Die Realität mit aller Kraft leugnen
10. April 2026 Mandiner von Mátyás Kohán
JD Vance kam, sah – und entschied den Kampf der Realitäten in Ungarn. Der TISZA blieb nichts anderes übrig, als die Realität mit aller Kraft zu leugnen. Mit aller Kraft, so gut es geht, noch ein paar Tage lang.
Es gibt einen ganz besonderen Grund dafür, dass heute in Ungarn jeder Mensch mit gesundem Verstand sich nach dem 12. April sehnt, wie der Hirsch aus dem 42. Psalm sich nach dem frischen klaren Wasser sehnt.
Der Grund dafür ist, dass Ungarn irgendwann um die Jahreswende von 2024 zu 2025 seine gemeinsame Realität verloren hat und in zwei parallele Realitäten versunken ist.
Die eine Realität ist ein Land, das den Anschluss verliert, sich von seinen Verbündeten abwendet und in verrottenden öffentlichen Dienstleistungen versinkt; dessen kleptomanische Marionettenregierung, Viktor Orbán mit seinen dreitausend Janitscharen, von Wladimir Putins Agenten persönlich an der Macht gehalten wird, bis sie endlich vom erschöpften Volk, das sich gegen sie gewandt hat, abgelöst werden, damit es endlich in den Schoß Europas, das so sehr auf es wartet, zurückkehren kann. Es ist nicht bekannt, wie sie dies erreichen wollen, denn laut der TISZA-Parteiführung klingt es so: „Ich werde nicht alles erzählen, denn dann gehen wir unter.“
Die andere Realität ist ein anständiges mitteleuropäisches Land, das gemessen an seinen geografischen und haushaltspolitischen Gegebenheiten gut abschneidet, in dem physische und energetische Sicherheit herrschen, in dem die Geburtenrate dank der überaus großzügigen Familienbeihilfen langsam steigt, sich die öffentlichen Dienstleistungen allmählich verbessern und die wirtschaftliche Souveränität zunimmt. Die Bevölkerung ist dankbar, es geht ihr im Grunde gut, während die Regierung daran arbeitet, die Auswirkungen offensichtlich falscher europäischer Entscheidungen abzuwehren, dem Erpressungsversuch aus Brüssel und der Ukraine zur Umsetzung dieser Fehlentscheidungen entgegenzuwirken und versucht, diese zur Einsicht zu bewegen, ohne die europäische Union zu verlassen.
Diese beiden Realitäten sind miteinander unvereinbar.
Die beiden großen politischen Kräfte streiten sich keineswegs über politische Richtungen, sondern versuchen, die Wähler für eine der beiden, miteinander vollkommen unvereinbaren Realitäten zu gewinnen, um 100 Mandate im Parlament zu erlangen.
Und da die methodisch ohnehin schon an allen Ecken und Enden kränkelnden Meinungsumfragen zu Werkzeugen dieses Kampfes geworden sind, wissen wir eigentlich nicht, wie viele in der einen, und wie viele in der anderen Realität leben. Das ist zum einen beabsichtigt, weil es ein Mittel zum Sieg ist; zum anderen zwingend, denn wer aufgibt, verliert; zum dritten allerdings ist das schier unerträglich. Und am 12. April wird es endlich vorbei sein.
In diesem in zwei Realitäten gespaltenen Ungarn landete JD Vance am Dienstagmorgen. Er kam, sah und entschied den Kampf der sich in Ungarn abspielenden Realitäten. Welche der beiden oben genannten das Land Ungarn tatsächlich darstellt;
ob unser Land Leuchtturm oder Verräter der euro-atlantischen Allianz ist; und wer hier tatsächlich eingreift, Brüssel oder Putin?
