Hommage an einen scheidenden großen Kämpfer
10. Mai 2026 Ungarn Heute von Katalin Deme
Am 9. Mai 2026 füllte sich der Kossuth-Platz vor dem Parlamentsgebäude, und die Parolen von Freiheit, Liebe, Gerechtigkeit und dem Beginn einer neuen Ära wurden wohl so laut wie nie zuvor seit der politischen Wende von 1989 erklungen. Doch unter dem Deckmantel der Euphorie hat bereits die Einschüchterung und kollektive Rache an den besiegten politischen Gegnern begonnen, und die große Säuberungsaktion, die zu den Grundpfeilern des ab jetzt beginnenden neuen Zeitalters gehört, hat ihren Lauf genommen.
Am 9. Mai wurde symbolisch ein schicksalhafter Wendepunkt besiegelt, der am 12. April seinen Anfang nahm und dessen Triebkräfte und Logik die ungarische Gesellschaft noch nicht verstanden hat und auch nicht verstehen konnte. Die 27 Tage, die seit der Wahlnacht vergangen sind, haben eine in 16 Jahren gewachsene Gesellschaftsordnung von Grund auf verändert und den Geist des nationalen Widerstands zunichte gemacht, den Ungarn als einziges Land gegenüber der liberalen Hegemonie und der Flut der Globalisierung verkörperte.
Was wir bisher verstanden haben, ist, dass die Mehrheit der wahlberechtigten Ungarn ein politisches Symbol, das ihrer Meinung nach schon viel zu lange Bestand hatte, abgelöst und durch ein politisches Gegensymbol ersetzt hat.
Anstelle von „Gott, Nation, Vaterland“ sind Wohlstand, Eigeninteresse und die Europäische Union in den Kanon der gesellschaftlichen Grundwerte gerückt.
An die Stelle eines alten Adlers mit etwas abgenutztem Gefieder hat sich ein Kuckuck, der seine Federn geschickt austauschen kann, in die Prachthalle der ungarischen Geschichte eingeschlichen. Und während der frühere politische Führer seine Niederlage eingestand, dem Sieger gratulierte und die Verantwortung für die verfehlte Wahlstrategie und die Regierungsfehler übernahm, reagierte Letzterer mit Drohungen und Spott und behandelte den Sieg als persönliche Trophäe.
Am 9. Mai hat Ungarns neuer Ministerpräsident vereidigt, und damit begann die gesellschaftliche Bewährungsprobe für das von ihm vertretene Regierungsmodell. Die konservative nationale Seite hat in den vergangenen 27 Tagen einen dornigen Weg zurückgelegt; die Suche nach Ursachen, Anschuldigungen und Selbstvorwürfe, Hoffnungslosigkeit und ein Zustand jenseits von historischer Zeit und Raum prägten das Erwachen aus der Niederlage. Manche sehen im Zweidrittel-Sieg der neuen politischen Bewegung einen als demokratische Wahl getarnten Staatsstreich, andere die souveräne Entscheidung der ungarischen Gesellschaft. Die Zeit wird zeigen, wer die Wahrheit erkannt hat. Auf jeden Fall muss, nachdem die Feierlichkeiten auf dem Kossuth-Platz vorbei sind,
der 45-jährige Mann, der in weißen Turnschuhen und Slim-Fit-Jeans Wahlkampf betrieb, einen Lebensstil pflegte, der von Disco-Partys und alkoholischen Eskapaden geprägt war, und seine Frau aus politischen Gründen abhörte,
seinen Platz im Parlamentsgebäude einnehmen und sein Verhalten an den Rang eines der höchsten Würdenträger anpassen.
Die Messlatte wird hoch liegen. Der scheidende Ministerpräsident vertrat das Credo „zuerst Philosophie, dann Politik“, widmete sich regelmäßig dem Studium der Politikwissenschaft und dachte in langfristigen nationalen Strategien. Er war
einer der wenigen Politiker in Europa, der klar und unter Risiko erklärte, dass Europa ohne den Schutz der christlichen Kultur und die Verbundenheit mit den Wurzeln untergehen werde. Er vertrat das auf einer bürgerlichen, konservativen Weltanschauung beruhende ungarische Modell.
Die Einzigartigkeit des ungarischen Modells bestand seiner Formulierung nach darin, dass man, wenn man als Ungar geboren wurde, einer einzigartigen und besonderen Nation angehörte: „Du sprichst eine Sprache, ordnest dich mit einer bestimmten Denkweise in der Welt ein und die Welt in dir selbst, gestaltest dein Leben nach Wahrheiten und Gesetzen, die nur für uns charakteristisch sind. Wenn du als Ungar geboren wurdest, dann gehörst du zu einer bedrohten Volksgruppe, die so viele auf so vielfältige Weise und über einen so langen Zeitraum hinweg auslöschen wollten, dass schon unsere bloße Existenz eine politische Stellungnahme ist.“
Millionen Angehörige der ungarischen Nation, die durch das Trianon-Diktat nach 1920 in den Nachbarstaaten in den Status von Bürgern zweiter Klasse gedrängt worden waren, wurden von der politischen Bewegung des scheidenden Ministerpräsidenten erstmals als integraler Bestandteil des nationalen Fortbestands betrachtet.
Er unterstützte kontinuierlich ihre Institutionen, stärkte ihr historisches Bewusstsein und vermittelte ihnen das Gefühl, dass das Mutterland sie als gleichberechtigte Bürger betrachtet.
