Nie wieder Krieg! Über das kollektive Trauma der deutschen Nation

24. Januar, 2026 Magyar Hírlap von IRÉN RAB

Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurden 15 Millionen Deutsche aus den östlichen Gebieten des Deutschen Reiches vertrieben, wo ihre Vorfahren seit Jahrhunderten gelebt hatten, wo ihre Häuser standen und wo sie zu Hause waren. Die „befreiten” Gebiete wurden zwischen der Sowjetunion und Polen geteilt.

“Wenn Sie der verlorenen Heimat gedenken, dann steht das Unrecht der Vertreibung wieder vor Ihren Augen, das 15 Millionen Deutsche nach dem Krieg oft unter schrecklichen Begleitumständen widerfahren ist. Die Weltöffentlichkeit hört aus vielen Gründen nicht gern davon, es passt nicht in ihr Geschichtsbild hinein. Sie drängt dazu, dieses Unrecht zu verschweigen, und auch Wohlgesinnte meinen, dass man um der Versöhnung willen nicht mehr davon sprechen solle.“ erklärte Joseph Ratzinger 1979 in seiner Predigt.

Im August 1950 wurde die „Charta der deutschen Heimatvertriebenen“ im Kursaal von Bad Cannstatt verkündet. Die Charta zählt mit ihrem Inhalt als „Grundgesetz der Heimatvertriebenen“. Mit der Charta vollzogen die Vertriebenen und ihre Verbände Abkehr von Rache und Vergeltung. Während in Deutschland die Charta entworfen wurde, existierten allein in Polen 200 bis 500 Internierungslager für Deutsche mit hohen Sterberaten. Hunderttausende waren auch in der Tschechoslowakei oder Jugoslawien interniert.

Die Charta zeichnete eine der ersten modernen Visionen eines freien und geeinten Europas, in dem die Völker ohne Furcht und Zwang leben können.

Und sie ermutigten ihre Landsleute dazu, sich aktiv für den Wiederaufbau einzusetzen. Gemäß dem Inhalt der Charta gingen Flucht, Vertreibung und Deportationen von Deutschlands Schuld in Zweitem Weltkrieg aus. Zuerst wurde Rassenwahn politisch instrumentalisiert und in das schlimmste Verbrechen der Menschheitsgeschichte mündete, folgte nun die kalte politische Instrumentalisierung von Rache und Vergeltung.

Flucht und Vertreibung sind ohne diesen Krieg, ohne den Holocaust und die furchtbaren Verbrechen Nazi-Deutschlands so nicht denkbar.

Vae victis! – Wehe den Besiegten!

Die Katastrophe des Krieges setzte sich in Flucht und Vertreibung fort. 1945 waren 15 Millionen Deutsche betroffen. Geschätzt mehr als 2,5 Millionen haben Flucht und Vertreibung nicht überlebt oder blieben bis heute vermisst. In Mitteleuropa begann parallel die Deportation der deutschstämmigen Bevölkerung zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion. Die Opferzahlen sind unklar und reichen von 300.000 bis 730.000. Bis zu 30 Prozent kehrten nie zurück. Vergessen wir auch nicht die Deportationen innerhalb der UdSSR ab 1941, die Wolgadeutsche, Schwarzmeerdeutsche sowie Deutsche aus Wolhynien und dem Kaukasus trafen.

Die Zahlen können das ganze Ausmaß der Tragödie gezeigt werden.

Östlich der Oder-Neiße-Linie sowie in Mittel-, Osteuropa und Zentralasien lebten vor 1939 über 20 Millionen Deutsche. Heute schätzt das BMI ihre Zahl dort auf nur noch etwa eine Million. Somit ist die deutschsprachige Heimat dort verschwunden.

Die deutschen Verbrechen waren keine „notwendige oder hinreichende Bedingung“ oder gar rechtliche Rechtfertigung für die Vertreibungsverbrechen der anderen Staaten. Vertreibungen sind und bleiben immer Unrecht und können nicht gegen andere Verbrechen aufgerechnet werden.

Die Tragödie der Vertriebenen ist ein Ausgangspunkt eines generationenübergreifenden, kollektiven Traumas der deutschen Nation. Es folgte ein jahrzehntelanger, kultureller Kampf gegen das Deutschsein, gegen die Sprache und Kultur in fast allen Mittel- und Osteuropäischen Staaten. geprägt von Benachteiligung, Namensänderungen und Enteignungen – bis 1989/90 und teils versteckt bis heute.

In der Vertreibung waren Hauptleidtragende diejenige, deren Heimat in den östlichen Provinzen Deutschlands lag: die Ost- und Westpreußen, die Danziger, die Pommern, die Ostbrandenburger und die Schlesier. Aber waren auch Millionen aus den deutschen Siedlungsgebieten betroffen, die außerhalb der Reichsgrenzen lagen, Menschen, die mit kollektiver Schuld gebrandmarkt wurden – wie etwa die Sudetendeutschen, die Siebenbürger Sachsen, die Banater oder die Donauschwaben, um nur einige zu nennen. Für die Russlanddeutschen begann der Leidensweg bereits vier Jahre früher, nämlich mit Stalins demütigendem Deportationserlass vom 28. August 1941 und der anschließenden Zwangsumsiedlung von über einer Million Menschen, mit Lagerhaft und Trudarmee.

Bis auf den heutigen Tag kann die Traumata dieser Zeit nicht verarbeitet werden – wissenschaftlich wie emotional, theoretisch wie praktisch, jeder für sich oder gemeinsam in der Öffentlichkeit.

Man muss immer wieder an die Menschen denken, die in Eiseskälte über das zugefrorene Frische Haff flüchteten, in endlosen Trecks durch Ost- und Westpreußen, Pommern und Schlesien zogen. Wir dürfen die Katastrophe des Super-Schiffs Wilhelm Gustloff, die zehntausend Toten im eisigen Baltischen Meer nicht vergessen. Man muss immer wieder an die Menschen denken, die unter Androhung von Gewalt innerhalb weniger Stunden Haus und Hof verlassen mussten und mit einem letzten Gruß an den Friedhöfen vorbeigingen, auf denen Generationen ihrer Ahnen in heimatlicher Erde ruhten.

Die Flucht und Vertreibung der Deutschen gehört der größten humanitären Katastrophen des 20. Jahrhunderts.  Der Verlust der Heimat bedeutete nicht nur einen physischen und materiellen Verlust von Orten und Vermögen. Er bedeutete ebenso einen emotionalen Verlust – von Identität, Erinnerung, von sozialem Gefüge.

Den Menschen mit Zwang von seiner Heimat trennen, bedeutet, ihn im Geiste töten.

Das Wissen um das ganze Vertreibungsgeschehen und dessen Hintergründe dient zur Mahnung – ist ein Teil des festen Fundaments eines „Nie wieder! Nie wieder Krieg!“ Das sollten die Politiker anhören, die jetzt gerade über einen gemeinsamen europäischen Krieg gegen Russland träumen. Die Erinnerung ist nicht nur eine historische Pflicht, sondern ein unverzichtbarer Beitrag zur Wahrung von Frieden und Freiheit.

Autorin, Dr. Irén Rab ist Kulturhistorikerin

MAGYARUL: https://magyarhirlap.hu/velemeny/20260122-soha-tobbe-haborut

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