Zu Beginn seiner Pressekonferenz in Budapest brachte Vance die Sache auf den Punkt:
„Die Brüsseler Bürokraten haben versucht, die ungarische Wirtschaft zu ruinieren. Sie haben versucht, Ungarn energieabhängig zu machen. Sie haben versucht, die Preise für die ungarischen Verbraucher in die Höhe zu treiben. Und das alles haben sie getan, weil sie diesen Kerl hassen.“
– damit ist Ministerpräsident Viktor Orbán gemeint. So sieht es aus amerikanischer Perspektive aus, wenn man mit den Informationen des mächtigsten Geheimdienstes der Welt arbeitet:
Eine knallharte Intervention Brüssels und der Ukraine mit den härtesten wirtschaftlichen Mitteln, deren Auswirkungen sich jährlich in Prozent des BIP messen lassen, und nicht die Märchen über Putin und die russische Einmischung.
Vance ging auch kurz auf jene Aspekte der Realität ein, dass amerikanische Unternehmen allein in der letzten Märzwoche dieses Jahres in Ungarn bereits halb so viel investiert haben wie im Jahr 2025 insgesamt. Als pointierte Antwort auf die Spionageskandale der letzten Wochen, die „Putinisierung“, die Telefonanrufe, die darauf abzielten, Péter Szijjártó und den Ministerpräsidenten zu diskreditieren, wies er auch darauf hin, dass Orbán in einem mit Donald Trump vergleichbaren Ausmaß für den Frieden in der Ukraine gewirkt habe und dass seine Energiepolitik keineswegs ein Sicherheitsrisiko für das euro-atlantische Bündnis darstelle, sondern vielmehr ein Vorbild sei, dem man nacheifern sollte.
Diejenigen, die Trump und Orbán als russlandfreundlich abstempeln, sind genau dieselben, die Europa in Energiefragen arm und schwach gemacht haben
– betonte JD Vance. Ist es nicht seltsam, dass die Gespräche zwischen Szijjártó und Sergej Lawrow sowie zwischen Orbán und Putin den stärksten westlichen Verbündeten, die Hauptkraft der NATO, offenbar überhaupt nicht stören? Vielleicht deswegen, weil sich auf den Beobachtungsposten des amerikanischen Geheimdienstes die ganze Wahrheit abzeichnet – und nicht nur der winzige Ausschnitt, mit dem unsere von Brüssel unterstützte Opposition heute versucht, die Wahl zu gewinnen.
Der Tag, der in der MTK-Sportarena mit einer ausverkauften, würdigen Feier der ungarisch-amerikanischen Freundschaft endete, ließ Péter Magyar nur noch einen einzigen möglichen Weg offen:
Der alternativen Realität zufolge war der US-Vizepräsident gekommen, um ungarische Soldaten für den Einsatz im Iran anzufordern. Doch Vance forderte keinen einzigen Feldwebel an und verlor kein einziges Wort darüber, dass Ungarn irgendetwas mit dem Krieg im Iran zu tun hätte.
So musste Péter Magyar die Realität noch weiter verdrehen. Der aktuellen Version zufolge hat der Vizepräsident der USA (der trotz der derzeitigen angespannten innen- und außenpolitischen Lage einen Ozean überflogen hat, um Viktor Orbán zwei Tage lang zu unterstützen) tatsächlich „die Hand Orbáns losgelassen“. Fertig, aus. Weiter weg von der Realität kann man nicht gehen. Es gibt keinen Weg mehr in diese Richtung.
Der TISZA blieb nichts anderes übrig, als die Realität mit aller Kraft zu leugnen und den – im Grunde genommen sicherlich anständigen, aber sektenähnlich aneinander geschweißten Kern seiner Wählerschaft dazu anzustacheln, es ihm gleichzutun. Mit aller Kraft, so viel es nur geht, noch einige Tage lang. So viel Zeit bleibt uns noch in diesem Albtraum paralleler Realitäten.
Damit Ungarn dann in einigen Tagen wieder zu innerem Frieden und einer gemeinsamen Realität zurückfinden kann.
Autor, Mátyás Kohán ist Journalist bei Mandiner
Deutsche Übersetzung: Dr. Andrea Martin