Magyar nach dem Machtwechsel: Die Ruhe vor dem nächsten Sturm
14. Mai 2026 Berliner Zeitung von Dominik Pietzcker
Über den neuen starken Mann in Ungarn wurde bereits viel (und wenig Gutes) geschrieben. In Ermangelung nicht nur eines stringenten parteipolitischen Programms, sondern jedweder eigenen politischen Praxis, diente Magyar den ungarischen Wählern vor allem als Projektionsfläche einer diffus anderen (nicht unbedingt besseren) Zukunft für ihr Land.
Endlich ein neues Gesicht – das galt vielen schon als der erwünschte Fortschritt und reichte programmatisch vollkommen für den überwältigenden Wahlsieg aus. Magyar wurde schlicht gewählt, um eine weitere Amtszeit des Dauerpräsidenten Orbán zu verhindern.
Das souveräne Spiel mit den sozialen Medien, die Dominanz auf Instagram und die Flut an Selfies, die Magyar während seines Wahlkampfes beinahe stündlich produzierte, bezeugen zumindest kommunikationstechnische Virtuosität. Magyar hatte rasch begriffen: Wer die mediale Hegemonie erreicht, dem öffnet sich womöglich auch das Tor zur Macht.
Ohne konkretes Programm, huldigt der stets jugendlich gekleidete Magyar einem Kult oberflächlicher Rhetorik.
Bauchmuskeln, gepflegte Bräune und trainierte Bizeps ersetzen in der Ära der massenmedialen Persönlichkeitsinszenierung durchdachte Machtstrategien. Wofür braucht es Esprit, wenn ein muskulöser Oberkörper ausreicht, um politisches Gewicht zu haben?
Magyars Image als politischer dressman und moralischer Saubermann ist nichts als Pose. Selbst wohlwollende Kommentatoren artikulieren Zweifel an seiner persönlichen Integrität. Ob er wirklich das notwendige charakterliche Format hat, welches das Amt eines Ministerpräsidenten verlangt, muss sich jetzt erweisen.
Historisch bedingte Gelassenheit
Zweifellos hat sich in Ungarn ein politisches Erdbeben ereignet. Bloß spürt man nichts von seiner gesellschaftlichen Tektonik. Wird man es je? Diese spürbare Distanz zur Macht ist Ausdruck einer tieferen, kulturell verankerten Gelassenheit der ungarischen Gesellschaft, deren Bürger politisch einiges erlebt haben. Freiheitskämpfe und Doppelmonarchie, Krieg, Revolution und Autoritarismus, Aufstand und blutige Niederlage, schließlich die Implosion der kommunistischen Herrschaft. Überleben ist alles. Politik ist in Ungarn keine kollektive Passion, sondern strukturelle Notwendigkeit. Entsprechend unaufgeregt fließt das Leben weiter.
An der Donau hat man schon mehr und weitaus Schlimmeres gesehen als einen überraschenden Regierungswechsel.
Die angestrengte politische Hysterie, die in Deutschland längst Tonlage und Debatten dominiert, ist den Ungarn völlig fremd. Selbst die Vertreter von Bildungsinstitutionen, die politisch der Vorgängerregierung nahestehen, geben sich entspannt. Ungarn wird auch einen Péter Magyar überstehen, so ist zu hören. Ungarische Spitzenbeamte sondieren gleichwohl schon neue Karrieremöglichkeiten im akademischen Betrieb, in der Beratungsindustrie und bei Stiftungen. In dieser Hinsicht ist Ungarn ein ganz normales demokratisches Land. Der periodische Wechsel ist institutionell eingebaut.
Die Großkundgebung zu Magyars Amtseinführung vor dem Budapester Parlament hatte eher einen harmlosen, ja geradezu unpolitischen Volksfestcharakter. Das in Endlosschleifen übertragene politische Palaver hinderte die Leute nicht daran, in ihren Stammcafés zu sitzen, Limonade zu trinken, die Donaupromenade zu bevölkern und sich ostentativ um die eigenen privaten, familiären und amourösen Angelegenheiten zu kümmern.
Der Glanz der ungarischen Metropole und ihres lässigen Lebensgefühls überstrahlt die Ereignisse im Regierungsviertel bei weitem. Der Alltag geht sowieso weiter.
An den Ausfallstraßen herrscht wie immer Stau. Liebespaare picknicken auf den Brückenbögen über der Donau. Die Restaurants sind mit lärmenden westeuropäischen Touristen überfüllt. Es finden Konferenzen, Theateraufführungen und Konzerte statt. In der prachtvollen Budapester Oper wird Tschaikowskis Ballett „Schwanensee“ aufgeführt, die Geschichte des unglücklichen Prinzen Siegfried, der sich nicht entscheiden kann, wen er liebt. Ja, womöglich haben die Ungarn versehentlich den schwarzen Schwan gewählt.
Die kollektive Liebesaffäre mit Péter Magyar könnte also durchaus von kurzer Dauer sein.
Aber selbst dies wäre keine Tragödie. „Aus der Geschichte liest jeder etwas anderes“, schrieb Ungarns Nationaldichter Sándor Petöfi. Nur in Brüssel und Berlin hat man noch nicht begriffen, dass die politische Geschichte weder logisch noch konsequent verläuft.
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