29. März 2026 Achgut.com von Krisztina Koenen
Am 12. April wird in Ungarn über mehr entschieden als über die Mehrheit im Parlament. Ich persönlich sage, Orbán gewinnt die Wahl vor Péter Magyar (Foto) – vielleicht nicht mit Zweidritteln wie bisher. Aber das kann Folgen haben, die wir gegenwärtig gar nicht ermessen können. Maidan, Angriff aus der Ukraine, Putsch mit Hilfe der EU – möglich ist alles.
Knapp zwei Wochen vor den nationalen Wahlen am 12. April ist es offenkundig geworden, dass Ungarn zum Schlachtfeld von mehreren fremden Geheimdiensten geworden ist. Sicherlich hatte Viktor Orbán Recht, als er in einem Interview mit dem linken Journalisten Egon Rónai darauf hinwies, dass es einem kleinen, seiner Größe nach unbedeutendem Land nicht gut tue, wenn es bei einer Wahl weltpolitische Bedeutung erlange. Was sich in den letzten Tagen in Ungarn abspielte und sich weiterhin abspielt ist jedoch keine bloße Spionagegeschichte, es hat auch alle Zutaten, die zu einem guten Thriller gehören: Drogen, Sex, Lüge und Verrat. Wenn es nicht um eine weltpolitische, aber vor allem um eine ungarische Schicksalswahl ginge, könnte man die Geschichte sogar genießen.
Im Folgenden soll es trotzdem darum gehen, was für die Ungarn auf dem Spiel steht. Schließlich geht es den ungarischen Wählern in allererster Linie um ihr eigenes Schicksal. Deswegen holen wir hier etwas aus, betrachten Wirtschaft, Geschichte und natürlich auch Persönlichkeiten, die in diesem Wahldrama ihre Rollen spielen.
1. Mit welchem Programm konnte Orbán 14 Jahre lang die Unterstützung der überwiegenden Mehrheit sichern?
Dreimal mit Zweidrittelmehrheit!
Sein Programm beruht im Wesentlichen auf drei Grundsätzen: der „arbeitsbasierten Gesellschaft“, der demoskopischen und kulturellen Erhaltung der Ungarn und der neutralen, „konnektiven“ Außen- und Wirtschaftspolitik. Diese Politik ist eine Mischung aus liberaler Arbeits- und Wirtschaftspolitik und einer selektiven, auf Arbeit basierenden Sozialpolitik. Die „arbeitsbasierte Gesellschaft“ ist das Gegenteil der mit der Gießkanne verteilten sozialen Wohltaten. Arbeitseinkommen und Unternehmen werden sehr niedrig besteuert: 15 Prozent Flatrate-Einkommensteuer und 9 Prozent Körperschaftssteuer. Hoch besteuert wird dagegen der Konsum mit einer Mehrwertsteuer von 27 Prozent, außer gesellschaftlich als wichtig erachteten Gütern wie Lebensmittel und Bücher.
Arbeitslosengeld wird nur kurz gewährt, danach kann man durch Gemeinschaftsarbeit etwa den Mindestlohn verdienen. Familienunterstützung besteht überwiegend aus großzügigen Steuernachlässen auf Arbeitseinkommen, das heißt, es ist nicht möglich von Kindergeld plus Sozialhilfe zu leben. Das ist besonders wichtig für die Arbeitsintegration der Zigeuner, die unter Orbán große Fortschritte gemacht hat.
Der zweite Grundsatz ist eine Antwort auf die alarmierende Bilanz der ungarischen Bevölkerungsentwicklung. Die ungarische Geburtenrate liegt bei etwa 1,5 Kinder pro Familie und damit unterhalb der Reproduktionsrate, die Bevölkerung schrumpft. Die ungarische Kultur ist ebenfalls gefährdet. Die kommunistische Herrschaft und danach der ungebremste Einbruch von globalistischen Ideologien haben ihr großen Schaden zugefügt. Das Ziel ist, das ungarische Volk und die ungarische Kultur zu erhalten, die ungarische Identität zu stärken und mit Inhalt zu füllen. Aus diesem Grundsatz leitet sich auch der unerschütterliche Widerstand der Orbán-Regierungen gegen Migration und Gender-Ideologien ab.