Im Gegensatz dazu vertritt der heute zu vereidigende Ministerpräsident bestenfalls die dionysische Lebensphilosophie eines Bonvivants. Seine nationale Strategie und sein politisches Programm sind uns noch nicht bekannt. Zwar hat er den Namen „Magyar“ von seinen Vorfahren übernommen, doch wie sehr er sich der Gefährdung des ungarischen Volkes bewusst ist, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Der heute zu vereidigende Ministerpräsident nutzte während seines Wahlkampfs Nationalflaggen und Trikoloren als Kulisse und bereiste damit Siebenbürgen, die Südslowakei und die Wojwodina, als wäre er auf dem Weg zu einem Folklorefestival. Bei den ersten Gesprächen mit den Vertretern der Auslandsungarn nach der Wahl drohte er ihnen jedoch sofort und forderte bedingungslose politische Loyalität. Der neue Ministerpräsident wird sich andererseits in den Verhandlungen mit der EU klar positionieren müssen, und in Fragen der Migration, der Gender-Lobby und des Krieges wird es seine persönliche Entscheidung sein, ob er die Ungarn an den Rand des Abgrunds neben die anderen europäischen Nationen stellt.
Der Grundsatz des scheidenden Ministerpräsidenten lautete, dass man im Falle eines Wahlsiegs nicht alles zerschlagen müsse, was der Gegner aufgebaut hat. 2010 war er der Ansicht, dass „für jeden Platz unter der Sonne sein sollte“. Er erkannte, dass man im Westen nicht in der Lage ist, aus den ausschließlich liberalen Rahmenbedingungen auszubrechen. Im Gegensatz dazu schuf er trotz aller Mängel und machtpolitischer Verrenkungen eine pluralistischere, lebhaftere und bunterere politische Landschaft in Ungarn.
Der neue Ministerpräsident, der sein Amt antritt, will Pluralismus auf der Grundlage globalisierter Vielfalt und der Akzeptanz abweichender Andersartigkeit schaffen, wodurch der Teil der Gesellschaft, der nach traditionellen Werten leben möchte, ausgeschlossen wird.
Am 9. Mai feierten unsere Landsleute auf dem Kossuth-Platz den Systemwechsel, nachdem sie für einen bedingungslosen Anschluss an den untergehenden Westen gestimmt haben. Seit dem Ende des Kalten Krieges wäre dies der dritte ungarische Systemwechsel. Nach 1989 die Ablösung des Kommunismus durch die liberale Gesellschaftsordnung, 2010 die Verschmelzung der liberalen Ordnung mit der national-konservativen Ordnung und am 9. Mai 2026, der vorerst gesichtslose und ohne individuelles Wertesystem auskommende Systemwechsel, der außer der Ablösung des Alten nichts anderes verkündet. Die ungarische historische Erfahrung, die ein ausgeprägtes Gespür für Gefahren hervorgebracht hat, scheint sich verflüchtigt zu haben. Wir haben zugelassen, dass wir gespalten wurden. Dies ist der trivialste Trick des Satans, den er im Laufe der Geschichte immer wieder erfolgreich einsetzt.
Ein Teil der ungarischen Gesellschaft verabschiedet sich heute von einer Ära des nationalen Aufbaus und einer Zeit des Friedens, ein anderer Teil sieht einen Mafia-Staat und ein hybrides Regime zusammenbrechen und feiert dies. Noch nie waren wir Ungarn einander so entfremdet, noch nie haben wir so unterschiedliche Sprachen gesprochen.
Nun haben wir vier Jahre Zeit, die Ursachen dieser Spaltung zu benennen und die Wiedervereinigung der Nation von innen heraus in Gang zu setzen.
Die Entwicklung unseres Landes und sein internationales Ansehen waren in den letzten 16 Jahren untrennbar mit einer scharfsinnigen Persönlichkeit und einer politischen Bewegung verbunden. Eine ähnliche Epoche, die von einer einzigen Führungspersönlichkeit und einer kohärenten nationalen Politik geprägt war, gab es in der modernen ungarischen Geschichte nur in der Zwischenkriegszeit.
Nur Ministerpräsident István Bethlen, der die durch das Friedensdiktat von Trianon vorgesehene nationale Vernichtung ablehnte, vertrat eine ähnliche politische Linie.
In Europa hat Bundeskanzlerin Angela Merkel ihrerseits, im Geiste einer destruktiven Kohärenz, eine Ära geprägt und ihr Land sowie Europa mit deutscher Präzision in den Untergang der Nationen geführt. Für diese verhängnisvolle Rolle wird sie bis heute gefeiert und ausgezeichnet.
Liebe Mitbürger, lasst uns diese Anomalie nicht unterstützen und ab 9. Mai, in der Sprache des Respekts und der Anerkennung über eine abgeschlossene, einzigartige Epoche sprechen, deren Träger oder Gegner wir waren. Neben der Kritik und der Auseinandersetzung mit den Fehlern
sollten wir auf dem Kossuth-Platz auch von einem großen Staatsmann und Denker Abschied nehmen, zumindest als einem tragenden Mitglied des Parlaments in den 36 Jahren seit dem Systemwechsel von 1989. Einen Mann, der den geistigen Mut hatte,
nicht nur die Steintafeln zu zerschlagen, sondern auch neue Wege zu beschreiten und, wenn es keine Vorlage für die neuen Tafeln gab, eine aus der Sicht der nationalen Souveränität zu schaffen. Diese Steintafeln werden wir für die gesamte Nation bewahren.
Ehre sei dem scheidenden großen Kämpfer. Ungarn über alles, Gott über uns alle!
Autorin: Katalin Deme
Originalerscheinung: https://ungarnheute.hu/news/hommage-an-einen-scheidenden-grossen-kaempfer-31536/