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Egészségedre: Ein Glas auf Orbáns Sieg

11. April 2026 Weltwoche von Kurt W. Zimmermann

Viktor Orbán gegen Péter Magyar. Das ist am 12. April das Duell um die Macht im «Orszaghaz», dem ungarischen Parlament. Als einziger Journalist in Westeuropa erwarte ich, dass Viktor Orbán die Wahl in Ungarn gewinnt. Denn als einziger Journalist in Westeuropa kann ich rechnen.

Ja, ja, die Umfragen. «In den Umfragen», weiss der Tages-Anzeiger aus Zürich, «liegt die Oppositionspartei Tisza des Herausforderers Péter Magyar deutlich vorne.» Ja, ja, die Umfragen. «Viktor Orbáns Partei sackt in den Umfragen ab», weiss die Süddeutsche Zeitung aus München. In den Wahlen in Ungarn, so künden die Medien an, steuert Viktor Orbán mit seiner Fidesz-Partei auf die Niederlage zu. Sein Gegenspieler Péter Magyar mit seiner Tisza-Partei, so künden die Medien an, steht hingegen vor dem Triumph. Schliesslich zeigen das alle Umfragen.

Politprofi gegen Pfingstrosen

All die Journalisten, die sich mit ihren Wahlprognosen auf Umfragen stützen, haben indessen keine Ahnung vom ungarischen Wahlsystem. Umfragen zum Wahlausgang sind hier etwa gleich aussagekräftig wie die Wetterprognosen zum Wahlsonntag.

Das Wahlsystem Ungarns ist trickreich. Es ist primär ein Majorzsystem, aufgesplittet in viele kleine Wahlkreise. Das ungarische Parlament zählt insgesamt 199 Abgeordnete. 106 davon werden in den 106 Wahlkreisen des Landes bestimmt. Der Kandidat mit den meisten Stimmen pro Wahlkreis ist gewählt, the winner takes it all.

Wie in diesen lokalen 106 Wahlkreisen gewählt wird, kann keine nationale Umfrage auch nur einigermassen festhalten. Entscheidend für die Wahl ist vielmehr, wer hier im Landkreis bekannt und beliebt ist. Gehen wir zum Beispiel in den Wahlkreis von Berettyóújfalu ganz im Osten Ungarns. Der Kandidat von Viktor Orbáns Fidesz-Partei ist hier Istvan Vitanyi, ein bekannter Anwalt und ein alter Haudegen, der seit über zwanzig Jahren im nationalen Parlament sitzt und in der Region entsprechend verwurzelt ist.

Seine Gegenkandidatin von Magyars Tisza-Partei ist Petra Judit Kovács. Sie hat keinerlei politische Erfahrung. Beruflich war sie, laut eigener Wahlpropaganda, in den letzten zehn Jahren mit der Zucht und dem Anbau von Pfingstrosen beschäftigt. Niemand kennt sie in der Region. Ein Politprofi gegen Pfingstrosen. Die Kandidatin der Opposition wird hier keine Chancen haben.

Oder gehen wir auf die gegenüberliegende Seite des Landes, in den Wahlkreis von Keszthely ganz im Westen Ungarns. Der Kandidat von Fidesz ist Balint Nagy, der aktuelle Staatssekretär für Infrastruktur im Ministerium für Bau und Verkehr und Mitglied des Parlaments. Sein Gegenkandidat von der Tisza ist Balazs Varga. Er präsentiert sich als Vater von drei Kindern, der in der Freizeit gerne Sport treibt. Beruflich arbeitet er als Entwickler von administrativer Software. In der Politik war er noch nie. Ein Politprofi im Ministerrang gegen einen Hobbysportler. Der Kandidat der Opposition wird hier keine Chancen haben.

Vielerorts in der Provinz wird das Wahlresultat identisch sein. Die Kandidaten oder die Kandidatinnen der Opposition werden auf dem Land oftmals keine Chancen haben. Denn niemand hat zuvor je von ihnen gehört. Sie sind unbekannte Quereinsteiger.

Journalisten, die sich auf Umfragen stützen, haben keine Ahnung vom ungarischen Wahlsystem. Es ist darum klar, dass Orbáns Kandidaten den grössten Teil der ländlichen Wahlkreise gewinnen werden.

Sie sind hier bekannt als Vertreter ihrer Region im Parlament, als Bürgermeister, Präsidenten von Sportvereinen, als Stadträte, Kirchenvertreter und Kommunalverwalter. Man kennt sie.

Tisza hingegen tritt hier mit politisch völlig unerfahrenen Köpfen gegen die etablierte Phalanx an. Auffällig viele Tisza-Bewerber sind Lehrer, dann aber auch Apotheker, Reiseleiter, Soziologen, Gewerbetreibende, Schriftsteller, Agraringenieure und Hoteliers. Niemand von ihnen sass je in einem regionalen oder gar nationalen Parlament.

Magyars Ein-Mann-Partei

Nun kann man dem Tisza-Vorsitzenden Péter Magyar aber keinen Vorwurf machen, dass er mit einer Schar von politischen Amateuren die Wahl gewinnen will. Erst im Frühjahr 2024 wurde er Chef der vormaligen Kleinstpartei Tisza, die zuvor nicht einmal Politikinteressierten richtig bekannt war. Die Zeit bis zu den Wahlen zur Nationalversammlung war damit viel zu knapp, um ein Team zu bilden.

Ungarn spielen gern mit dem Feuer, doch wenn es ernst wird, greifen sie schnell wieder zum Feuerlöscher.

Péter Magyar, ehemaliger Funktionär in Orbáns Fidesz-Partei, machte Tisza dennoch in nur zwei Jahren zu einer gewaltigen politischen Kraft. Er schaffte dies aus der Frustration heraus, dass ihm in der Fidesz die Karriere verbaut war, weil er aufgrund seines unbeherrschten Wesens als charakterlich ungeeignet galt. Er verliess Fidesz aus Trotz.

In nur zwei Jahren eine Partei aus dem Nichts zu einem Machtfaktor zu machen, ist eine famose Leistung. Aber in dieser kurzen Zeit ist es nicht möglich, eine breit abgestützte Parteistruktur aufzubauen. Magyar zog daraus die richtige Konsequenz.

Er machte Tisza zu einer Ein-Mann-Partei.

Magyar ist Tisza – und umgekehrt. Ausser dem Namen von Péter Magyar kennt kaum jemand in Ungarn die Namen anderer Tisza-Politiker, auch nicht von jenen sieben EU-Parlamentariern, die beim ersten Tisza-Wahlerfolg 2024 nach Brüssel entsandt wurden.

Eine Ein-Mann-Partei braucht kein Programm, denn man wählt den Mann. Der vorrangige Programmpunkt von Péter Magyar ist in seinen Auftritten darum einfach: Orbán muss weg, denn Orbán ist ein Gangster, ein Betrüger, ein Mafioso.

Anders als auf dem konservativen Land kommt diese Botschaft in den grossen ungarischen Städten an, vor allem in Budapest. Budapest, mit fast zwei Millionen Einwohnern, ist links-grün, so, wie alle Grossstädte von Zürich über Paris bis London in der Hand von linken Stadtregierungen sind. Budapest hat sechzehn Wahlkreise. Die Oppositionspartei von Péter Magyar wird hier alle sechzehn Direktmandate gewinnen. Auch in anderen grossen Städten wie Pecs und Szeged wird Tisza massiv Stimmen machen. Direktmandate für die Orbán-Seite sind hier nicht zu erwarten.

So, nun können wir rechnen. 106 Wahlkreise gibt es bei dieser Wahl in Ungarn. Ich habe mir die vergangenen Resultate dieser Wahlkreise und ihre aktuellen Kandidaten genau angeschaut und dann gerechnet.

Fazit: Von den 106 Wahlkreisen werden die Kandidaten von Orbáns Fidesz zwischen 63 und 65 gewinnen.

Um es zu wiederholen: Nationale Umfragen spielen bei diesem Fazit keine Rolle. Denn gewählt werden lokale Kandidaten mit Direktmandaten in lokalen Landkreisen, von Berettyóújfalu bis Keszthely. Wähler hier wählen, wen sie kennen und wem sie trauen. Die Vorhersagen von nationalen Umfrageinstituten spielen zur Voraussage eine geringe Rolle. Erster Teil also: 63 bis 65 Direktmandate für Orbáns Partei.

Und nun kommen wir zum zweiten Teil. Rechnerisch wird es noch interessanter.

Neben den 106 regionalen Wahlkreisen gibt es in Ungarn eine Listenwahl. Hier werden 93 Mandate vergeben. Diese 93 Mandate verteilen sich landesweit nach dem Proporzsystem, also nach dem Prozentsatz, den eine Partei landesweit erreicht. Hier geben uns die Umfragen nun tatsächlich einen Hinweis. Sie sagen Orbán und seiner Fidesz rund 40 Prozent der nationalen Stimmen voraus.

Bei der Listenwahl kommt die Fidesz damit auf 37 oder 38 Mandate.

Rechnen wir also zusammen. In der Direktwahl schafft Orbán mindestens 63 Mandate. In der Listenwahl kommt er auf mindestens 37 Mandate. Macht zusammen hundert Abgeordnete. Das ist im Parlament mit seinen 199 Sitzen die Mehrheit, wenn auch nur hauchdünn. Vielleicht schafft Fidesz auch zwei, drei Sitze mehr.

Meine Rechnung ist damit klar: Viktor Orbán bleibt für vier weitere Jahre Ministerpräsident Ungarns.

Griff zum Feuerlöscher

Die Opposition von Tisza wird zwar mit einem Stimmenanteil von rund 47 Prozent die stärkste Partei im Land werden. Sie erringt dennoch nur 87 bis 89 Sitze im neuen Parlament. Der Grund liegt in ihrer Schwäche bei den Direktwahlen in den ländlichen Wahlkreisen.

Orbán hat zudem noch eine zusätzliche Lebensversicherung, um im Amt zu bleiben. Sie heisst Mi Hazánk.

Mi Hazánk ist eine Rechtsaussen-Partei, die in sämtlichen Wahlkreisen antritt. Mi Hazank wird neben Fidesz und Tisza die einzige Partei sein, die im neuen Parlament vertreten ist. Sie kann bei der Proporzverteilung mit sechs Sitzen rechnen.

Falls es für die Fidesz nicht für die alleinige Mehrheit in der Nationalversammlung reichen sollte, dann wird Folgendes passieren. Mi Hazánk schliesst mit Viktor Orbán eine Koalition.

Orbán kommt mit dieser Koalition dadurch mit Sicherheit über die Grenze von hundert Mandaten im Parlament, die er für die Mehrheit braucht. Das heisst erneut: Orbán bleibt für weitere vier Jahre Ministerpräsident.

Ich bin damit der einzige Journalist aus Westeuropa, der bei den Wahlen in Ungarn einen Sieg von Viktor Orbán erwartet. Sonst erwarten alle einen Sieg der Opposition. «Orbáns Show könnte bald vorbei sein», sagt etwa die NZZ voraus. «Péter Magyar kann Viktor Orbán schlagen», sagt der britische Economist voraus. «Das System Orbán kommt an sein Ende», sagt die deutsche Zeit zur Wahl voraus.

Ich habe mit meiner ungarischen Frau viele Jahre in Budapest gelebt. Ich bilde mir deshalb ein, ein bisschen etwas von Ungarn zu verstehen. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass die Ungarn gern mit dem Feuer spielen, doch wenn es dann ernst wird, schnell wieder zum Feuerlöscher greifen.

Erfolg als Erfolgsrezept

Ich erinnere mich denn noch gut, wie ich die Wahl vor vier Jahren vor Ort erlebte. Erstmals in der Geschichte schlossen sich damals alle sechs Parteien ausserhalb der Fidesz zu einer Koalition zusammen und traten gemeinsam gegen Orbán an. Der Zusammenschluss von links bis rechts war ein politischer Knaller. Die Umfragen sagten eine Pattsituation zwischen Orbán und seinen vereinigten Gegnern voraus.

Und was geschah? Orbán gewann die Wahl locker mit einer Zweidrittelmehrheit. Er siegte mit dem grössten Vorsprung in seiner ganzen politischen Laufbahn. Das Erfolgsrezept war sein enormer Erfolg in den Wahlkreisen in der Provinz.

Auch diesmal ist darum den Umfragen nicht zu trauen. Die Ungarn hauen zwar gern auf den Tisch, aber wenn es ernst wird, dann bekommen sie einen flauen Magen und setzen lieber wieder auf Sicherheit. Warum sollen wir diesen Risikofaktor Péter Magyar wählen, sagen sie sich dann, eine Figur, die noch nie in ihrem Leben ein politisches Amt ausübte? Nem, sagen sie dann, dann nehmen wir doch lieber den Viktor, obschon der immer dicker und sturer wird.

Gut, ich sage also als einziger Journalist Westeuropas, dass Orbán die Wahl knapp gewinnt. Wenn ich falschliege, dann erdulde ich alle Prügel, die ich zu Recht bekomme.

Wenn ich richtig liege, dann schenke ich mir ein Glas Kreinbacher Egoiste Brut ein. Er kommt von nördlich des Plattensees und ist nach meiner Meinung auf dem Niveau der besten Champagner.

Prost denn auf die ungarischen Wahlen. Oder wie man sich hier zuprostet: Egészségedre.

Kurt W. Zimmermann

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