Der dritte Grundsatz betrifft die Außen- und Wirtschaftspolitik und könnte mit der von Trump entliehenen Parole „Hungary first“, oder wie Orbán zu sagen pflegt „Ungarn vor allem, der liebe Gott über uns allen“ beschrieben werden. Man will vorteilhafte Wirtschaftsbeziehungen mit der ganzen Welt, ohne anderen Vorschriften für deren innere Einrichtung zu machen, und erwartet dafür die gleiche Behandlung. In der Wirtschaftspolitik wird angestrebt, eine starke ungarische Mittelschicht und eine nationale industrielle Basis aufzubauen.
Der größte Verdienst Orbáns ist, dass er den Ungarn das Selbstbewusstsein und die Zuversicht das eigene Schicksal betreffend zurückgegeben hat. Diese Politik als Ganzes widerspricht der politischen Richtung der EU. Das heißt, nicht erst die Migration und Ukraine haben die Beziehungen zwischen EU-Führung und Ungarn belastet. Der Konflikt besteht seit 2010.
2. Welche Fehler von Fidesz haben den Aufstieg des Herausforderers Péter Magyar befördert?
Seit Corona und insbesondere seit Beginn des Ukrainekrieges ist das Wirtschaftswachstum mager, wenn überhaupt vorhanden. Das hat internationale wie einheimische Gründe. Fidesz und Orbán haben den Fehler gemacht, die ungarische Wirtschaft zu eng an die deutsche zu binden. Auch wenn Orbán über Konnektivität spricht, Deutschland und die EU haben bei den Wirtschaftsbeziehungen ein erdrückendes Gewicht, 77 Prozent der Importe 69 Prozent der Exporte gehen in die EU mit Schwerpunkt Deutschland. Der Niedergang der EU, aber insbesondere die Katastrophe der deutschen Automobilindustrie und vor allem der Zulieferer reißt Ungarn mit in den Abgrund.
Der Handel mit Russland ist in Folge der Sanktionen ebenfalls zusammengebrochen. Es fehlen die preiswerten Rohstofflieferungen. Es gibt keine positiven Aussichten, so lange der Ukrainekrieg anhält. Der Wegfall der EU-Strukturhilfen trägt zum Problem bei, ist aber nicht entscheidend. Besonders schmerzhafte Wirkungen zeigt die seit 2020 sehr hohe Inflation, die gerade die Ärmeren und die Mittelschicht hart trifft. Viele spüren die Folgen der wirtschaftlichen Stagnation und sind nicht nur politisch, sondern wirtschaftlich unzufrieden. Die Entwicklung, dass es jedem jedes Jahr ein bisschen besser geht, ist gestoppt. Trotzdem waren, was Wohlstand und Entwicklung betrifft, die Jahre 2010-2020 wahrscheinlich die besten Jahre Ungarns in seiner ganzen Geschichte.
3. Lage der Fidesz-Partei
Politisch waren die dargestellten Ziele anfangs begeisternd, aber neue begeisternde Ziele fehlen. Die Partei hat sich in 14 Jahren bequem in der Staatsmacht eingerichtet, sie nach ihren Vorstellungen und auch nach ihren persönlichen Interessen geformt. Ihre Politiker sind träge und selbstzufrieden geworden, sie bereicherten sich selbst und versorgen großzügig ihre Seilschaften – auch außerhalb der Gesetzlichkeit. Die Partei hat sich personell und geistig abgenutzt.
Der Staat ist zu groß und zu stark geworden. Durch den starken Zentralismus sind autoritäre Tendenzen entstanden. Das meiste wurde top down entschieden, der Raum für Eigeninitiativen wurde immer enger. Die Interessen der Provinzen und Kommunen wurden zu wenig beachtet. Die Zermürbung durch die EU und durch die bis Trumps Antritt feindselige amerikanische Führung zeigten Erfolge. Die Skandale der letzten Zeit sind nicht aufgeklärt und entschieden behandelt worden:
Die Korruption um die staatlich bestellten Gerichtsvollzieher, deren Posten für hohe Beteiligungen an den eingezogenen Gütern von hohen Staatsbediensteten vergeben wurden, trug direkt zum Aufstieg von Péter Magyar (Foto oben) bei – der Skandal ist bis zum heutigen Tag nicht zufriedenstellend aufgeklärt worden. Dazu später noch. Ebenso der Korruptionsskandal an der Spitze der Ungarischen Nationalbank, wo die Familie des Vorsitzenden direkt in das Verschwinden großer Vermögenswerte verwickelt ist – keine Aufklärung bis heute.
Trotzdem ist die Behauptung, Ungarn sei das korrupteste Land der EU, völliger Unsinn. Finanzielle Bestechung kommt kaum vor. Klassische Korruption ist auf westeuropäischem Niveau, das Wort ist ein Kampfbegriff der EU und der Linksgrünen. Es gibt jedoch Vetternwirtschaft, Seilschaften, Nepotismus als Instrumente von Machtsicherung.
4. Wahlen
Seilschaften sind das Geheimnis der Verankerung der Fidesz Partei im Lande. Sie sind das Fundament der Stabilität. Es ist ein Geben und Nehmen. In einer perfekten Welt würden reine Demokratie und Freiheit herrschen, aber gerade in einer postkommunistischen Gesellschaft, in der sogar noch die Gemeinschaftsstruktur der spätfeudalistischen Ära vor dem Kommunismus auf dem Lande weiterlebt, ist es eben so.
Das hat sehr wichtige Auswirkungen auf die Wahlen. Denn das ungarische Wahlsystem ist wie die das deutsche, eine Kombination von Listen- und Persönlichkeitswahl. Es ist die Persönlichkeitswahl, wo Fidesz fast immer gewinnt. Das könnte auch jetzt das Entscheidende sein, denn Magyar fehlen wegen seines Charakters schlagkräftige Persönlichkeiten. Er kann vieles versprechen, die Leute von Fidesz haben aber 14 Jahre lang geliefert.
Unter anderem deshalb sind die Wahlvorhersagen fast vollständig bedeutungslos. Sie messen – wenn überhaupt – die Parteipräferenzen, nicht aber die Popularität von Personen. So hat Fidesz in einer Nachwahl in Kazincbarcika (wo sie noch nie gewonnen hatten) haushoch gewonnen. Wer die Wahlen gewinnen wird, kann man nicht sagen. Alle sogenannten Meinungsforschungsinstitute sind parteiisch und wollen ihre Partei hochschreiben.
Das Hochschreiben der Magyar Partei durch die Institute, die zu seinem Umkreis gehören, hat aber noch einen anderen Grund. Es ist offenkundig, dass eine große Enttäuschung unter den Tisza Wählern entstehen soll, mit deren Hilfe man nach der verlorenen Wahl einen Budapester Maidan provozieren will. Viele vermuten, dass dies ausdrücklich der Plan der EU sei.
5. Péter Magyar
Hier muss man einleitend zunächst von einem Fehler Orbáns sprechen. Orbán hat die postkommunistische Elite im Wirtschaftsleben weitgehend entmachtet, in der Kultur und im Rechtswesen ist ihm das nicht gelungen. Aber er hat deren Vertreter, wo er nur konnte, auch erniedrigt. Was keineswegs zu ihrer Entmachtung geführt hat, sondern nur dazu, dass sich in diesen Kreisen eine unglaubliche Wut aufgestaut hat. Diese Wut hat auch Teile der sonst einigermaßen normalen Mittelklasse infiziert, eben jene, die durch die stagnierende Wirtschaft und die Inflation in den letzten Jahren getroffen wurden. Insbesondere in Budapest, wo sich die europäisch fühlende wirtschaftliche und intellektuelle Elite von jeher von den Proleten der Fabriken und den dummen Bauern des ländlichen Ungarn angewidert fühlt, ist dieser Hass besonders ausgeprägt.
Ich erkläre den teilweise unbändigen Hass, den es auf Orbán gibt, aber auch mit einem sehr üblen Erbe des Kommunismus, was ebenfalls vor allem in Budapest präsent ist: Ungarn ist leider eine Neidgesellschaft. Wer damals im Kommunismus was hatte, hat es bestimmt gestohlen oder veruntreut, hieß es im Volke, eine Ansicht, die von der Partei kräftig unterstützt wurde.
Offensichtlich war die vom Kommunismus erzwungene überwiegend gleiche Armut leichter zu ertragen, als die Tatsache, dass durch den steigenden Wohlstand auch die Ungleichheit größer geworden ist. Diese Welle des Neides reitet Magyar, letztlich ist seine Bewegung ein radikal egalitärer Aufstand des Pöbels gegen den gesunden Menschenverstand und die Zumutungen der Marktwirtschaft – unterstützt von der verkommenen linken Elite, die hofft, mit Hilfe Magyars ihre alte Macht wiederzuerlangen.
6. Wer ist „Der Mann“ Péter Magyar? (so nennt er sich tatsächlich, The man)
Sein Auftauchen ist schon wie aus einem Politthriller. Im Februar 2024 kontaktierte eine bis jetzt nicht eindeutig identifizierte Person mehrere unter den Fidesz-feindlichen Eliten beliebte linkswoke Publikationen mit der Nachricht, dass das Oberste Gericht auf Empfehlung der Staatspräsidentin Katalin Novák (vorher Fidesz) und der Justizministerin Judit Varga (Fidesz) einen wegen der Unterstützung von Kindesmissbrauch einsitzenden ehemaligen stellvertretenden Direktor eines Kinderheims im September 2023 begnadigt hatte. Die Nachricht über die Begnadigung war im Januar 2024 im Bericht des Obersten Gerichts veröffentlicht worden.
Auf den Budapester Straßen kam es daraufhin – angeheizt von der damals noch existierenden linksgrünen Opposition und besagten Medien – zu hysterischen Massenkundgebungen zum Schutz „unserer Kinder“. Es wurde suggeriert, dass Ungarn geradezu die Heimat von Perversen und Kinderschändern sei, und die Regierung nicht nur nichts dagegen tue, sondern Pädophilie direkt unterstütze. Fidesz reagierte sofort, wenige Tage später musste zuerst die Staatspräsidentin und dann die Justizministerin gehen.
Während die Wellen der öffentlichen Erregung schon dabei waren abzuebben, tauchte der bis dahin völlig unbekannte Péter Magyar, der geschiedene Ehemann der entlassenen Justizministerin und bis dahin Fidesz-Mitglied, in einer mehr als einstündigen Sendung des linksradikalen Youtube-Kanals Partizán auf. Dort deutete er an, dass er über Fidesz, insbesondere über den oben schon erwähnten Korruptionsskandal im Kreise der Gerichtsvollzieher, belastende Dokumente verfüge. Er könne beweisen, dass Fidesz an dem Skandal mit den Gerichtsvollziehern beteiligt sei. Er ist die angekündigten Beweise bis zum heutigen Tag schuldig geblieben.
Der Zeitpunkt des ersten Auftritts von Magyar in einer für Fidesz kritischen Zeit war perfekt gewählt und mit Sicherheit vorher geplant – es fehlte nur der Anlass. Magyar ist der Spross einer bekannten spätkommunistischen Juristenfamilie, er kommt also genau aus jenem beleidigten und sich erniedrigt fühlenden postkommunistischen Milieu, von dem schon die Rede war.
Magyar war langjähriges Fidesz-Mitglied und bis dahin Bewunderer von Viktor Orbán, fühlte sich jedoch zutiefst verletzt, als seine Frau („Bauerntrampel“) und nicht er Justizminister geworden ist. Die vermeintliche Erniedrigung ging nach seiner Scheidung von der Justizministerin weiter: Magyar hat alle seine lukrativen und kaum mit Arbeit verbundenen Positionen verloren, die er von Fidesz allein aufgrund seiner Ehe erhalten hatte. Damit sollte der bekannt schwierige Ehemann der Ministerin ruhiggestellt werden. Die spektakuläre Wende zum Fidesz- und Orbán-Kritiker war Magyars Antwort auf die Vertreibung aus dem Paradies.
An seiner ersten Kundgebung am 15. März, einem der großen Nationalfeiertage, beteiligten sich mehrere zehntausend Menschen. Bei den Europawahlen (eine reine Listenwahl) im April 2024 bekam Magyars knapp davor gegründete Tisza Partei auf Anhieb 33 Prozent der Stimmen (Fidesz 52 Prozent).
