So feiern wir das Neue Jahr in Ungarn

5. Jänner 2026 exxpress.at von Bence Bauer

In Ungarn wird die Nacht von Silvester auf Neujahr immer ganz besonders begangen. Dabei kommen Tradition, Heimatverbundenheit und Nationalstolz eine große Rolle zu. So auch in diesem Jahr. Eine persönliche Betrachtung.

Neben den international üblichen Silvesterfeierlichkeiten mit Böllern, Feuerwerk und Partys gibt es in Ungarn eine Besonderheit, die für Besucher und Touristen ungewöhnlich erscheint, doch bei uns im Lande schon sehr lange Zeit besteht. Bevor man seinen Liebsten um Mitternacht mit Sekt oder Champagner zuprostet und alles Gute für das Neue Jahr wünscht,

wird Punkt 0.00 Uhr von Jung und Alt die Nationalhymne gesungen.

Diese Hymne ist ein fast schon religiös anmutendes Bekenntnis zur Vergangenheit und Zukunft des Ungarntums. Das zum Text von Ferenc Kölcsey von Ferenc Erkel Mitte des 19. Jahrhunderts komponierte Musikstück ist wie ein nationales Gebet, das zu besonderen Anlässen, etwa der Christmette,in den Kirchen des Landes am Ende der Messe gesungen wird. Auch die Vorgängerhymne „Jungfrau Maria, unsere Mutter“ war als katholisches Lied eine wahre Volkshymne. Der genaue Wortlaut beiden Hymnen wird von den Ungarn schon im Kindergartenalter verinnerlicht.

Im TV wird die feierliche ungarische Hymne von Kölcsey mit Aufnahmen ungarischer Landschaften und Kulturstätten untermalt,

man besingt im Land in diesen ersten Minuten des Neuen Jahres gemeinsam dieses besondere Zusammenhörigkeitsgefühl der ungarischen Nation, das Feiern steht still. Die ersten Minuten im Neuen Jahr sind so voller Andacht.

Danach folgt die ebenso im Fernsehen gesendete Rede des ungarischen Staatspräsidenten. Dieses Jahr war im TV-Auftritt von Staatspräsident Tamás Sulyok eine Besonderheit zu finden: Er überließ dem Astronauten Tibor Kapu einen großen Raum, der sich an die Zuseher wandte. Der 1991 geborene Kapu war nach Bertalan Farkas 1980 als zweiter ungarischer Astronaut von Ende Juni bis Mitte Juli 2025 für 20 Tage auf der internationalen Raumstation im All – fast dreimal so lang so sein Vorgänger. Die meisten Ungarn blicken mit Stolz und Anerkennung auf seine Leistungen, die mündlichen Abiturprüfungen wurden damals für zehn Minuten unterbrochen, das ganze Land fieberte mit ihm. Kapu unterstrich in seiner Ansprache,

dass trotz entgegengesetzter politischer Meinungen, etwa im Wahlkampf 2026, Respekt und Würde herrschen sollten, denn wir alle gehörten zusammen.

Es verbinde uns mehr, als uns trenne, so Kapu.

Am Neujahrestag serviert man in den ungarischen Haushalten klassischerweise ein Linsengericht, denn Linsen bringen Glück, der Sage nach würde man zu Wohlstand kommen, so viele Geldstücke bekommen, wie man Linsen essen könne. Noch am Vorabend wird ein knuspriges Ferkelbraten angerichtet. In der Silvesternacht ist man im ganzen Land unterwegs, alle bedeutenden Städte haben Freilichtkonzerte und Straßenpartys, die Stimmung ist ausgelassen, aber zugleich auch respektvoll. Es sind keine Atrozitäten oder Übergriffe zu vermelden. Viele junge Menschen aus aller Herren Länder kommen nach Ungarn, um in Sicherheit, Frieden und Freiheit den Jahresausklang zu feiern. Gerade Frauen fühlen sich sicher.

Eine Tradition verbindet aber die Ungarn mit ihren als Schwäger bezeichneten österreichischen Nachbarn: Das obligatorische Zelebrieren des Wiener Neujahreskonzerts im Musikverein ist ein alteuropäischer Brauch, von dem auch die kulturbegeisterten Ungarn nicht ablassen möchten. Das Konzert symbolisiert auch unsere europäische Identität, in ganz Europa schalten die Menschen am 1. Jänner um 11.15 Uhr ihre Fernsehgeräte an und sind in Wien virtuell mit dabei, das Neue Jahr zu feiern und sich und seinen Liebsten alles Gute für 2026 zu wünschen.

Autor, Bence Bauer ist Direktor des Deutsch-Ungarischen Instituts für Europäische Zusammenarbeit am Mathias Corvinus Collegium in Budapest/Ungarn.

Quelle: https://exxpress.at/meinung/bence-bauer-so-feiern-wir-das-neue-jahr-in-ungarn/

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