Erinnerungskultur in Deutschland und Ungarn: Wer sind wir?

23. Oktober 2021 Corvinák von BORIS KÁLNOKY

Identität stiften, das ist die Essenz nationaler Feiertage. In Deutschland wie in Ungarn fallen sie in den Oktober. In Ungarn gedenkt man dabei der Nation – in Deutschland eher der “Freiheit”.

Am 23. Oktober geht Ungarn den 65. Jahrestag des Volksaufstandes von 1956. Es ist ein gemeinsames Gedenken daran, was die Magyaren als Nation ausmacht. Als wehrhaftes Volk mit einer eigenen Geschichte, Sprache und Kultur. Als Gemeinwesen, das

seine Werte und seine Lebensart im Laufe der Jahrhunderte zu wahren suchte und sie immer wieder zäh gegen Großmächte und Besatzer verteidigte.

In Deutschland gedenkt man eher der Freiheit und der Demokratie als der Nation, schon gar nicht der wehrhaften. Denn was das eigentlich ist, die Nation, diese Frage transportiert Werte, die heute in Deutschland diskreditiert sind. Da ist man schnell bei “Nationalismus”, und bei der Frage wer “Deutsch” ist. In einem Land, dessen Bevölkerung mittlerweile zu 26% aus Menschen mit einem sogenannten “Migrationshintergrund” gehört, ist das ein politisch brisantes Thema.

Dass es überhaupt etwas bedeutet, Deutsch zu sein, ist außerhalb Deutschlands klarer als daheim. Überall hat man, zu Recht oder Unrecht, ein Bild von “den Deutschen”. Fragt man Deutsche danach, was sie ausmacht, sind sie oft eher ratlos. Die Frage wird meist mit Aufzählungen beantwortet. Wie in der Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum Festtag: “Bayern, Küstenbewohner, Ostdeutsche haben ihr eigenes Selbstbewusstsein. Landbewohner ticken anders als Städter. Christen, Muslime, Juden und Atheisten sind Teil unseres Landes.”

Auch da fällt das Wort “Deutsche” nicht. In der ganzen Rede zum Gedenken an die deutsche Einheit kommt es nur einmal vor: “Wir Deutsche stehen zur internationalen Zusammenarbeit”.

Das gemeinsame Ganze, was die deutsche Kultur, also die Deutschen ausmacht? Fehlt. Das klingt in der Rede indirekt an: “Das friedliche Miteinander der vielen verschiedenen Menschen in unserem Land immer wieder zu organisieren, das ist die Aufgabe, vor der wir heute stehen. Eine Aufgabe, die, wie wir alle wissen, nicht immer einfach ist”.

Das deutsche “Miteinander” ist nicht einfach da. Es muss “organisiert” werden.

In den vier Jahrzehnten, die ich in Deutschland verbrachte, oder zumindest bei deutschen Medien, hatte ich immer den Eindruck, dass diese Frage nach dem, wer man eigentlich ist, eine quälende war. Immer wieder wurde dieses Thema in Medien, Talkshows und amtlichen Öffentlichkeitskampagnen aufgegriffen – eine Gesellschaft auf der Suche nach sich selbst.

In Ungarn nicht: Man weiß, wer man ist, oder meint es zumindest zu wissen.

Ich war 17 Jahre alt, als der Geschichtslehrer der Deutschen Schule in Paris, die ich damals besuchte, uns fragte, ob Ost- und Westdeutschland jemals wieder ein Land werden würden. Das war zehn Jahre vor der Wiedervereinigung. Ein einziger sagte: “Ja”. Er war nicht Deutsch. Sondern Finne. Er überlegte, was wohl in seinem Land passieren würde, wenn es zerrissen würde. Selbe Sprache, selbe Geschichte, Familienbande – klar, dass das irgendwann wieder zusammenfindet, meinte er. Die deutschen Schüler sahen das nicht. Für sie war Deutsch und Deutsch nicht unbedingt etwas, was zusammengehört.

Historiker haben dafür eine Erklärung.

Nationalbewusstsein braucht positive Bezugspunkte, und die deutsche Geschichte hatte bis 1990 keine.

Zwei Aggressionskriege, die sich zu den größten Katastrophen in Europas Geschichte auswuchsen. Beide Kriege verloren. Der zweite davon ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Der Holocaust. Deutschland als Verbrechervolk. Vor den Weltkriegen: Ein imperiales Deutschland, das in Afrika einen Völkermord an den Herero verübte. Davor, immerhin, die Demokratiebewegung von 1848, mit dem ersten frei gewählten Parlament in Frankfurt.  Schön – aber das scheiterte.

Ungarn feiert seine nationale Identität gleich dreimal jedes Jahr.

