Wie die deutsche Presse ihre Leser in die Irre führt

22. Mai 2026 Leserbrief an „Die Welt“ von Andrea Martin

„Péter Magyar der neue Orbán?“ – Philipp Fritz, der Warschauer Korrespondent von „Die Welt“, verfasste am 4. Mai eine ausführliche Analyse „Die Magyar-Orbán-Täuschung zu den Wahlen in Ungarn und den Gründen für die Niederlage von Viktor Orbán und den Sieg von Péter Magyar. Andrea Martin reagierte in einem Leserbrief an „Die Welt“ auf die falschen Prämissen auf die Täuschung von Fritz’ Analyse.

Was wollte der Autor uns sagen? Wer täuscht wen? Egal, wenn er die Framings der europäischen Anti-Orbán Versammlung auch nach der Niederlage Orbáns unterbringen kann. Nachtreten sozusagen. Allerdings werden die verdrehten Tatsachen auch beim Nachtreten nicht wahr.

Er schreibt „dass Magyar gegen das System Orbán gearbeitet hat“. Magyar hat niemals gegen das „System Orbán“ gearbeitet. Er war Teil des Systems, verheiratet mit der Justizministerin, also quasi „Spielerfrau“. Dadurch war er Inhaber manch bequemer Stellen im Orbán-System und hat für sich immer einen Platz in der ersten Reihe der Orbán-Verehrer gefordert. Enthusiastischer klatschte keiner beim vergangenen Orbán- Sieg vor vier Jahren . Er war nur mit den Millionen, die er für wenig Arbeit bei staatlichen Stellen bekommen hatte unzufrieden und hielt sich für mehr prädestiniert. Jetzt kann er zeigen, ob er es kann.

Die „illiberale Demokratie“ (also keine Demokratie) Lüge ist dermassen stark von den internationalen Medien missdeutet und diese Missdeutung ist so massiv verbreitet worden, dass man mit der Wahrheit nur fast aussichtslos argumentieren kann. Die Wahrheit ist nämlich, dass Orbán diesen Ausdruck in Bezug auf die damalige ungarische Opposition, d.h. auf die in 2006-2010 gescheiterte, das Land fast in Bankrott führende sozialliberale Regierung benutzt hat, bei einem nachdenklichen Vortrag 2014 an einer Sommeruni in Siebenbürgen.

Die Liberalen waren nicht fähig, das Staatsvermögen zu schützen und führten das Land und die Familien in eine Kreditkrise. Er suchte selbst einen passenden Ausdruck, und ein anderer fiel ihm nicht ein dafür, wie ein Land NICHT regiert werden soll.

Wenn das, was angeblich liberal war, das Land in die Katastrophe geführt hatte 2010, dann lieber eine illiberale Demokratie, welche die grundlegende Eigenschaft des Liberalismus, die Freiheit, nicht negiert, aber diese Ideologie nicht als grundlegend für die Staatsorganisation betrachtet. Nicht nur die einzelnen, auch die Gemeinschaften, wie die Familie, zählen. Er konnte nicht ahnen, in was für eine Bredouille ihn diese Ausdrucksweise für den Rest seines Lebens bringen wird, wie die nicht wohlgesonnenen Medien ihm davon einen ewigen Strick drehen werden.

Magyar musste nicht gegen „den Großteil der ungarischen Medien“ ankämpfen, da sie auch noch heute ziemlich ausgewogen für beide politischen Seiten vorhanden sind,

für den Vorteil von Magyar hat allerdings META gesorgt, der die Erreichbarkeit von Orbáns Seite, bzw. aller rechten Parteien, vor den Wahlen durch die Algorithmen abgedreht hat.

Nach den Wahlen wurde dann wieder alles normal. Es ist sicherlich nur ein Zufall, dass in Magyars Truppe eine (ehemalige?) Justitiarin von META zu finden ist.

Nach einer solch eindeutig gelaufenen Wahl mit den „Institutionen“ oder dem „Zuschnitt der Wahlkreise“ zu argumentieren, die allesamt gegen Magyar gewesen wären, ist an Haaren herbeigezogen. Das ungarische Wahlsystem begünstigt den Gewinner, das war auch hier der Fall. Sinn der Sache ist, für die Regierungsbildung eine ausreichend sichere Mehrheit zu gewährleisten. Mehr ist da nicht hineinzudeuten.

Der „autoritäre Umbau des Landes, die EU-Sabotage, Agent Moskaus“, sind solche abwegigen Vorwürfe, die für nicht Voreingenommene leicht widerlegt werden können. In einem hat der Autor allerdings Recht: Eine Demokratie ist immer liberal. Genau das sagte Orbán auch immer, deswegen gefiel ihm das selbst verwendete Adjektiv ebenso nicht. Zusatzbegriffe sind zur Beschreibung einer Demokratie nicht notwendig, sondern relativieren sie. Insofern sollte der Autor sich über den in Deutschland heutzutage oft verwendeten Begriff „unsere Demokratie“ vielleicht Gedanken machen.

Ob Magyar ein aufrechter Demokrat ist oder nicht, kann der Autor nicht wissen. Das kann heute niemand wissen. Dass Orbán einer ist, hat er oft bewiesen, zuletzt mit der sofortigen Anerkennung seiner Abwahl, obwohl Massen von Medien ihm dies vorab nicht zugetraut haben.

