Die verlorene Realität

5. September 2021 Nemzeti Sport von GYÖRGY SZÖLLÖSI

Ungarn = Rassismus. Das absurde Urteil ist bereits vor dem WM-Qualifikationsspiel Ungarn-England gefällt worden, und wir fragen uns,

wie die halbe Welt ohne Rücksicht auf die Realität manipuliert werden kann.

Dabei spielt es keine Rolle,
  • dass das Problem in seiner alltäglichen Realität in Westeuropa hier gar nicht existiert.
  • dass man 99,9 Prozent der Fans im Stadion sicher keinen Rassismus vorwerfen kann, und die wenigen, die es vielleicht waren, wurden von den Umstehenden sofort zurechtgewiesen und zum Schweigen gebracht.
  • dass der Kapitän der Nationalmannschaft und der Präsident des MLSZ (Ungarische Fußball Verband) selbst die Fans im Vorfeld in allen Foren aufgefordert hatten, sich sportlich zu verhalten, und dass die Fans dieser Aufforderung auch nachkamen.
  • dass die Engländer, die jetzt ein überlegenes moralisches Urteilsvermögen proklamieren, nach dem EM-Finale mit Tausenden von wirklich rassistischen Sätzen die sozialen Medien überflutet haben, in denen ihre eigenen Spieler verunglimpft wurden.
  • dass das Endspiel in London wegen der kaum zu glaubenden Mängel in der Organisation des Turniers und des Vandalismus der englischen Fans in Erinnerung bleiben. Bei der englischen Hymne pfiffen die ungarischen Fans nicht nur nicht, sondern applaudierten am Ende.
  • dass die englischen Spieler, die auf den Pressekonferenzen der Nationalmannschaft ständig auf Rassismus angesprochen wurden, sich weigerten, zu sagen, dass sie das Spielfeld verlassen würden, wenn rassistische Bemerkungen gemacht würden, oder dass sie solche Bemerkungen von der Tribüne aus gehört hätten.
  • dass der Kapitän der Nationalmannschaft, Gareth Southgate, keine rassistischen Äußerungen feststellen konnte und sogar andeutete, dass England in dieser Hinsicht Hausaufgaben hätte.

Wichtig ist nur, dass ein Reporter eines britischen Presseorgans vier (!) Fans gesehen hat, die beim Anblick eines farbigen Spielers Affenrufe zu machen schienen.

Als Louis van Gaal 1995 als Ajax-Trainer die Ungarn kollektiv als Rassisten brandmarkte und wir zum ersten Mal die oberflächliche, arrogante Unfairness der westeuropäischen Presse zu spüren bekamen, konnten wir nicht ahnen, dass uns ein Vierteljahrhundert später die englischsprachige Weltpresse selbst bei weitaus geringeren Vergehen mit dem unverdienten Stigma brandmarken würde, dass

dass wir alle Rassisten, Xenophoben und ausländerfeindlich sind.

Ein britischer Titel lautet 4:0 für England vs Rassisten, ein anderer 4:0 für Hoffnung – Hass. Das 4:0 sollte das sein, was wirklich weh tut, aber es ist schwer, jetzt über Fußball zu schreiben.

Hier, in Topolya in Bácska, wo – während ich mich darüber beschwere, wie die ausländischen Mainstream-Medien uns als die letzte, ausgestoßene Nation darstellen –sich Serben und Ungaren umarmen und im Sonnenschein beim Eröffnungsspiel des neuen Stadions feiern…

Originaltext in Nemzeti Sport https://www.nemzetisport.hu/magyar_valogatott/a-valosag-vesztesre-all-szollosi-gyorgy-jegyzete-2847979

Deutsche Übersetzung von Dr. Gergely Muraközi

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