7. Magyars Wahlkampf ist ein Rachefeldzug gegen Orbán
Mit Magyar hat eine vollkommen neue, bisher beispiellose schonungs- und hemmungslose Art des politischen Kampfes in Ungarn Einzug gehalten. Es zeigte sich sehr früh, dass Magyar gewillt ist, seine Machtinteressen ohne Hemmungen durchzusetzen und dabei keinerlei ethisch-moralische Schranken kennt. Er nahm Küchengespräche mit seiner Frau und später mit seinen Freundinnen insgeheim auf, um sie und Fidesz damit zu erpressen. Er selbst wird in Ungarn des Raubes und des kriminellen Insiderhandels beschuldigt, seine Immunität steht aber unter dem Schutz des EP.
Er lügt und behauptet offenkundige, manchmal völlig absurde Unwahrheiten, heute dies, morgen das genaue Gegenteil. Er bezichtigt seine politischen Kontrahenten, insbesondere Viktor Orbán, in einer bis dahin nicht für möglich gehaltenen vulgären Sprache der Lüge, des Vaterlandsverrats, des Raubs, der Kinderschändung und anderer krimineller Handlungen, ohne einen einzigen Beweis dafür vorzubringen.
Ein Beispiel aus letzten Tagen: Er behauptete, philippinische Gastarbeiter, die in einer japanischen Batteriefabrik arbeiteten, müssten so hungern, dass sie aus dem Budapester Zoo Goldfische und Enten gestohlen und gegessen hätten. Wie der Zoodirektor erklärte, gibt es im Zoo weder Goldfische, noch Enten, trotzdem ging die Meldung durch alle linken Medien.
In der Politik betreibt er Aktionen, die sich am Rande der Legalität befinden. Sie laufen immer nach dem gleichen Schema ab. Er überfällt mit Kamerateams ohne Genehmigung staatliche Institutionen, entdeckt dort irgendeinen Mangel (in einer Krankenhaustoilette ist kein Klopapier), erklärt dies zu einem nationalen Notstand und fordert den sofortigen Rücktritt von Orbán und der Regierung. In dieser Art hat er Krankenhäuser und Kinderheime „besucht“, beim großen Hochwasser des Herbstes 2024, als tatsächlich Gefahr drohte, ist er mit einer Schaufel auf den Dämmen rumgehampelt. Er baut auf der Straße Suppenküchen auf, verteilt Brennholz unter angeblich frierenden Landeinwohnern, um dann ein Bild des Elends in Ungarn zu demonstrieren. Mit derartigen Inszenierungen hetzt er gegen alles, was die Regierung tut, und gegen alle, die ein großes Vermögen besitzen. Er heizt aggressiv Lynchstimmungen auf. Auf seinen Veranstaltungen werden „feindliche“ Journalisten regelmäßig bedrängt, oft auch mit Gewalt. Für den Fall seiner Machtübernahme verspricht er Rachefeldzüge gegen Fidesz und deren Unterstützer, ein Programm „Weg ins Gefängnis“. Er kündigt die Enteignung ihrer Vermögen an, und verspricht mit dem Geld das Gesundheitswesen und das Bildungswesen wieder aufzubauen.
In seiner „Neujahrsansprache“ für 2026 drohte er den staatlichen Amtsträgern, den Verfassungsrichtern, Soldaten und Polizisten mit schwerwiegenden Konsequenzen, sollten sie sich nach den Wahlen nicht auf seine Seite stellen. Jeder müsse mit schwersten Konsequenzen rechnen, sagte er, „wer sich gegen den Willen der Ungarn stelle“, das heißt, seine Wahl ist der Wille der Ungarn. Auch den Journalisten und Publikationen, die es wagen, nicht in höchsten Tönen über ihn zu berichten, droht er regelmäßig mit Verbot und Gefängnis. Es ist ihm zu verdanken, dass die öffentliche Rede vulgär und brutal geworden ist wie noch nie, dass gebrüllte Parolen wie „mocskos Fidesz“ (Abschaum Fidesz) zum Standard bei Rockkonzerten und Kundgebungen jedweder Art geworden sind.
Die Tisza Partei (die er vor der Europawahl von ihren abgewirtschafteten Gründern gekauft hatte) hat keine 30 Mitglieder, die Kandidaten sind so etwas wie Angestellte der Partei. Magyar duldet niemanden neben sich, die Kandidaten verachtet er offen.