Ich behaupte, viele, zu viele, vor allem viele sich unabhängig nennende, in der Wirklichkeit von vielen linksliberalen Stellen unterstützte Medien verstanden seine süffisanten Jokes und manchmal hemdsärmeligen volksnahen Sprüche nicht. Ihnen war ein viermal mit überwältigender Mehrheit gewählter und regierender Premierminister im Wege, der an den Originalverträgen der EU festhalten wollte und die schleichenden imperialen Wünsche, den nirgendwo vorgesehenen politischen Umbau Brüssels nicht mitmachen wollte. Einer, der den Verträgen nach die Ukraine als nicht EU-Mitglied betrachtete und auch so zu behandeln pflegte. Der für sein Land die niedrigsten Energiepreise in der EU sichern konnte.

Ihn mit Autokraten wie Mao Zedong oder den Sowjetführern auch nur auf einem Blatt zu erwähnen, ist Bösartigkeit und Geschichtsunwissen in Reinkultur. Ähnlich unhaltbar ist der Antisemitismus-Vorwurf aus der alten Mottenkiste in Bezug auf Soros. Herr Fritz, nehmen Sie zur Kenntnis, dass Soros nicht wegen seiner Religion angegriffen wurde. Er wurde nach seinen Taten beurteilt, egal ob Christ, Jude, oder Buddhist. Er wurde wegen Spekulation in einem EU-Land bereits rechtskräftig verurteilt. Trotzdem wird dieses Land nicht als antisemitisch kritisiert. Warum also Orbáns Ungarn, wo er sich die grösste Bank unter die Nagel reissen wollte (was wohlgemerkt von einem sozialistischen Ministerpräsidenten in den neunziger Jahren verhindert wurde). Etwa zweierlei Maß?

Dass die Institutionen MCC und Danube die linksintellektuellen Oberjehus nerven, das kann ich gut verstehen. Fähige, denkende Leute sind dort zu finden, welche keinesfalls einseitige Weltanschauung verbreiten,

aber auch Betrachtungen zulassen, welche die woken Unis und sonstige Mittäter inzwischen mit Entsetzen aussperren. Meinungsfreiheit also, wie die WELT-Seite so schön heisst.

Orbáns 16 Jahre sind kein Misserfolg.

Die Statistiken widerlegen das eindeutig. Dass Covid (wonach die EU-Kommission die zustehenden Hilfen verweigerte) und Krieg die Situation nicht verbesserten, ist kein Wunder. Dazu gesellt sich die offene Erpressung der EU mit den zustehenden, aber zurückgehaltenen 19 Milliarden. Auch zweierlei Maß.

Wer sich aus dem Budapester Stadtzentrum herausbegibt, findet ein ordentliches sauberes Land, sauberer als das unter einem linksgrünen Bürgermeister langsam immer schmuddeliger werdende, aber noch immer sehr schöne Budapest. Wann hat der Autor das Land zuletzt bereist?

Die „Mitverantwortung Orbáns bei der Flüchtlingskrise“ ist ein Märchen, das einem TV-Film deutscher Verdrehung zu verdanken ist. Die Flüchtlinge vom Keleti-Bahnhof sind losgegangen, weil Ungarn sich an die EU-Verträge halten und die Flüchtlinge (also Migranten) in der EU, also in Ungarn, registrieren wollte! Das wollten die Flüchtlinge nicht und es waren genügend Anführer – auch aus Deutschland kommend – dabei, die die Menge Richtung Deutschland auf die Autobahn geschickt haben. Erst dann (!) hat man die Busse bestellt, weil man nicht wollte, dass diese Menschen überfahren werden. Und die Österreicher haben alle schön weitergeschickt. Warum sind dann wieder nur die Ungarn die Schuldigen? Im Gegensatz zum Autor war ich im August 2015 in Ungarn. Also habe ich die ganze Tragödie aus der Nähe gesehen. Um so mehr verwundert mich die grobe deutsche Verdrehung der Tatsachen. Orbán hat sich mit Merkel ausser in der Flüchtlingsfrage tatsächlich gut verstanden, wie er selbst erzählte, er habe Merkel dreimal gebeten, zu bleiben.

Die Gerüchte mit dem Absetzen in die USA ist der erneute Versuch nachzutreten. Nachdem sich alle Prophezeiungen vom –

„es würden keine Wahlen abgehalten“, „in Wahlen ist Orbán nicht zu besiegen, weil er das Wahlsystem zu seinen Gunsten umgebaut habe“, „es werde keine saubere Wahlen geben“,“bei der Auszählung werde geschummelt“,“er werde seine Niederlage nicht eingestehen“ bis „er werde seine Macht nicht abgeben“, allesamt als falsch und verleumderisch erwiesen haben,

wird das jetzige Nachtreten auch Lügen gestraft werden.

Man fragt sich nur, was ein Autor mit dieser Einstellung in einer ehemals seriösen, rechtsliberalen Zeitung sucht. Ich lese sie auch nicht ohne Grund nicht mehr, nur dann, wenn sie mich nichts kostet. Wie auf einer Kreuzfahrt oder am Flughafen. Geld für so etwas möchte ich nicht mehr ausgeben.

Autorin, Dr. Andrea Martin ist Zahnärztin in Deutschland

Der zitierte Artikel ist hier zu lesen: https://www.welt.de/debatte/plus69f354146fe2dee7bfb0ec93/ungarn-die-magyar-orban-taeuschung.html

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert