht im Interesse Ungarns lag.
Kommen wir zum Wesentlichen!
Ungarns wichtigste Ressource liegt nicht in seinen natürlichen Reichtümern. Unser größter Wert ist das Talent. Die Neugier, der Fleiß, die Kreativität und die Pädagogen, die diese Begabungen von Generation zu Generation erkennen und entfalten. Damit Talent zu einem echten nationalen Wert wird, muss es sich zu einer Ressource entwickeln: zu Wissen und Schaffenskraft, die dem Wohl der Nation dienen. Es muss sich auf einem langen Weg herausbilden.
Dieser Weg führt von der Schule zur Forschung auf Weltniveau, von der Forschung zur Innovation und von der Innovation zu Ergebnissen, die der Gesellschaft und der Wirtschaft zugutekommen.
Das Endziel war es, dass sich immer mehr ungarische Wissenschaftler dazu entschließen, in ihre Heimat zurückzukehren. Das war die Mission von „Élvonal“.
Das oben beschriebene Konzept von „Élvonal“ wird zwar nicht verwirklicht, doch die Überzeugung, die es ins Leben gerufen hat, hat sich für mich nicht geändert. Es freut mich, dass heute selbst diejenigen, welche die Auflösung der Stiftung beschlossen haben, die grundlegenden Ziele des Programms nicht mehr in Frage stellen.
In den vergangenen Monaten wurde ich auch als „Ferenc Krausz, der gute Beziehungen zu Fidesz unterhält“ beschrieben. Das möchte ich klarstellen: Ich habe niemals irgendeine Verbindung zu einer politischen Partei gepflegt. Ich habe mich um eine gute Zusammenarbeit mit der vorherigen Regierung bemüht, und ich strebe eine ebenso gute Zusammenarbeit mit der derzeitigen Regierung an. Und das werde ich auch mit jeder zukünftigen ungarischen Regierung tun. Solange ich den Glauben und die Kraft habe, mich für die Zukunft Ungarns einzusetzen.
In der Wissenschaft ist Vertrauen das wichtigste Kapital. Es entsteht nicht durch Gesetze und wird nicht durch Organigramme aufgebaut. Vertrauen lässt sich nicht kodifizieren. Die Institute der Max-Planck-Gesellschaft in Deutschland arbeiten seit fast acht Jahrzehnten organisatorisch unabhängig vom Hochschulsystem. Bislang haben sie Deutschland und der Welt 24 Nobelpreise sowie unzählige Entdeckungen und Innovationen beschert. Keine einzige bedeutende politische Kraft in Deutschland stellt die Daseinsberechtigung dieser Organisation in Frage. Sie ist Teil jenes nationalen Minimums, das die langfristige Förderung der Wissenschaft als eine Angelegenheit betrachtet, die über Wahlzyklen hinausgeht.
Für den künftigen Erfolg des Programms ist es daher unerlässlich, das Vertrauen in die ungarische Wissenschaftspolitik wiederherzustellen. Damit die Forscher und Innovatoren, die bisher Interesse an diesem Programm gezeigt haben und heute im Ausland arbeiten, tatsächlich in ihre Heimat zurückkehren, sind zwei Dinge erforderlich: ein fachliches Umfeld auf höchstem Niveau und langfristige, über Regierungszyklen hinweg reichende Planungssicherheit.
Ich danke all jenen, die durch ihre Entscheidungen und ihre Arbeit dazu beigetragen haben, dass wir zeigen konnten, wozu wir fähig gewesen wären, hätten wir unsere Arbeit fortsetzen können. Ich danke auch jenen, die uns trotz aller Widrigkeiten Mut zugesprochen haben, auch wenn die meisten dies unter Ausschluss der Öffentlichkeit taten. Ein besonderer Dank gilt den ausländischen Mitgliedern unseres Kuratoriums. Für sie war das Engagement in Ungarn am wenigsten selbstverständlich.
Die Höhe der an die Stiftung ausgezahlten Förderung belief sich auf 22.356.600.792 Forint. Wir zahlen 22.390.480.289 Forint an den ungarischen Staat zurück – 33.879.497 Forint mehr, als wir an Förderung erhalten haben.
Und dieser Betrag wird sich durch die Ende August gutzuschreibenden Zinsen noch weiter erhöhen.
Aus Respekt bewahren wir für die Nachwelt die kurze Geschichte von „Élvonal“ und das Versprechen, das wir damit eingegangen sind, auf der Website requiem4frontiers.hu.
Mein Weg, meine Mission
Mein ganzes Leben lang bin ich den Weg der Wissenschaft gegangen. Ich durfte die besten Labore der Welt von innen kennenlernen und habe gelernt, was zu Ergebnissen führt. In den Naturwissenschaften messen wir nach internationalen Maßstäben. Was auf internationaler Ebene unsichtbar ist, existiert gar nicht. Leistung ist messbar, und Förderung geht mit Verantwortung einher. Diese Haltung vertrat Élvonal. Lange Zeit war es für mich auch selbstverständlich, dass ich einen Teil dessen,
was ich in diesen Werkstätten gelernt habe, eines Tages in meine Heimat zurückbringen muss. Damit auch Ungarn von dem im Ausland erworbenen Wissen, den Erfahrungen und den Kontakten profitiert.
Nach den Ereignissen der letzten Monate muss ich mich der Frage stellen: Wird all dies in Ungarn wirklich gebraucht? Und wenn ja, welche Rolle kann und will ich dabei noch übernehmen? Heute, zum ersten Mal in meinem Leben, ist die Antwort nicht eindeutig.
Ich stimme dem Herrn Ministerpräsidenten zu, dass wir ein Land aufbauen müssen, „in dem nicht nur wir unser Vaterland lieben, sondern unser Vaterland uns auch liebt“. Und ich möchte hinzufügen: ein Land, in dem jedem der gebührende Respekt zuteilwird, insbesondere jenen, die sich selbstlos für eine bessere Zukunft Ungarns einsetzen.
Mir ist inzwischen klar geworden, dass noch viel Arbeit vor uns liegt. Damit Ungarn wirklich ein Ort wird, von dem die Nobelpreisträger der Gegenwart und der Zukunft nicht weggehen, sondern an den sie zurückkehren.
Autor, Professor Ferenc Krausz ist Nobelpreisträger für Physik, 2023.
Der volständiger Text ist hier zu lesen: MAGYARUL: requiem4frontiers.hu