29. November 2025 exxpress.at von Bence Bauer
Aus einem sicheren Wertegerüst, einem klaren erinnerungspolitischen Kurs und einem ethischen Kompass heraus lässt sich Zukunft meistern. Dann können auch Verbindungen in Handel, Wirtschaft, Verkehr und Wissenschaft bestehen.
In der westeuropäischen Öffentlichkeit wird immer wieder der Vorwurf erhoben, die ungarische Politik betreibe eine prorussische Politik, die angeblich die Opfer des Kommunismus verhöhne und geschichtsvergessen sei. Vielmehr ist es genau andersrum: Ungarn positioniert sich in der Erinnerungskultur strikt antikommunistisch und antitotalitär, die sowjetische Fremdherrschaft wird als Gräuel bezeichnet. Trotz dieser historischen Vorbelastung ist es kein Widerspruch, Handelsbeziehungen mit vielen Akteuren weltweit zu unterhalten – auch mit Russland.
Am 25. November wird in Ungarn jedes Jahr der Gedenktag der in die Sowjetunion verschleppten politischen Häftlinge und Zwangsarbeiter begangen.
Auch heuer fanden Gedenkveranstaltungen statt, die an die Unrechtstaten der damaligen kommunistischen Machthaber erinnern sollen. Auch gibt es eigens ein Forschungsinstitut zur Ergründung des Kommunismus. Dessen Direktor betonte auf der Gedenksitzung, dass die zur Zwangsarbeit, dem Malenki Robot, verschleppten Ungarn immer wieder eine Mahnung sein sollten. Ihre Opfer sollten nicht vergebens gewesen sein.
Der Gedenktag wurde von der aktuellen Regierungskoalition des Ministerpräsidenten Viktor Orbán im Jahr 2012 eingeführt, übrigens genauso wie der 23. August, der Gedenktag an die totalitären Diktaturen in Europa, der seit 2011 begangen wird. Ebenso gibt es seit 2012 mit dem 19. Januar den Gedenktag der Vertreibung und Verschleppung der Ungarndeutschen. Zudem führte Viktor Orbán bereits in seiner ersten Regierungszeit 2000 den Gedenktag der Opfer des Kommunismus ein (25. Februar) sowie 2001 den Gedenktag der ungarischen Opfer des Holocaust (16. April). Es war jedes Mal eine bürgerliche Regierung, die diese wichtigen erinnerungspolitischen Meilensteine aus tiefer antitotalitärer Überzeugung implementiert und auch mit Gedenkveranstaltungen, Projekten, Erinnerungsstätten thematisch begleitet hatte.
Vorwürfe völlig haltlos
Auch das Institut zur Ergründung des Kommunismus wie auch das Museum Haus des Terrors sind
wichtige Einrichtungen zur Bewahrung des Andenkens an die menschenverachtenden Taten der Sowjetunion und auch der Naziherrschaft.
Daneben gibt es mit dem Nationalen Gedenkkomitee, dem Institut zur Erforschung der Wende sowie dem Veritas Institut weitere wissenschaftliche Stellen, die sich profund und hochprofiliert mit der Aufarbeitung dieses dunklen Teiles der ungarischen Vergangenheit befassen. Dabei spielt auch die rigide Nulltoleranzpolitik gegenüber jeglicher Art von Antisemitismus eine wichtige Rolle.
Die unlauteren und unwahren Vorwürfe, die Handelsbeziehungen zu Russland würden die Leistung der Ungarn und des Ungarnaufstands 1956 relativieren oder schmähen, sind daher völlig haltlos. Vielmehr gilt, wie bei so vielen Kritikpunkten gegen Ungarn, dass eher das glatte Gegenteil zutrifft.
Erst eine vorurteilsfreie Aufarbeitung der Geschichte und eine gelebte Erinnerungskultur bilden die moralische Stabilität als notwendige Voraussetzung die Zukunft so zu gestalten,
dass sich einerseits die tragische Geschichte nicht wiederholt und andererseits eine konstruktive Zusammenarbeit der Nationen nicht verhindert. Dies sollte guten Wirtschaftsbeziehungen mit den heutigen Akteuren nicht im Wege stehen. Viktor Orbán sagte schon vor vielen Jahren: „In der Verteidigung sind wir Falken, in der Wirtschaft sind wir Tauben.“ Diesen Zweiklang in einer guten Balance vorzuleben, kann für Europa Vorbild und Herausforderung zugleich sein. Aus einem sicheren Wertegerüst, einem klaren erinnerungspolitischen Kurs und einem ethischen Kompass heraus lässt sich Zukunft meistern. Dann können auch Verbindungen in Handel, Wirtschaft, Verkehr und Wissenschaft bestehen.
Autor, Dr. Bence Bauer ist Direktor des Deutsch-Ungarischen Instituts am Mathias Corvinus Collegium in Budapest. www.mcc.hu
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