16. Januar 2026 Magyar Hírlap von IRÉN RAB
Bis Ende Dezember 2019 haben die Russen fast 682.000 Kopien der Registrierungskarten über Personen ungarischer Nationalität (Soldaten und Zivilisten), die während und nach dem Zweiten Weltkrieg von der Roten Armee gefangen genommen, interniert oder verhaftet worden waren, in die Obhut des Ungarischen Nationalarchivs übergeben.
Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurden etwa 600.000 ungarische Zivilisten in die Sowjetunion verschleppt. „Malenkij robot” („ein bisschen Arbeit“), sagten die sowjetischen Soldaten, die sie abholten. Tatsächlich handelte es sich bei dieser „bisschen Arbeit” um schwere körperliche Zwangsarbeit. Es galt, den Mangel an verlorenen Arbeitskräften auszugleichen, gleichzeitig wollte man alle in Ungarn lebenden Menschen deutscher Herkunft und die „faschistischen Ungarn” dafür bestrafen, dass sie es gewagt hatten, Krieg gegen die Sowjetunion zu führen. Die Massenverschleppung von Zivilisten diente auch dazu, die Zahl der Kriegsgefangenen aufzustocken, aber in vielen Fällen war das Ziel die ethnische Säuberung, wie beispielsweise Ende 1944 in den inzwischen sowjetisch gewordenen Vorderkarpaten.
Der Befehl wurde persönlich von Stalin erteilt, der sich dadurch ermutigt sah, dass seine westlichen Verbündeten sich überhaupt nicht gegen die Einführung und Anwendung der Kollektivschuld ausgesprochen hatten. Zunächst betraf der Befehl nur arbeitsfähige Männer deutscher Herkunft zwischen 17 und 45 Jahren und Frauen zwischen 18 und 30 Jahren, deren Zusammenführung und Internierung im Dezember 1944 und Januar 1945 erfolgen sollte. Die Frist für das „Abtransportieren in das Arbeitsgebiet” war der 15. Februar 1945.
Die Russen stellten die deutsche Abstammung meist anhand des Namens fest, sodass es nicht selten vorkam, dass auch Juden und Ungarn mit deutschen Namen deportiert wurden.
Wo es nicht genügend Menschen deutscher Herkunft und mit deutschen Namen gab, wurde die vorgeschriebene Zahl mit Ungarn aufgefüllt, etwa 500 Personen pro Stadt.
Die Internierten wurden zu Wiederaufbauarbeiten im Kohlebergbau und in der Eisenhüttenindustrie im Donbass-Becken geschickt und später dorthin gebracht, wo gerade Arbeitskräfte benötigt wurden. Überall in der großen Sowjetunion, in eines der gut organisierten Arbeitslager, die wir heute vereinfacht als Gulag-Gupvi bezeichnen.
Der „Malenkij robot“ wurde nicht nur in Ungarn angewendet. Gemäß dem Befehl Stalins waren alle Personen deutscher Herkunft oder mit deutschem Namen betroffen, die sich in den von der Roten Armee „befreiten“ Gebieten Rumäniens, Bulgariens und der Tschechoslowakei aufhielten.
In Rumänien beispielsweise wurden am 13. Januar 1945 die arbeitsfähigen Zivilisten deutscher Nationalität – vor allem Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben – von den sowjetischen Besatzungstruppen zusammengetrieben, um sie zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion zu deportieren. Etwa 70.000 bis 80.000 Menschen wurden in Viehwaggons in Industrie- und Bergbauregionen, vor allem in den Donbass, transportiert.
Viele überlebten den Hunger, die Kälte, die Krankheiten und die Überlastung nicht, 20 Prozent der Deportierten verloren ihr Leben. Die Internierung dauerte meist fünf Jahre; die Überlebenden konnten erst 1949-50 zurückkehren, körperlich und seelisch gebrochen, in ein Land, das sich während ihrer Abwesenheit extrem verändert hatte.
Die Rückkehrer erhielten keinerlei Hilfe von den kommunistischen Regierungen. Einige von ihnen wurden zu Klassenfeinden erklärt und zu erneuter Zwangsarbeit unter menschenunwürdigen Bedingungen, ähnlich wie in Sibirien, verurteilt.
In Rumänien in die dünn besiedelte Region Bărăgan, in Ungarn in die Hortobágy (Puszta), in die abgeschiedene Welt der einsamen Gehöfte oder in nach sowjetischem Vorbild heimlich errichtete Zwangsarbeitslager. Wer ein Klassenfeind war, wurde von der kommunistischen Staatssicherheit bestimmt.
Diese unschuldigen, vertriebenen und verschleppten Zivilisten konnten nicht einmal mit ihren Familienangehörigen über die erlebten Schrecken sprechen, sie wurden jahrzehntelang zum Schweigen gezwungen. Dabei hatten sie nur zwei Vergehen: ihre Herkunft und die Tatsache, dass sie Staatsbürger eines im Krieg unterlegenen Landes waren. Deutsche, Männer und Frauen mit deutschen Namen oder einfach nur Stadt- und Landbewohner, die zur falschen Zeit am falschen Ort aus ihrem Haus hinausgetreten waren.
Die Existenz der sowjetischen Zwangsarbeitslager und der innerstaatlichen Deportationen, die während der Zeit des Kommunismus tabu waren, konnte erst nach dem Systemwechsel öffentlich gemacht werden. Die Aufdeckung der Details dauert bis heute an, aber es gibt keine Überlebenden mehr.
Die ungarische Regierung hat das Jahr 2015 zum Gedenkjahr für die in die Sowjetunion verschleppten politischen Gefangenen und Zwangsarbeiter erklärt.
Am 8. April 2019 wurden auf Grundlage einer Vereinbarung zwischen dem Ungarischen Nationalarchiv und dem Russischen Staatsarchiv für Militärangelegenheiten (RGVA) die im Russischen Staatsarchiv für Militärangelegenheiten aufbewahrten Unterlagen über Personen ungarischer Nationalität (Soldaten und Zivilisten), die während und nach dem Zweiten Weltkrieg von der Roten Armee gefangen genommen, interniert oder verhaftet und anschließend in der Sowjetunion als Kriegsgefangene registriert worden waren, in die Obhut des Ungarischen Nationalarchivs übergeben.
Bis Ende Dezember 2019 haben die Russen fast 682.000 Kopien der Registrierungskarten und eine Datenbank in kyrillischer Schrift übergeben, die die wichtigsten Informationen aus den Registrierungskarten enthält, die mit den einzelnen Personen in Verbindung stehen.
Die Datenbank „Ungarische Häftlinge in sowjetischen Lagern” des Ungarischen Nationalarchivs ist für jedermann zugänglich. https://adatbazisokonline.mnl.gov.hu/adatbazis/szovjet-taborok-magyar-foglyai
Autorin, Dr. Irén Rab ist Kulturhistorikerin
Deutsche Übersetzung von Dr. Andrea Martin
MAGYARUL: https://magyarhirlap.hu/velemeny/20260115-mi-jar-egy-haboruban-vesztes-orszagnak