Kniefall

Bildquelle Gergely Túry HVG

10. Juni 2021 Magyar Hírlap von LÁSZLÓ DOMONKOS

Das Europameisterschaftsfieber steigt und steigt und vor dem letzten Vorbereitungsspiel unserer Fußballnationalmannschaft wurde eine offizielle Erklärung veröffentlicht: Trotz der sich ausbreitenden Hysterie wird unsere Mannschaft vor keinem der Spiele niederknien, egal, wer der Gegner ist, egal, ob die bis zur Taubheit der Beine knien oder nicht – ein Ungar kniet nur vor Gott, liest man an immer mehr Stellen, und immer öfter wird aus Jókais Roman „Ein Ungarischer Nabob” zitiert:

“Ein ungarischer Mann kniet nie, ein ungarischer Mann kniet niemals vor jemandem, auch dann nicht, wenn er selbst ein Bettler ist, auch dann nicht, wenn er getötet wird, er kniet nie. (Nur vor Gott.)”

Zitieren wir es noch einmal: nur vor Gott. Denn genau so sollte es sein. Siehe nationaler und menschlicher Stolz, Würde, Selbstachtung, Glaube, Stärke, Weisheit. So etwas in der Art.

In ein paar Tagen kommt Europa hier in Budapest an, die Gruppenspiele stehen an – und die sich Niederknienden kommen. Sie werden kommen, auch wenn die ungarischen Menschen bekanntlich und tatsächlich nie auf die Knie gehen, und daran kann der Westen nichts ändern. Ich schaute vor dem Spiel auf die armen, guten, tapferen Iren, die aufgrund ihrer Geschichte und ihrer ganzen, großartigen freiheitskämpferischen Natur – auch wenn es nur wenige von uns wissen – mit Recht als die „Ungarn des Westens” bezeichnet werden können: nun… traurig.

Aber ich kann auch von unseren zukünftigen Gegnern sagen, die Franzosen, die der Welt Villon, Rimbaud und Camus oder die Deutschen, die der Welt Goethe, Nietzsche und Heinrich Böll geschenkt haben – sie werden es sein, die in ein paar Tagen in Budapest vor dem Anpfiff auf die Knie fallen werden. Wofür oder für wen sie sich genau hinknien, ist fast irrelevant. (Aber leider wissen wir, vor wem und weswegen sie knien und wem sie auf dieser Art und Weise huldigen.)

Ein hervorragender zeitgenössischer Franzose, Autor des vor einigen Jahren erschienenen ausgezeichneten Buches “Unterwerfung”, Michel Houllebecq, schreibt in seinem neuen Buch “Interventionen 2020” unter anderem Folgendes:

“Es ist schrecklich, wie heutzutage nichts mehr gesagt werden kann… Nietzsche, Schopenhauer und Spinoza würden heute den PC-Filter nicht mehr passieren. Politische Korrektheit, oder was daraus geworden ist, macht fast die gesamte westliche Philosophie nicht mehr akzeptabel. Es gibt immer mehr Dinge, woran man nicht denken sollte. Es ist sehr beängstigend.” Und vielleicht noch erschreckender:

“Irgendwie habe ich es nicht wahrgenommen, dass der Respekt vor Identitäten einen so großen Aufschwung genommen hat. Dieser Respekt ist obligatorisch geworden, selbst die unmoralischsten und dümmsten Kulturen müssen respektiert werden.”

Wir können auch anderswo hinschauen. Noch vor den beiden Weltkriegen geschrieben und weltbekannt geworden die Warnung eines anderen großen Deutschen, eines gewissen Thomas Mann: „Achtung Europa!”

Europa hat nicht die Absicht aufzupassen. Tatsächlich ist es schon lange auf den Knien. Die ganze Zeit. Selbst wenn wir es nur vor den Spielen am Beispiel der Iren oder auch französischer, deutscher und anderer Fußballmannschaften, die Besseres verdient hätten, veranschaulicht bekommen. Auch da.

Das Phänomen, so scheint es, breitet sich schneller aus als jeder virale Mutant. Und das könnte die wahre Epidemie sein, diese scheinbar unbesiegbare Bedrohung. Obwohl… Obwohl  der Anstieg des Respekts für Identitäten sogar eine willkommene Neuerung sein könnte. Respekt vor unserer Identität, zum Beispiel.

Respekt vor der Tatsache, dass die Ungarn, die wahrlich eine Nation der Freiheit sind, nie einen Kniefall gemacht haben, weder in der Wirklichkeit noch symbolisch vor irgendeinem Menschensohn fielen wir auf die Knie.

Das ist es, was wir sind. Wenn man so will, haben wir damit die Europameisterschaft eigentlich bereits gewonnen

Autor, László Domonkos ist Schriftsteller

Deutsche Übersetzung von Dr. Andrea Martin

Originaltext auf Ungarisch https://www.magyarhirlap.hu/velemeny/20210610-felterden

1 thought on “Kniefall”

  1. Liebe Ungarn, wir andern Europäer, deren elementare Lebensgrundlage unsere gemeinsame kulturelle Tradition ist, schulden Euch für Euere aufrechte Haltung großen Dank. Bleibt standhaft, auch ein wenig in unserem Namen, die wir nicht Eurer Nation angehören und die dennoch im Herzen teilhaben am Widerstand, den Ihr gegen die selbstzerstörerische Ideologie derer, die im einst freien Westen heute die Diskurshoheit haben, mit bewundernswertem Mut leistet!

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