Er ist jähzornig und absolut unbeherrscht. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist er kokainsüchtig, er hat auch ein Alkoholproblem. Er stellt sich als Womanizer dar, hat aber möglicherweise auch homosexuelle Beziehungen, zumindest behaupten das rechtsanarchistische Blogger. Auf jeden Fall ist die Führung seiner Partei eng mit den homosexuellen Schauspielerseilschaften der Budapester Theaterszene verbandelt (sein Stellvertreter ist ein Theaterregisseur, der einem Kritiker öffentlich angeboten hatte, ihm alle Finger zu brechen).
Es wird auch behauptet, dass Magyar seit 2023 schon Beziehungen zu ukrainischen Geheimdienstkreisen habe. Die Fidesz Wahlpropaganda stellt Magyar direkt als Agent der Ukraine, und die Sperrung der Druschba Ölpipeline als Wahlhilfe für Magyar dar. Durch die Verhaftung von zwei für die Magyar Partei arbeitenden IT Spezialisten, die enge Beziehungen zu ukrainischen Organen hatten, macht einen solche Zusammenhang zumindest vorstellbar. Es gibt Fotos von Magyar selbst mit ukrainischen Personen mit Geheimdiensthintergrund.
In diesem Zusammenhang wird auch der ukrainische Geldtransport gesehen, der in Ungarn aufgehalten wurde. Er heißt, das Geld kam im Auftrag der Ukraine, vielleicht sogar mit Unterstützung der EU, mit dem Ziel der Wahlkampfunterstützung für Magyar. Möglich ist auch das.
8. Programm der Tisza Partei
Ein Programm, was die Tisza Partei außer Rachefeldzügen nach ihrem Wahlgewinn machen würde, existierte bis vor kurzem nicht. Einen gewissen Einblick bekam man vor einiger Zeit in die wirtschaftspolitische Planung Magyars. Ein über hundertseitiges Dokument war aufgetaucht, das unter anderem eine radikale Reform des Steuersystems vorsieht. Es spricht einiges dafür, dass es echt ist, sicher ist es jedoch nicht.
Statt der Flatrate sollen bis zu 33 Prozent progressive Steuern sowie eine Sondersteuer für Milliardäre eingeführt werden, die Renten sollen besteuert werden. Die für die Familienförderung wichtigen Steuervergünstigungen für Mütter sollen überprüft werden, hieß es darin, die Unterstützung für Kinder soll – im Namen der Gerechtigkeit – wieder in Bargeld und nicht als Steuervergünstigungen erfolgen. Die neuen Steuereinnahmen sollen in den Ausbau des Sozialstaates fließen. Das ist das sozialistische Gegenkonzept zu Orbáns Wirtschaftsliberalismus, wie es die EU von Ungarn schon lange gefordert hatte.
Vor diesem Hintergrund sind die selbstmörderischen Formulierungen von Magyars Stellvertreter, Zoltán Tarr, auf einer Parteiveranstaltung durchaus bemerkenswert. Auf eine Frage nach dem Programm der Partei sagte er, man könne „jetzt nicht darüber reden“, sonst würde man die Wahlen nicht gewinnen. Zuerst müsse man die Wahlen gewinnen, „dann geht alles“.
Es sieht so aus, dass Fidesz nun aufgewacht ist. Orbán versammelt jede Woche zehntausende Teilnehmer bei seinen Wahlveranstaltungen, die aussehen, als seien sie von den gleichen Leuten geplant wie die Maga-Veranstaltungen Trumps. Er fährt durch das ganze Land, sucht die Nähe zum Volk. Er gibt jeden Tag Interviews, auch in Organen seiner erbitterten Feinde.
Mit János Lázár, dem bisherigen Minister für Verkehr, ist endlich auch eine Persönlichkeit gefunden worden, die als möglicher Nachfolger Orbáns gelten kann. Er ist der Hauptorganisator der Fidesz-Wahl, er geht dorthin, wo es richtig weh tut.
Meine Schlussfolgerung: Ich persönlich sage, Orbán gewinnt die Wahl. Vielleicht nicht mit Zweidritteln wie bisher, aber doch. Aber das kann Folgen haben, die wir gegenwärtig gar nicht ermessen können. Maidan, Angriff aus der Ukraine, Putsch mit Hilfe der EU – möglich ist alles.
Autorin, Krisztina Koenen war Redakteurin des FAZ-Magazins und der Wirtschaftswoche. Danach wechselte sie in die Unternehmenskommunikation. Sie ist Autorin mehrerer Bücher.