  • 20. August: Die Staatsgründung durch König Stefan I. vor mehr als 1000 Jahren. Undenkbar in Deutschland, des mittelalterlichen Kaiserreichs zu gedenken, oder etwa den Tag der ersten modernen Staatsgründung 1871 zum Nationalfeiertag zu machen. Das war nämlich eine “Reichsgründung”, als Ergebnis einer Reihe von Angriffskriegen. Am 18. Januar 1871 ließ sich Wilhelm I. In Versailles, also im besiegten Frankreich, zum Kaiser krönen. Das kann man unmöglich feiern. Bundespräsident Steinmeier fand in seiner vorhin erwähnten Rede nur entsetzte Worte dazu: “Die nationale Einheit 1871 wurde erzwungen, mit Eisen und Blut, nach Kriegen mit unseren Nachbarn, gestützt auf preußische Dominanz, auf Militarismus und Nationalismus.”   
  • Am 15. März gedenken die Ungarn des Freiheitskrieges 1848/49 gegen die Habsburger, den sie letztlich verloren. Das entspricht inhaltlich etwa der deutschen Demokratiebewegung 1848, die ebenfalls scheiterte. Die Ungarn feiern, dass sie es immerhin versuchten. Die Deutschen nicht. Der passende Tag wäre der 1. Mai 1848 (an jenem Tag fanden die ersten freien Wahlen in den deutschen Ländern statt). Dieser Tag ist aber schon besetzt durch einen Gedenktag sozialistischer Prägung, den “Tag der Arbeit”. Könnte man eigentlich austauschen
  • Und am 23. Oktober geht es in Ungarn um den ebenfalls gescheiterten Aufstand gegen die Sowjets 1956. Auch in der DDR gab es einen solchen Aufstand, am 17. Juni 1953. Das wurde als “Tag der deutschen Einheit” auch gefeiert, bis zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990. Fortan war das der neue Nationalfeiertag. Folgerichtig geriet der 17. Juni im öffentlichen Bewusstsein weitgehend in Vergessenheit. Schade. Ungarn hätte ein solches Problem wahrscheinlich großzügiger gelöst und beide Tage als gesetzlichen Feiertag behalten. Immerhin gibt es also den Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober.
  • In Ungarn geht es bei den Festreden  zu den diversen Nationalfeiertagen immer um das Wesen und die Werte der Nation, um einen Blick in die Zukunft, der auf den positiven Lehren der Vergangenheit basiert. Kämpfen für die Freiheit, als Nation zusammenhalten.  In den letzten Jahren ist eine ostmitteleuropäische Komponente dazugekommen: Ungarn als Teil eines östlichen Europas, das anders ist als das westliche.

Ungarn ist ein Teil Europas, der im Lauf der Geschichte stets zwischen Großmächten zerrieben wurde. Deutschland gehörte eher zu jenen, die die Kleineren zerrieben.

In Deutschland geht es beim Blick in die Geschichte meist weniger um das Positive, sondern eher darum, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.  Deswegen können solche Festtagsreden nicht ohne den beseelten Hinweis auf die Segnungen der EU auskommen: Deutsch sein heißt vor allem europäisch sein.  Steinmeier: “Deutschland muss immer auch europäisch definiert werden!” Da ist es wieder – Deutschland ist nicht etwas, was einfach ist. Es muss “definiert”, organisiert” werden.

Und der Architekt der deutschen Einheit, der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl?  Diesen großen Deutschen erwähnte Steinmeier überhaupt nicht. Aber er dankte überschwänglich dem damaligen Staatschef der Sowjet-Diktatur, Mihail Gorbatschow.

Welche Erinnerungskultur ist nun besser:  Die deutsche, die Positives vor allem in der Zukunft und außerhalb Deutschlands sieht, nämlich in der EU? Oder Ungarns stolzes Beharren auf seiner Vergangenheit, auf christlicher Kultur, Freiheitskampf und nationaler Würde?

Die deutsche Variante ist besser – für Deutschland. Es ist tatsächlich gut, dass Berlin nicht mehr das Machtzentrum ist, aus dem Unheil über die Nachbarländer hereinbricht. Auch die EU, und Deutschlands konstruktiver Platz darin, sind in diesem Sinne wichtig. Nur sollten die Deutschen nicht alle anderen zwingen wollen, ähnlich über ihre eigene Geschichte und nationale Eigenart zu denken wie die Deutschen über ihre.

Und die ungarische Variante ist besser für Ungarn. Als kleines Land darf man Standhaftigkeit gegenüber aggressiven Großmächten ruhig als Tugend feiern. Und auch die Auferstehung eines politischen Ostmitteleuropas, und Ungarns konstruktiver Platz darin, sind wichtig.

Originaltext: https://corvinak.hu/de/vilag/2020/10/23/erinnerungskultur-in-deutschland-und-ungarn-wer-sind-wir-az-vagyunk-amire-emlekszunk-nemet-es-magyar-emlekezetkultura ITT OLVASHATÓ MAGYARUL IS.

Der Autor, Boris Kálnoky ist Journalist, Korrespondent für deutschsprachige Zeitungen und Leiter der MCC Media School.

1 thought on “Erinnerungskultur in Deutschland und Ungarn: Wer sind wir?”

  1. An dem einen Punkt möchte ich Herrn Kálnoky widersprechen: Was Herr Steinmeier in seinen Reden äußert, stellt in vielen Aspekten ein Programm zur Zerstörung der deutschen Kulturnation dar. Ein Volk, das sich seiner Geschichte mit seinen Tiefen und Höhen ausschließlich schämt und sich seiner differenzierten, gewachsenen Kultur nicht mehr fortlaufend versichern will, verrät seine Existenzgrundlage und geht binnen weniger Generationen unter. Wer solche Repräsentanten hat wie Herrn Steinmeier und schon zuvor die Herren Gauck und Wulf, braucht keine äußeren Feinde mehr dazu. Der Untergang kommt von innen her. Die Zuwanderer aus Afrika und dem Orient exekutieren bloß noch das so angelegte Programm.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.